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Das stille Mädchen
(Leseprobe aus: Das stille Mädchen, Roman,
2007, Hanser
- Übertragung Peter Urban-Halle)
1
Gott die Herrin hatte einen jeglichen Menschen in seiner eigenen Tonart
gestimmt, und Kasper konnte sie heraushören. Am besten in den kurzen, ungeschützten
Augenblicken, in denen sie schon in seiner Nähe waren, aber noch nicht ahnten,
daß er lauschte. Deshalb wartete er am Fenster, auch jetzt.
Es war kalt. So kalt, wie es nur in Dänemark kalt werden konnte, und auch nur
im April. Wenn die Leute in geistesverwirrter Verzückung über das Licht die
Heizung ausgestellt, den Pelz beim Kürschner abgegeben, die langen Unterhosen
vergessen hatten und ausgegangen waren. Und viel zu spät bemerkten, daß die
Temperatur auf den Gefrierpunkt gefallen war, die Luftfeuchtigkeit neunzig
Prozent betrug, der Wind aus Norden blies und Stoff und Haut durchdrang und sich
ums Herz legte und es mit sibirischer Tristesse erfüllte.
Der Regen war kälter als Schnee und fein, dicht und grau wie ein Seidenvorhang.
Durch diesen Vorhang rollte ein langer schwarzer Volvo mit getönten Scheiben
heran. Dem Auto entstiegen ein Mann, eine Frau und ein Kind. Der Auftakt war
verheißungsvoll.
Der Mann war groß und breit und schien gewohnt, seinen Willen durchzusetzen und
seinen Mitmenschen, falls er ihn einmal nicht durchsetzen konnte, den Kopf
zurechtzurücken. Die Frau war blond wie ein Gletscher, glich einem one million
dollar baby und sah aus, als wäre sie clever genug gewesen, die Million selbst
verdient zu haben. Das Mädchen trug teure Sachen und hatte Würde. Die Szene ähnelte
dem Auszug der heiligen und hochvermögenden Familie.
Als sie etwa die Mitte des Hofs erreicht hatten, gewann Kasper einen ersten
Eindruck von ihrer Tonart. Es war ein d-Moll in seiner schlimmsten Form. Wie in
der Toccata und Fuge in d-Moll. Mächtige, schicksalsschwangere Säulen aus
Musik.
Dann erkannte er das Mädchen. Zeitgleich mit dem Wiedererkennen trat die Stille
ein.
Sie währte kurz, vielleicht eine Sekunde, vielleicht nicht einmal das. Aber während
sie andauerte, riß sie die Mauern der Wirklichkeit nieder. Sie beseitigte den
Hof, die Übungsmanege, Daffys Büro, das Fenster. Das schlechte Wetter. Den
April. Dänemark. Die Gegenwart.
Dann war sie vorbei. Als hätte es sie nie gegeben.
Er hatte sich am Türrahmen festgehalten. Es mußte sich eine natürliche Erklärung
finden lassen. Unwohlsein hatte ihn ergriffen. Ein Blackout. Ein vorübergehender
Blutpfropf. Niemand verbringt ungestraft zwei Nächte hintereinander von zehn
Uhr abends bis acht Uhr morgens am Kartentisch. Oder war es ein Beben gewesen?
Die ersten großen Erdbeben hatte man sogar hier draußen spüren können.
Vorsichtig blickte er sich um. Daffy saß hinter ihm am Schreibtisch, als wäre
nichts geschehen. Auf dem Hof kämpften die drei Menschen gegen den Wind an. Die
Erde hatte nicht gebebt. Es war etwas anderes gewesen.
Talent ist die Fähigkeit, die Spreu vom Weizen zu trennen. Im Aussondern hatte
er 25 Jahre Erfahrung. Ein Wort, und Daffy würde seine Anwesenheit leugnen.
Er öffnete die Tür und streckte ihnen die Hand entgegen.
»Avanti«, sagte er. »Kasper Krone. Herzlich willkommen!«
In dem Moment, in dem die Frau seine Hand ergriff, begegnete er dem Blick des Mädchens.
Ganz schwach, nur für ihn wahrnehmbar, schüttelte es den Kopf.
Er begleitete sie in den Übungssaal, sie blieben stehen und sahen sich um. Ihre
Sonnenbrillen waren ausdruckslos, aber ihr Klang war angespannt. Sie hatten mehr
Finesse erwartet. Etwas in der Art des Großen Saals, in dem das Königliche
Ballett repetiert. Etwas wie die Empfangsräume im Schloß Amalienborg. Mit
Merbauholz und sanften Farben und vergoldeten Paneelen.
»Sie heißt KlaraMaria«, sagte die Frau. »Sie ist nervös. Sie ist
angespannt. Sie wurden uns vom Bispebjerg Krankenhaus empfohlen. Von der
Kinderpsychiatrie.«
Selbst im System eines geübten Lügners ruft die Lüge ein feines Schnarren
hervor. Auch bei ihr. Das Mädchen blickte zu Boden.
»Es kostet zehntausend pro Sitzung«, sagte er.
Das war die Eröffnung. Protestierten sie, käme ein Dialog in Gang. Und er hätte
die Möglichkeit, sich tiefer in ihre Systeme hineinzuhorchen.
Sie protestierten nicht. Der Mann zog eine Brieftasche hervor. Sie entfaltete
sich wie der Balg eines Akkordeons. Kasper hatte solche Brieftaschen bei den Roßhändlern
gesehen, als er noch auf Märkten auftrat. In dieser hier hätte jedenfalls ein
kleines Pferd Platz finden können, sagen wir ein Fallabella. Ihr entstiegen
zehn steife, druckfrische Tausendkronenscheine.
»Ich muß Sie leider um zwei Sitzungshonorare im voraus bitten«, sagte er. »Auf
Anweisung meines Finanzberaters.«
Zehn weitere Scheine wurden zutage gefördert.
Er zog eine seiner alten Visitenkarten aus der Tasche, in Stahlstichdruck, und
den Füllfederhalter.
»Übrigens hat gerade jemand abgesagt«, sagte er, »zufälligerweise. Ich könnte
sie dazwischenschieben. Ich muß sowieso erst den Muskeltonus und den Körperrhythmus
untersuchen. Das dauert keine zwanzig Minuten.«
»In den nächsten Tagen«, sagte die Frau.
Er schrieb seine Telefonnummer auf die Karte.
»Und ich muß dabeisein«, sagte sie.
Er schüttelte den Kopf.
»Tut mir leid. Nicht, wenn man so intensiv mit den Kindern arbeitet.«
Es geschah etwas im Raum, die Temperatur fiel, die Anzahl der Schwingungen sank,
alles erstarrte.
Er schloß die Augen. Als er sie wieder öffnete, nach fünfzehn Sekunden, lagen
die Banknoten noch da. Er nahm sie an sich, ehe es zu spät war.
Sie drehten sich um. Gingen durch das Büro hinaus. Daffy hielt ihnen die
Eingangstür auf. Sie überquerten den Hof, ohne zurückzublicken. Setzten sich
in den Wagen. Der Wagen rollte in den Regen hinaus und verschwand.
Er lehnte seine Stirn an die kalte Scheibe. Er wollte den Füller in die Tasche
stecken, in die warme Tasche zu dem Geld. Es war weg.
Vom Schreibtisch her kam ein Geräusch. Ein Rischeln. Wie wenn man ein neues
Kartenspiel von Piaget mischt. Vor Daffy, auf der Tischplatte, lag der niedrige,
mahagonibraune Stapel frischer Banknoten.
»In deiner rechten Außentasche«, sagte der Verwalter, »stecken noch
zweihundert Kronen. Für eine Rasur. Und eine warme Mahlzeit. Eine Nachricht ist
auch noch drin.«
Die Nachricht war auf einer Spielkarte notiert, der Pikzwei. Auf der Rückseite
stand, mit seinem eigenen Füller geschrieben: »Reichskrankenhaus. Aufgang
52.03. Nach Vivian fragen. Daffy.«
In dieser Nacht schlief er im Stall.
Es waren einige zwanzig Tiere dageblieben, Pferde und ein Kamel, die meisten
waren alt oder wertlos. Der Rest war noch für die Wintersaison bei französischen
oder süddeutschen Zirkussen.
Er hatte seine Geige dabei. Er legte das Laken und die Bettdecke in die Box zu
Roselil, halb Berber, halb Araber. Sie war hiergeblieben, weil sie ausschließlich
ihrem Kunstreiter gehorchte. Und nicht einmal ihm richtig.
Er spielte die Partita in a-Moll. Eine einsame Birne an der Decke warf ein
weiches, goldenes Licht auf die lauschenden Tiere. Die spirituellsten Menschen
stehen den Tieren am nächsten, hatte er bei Martin Buber gelesen. Ebenso bei
Meister Eckhart. In Das Reich Gottes ist nahe. Gott soll man bei den Tieren
suchen. Er dachte an das Mädchen.
Im Alter von etwa neunzehn Jahren, in der Zeit seines endgültigen Durchbruchs,
hatte er entdeckt, daß mit der Fähigkeit, einen Zugang zur akustischen Essenz
der Menschen zu finden, Geld zu machen war – besonders, wenn es sich um Kinder
handelte. Er hatte sofort Kapital daraus geschlagen. Nach zwei Jahren hatte er
zehn Privatschüler am Tag, genauso viele wie Bach in Leipzig.
Es waren Tausende von Kindern gewesen. Spontane Kinder, zerstörte Kinder,
Wunderkinder, katastrophale Kinder.
Am Schluß kam das Mädchen.
Er legte die Violine in den Kasten, den er in seine Arme schloß wie eine
stillende Mutter ihr Kind. Das Instrument kam aus Cremona, eine Guarneri, das
letzte, was ihm aus den großen Jahren geblieben war.
Er verrichtete sein Abendgebet. Die Nähe der Tiere hatte ihm einen großen Teil
der Angst genommen. Er lauschte der Müdigkeit, sie strebte aus allen Richtungen
gleichzeitig heran. In dem Augenblick, in dem er ihre Tonart bestimmen wollte,
kristallisierte sie und ging in Schlaf über.
2
Er erwachte viel zu früh. Die Tiere bewegten sich. Die Glühbirne brannte noch.
Aber das Morgengrauen hatte sie verblassen lassen. Vor der Box stand so etwas
wie ein Kardinal und sein Ministrant. In langen schwarzen Mänteln.
»Mørk«, sagte der ältere. »Justizministerium. Wir würden Ihnen gern eine
Mitfahrgelegenheit anbieten.«
Es war, als brächten sie ihn nach Moskau zurück. Anfang der achtziger Jahre
hatte er drei Wintersaisons beim russischen Staatszirkus zugebracht. Er hatte im
»Haus des Zirkus« gewohnt, Twerskaja, Ecke Gnesdnikowskistraße. Die
vorrevolutionäre Klasse dieses Gebäudes hatte er im Palais der Kopenhagener
Steuerverwaltung in der Kampmannsgade wiedergefunden. Es war nun schon das
dritte Mal innerhalb der letzten sechs Monate, daß man ihn herbrachte. Aber es
war das erste Mal, daß man ihm einen Wagen geschickt hatte.
Das Gebäude war dunkel und verriegelt. Aber der Kardinal hatte einen Schlüssel,
mit dem er auch die obersten Etagen erreichen konnte; sie waren auf dem Tableau
des Aufzugs nämlich nur per Schlüssel zu bedienen. Kierkegaard hatte irgendwo
geschrieben, alle Menschen besäßen ein mehrgeschossiges Haus, aber keiner
steige bis zur Beletage hinauf. Kierkegaard hätte an diesem Morgen dabeisein
sollen, sie fuhren nämlich bis ins oberste Stockwerk.
Die marmorne Eingangshalle mit den elektrischen Bronzefackeln war nur ein Präludium
gewesen. Der Aufzug öffnete sich auf einen Treppenabsatz, auf dem ein
Turnierbillardtisch hätte Platz finden können, aus großen Dachfenstern
flutete das frühe Licht herein. Zwischen Aufzug und Treppe befand sich ein
Glaskasten, in dem ein junger Mann saß. Weißes Hemd und Schlips, schmuck wie
Ole Lukøie bei Andersen. Aber der Klang, der ihm innewohnte, tönte wie ein
Stechschritt. Ein elektrischer Türschließer summte, die Tür, vor der sie
standen, ging auf.
Dahinter lag ein breiter, langer Flur. Mit Parkett und behaglichem Lampenlicht
und hohen Flügeltüren, die in geräumige Nichtraucherbüros führten, in denen
Menschen wie im Akkord arbeiteten. Was für ein Vergnügen zu sehen, daß das
Geld der Steuerzahler nicht zum Fenster hinausgeworfen wurde, hier brummte es
geschäftig wie auf einem Zirkusplatz beim Zeltaufbau. Was Kasper bedenklich
stimmte, war der Zeitpunkt. Als sie am S-Bahnhof Nørrebro vorbeifuhren, hatte
er eine Uhr gesehen. Sie zeigte drei Viertel sechs in der Früh.
Mørk öffnete eine der letzten Türen und ließ Kasper eintreten.
In einem Empfangszimmer mit der Akustik eines Kirchenvorraums saßen zwei
breitschultrige Mönche im Anzug, der jüngere mit Vollbart und Pferdeschwanz.
Sie nickten Mørk zu und erhoben sich.
Eine Tür stand offen, sie gingen hinein. Im Flur war die Temperatur angenehm
gewesen, hier war es kalt. Das Fenster, das auf den Sankt-Jørgen-See
hinausging, stand offen, der hereinströmende Wind kam wahrscheinlich aus der Äußeren
Mongolei. Die Frau am Tisch glich einem Kosaken, muskulös, schön,
ausdruckslos.
»Warum ist er denn dabei?« fragte sie.
Vor dem Schreibtisch standen im Halbkreis einige Stühle, sie nahmen Platz.
Die Frau hatte drei Mappen vor sich liegen. An ihrem Revers steckte ein kleines
Abzeichen, das die auserwählten Glückspilze tragen dürfen, denen Ihre Majestät
die Königin das Ritterkreuz verliehen hat. Auf einem Regal an der Wand hinter
ihr waren heidnische Silberpokale mit ausgestanzten Pferdeleibern zur Schau
gestellt. Kasper nahm die Brille ab. Sie waren im modernen Fünfkampf errungen
worden. Mindestens ein Pokal stammte von einer Nordischen Meisterschaft.
Sie hatte sich auf einen schnellen Sieg gefreut. Ihr herrliches helles Haar war
wie bei einem Samurai stramm zurückgebunden. Nun hatte sich eine leichte
Verwirrung in ihr Klangsystem gestohlen.
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