Das Matratzenhaus von Paulus Hochgatterer, 2009, DeutickePaulus Hochgatterer

Das Matratzenhaus
(Leseprobe aus: Das Matratzenhaus, Roman, 2009, Deuticke).

Sie steht in der Tür, blickt in die Klasse und weiß, dass es

wieder einmal schwierig werden wird. Alle paar Wochen ist

das so.

Langsam stellt sie ihre Tasche ab. Es liegt nicht an mir,

denkt sie, vor zwei Minuten hat es geläutet, die Kinder sind

in Aufruhr und mittendrin sitzt ein kranker Mensch auf

dem Tisch und spricht vom Himmel. Es liegt definitiv nicht

an mir.

Sie bemüht sich, ruhig zu bleiben, und lässt ihre Augen

über die Wand gleiten, links herum: die Tafel; der Schrank

mit dem Bastelmaterial; die blühenden Bäume, einundzwanzig

Stück, von jedem Kind einer, manche gezeichnet, manche

aus Zeitschriften geschnitten; die große Österreichkarte mit

dem roten Hasen, den Lena unten rechts draufgemalt hat;

Philipps Fußabdrücke an der Wand, der linke in einer Höhe

von eins zwanzig; die Rolltafel mit der Schulschrift – die

muss sein, hat die Direktorin gesagt; die Fenster, in ihnen

die Dächer der Stadt und im rechten, ganz am Rand, ein

winziges Stück vom See.

Bauer sieht sie, lacht, winkt ihr zu und denkt nicht daran,

aufzuhören. Es scheint ihm gut zu gehen – immerhin.

Jetzt singt er, völlig unvermittelt und laut. Sie versucht zu

erkennen, was es ist. On the water versteht sie, sonst nichts.

Julia und Sophie singen mit, ebenfalls laut.

Sie klatscht in die Hände. »Schluss, meine Lieben«, ruft

sie, »jetzt bin ich dran!« »Hallo, Stella!«, sagt Bauer, »nimmst

du an meinem Unterricht teil?« »Ich bin evangelisch«, antwortet

sie, obwohl es nicht stimmt. »Du lügst!«, ruft Bauer.

»Darf ich jetzt wieder?«, fragt sie, »bitte.«

»Nur wenn du mir sagst, wie Gott aussieht.«

»Ein alter Mann mit weißem Bart.«

»Richtig. Und was trägt er bei sich?«

»Ein Buch und einen Blitz.«

»Falsch! Eine Gitarre natürlich!«

Sie sieht einen zornigen alten Mann vor sich, der eine

Gitarre gegen eine Schultafel schmettert, und wundert sich

über sich selbst, da zupft sie Manuel am Ärmel. Er hält ihr

ein Zeichenblatt hin. »Wir haben Gott gezeichnet«, sagt er

stolz. Angesichts der Graphomotorikschwäche des Buben

ist vor allem die Gitarre gut gelöst – ein Kringel mit parallelen

Strichen seitlich weg: eins bis sechs. Im Rechnen läuft

es bei ihm tadellos.

Bauer springt vom Tisch, tanzt in Wechselschritten auf sie

zu und küsst sie auf die Wange. Die Kinder lachen. »Meine

Lieblingslehrerin!«, ruft er. »Ist schon gut«, sagt sie, »packst

du jetzt bitte deine Sachen?!«

»Besitzt Gott deines Erachtens einen Gehstock?« Er umkreist

sie und fragt, ob Gott Unterhemden trage oder eine

Lesebrille, ob er vegetarisch esse, Pfeife rauche und eher

ein Auto- oder ein Motorradtyp sei. »Motorrad«, sagt sie,

»und er hat Probleme mit seiner Lendenwirbelsäule.« Er

hält inne, und bevor er einhaken kann, sagt sie, dass bei Gottes

letzter Gesundenuntersuchung der Prostatabefund nicht

ganz in Ordnung gewesen sei, und außerdem sei sein Psychiater

total unzufrieden mit der Zuverlässigkeit seiner Medikamenteneinnahme.

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