Das Matratzenhaus
Sie steht in der Tür, blickt in die Klasse und weiß, dass es
wieder einmal schwierig werden wird. Alle paar Wochen ist
das so.
Langsam stellt sie ihre Tasche ab. Es liegt nicht an mir,
denkt sie, vor zwei Minuten hat es geläutet, die Kinder sind
in Aufruhr und mittendrin sitzt ein kranker Mensch auf
dem Tisch und spricht vom Himmel. Es liegt definitiv nicht
an mir.
Sie bemüht sich, ruhig zu bleiben, und lässt ihre Augen
über die Wand gleiten, links herum: die Tafel; der Schrank
mit dem Bastelmaterial; die blühenden Bäume, einundzwanzig
Stück, von jedem Kind einer, manche gezeichnet, manche
aus Zeitschriften geschnitten; die große Österreichkarte mit
dem roten Hasen, den Lena unten rechts draufgemalt hat;
Philipps Fußabdrücke an der Wand, der linke in einer Höhe
von eins zwanzig; die Rolltafel mit der Schulschrift – die
muss sein, hat die Direktorin gesagt; die Fenster, in ihnen
die Dächer der Stadt und im rechten, ganz am Rand, ein
winziges Stück vom See.
Bauer sieht sie, lacht, winkt ihr zu und denkt nicht daran,
aufzuhören. Es scheint ihm gut zu gehen – immerhin.
Jetzt singt er, völlig unvermittelt und laut. Sie versucht zu
erkennen, was es ist. On the water versteht sie, sonst nichts.
Julia und Sophie singen mit, ebenfalls laut.
Sie klatscht in die Hände. »Schluss, meine Lieben«, ruft
sie, »jetzt bin ich dran!« »Hallo, Stella!«, sagt Bauer, »nimmst
du an meinem Unterricht teil?« »Ich bin evangelisch«, antwortet
sie, obwohl es nicht stimmt. »Du lügst!«, ruft Bauer.
»Darf ich jetzt wieder?«, fragt sie, »bitte.«
»Nur wenn du mir sagst, wie Gott aussieht.«
»Ein alter Mann mit weißem Bart.«
»Richtig. Und was trägt er bei sich?«
»Ein Buch und einen Blitz.«
»Falsch! Eine Gitarre natürlich!«
Sie sieht einen zornigen alten Mann vor sich, der eine
Gitarre gegen eine Schultafel schmettert, und wundert sich
über sich selbst, da zupft sie Manuel am Ärmel. Er hält ihr
ein Zeichenblatt hin. »Wir haben Gott gezeichnet«, sagt er
stolz. Angesichts der Graphomotorikschwäche des Buben
ist vor allem die Gitarre gut gelöst – ein Kringel mit parallelen
Strichen seitlich weg: eins bis sechs. Im Rechnen läuft
es bei ihm tadellos.
Bauer springt vom Tisch, tanzt in Wechselschritten auf sie
zu und küsst sie auf die Wange. Die Kinder lachen. »Meine
Lieblingslehrerin!«, ruft er. »Ist schon gut«, sagt sie, »packst
du jetzt bitte deine Sachen?!«
»Besitzt Gott deines Erachtens einen Gehstock?« Er umkreist
sie und fragt, ob Gott Unterhemden trage oder eine
Lesebrille, ob er vegetarisch esse, Pfeife rauche und eher
ein Auto- oder ein Motorradtyp sei. »Motorrad«, sagt sie,
»und er hat Probleme mit seiner Lendenwirbelsäule.« Er
hält inne, und bevor er einhaken kann, sagt sie, dass bei Gottes
letzter Gesundenuntersuchung der Prostatabefund nicht
ganz in Ordnung gewesen sei, und außerdem sei sein Psychiater
total unzufrieden mit der Zuverlässigkeit seiner Medikamenteneinnahme.
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