Die Süsse des Lebens vonPaulus Hochgatterer, 2006, DeutickePaulus Hochgatterer

Drei
(Leseprobe aus: Die Süße des Lebens, Roman, 2006, Deuticke)

Kovacs nahm die Pflöcke aus Fichtenholz, die ihm Lipp, der junge Uniformierte, aus der Scheune gebracht hatte, und jagte sie mit der Stirnseite einer Axt in den Boden, einen nach dem anderen, insgesamt sechs Stück. Der Widerstand der gefrorenen Erde, die unter dem Schnee lag, war jeweils für zwei, drei Schläge zu spüren. Anschließend nahm er die Rolle mit dem gelben Absperrband und spannte es von Pflock zu Pflock, einmal rundherum, zweimal, dreimal. Am liebsten hätte er gar nicht mehr aufgehört und wäre weiter im Kreis gegangen, wieder und wieder, um die Angelegenheit zum Verschwinden zu bringen, die sich da inmitten der abgegrenzten Zone befand. So etwas wollte er nicht, da war er hundertprozentig sicher, ganz egal, was dahintersteckte. Mit prügelnden Ehemännern konnte er umgehen, mit dem Drogenhandel, der im Sommer an der Uferpromenade lief und im Winter in den Hinterzimmern eines bestimmten Hotels, mit dem illegalen Strich in der Walzwerksiedlung und damit, dass neuerdings selbst aus versperrten Garagen die Autos verschwanden. Auch die Messer und Schlagringe, die nachts dort und da aufblitzten, schreckten ihn nicht, und selbst als Clemens Weitbauer vor einem Jahr im Streit seinem Halbbruder die Schrotflinte an die Brust gesetzt und abgedrückt hatte, war er damit zurechtgekommen. Das hier wünschte er sich allerdings weg, weit weg, das spürte er mit der ganzen Kraft seiner dreiundfünfzig Jahre. Das hatte gar nichts zu tun mit dem Weihnachtsfrieden, der damit wohl eindeutig beim Teufel war, und auch nichts damit, dass er die gesamte Bande auf Urlaub gehen hatte lassen – Bitterle und Demski jedenfalls –, der alte Strack war seit Oktober im Pensionskrankenstand, und man konnte nicht behaupten, dass er irgendjemandem abgegangen wäre.

Der kleine Schneemann mit der geringelten Mütze und das Schneetier, dem offenbar die Schnauzenspitze abgefallen war, standen außerhalb der Absperrung, so, als würden sie zuschauen. Kovacs stellte sich dazu. Er drückte Lipp die Bandrolle in die Hand. Sie hatten die Kamera vergessen. »Was halten Sie von einem Kriminalpolizisten, der keine Kamera dabei hat?«, fragte er. Lipp lief tatsächlich rot an. »Tut mir leid«, stammelte er, »ich hab auch nicht daran gedacht.« Lipp war nicht Demski. Demski war ansonsten immer da und dachte immer an alles, an Kameras, Diktiergeräte, Fixierlösungen, Glasgefäße, Reserveakkus, Handschellen und so fort. Jetzt war er auf Urlaub, Tauchen in Kenia, wenn Kovacs sich recht erinnerte. Demski schwamm zwischen Tigerhaien und Frau und Kind lagen vermutlich am Strand.

»Haben Sie so etwas schon einmal gesehen?«

Lipp schüttelte den Kopf. »Ich glaube nicht.«

»Ist Ihnen schlecht?«

»Ich weiß nicht.«

Lipp war knapp zwanzig, dünn wie nur was, und schnitt sich sein schwarzes Haar offenbar selbst. »Wenn Sie nicht wissen, ob Ihnen schlecht ist, nehmen Sie das Auto und treiben Sie irgendwo eine Kamera auf«, sagte Kovacs, »damit die Kollegen nachher nicht maulen.« Lipp stand kurz etwas unschlüssig da. Kovacs scheuchte ihn mit einer Handbewegung zum Wagen. »Ich fotografiere inzwischen mit dem Kopf.« Im Weggehen wandte sich Lipp noch einmal um. »Er liegt da wie ein Gekreuzigter«, sagte er. So ein Schwachsinn, dachte Kovacs.

Es war kalt. Eine schmale Nebelbank hockte auf der Hügelkuppe hinter den Gebäuden. Kovacs hatte auch seine Handschuhe vergessen. Ich vergesse die Kamera, weil Demski nicht da ist, dachte er, und ich vergesse die Handschuhe, weil ich keine Frau mehr habe. Er bückte sich. Im Schnee lag etwas, eingefahren in die breite Reifenspur, die hier überall zu sehen war. Ein kleiner dunkelbrauner Stein, sonst nichts. Er steckte ihn ein.

Wie hieß der Apostel, der angeblich mit dem Kopf nach unten gekreuzigt worden war? Petrus oder Andreas?

Kovacs zwang sich, hinzuschauen. Der Körper des Mannes lag auf der schwach geneigten Auffahrtsrampe zur Scheune. Die Beine wiesen parallel nach oben zum Tor, die Arme waren zur Seite gestreckt. Der Nacken befand sich genau an der Stelle des unteren Knicks der Rampe, das hieß, der Kopf lag bereits im Flachen. Beziehungsweise, was da an der Stelle des Kopfes noch vorhanden war.

Ein Scheinwerfer, dachte Kovacs, während er am Absperrband in die Hocke ging, ein Scheinwerfer wäre auch nicht schlecht. Die Kameras befanden sich im Materialdepot, die Scheinwerfer ebenfalls. Die Spurensicherung würde jede Menge Scheinwerfer dabeihaben, so viel stand fest. Kovacs sah auf die Uhr. Eine halbe Stunde noch, auf Grund des Nebels vielleicht ein wenig länger.

Knochensplitter waren zu sehen, ein Stück Zahnprothese, graue Haare. Ein Augapfel war unversehrt geblieben, das wirkte komisch. Er lag ziemlich zentral unterhalb des weitgehend intakten Brauenbogens und war eine Spur nach links außen verdreht. Ansonsten: zerrissene Haut und jede Menge geronnenes Blut.

Über den Kopf gefahren, dachte Kovacs, er rutscht aus, fällt hin, und einer fährt ihm über den Kopf. Derjenige steigt aus dem Auto, zieht ihn die Rampe hoch und drapiert ihn dorthin – so ein Schwachsinn.

Eine Jacke aus dickem, ockerfarbenem Tweed. Ein Stoff, wie man ihn sonst nirgends mehr bekam. Drei der vier Knöpfe waren geschlossen. Eine moosgrüne Cordhose, unten aufgekrempelt. Hohe schwarze Schnürstiefel, wahrscheinlich lodengefüttert. Ältere Männer trugen so etwas gerne. Keine Handschuhe, keine Mütze. Er wollte ins Freie, dachte Kovacs, aber nicht für lange.

Ein Streifenwagen blieb in einiger Entfernung stehen. Töllmann und Sabine Wieck stiegen aus. Sie sahen sich um und kamen dann langsam auf Kovacs zu. Töllmann blieb immer wieder stehen und lachte laut. Er trug den stahlgrauen wadenlangen Lodenmantel, den die Further Polizei schon seit ewigen Zeiten nicht mehr ausgab. Kovacs selbst hatte ihn auch nicht mehr erhalten, als er vor vierzehn Jahren eingetreten war. Er ging den beiden ein paar Schritte entgegen. »Schnaps oder erfroren oder beides?«, fragte Töllmann. »Beides«, sagte Kovacs und trat zur Seite. Sabine Wieck übergab sich in dem Augenblick, als das Absperrungsband ihre Knie berührte. Töllmann stand einen Meter weiter weg und war vielleicht insgesamt eine Spur weniger empfindlich. Trotzdem hatte er eine ausgesprochen ungesunde Gesichtsfarbe. »Ein toter alter Mann, hat Lipp am Telefon gesagt«, stammelte er, »einfach das: ein toter alter Mann.«

»Wer macht so etwas?!«, würgte Sabine Wieck mitsamt der letzten Portion Magensaft hervor, »welche Teufel machen so etwas?!« Warum denkt sie nicht an einen Unfall?, fragte sich Kovacs. Und: Warum denkt sie die Teufel im Plural? Töllmann fragte nach der Spurensicherung und nach der Gerichtsmedizin, einen Strich zu laut, anscheinend vorwiegend, um irgendetwas zu reden, und Kovacs sagte, der Mann habe Wilfert geheißen, Sebastian Wilfert. Er habe immer schon hier auf dem Anwesen gewohnt, zuletzt in einem Nebengebäude, einem ehemaligen Pferdestall und Geräteschuppen, den er für sich und seine Frau als Ausgedinge umgebaut habe. Seine Frau sei vor gut einem Jahr gestorben. Das alles habe er von Lipp erfahren, der im Übrigen über den Mann nichts Auffälliges habe berichten können. »Einfach ein alter Mann«, habe Lipp erzählt, »ein alter Mann wie hundert andere auch. Trauert um seine Frau, schaufelt Schnee, sitzt vor dem Haus und freut sich, wenn er seine Enkelkinder sieht.«

Kovacs wies Töllmann an, an der Absperrzone auf Lipp zu warten und gemeinsam mit ihm alles zu fotografieren.

»Sie begleiten mich«, sagte er zu Sabine Wieck, »wir gehen ins Haus und schauen, was die Leute zu sagen haben.« Sie lächelte schwach.

»Machen Sie sich nichts draus. Für jeden kommt der Moment, an dem man über ein gelbes Band kotzt. Man erwartet ihn nicht, aber dann ist er plötzlich da.« Bei ihm war es vor knapp dreißig Jahren passiert: ein Kleintransporter, der auf der Tauernautobahn eine Profilleiste aus Aluminium verloren hatte, ein einzelnes, vergleichsweise winziges Ding, vielleicht drei, dreieinhalb Meter lang und fünf Kilo schwer. Die Leiste war mit dem einen Ende auf der Fahrbahn aufgeschlagen, so hatte man rekonstruiert, war hoch aufgestiegen und im Bogen zurückgekehrt, wie ein Speer. Sie war über zwei der nachfolgenden PKWs hinweggeflogen und hatte die Windschutzscheibe des dritten genau im Zentrum durchbohrt. Sie war zwischen der Frau und dem Mann, die vorne saßen, durch, ohne sie zu berühren. Das Paar hatte drei Kinder gehabt, elf, acht und vier Jahre alt. Die beiden älteren hatten das kleinste in die Mitte genommen. Es war ein weißer Mitsubishi Lancer gewesen, er konnte sich genau erinnern.

Er erzählte nichts. Sie tat ihm leid, wie sie da neben ihm herging, ganz gelb im Gesicht, die Uniform eine Spur zu groß. »Schauen Sie sich um«, sagte er, »machen Sie den Kopf frei und schauen Sie sich einfach um. Konzentrieren Sie sich auf gar nichts, dann werden Sie die wichtigen Dinge sehen.« Sabine Wieck hob den Kopf und schaute ihn erstaunt an. Er grinste. Es klang immer ein wenig nach Zen-Buddhismus, wenn er so etwas sagte, obwohl er mit dem ganzen fernöstlichen Zeugs rein gar nichts am Hut hatte. Er sah, wie sie sich tatsächlich umschaute. Über dem Wohnhaus stand die Wintermorgensonne wie auf einem Kalenderfoto.



Der Mann und die Frau, die ihnen in der Tür gegenüberstanden, wirkten geschrumpft. Das war in derartigen Situationen immer so. Man ging auf Menschen zu, die soeben etwas Furchtbares erlebt hatten, und sie wirkten, als wären sie unmittelbar davor um einen halben Kopf kleiner geworden. Der Schwiegersohn und die Tochter. Ernst und Luise Maywald.

Kovacs begann seinen Spruch immer gleich: »Die allerschrecklichsten Dinge erweisen sich in der Regel als Unfälle.« Er sagte das auch in Situationen, in denen er wusste, dass es unter Garantie ein Blödsinn war. Er dachte dann an dieses Kind und die Aluminiumschiene und wusste, dass er zumindest ein Stück im Recht war. Da man also immer erst von einem Unfall ausgehen müsse, ein Verbrechen jedoch nicht hundertprozentig auszuschließen sei und für die Aufklärung die ersten Eindrücke und die frischesten Erinnerungen von zentraler Bedeutung seien, sei er gezwungen, Mitgefühl und Rücksichtnahme hintanzustellen et cetera et cetera. Jeder verstand das, keiner regte sich auf. Im Gegenteil, die Leute waren froh, wenn sie reden durften.

Das Vorzimmer war groß und quadratisch, wie in den meisten der alten Bauernhäuser. Ein Boden aus gelben Schieferplatten. Die Wand entlang, der Eingangstür gegenüber, ein schmaler, langer Flickenteppich; auf ihm eine Reihe von Stiefeln.

Im Wohnzimmer zuerst ein Hund, der im Weg stand, knurrte und die Zähne fletschte. »Emmy!« – Die Frau. Der Hund gehorchte aufs Wort. Der Fußboden aus geöltem Lärchenholz, breite Bretter. Kovacs hatte es mit Böden. Er konnte sich nicht erklären, woher das kam. Die Wand ringsum mit hellem Holz getäfelt, Ahorn oder Birke. »Sie haben es sehr schön hier«, sagte Sabine Wieck, »hell und freundlich.« Sie sieht das Richtige, dachte Kovacs. »Mein Mann ist gelernter Tischler«, sagte die Frau. Sie war mittelgroß, kräftig, trug Jeans, einen weinroten Baumwollpullover und einen Stirnreifen über dem halblangen dunkelblonden Haar. Sehr entschlossen, dachte Kovacs, sie weiß, was sie will, und der Mann weiß, was er an ihr hat.

Ein großer Kachelofen mit einem kuppelförmigen Aufbau. Auf der umlaufenden Bank drei Kinder, ein vielleicht vierzehnjähriges Mädchen und ein etwas jüngerer Bub. Die beiden hatten ein kleines Mädchen in die Mitte genommen. Kovacs dachte: »Das darf nicht sein!« Dann reichte er allen die Hand. Die Frau habe ich schon einmal gesehen, dachte er, in der Stadt, im Supermarkt, an der Tankstelle, irgendwo.

»Wollen Sie mit allen gemeinsam reden?«, fragte die Frau. Ihre Trauer hält sich in Grenzen, dachte Kovacs, und sie versucht sich vorzustellen, was passieren soll. Der Mann stand ein wenig im Hintergrund, kaute an seiner Oberlippe und hatte die rechte Hand in der Hosentasche. Die Kinder saßen ruhig da; das ältere Mädchen flüsterte dem Bruder etwas zu, über die Kleine hinweg. Die Sache würde gehen.

Der Mann holte vier Stühle. Die Kinder durften bleiben, wo sie waren. Der Hund legte sich vor die Füße des kleinen Mädchens. Es dreht sich viel um die Kinder, dachte Kovacs. Sabine Wieck holte Block und Stift aus der Innentasche ihrer Jacke. Er würde sie bei Gelegenheit fragen, ob sie Lust hätte, in sein Team zu wechseln.

»Wie kann so etwas geschehen?«, fragte die Frau, »wer macht so etwas?« Sie presste sich Daumen und Zeigefinger an die Augen. Kovacs wartete einige Sekunden. Sie glaubt nicht an einen Unfall, dachte er, und sie denkt nicht im Plural. »Wer hat den Großvater gefunden?«, fragte er. Der Mann hob den Kopf und schaute seine jüngere Tochter an. »Unser Großvater war immer vorsichtig«, sagte das ältere Mädchen und schluckte heftig. Der Bub nickte bestätigend. Sabine Wieck räusperte sich. Die Frau wies erst auf das jüngere Mädchen, dann auf den Hund. »Katharina hat den Großvater gefunden«, sagte sie, »und Emmy.«

Ihre Tochter sei am Vorabend drüben gewesen wie zuletzt jeden Tag, erzählte Luise Maywald, überhaupt hätten alle drei Kinder eine ausgesprochen gute Beziehung zum Großvater gehabt. Wie man sich das halt so vorstelle – Spazierengehen, Geschichtenerzählen, ›Schwarzer Peter‹-Spielen. »Mensch ärgere dich nicht«, sagte das ältere Mädchen. – Ursula, wenn Kovacs sich das richtig gemerkt hatte. »Natürlich auch ›Mensch ärgere dich nicht‹«, sagte die Mutter, »beides, manchmal das eine, manchmal das andere.« Ihre kleine Tochter sei plötzlich im Vorzimmer gestanden und habe beim ersten Hinsehen gewirkt wie immer; ein wenig erfroren vielleicht, aber draußen sei es in letzter Zeit ja ständig ziemlich kalt gewesen. Der Hund habe sich gleich komisch verhalten, wenn sie recht überlege, angespannt und irritiert, so als sei jemand im Raum, den er nicht mochte. Kovacs machte einen Seitenblick zu Sabine Wieck. Sie wird sich all diese Dinge merken, dachte er, zum Beispiel: ›ein wenig erfroren‹ und ›als sei jemand im Raum‹. Außerdem passte ihr die Uniform wirklich nicht.

»Katharina hat die Hand vorgestreckt und die Faust geöffnet«, erzählte die Frau, »da waren die beiden Stöpsel vom ›Mensch ärgere dich nicht‹, ein gelber und ein blauer. Emmy hat die Ohren zurückgelegt und Katharina hat etwas Komisches gesagt – ›vier, vier, ich hab dich‹. Dann hat man gesehen, dass ihre Finger voller Blut waren, und sie hat ab diesem Zeitpunkt kein Wort mehr gesprochen.« Einige Zeit hätten sie alle geglaubt, Katharina habe sich irgendwo verletzt, und weil sie nichts gesagt habe, auch nicht gejammert oder dergleichen, sei sie in ihrer eigenen Hilflosigkeit mit ihr ins Badezimmer gegangen und habe ihr zuerst die Hände gewaschen, sie dann komplett ausgezogen. Es sei aber keine Verletzung zu finden gewesen.

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