Über die Chirurgie von Paulus Hochgatterer, 2005, DeutickePaulus Hochgatterer

1 (Jahrestag, privater Versuch)
(Leseprobe aus: Über die Chirurgie, Roman, 2005, Deuticke)

Er saß in jenem Schnellzug, der den Bahnhof Amstetten um neun Uhr siebenunddreißig erreicht und um neun Uhr neununddreißig wieder verläßt. Der Bahnsteig war weitgehend leer; es stiegen lediglich eine junge Mutter, welcher der Schaffner beim Verladen des Kinderwagens half, und ein Mann mit einer roten Wollmütze zu. Er war von München nach Wien unterwegs. Es war Donnerstag.

Beim Ausfahren lagen rechts von den Geleisen endlose Berge von Autowracks. Links flog ein Schwarm Rebhühner auf. Bahnfahren beschert die unglaublichsten Eindrücke, dachte er.

Er hatte ein dreihundertfünfzig Seiten starkes Manuskript vor sich liegen, in dem versucht wurde, anekdotisch mit den Jahren um 1968 umzugehen. Der Verfasser nannte sich einen Postexistentialisten, gab sich als Schüler von Habermas und Derrida aus und war achtundvierzig Jahre alt. Er hatte sich zwischen München und Attnang-Puchheim durch die ersten fünfzehn Seiten gequält und seither nichts mehr gelesen. Er hatte kein einziges Mal gelacht. Er würde das Manuskript nicht annehmen.

Der Zug hatte eben den Taleinschnitt passiert, und links vorne tauchte der Kirchturm von St.Georgen am Ybbsfeld auf. Das gelbe Bahnwärterhaus mit dem Schranken, der immer noch händisch bedient wurde, huschte vorbei. Vor dem Gemüsegarten wuchsen Holunderbüsche.

Er packte das Manuskript in seine Tasche, lehnte sich zurück und ließ die Fingergelenke knacken.

Die beiden älteren Damen im Abteil jenseits des Mittelganges unterhielten sich über die heutige Jugend. Die eine sagte etwas von lauter Kommunen, die andere verstrickte graubraune Mohairwolle und nickte. Plötzlich rief die erste: Maria Taferl! Die beiden kamen zu ihm herüber, entschuldigten sich vielmals und starrten aus dem Fenster. Die Rollfähre zwischen Marbach und Krumnußbaum befand sich etwa in der Mitte des Stromes. Das Halteseil zog einen flachen Bogen durch die Luft. Die Damen entschuldigten sich erneut vielmals und nahmen wieder ihre Plätze ein. Sie begannen Schokoladeeier zu essen. Ostern ist zwar erst in vierzehn Tagen, sagte die eine. Die andere nickte.

Pöchlarn wurde nach wie vor von dem großen Lagerhaussilo beherrscht. Bahnfahren beschert die unglaublichsten Eindrücke, dachte er.

In St. Pölten stieg er aus dem Zug. Am Schalter ließ er sich die Fahrtunterbrechung bestätigen und löste eine Karte nach Amstetten. Zwanzig Minuten später ging ein Eilzug. Er kaufte den KURIER und las einen Artikel über die Gedenkfeiern zur fünfzigsten Wiederkehr des Achtunddreißigerjahres. Der Bahnsteig war leer bis auf einen Schaffner, der offenbar darauf wartete, einen anderen abzulösen.

Als der Zug einfuhr, steckte er den KURIER in einen Papierkorb. Die Rollfähre zwischen Marbach und Krumnußbaum befand sich abermals etwa in der Mitte des Stromes.

Im Bahnhof Ybbs-Kemmelbach stand ein Zug, der mit Militärfahrzeugen beladen war. Aus einem Garten warfen Kinder Steine gegen die Panzer.

Er war damals sechs Jahre alt gewesen.

Er glaubte den Anhalteweg des Zuges einigermaßen richtig abschätzen zu können. Vor St.Georgen am Ybbsfeld zog er die Notbremse. Rechts vorne war eben der Taleinschnitt aufgetaucht. Auf der Höhe des Gemüsegartens des Bahnwärterhauses sprang er ab. Der Zug rollte nur noch langsam. Im Schutz der Holundersträucher lief er hinters Haus und versteckte sich im Holzschuppen. Der Schaffner ging außen den gesamten Zug ab. Er blickte ab und zu unter die Waggons. Es war jedoch niemand überfahren worden. Nach einer Viertelstunde fuhr der Zug wieder an.

Er ging auf den Taleinschnitt zu. Es hatte am Tag zuvor geregnet, daher benutzte er die Landstraße und nicht den Weg zwischen den Feldern. Ein Traktor überholte ihn. Die Bäuerin, die am Lenkrad saß, erkannte ihn nicht. Er war fein angezogen. Seine Hose war beim Abspringen über dem rechten Knie schmutzig geworden. An einen hölzernen Leitungsmast war ein Schild montiert: ACHTUNG TOLLWUT! Damals hatte es noch viele Füchse gegeben. Einmal hatten sie mit Holzprügeln einen Dachs erschlagen. Sie hatten einander geschworen, niemandem davon zu erzählen.

An der engsten Stelle des Tales stand die Mühle. Sie war bis kurz nach dem Krieg in Betrieb gewesen. Jetzt war sie eine Automechanikerwerkstätte. Ein Hund bellte ihn an.

Es war nicht mehr weit zum Dorf. Die Tasche ging ihm auf die Nerven. Das Gewicht von dreihundertfünfzig unnötigen Seiten. Die Nepomukstatue stand immer noch. Sie war bereits damals stark bemoost gewesen. Die Kastanienbäume sind kaum gewachsen, dachte er.

Der Burgfried hatte ein neues Dach bekommen. Das herrschaftliche Stöckl wurde restauriert. Den Fassadenstuck hatte man hellgrün bemalt. Der Meierhof verfiel. Neben das Haus des Freundes war eine Garage gebaut worden. Sonst sah es aus wie damals.

Er hatte den Freund vierzig Jahre lang nicht gesehen. Du hast dich gar nicht verändert, sagte der Freund; mir haben sie den Fuß abgenommen, aber du hast dich gar nicht verändert. Der Meierhof verfällt, sagte er. Ja, sagte der Freund, vor fünf Jahren haben sie die Schweinemast aufgegeben, seither kümmert sich niemand drum. Alles andere restaurieren sie, sagte er. Ja, sagte der Freund, das Stöckl wird schön. Bei der Burg können sie nur schauen, daß sie nicht noch mehr verfällt, aber das Stöckl wird schön.

Er weihte den Freund ein. Ja, sagte der Freund, sechs Jahre waren wir damals alt und zu viert waren wir; mein Vater hätte mich damals beinah erschlagen. Der Freund holte ein großes weißes Taschentuch mit einem breiten roten Rand. Es ist aber nicht dasselbe, sagte er.

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