Caretta Caretta von Paulus Hochgatterer, DeutickePaulus Hochgatterer

aus: Caretta Caretta

Genau genommen beginnt die Geschichte damit, daß Frankreich gegen Brasilien mit 2:0 in Führung geht. Sie beginnt mit jener Sekunde am Ende der ersten Hälfte, in der Zinedine Zidane aufsteigt, hoch über den brasilianischen Abwehrspielern den Flankenball nimmt und durch die Beine von Roberto Carlos ins Tor köpft. Barthez reißt jubelnd die Arme in die Höhe, die Augen Liliam Thurams schweben zwei Fingerbreit vor seinem Gesicht, Deschamps heult beinahe, und in mir entsteht das Gefühl, daß wieder etwas beginnt in Erfüllung zu gehen. Es ist das gleiche Gefühl wie damals, als sie meinen Stiefvater abholten, und meistens muß ich dann auf der Stelle fort, egal wohin, und die Menschen bekommen ziemliche Schwierigkeiten mit mir. Die Geschichten gehen nie aus, daran ändert auch nichts, daß Petit ganz am Schluß noch einen nachschiebt, Deschamps jetzt eindeutig heult, ich auch, und Frankreich tatsächlich Weltmeister ist.
Zwei Tage später liege ich neben einem Aluminiumhandkoffer genau über der Tür eines Schlafwagenabteils. Das heißt, liegen ist heillos übertrieben, in Wahrheit stecke ich mehrfach gefaltet in dieser Nische, in der eigentlich nichts Platz hat außer vielleicht einem zweiten Aluminiumhandkoffer. Der orangefarbene Vorhang, der mich gegen die Welt abschirmt, riecht wie ein Konzentrat von Eisenbahn, die Wandverkleidung gibt bestenfalls einen Zentimeter nach, wenn man sich an sie preßt, und dem Aluminiumkoffer scheinen sie vor kurzem die Kanten scharfgeschliffen zu haben. "Die Klimaanlagen in den Zügen funktionieren nie", sagt der kleinere der beiden Glatzköpfe, die sich da unterhalb von mir im Abteil befinden. Das stimmt einerseits, andererseits ist das wirklich Tragische daran, daß er unrecht hat und ich weiß, daß die Klimaanlagen sehr wohl manchmal funktionieren, ab und zu zumindest. Dann macht es direkt unter mir dieses Getränkedose-wird-Mitte-Juli-geöffnet-Geräusch, gleich darauf rinnt etwas glucksend in eine Kehle, und ich weiß, daß es, genau genommen, mein Cola ist, das die beiden da trinken. "Auf die Zukunft!" sagte der zweite. Er hatte eine Art Papageienstimme. Auf die Zukunft! ­ Sehr witzig!

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