aus: Caretta Caretta
Genau genommen beginnt
die Geschichte damit, daß Frankreich gegen Brasilien mit 2:0 in Führung geht. Sie
beginnt mit jener Sekunde am Ende der ersten Hälfte, in der Zinedine Zidane aufsteigt,
hoch über den brasilianischen Abwehrspielern den Flankenball nimmt und durch die Beine
von Roberto Carlos ins Tor köpft. Barthez reißt jubelnd die Arme in die Höhe, die Augen
Liliam Thurams schweben zwei Fingerbreit vor seinem Gesicht, Deschamps heult beinahe, und
in mir entsteht das Gefühl, daß wieder etwas beginnt in Erfüllung zu gehen. Es ist das
gleiche Gefühl wie damals, als sie meinen Stiefvater abholten, und meistens muß ich dann
auf der Stelle fort, egal wohin, und die Menschen bekommen ziemliche Schwierigkeiten mit
mir. Die Geschichten gehen nie aus, daran ändert auch nichts, daß Petit ganz am Schluß
noch einen nachschiebt, Deschamps jetzt eindeutig heult, ich auch, und Frankreich
tatsächlich Weltmeister ist.
Zwei Tage später liege ich neben einem Aluminiumhandkoffer genau über der Tür eines
Schlafwagenabteils. Das heißt, liegen ist heillos übertrieben, in Wahrheit stecke ich
mehrfach gefaltet in dieser Nische, in der eigentlich nichts Platz hat außer vielleicht
einem zweiten Aluminiumhandkoffer. Der orangefarbene Vorhang, der mich gegen die Welt
abschirmt, riecht wie ein Konzentrat von Eisenbahn, die Wandverkleidung gibt bestenfalls
einen Zentimeter nach, wenn man sich an sie preßt, und dem Aluminiumkoffer scheinen sie
vor kurzem die Kanten scharfgeschliffen zu haben. "Die Klimaanlagen in den Zügen
funktionieren nie", sagt der kleinere der beiden Glatzköpfe, die sich da unterhalb
von mir im Abteil befinden. Das stimmt einerseits, andererseits ist das wirklich Tragische
daran, daß er unrecht hat und ich weiß, daß die Klimaanlagen sehr wohl manchmal
funktionieren, ab und zu zumindest. Dann macht es direkt unter mir dieses
Getränkedose-wird-Mitte-Juli-geöffnet-Geräusch, gleich darauf rinnt etwas glucksend in
eine Kehle, und ich weiß, daß es, genau genommen, mein Cola ist, das die beiden da
trinken. "Auf die Zukunft!" sagte der zweite. Er hatte eine Art Papageienstimme.
Auf die Zukunft! Sehr witzig!
Rezension I Buchbestellung III02 LYRIKwelt © Deuticke