Staub und Sterne von Knud Hjortö, 2007, Lilienfeld

Knud Hjortø

Staub und Sterne
(Leseprobe aus:
Staub und Sterne, Roman, 2007, Lilienfeldiana im Lilienfeld Verlag - Übertragung Hermann Kiy).

Einen staubgrauen Hügel hinauf kriecht ein Mensch

mit zähen, langsamen Bewegungen, sein Rücken ist

der Neigung des Hügels parallel. Als er oben ankommt,

macht es von hinten gesehen den Eindruck,

als sitze er zappelnd auf einem lotrechten Pflock,

aber nun wendet er sich; es ist ein Radfahrer.

Wie der Wind saust er den Hügel hinunter, schräg

und steif liegt der Weg vor ihm wie ein Brett, und

unten, wo er den Blicken entschwindet, steht wartend

die Sonne; sie ist halb untergegangen, nur

eine glühende Bogenwölbung ist noch sichtbar; es

bleibt dem Manne nichts übrig, als schnurstracks

hineinzufahren.

Der Mann ist ergriffen von dem Anblick; wie ein

Kegel fegt er dahin, ein Hagel von Mücken prallt gegen

sein Gesicht, die kleinen Hunde den Weg entlang

kommen viel zu spät. Aber nun ist die Sonne

gesunken; er hebt den Kopf und sieht sich um, die

Geschwindigkeit läßt nach. Vor ihm windet sich die

Chaussee wie eine Natter, die die Flucht ergreift;

beim Dorfe drüben verschwindet sie, aber ganz dort

hinten, oben auf dem Mühlenhügel taucht unter

einem

Winkel von fünfundvierzig Grad ein Endchen

Weg auf und schaut lockend herüber.

Da will ich hinauf!

Still rollt er durch das Dorf – mag es heißen, wie es

will. Sie haben den Dorftümpel gereinigt; ein Kranz

dunkelvioletten Schlammes liegt ringsherum und harmoniert

gut mit all dem Gelb; ein beizender Gestank

kitzelt seine Nasenlöcher, doch gleich hinterher

kommt der Geruch nach gebratenem Speck mit

Zwiebeln.

Speck, hm. Der Mann wird schwankend, sein Vorderrad

beschreibt Kurven, die kleinen Straßenkinder

nehmen die Finger aus dem Munde und ziehen sich

zurück, indem die älteren die jüngeren beim Ärmel

fassen. Alles ist ungemein friedlich. Sammetweicher,

dicker Staub liegt längs des Weges – der Gedanke

an Staub unter der Fußsohle, bis zwischen die Zehen

hinauf, löst idyllische Stimmungen in ihm aus.

Zwei Kinder haben jedes einen großen Staubhaufen

vor sich und spielen damit; von ihren Gesichtern

ist nicht viel zu sehen, weil die dieselbe Farbe haben

wie die gebleichte Erde, doch das Haar ist weiß.

In Chausseestaub, der wie Wasser durch die Finger

rinnt, hineinzugreifen, ist ein Genuß; ein Genuß,

die bloßen Beine hineinzulegen und was sonst noch

nackend ist.

Und der Mensch vergißt wieder, daß er Hunger

hat. Hier gibt es soviel Frieden zu betrachten. Wie

Glühlämpchen

leuchten in der Abendröte die flaumigen

Köpfe des Löwenzahns, draußen im Tümpel

ziehen die Frösche ihre Weckuhren auf; ein schwarzer

Dachsköter zeigt seinen weißgelben Rücken drinnen

in den grünen Daunen des Gerstenfelds; die Leute

schwatzen miteinander, an einen Pfosten gelehnt; ein

Junge versucht, ein Stück von einer Brotkruste abzubeißen,

er schraubt die Zähne zusammen, zerrt

nach oben und zerrt nach unten, schließlich geht sie

entzwei, und er pflanzt seine Nase mitten ins Fett

hinein; aus einem alten Hause, dessen Tür schief in

den Angeln hängt, kommt ein altes Weib herangeschlürft,

eingehüllt

wie eine Mumie, gelb und fett

wie eine Spinne – jede

Pedalumdrehung bringt etwas

Neues, er kann kaum alles in sich aufnehmen.

An der Dorfpumpe springt er ab, reckt die Beine,

trinkt Wasser und lächelt, denkt bei sich selbst: da

hätt’ ich meine zehn Meilen ums Rad gewickelt.

Vor der Stadt, an einem Seitenwege, findet er einen

alten Getreidehaufen, da verzehrt er seine Mahlzeit.

Dann macht er sich ein Loch ins Getreide und

schläft ein, mit dem einen Arm hält er die Lenkstange

seines Rades.

Wie er so daliegt mit dem Ohr dicht am Herzen

der Erde, da hört er, wie ein Schrei ertönt in der untersten

Zone, wo die Menschen wohnen:

(...)

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