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aus: Schritt für
Schritt ins Paradies
(Seite 30-34)
Dann standen wir vorm Römer. Der Haupteingang befand sich direkt neben einem kleineren Eingang, den ein roter Teppich schmückte. Wir wussten, dass darauf nur Brautpaare hoch oder runter schritten. Es war der Aufgang zum Standesamt. Und Schilus, unser Neunmalkluger, erkannte, dass man über das Standesamt direkt durch eine Zwischentür zum OB-Trakt gelangen konnte. Der Mann in Smoking und weißen Handschuhen, der immer den Eingang ziert, hob seine linke Hand korrekt zum Gruß und ließ uns passieren. Wir brüllten schon im Treppenhaus los: »Rudi, wo bist du? Wir kommen!« Und das mit voller Kraft aus 120 Kehlen. In letzter Sekunde musste irgendein nervös gewordener Angestellter genau die besagte Zwischentür zum OB-Trakt abgeschlossen haben. Wir ließen uns nicht beirren. Die verschlossene Tür ermunterte uns nun erst recht, direkt durch den Haupteingang, am Pförtner vorbei, zu Rudi zu marschieren. Der Pförtner wollte noch ein bisschen lamentieren, aber für lange Diskussionen hatten wir keine Zeit. Er griff zum Hörer und wählte auf der Scheibe die fett gedruckte Notruf-Nummer. Plötzlich kam Bewegung in dieses eher gemächlich arbeitende Bürovölkchen. Schon oben am Treppenende glaubte irgendein alarmierter Beamtenvorsteher, uns abwimmeln zu können. »Herr Arndt ist leider auf Geschäftsreise.« Ob wir einen Termin hätten? Mit seinem abgewetzten speckigen Anzug und seiner viel zu breiten Krawatte gab er eine typische Beamtenwitzfigur ab. Wir gingen an ihm vorbei, als wäre er Luft. Hatte da irgendwer mit uns geredet?
Die imposant große Tür zum Kaisersaal stand
offen. Die wunderschöne Atmosphäre innen lud uns geradezu ein. Tische waren
gedeckt. Das Buffet für 30 Gäste stand bereit. Keiner dachte an einen Zufall.
Aber woher sie so schnell das ganze Essen beschafft hatten? Irgendwer musste es
im Voraus organisiert haben. Es war einfach überwältigend, wie sie uns im
Rathaus empfingen. Damit hatte keiner gerechnet. Da unsere Forderung klar was,
konnten wir erst mal in aller Ruhe etwas essen und trinken. Irgendjemand
Wichtiges würde schon aufkreuzen. Wenn er nicht wichtig war, konnte er auch
unsere Forderung nicht erfüllen. Ein kleiner untersetzter, ganz in Weiß
gekleideter Besserwisser stürmte in den Saal. Er brüllte rum, fuchtelte mit
irgendwelchen Kochgeräten in der Luft herum und versuchte, das nur halb
vorhandene Buffet zu retten. Dem kleinen Stinker machten wir klar, dass er jetzt
mal seinen Chef holen sollte, denn wir hätten den Saal besetzt und würden auch
nicht eher gehen, bis unsere Forderung nach einem selbstverwalteten
Jugendkulturzentrum erfüllt sei. Außerdem hätten noch einige Hunger. Er solle
doch mal sehen, was sich in der Stadtküche noch so alles zusammenkratzen
ließe. Wir ahnten, dass in den nächsten Minuten irgendeine Delegation in dem
dekorierten Kaisersaal Platz nehmen wollte.
Aus den Fenstern dieses geweihten Raumes konnten wir genau auf den Platz vor dem
Römer schauen und beobachteten mit Spannung, wie der erste Mannschaftswagen der
Polizei mit riesigem Tatütata vorfuhr. Es ging los. Dass uns der »Dynamit-Rudi«
die Bullen auf den Hals hetzte, damit hatten wir zwar nicht gerechnet, wir
gerieten aber auch nicht in Panik. Für die anrückenden Polizisten war ein
Einsatz dieser Art komplettes Neuland. Keiner von ihnen hatte irgendeinen Plan.
Sie liefen wild durcheinander, brüllten herum und verbreiteten Hektik. Die
restaurierte hohe Eichentür des Kaisersaals machten wir vorsichtshalber zu,
klemmten einen dieser Barocksessel unter die Klinke und so war erst einmal Ruhe.
Die ersten acht Bullen stürmten die Treppe hoch und standen vor der
verschlossenen Tür. Unten auf dem Römer sammelten sich immer mehr
Uniformierte. Der Einsatzleiter ergriff sein Megafon und grölte zu uns hoch. Es
war eine bizarre Szene, die sich vor dem Römer abspielte. Unter die
mittlerweile etwa 30 bis 40 Bullen mischten sich heiratswillige Paare,
verkleidet für den großen Tag. Es kam zum so genannten »Gafferstau« vor dem
Standesamt. Zu allem Überfluss standen noch mindestens 20 kleinwüchsige
Japaner mit Fotoapparaten bewaffnet auf dem Platz und hielten das Geschehen
gekonnt fest. Über das krächzende Megafon des Einsatzleiters kam die Forderung
an uns: »Räumen Sie umgehend den Kaisersaal, sonst müssen wir Gewalt
anwenden!«
Wie sollte das gehen? Der Saal war gerade komplett restauriert worden. Sie kamen
da nicht rein, ohne irgendwas Wertvolles zu zerstören. In Öl gemalte Porträts
aller gekrönten Kaiser und Könige dieses Landes hingen an den Wänden. Wir
hatten die mitgebrachten Transparente entrollt und zeigten sie auf dem Balkon.
Keiner der auf dem Römer versammelten Personen verstand, um was es eigentlich
ging. Die gaffenden Gesichter wurden erst dann nachdenklicher, als sie auf den
Transparenten lasen: »Gegen Bullenterror! Für ein Jugendkulturzentrum in
Selbstverwaltung!«
Plötzlich war Rudi Arndt doch bereit, eine
Delegation von uns zu empfangen. Das Telefon im Kaisersaal klingelte. Wir hatten
keine Lust, jetzt noch groß im Römer rumzulatschen und uns vielleicht noch zu
verlaufen. Was sollte das? Und wer wusste, ob die Bullen uns nicht doch einfach
abgreifen würden. Der Rudi hatte bei uns zu erscheinen und sonst nichts. Einige
fingen an zu zählen: »Eins, ... zwei, ... drei, ...« Und das Zählen wurde
lauter. Bei 30, spätestens bei 50, so standen die ersten Wetten, würde Rudi in
der Tür stehen. Doch wir hatten uns verschätzt. Schon bei 25 wurde er
angekündigt und bei 32 stand er vor der Tür. Bevor wir bereit waren, mit Rudi
zu verhandeln, sollten die Bullen das Feld räumen. Mit der typischen Geste
eines souveränen Chefs ließ er die Polizisten abziehen und vor den Römer auf
weitere Anweisungen warten. Was für ein Triumphgefühl, als wir das Schauspiel
vom Balkon aus beobachteten. Ein paar ganz wilde Bullen, und das konnte man
ihnen ansehen, blickten hasserfüllt zu uns hoch. Sie kochten richtig vor Wut,
als sie in ihre Einsatzwagen zurückkriechen mussten und wir ihnen noch
nachschrien: »Bulle go home!«
Rudi hatte kein dickes Buch mitgebracht. Er hörte sich unsere Forderung an und
versicherte, sich um das Jugendkulturzentrum zu kümmern. Doch das war uns zu
wenig. Er versprach, sich ernsthaft mit dem Thema zu beschäftigen und den
zuständigen Amtsleiter für die Lehrlingsangelegenheiten zu befragen, um danach
Stellung zu beziehen. Hinhaltetaktik? Wir konnten gut und gerne bei der
Verpflegung noch einige Stunden in diesem schönen Saal warten, bis Rudi eine
klare Zusage machen würde. Doch jetzt wollte er den autoritären Chef spielen.
Andererseits konnte er sich aber auch nicht vor der mittlerweile herbeigeeilten
Presse eine Blöße geben. Schließlich einigten wir uns auf einen Kompromiss.
Bis zum nächsten Tag 14 Uhr wollten wir in unserer
Lehrlingsausbildungswerkstätte (LAW) auf eine Nachricht von Rudi warten. Sollte
bis dahin nichts passieren, müssten wir erneut anrücken.
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