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Berlin -
Endstation
(Leseprobe aus: Berlin-Endstation,
Roman, 2006, Dittrich-Verlag,
hrsg. von
Helmut Braun)
Eigentlich heiße ich Joseph
Leschinsky, aber da manche Leute Leschinsky zu lang fanden, nannten sie mich
Lesche. An Lesche habe ich mich gewöhnt, und dieser Name ist mir geblieben und
ersetzt sogar meinen Vornamen, einfach so: Lesche.
»Und Sie wollen in Deutschland bleiben?«
»Ich habe die Schnauze voll von Amerika.«
Singer spielte mit seinen Kreuzworträtseln, und seine Finger fuhren fast zärtlich
über das Papier.
»Sie werden als Jude nicht lange in Deutschland leben können«, sagte er dann.
»Ich habe mir die Sache gründlich überlegt«, sagte Lesche.
»Ich bin deutscher Schriftsteller und brauche die deutsche Sprache. Ich muß
sie hören, immer und überall. Außerdem ist Deutschland heute ein
demokratisches Land. Der Hitlerspuk ist längst vorüber, und inzwischen ist
eine neue Generation herangewachsen.«
»Der Holocaust wird Sie überall in Deutschland verfolgen. Jedes Haus, jede
Straße wird Sie daran erinnern. Und die alten Leute. Es gibt kein Entrinnen.
Glauben Sie’s mir.«
»Man muß es auf einen Versuch ankommen lassen.«
Lesche schlürfte den wäßrigen Kaffee. »Ich habe unlängst in einer jüdischen
Zeitung gelesen«, sagte er dann, »daß die Deutschen in der Hauptstadt ein
Holocaustmahnmal errichten wollen. Was halten Sie davon?«
»Das ist ein schlechter Witz«, sagte Singer. »Wozu brauchen die Deutschen ein
Mahnmal? Ganz Deutschland ist ein Holocaustmahnmal.«
»Ganz Deutschland?«
»Ja. Ganz Deutschland.«
Rezension I Buchbestellung I home III06 LYRIKwelt © Dittrich