Peter Hille

Null und Ziffer

Es war einmal ein Staat. Der bestand aus lauter Nullen. Lauter gesunden, runden, fetten Nullen. Nichts ging ihnen ab und doch fehlte ihnen etwas.

Das sagte ihnen eine dumpfe Empfindung. Genauere Rechenschaft aber vermochten sie sich nicht zu geben über ihren Zustand. Preise über Preise hatten sie ausschreiben lassen und Berge von Gold dem versprochen, der ihnen Rat und Aufklärung verschaffte.

Umsonst!

Da beriefen sie eine Volksversammlung.

Möglich, daß die Gesamtheit fände, was dem einzelnen versagt blieb.

Lange blieb das Gerüst leer. Endlich hüpfte eine Null wie eine Seifenblase die Treppe der Rednerbühne herauf.

Hupp, hupp, hupp, da war sie!

Nur Stelzfüße wissen so behend zu sein.

Und sie begann mit weithin vernehmbarer Stimme. Denn was eine Null spricht, das hört man.

Und der ganze Markt setzte sich gegen sie in Bewegung, so daß viele der angesehensten Nullen ins Gedränge gerieten, darin umkamen und elend, elend zerplatzten.

Die Null aber ließ sich das weiter nicht anfechten und wiederholte:

»Mitnullen!

Ich bin ein Laie, ein ganz gewöhnlicher dummer Laie.«

Zustimmendes Gemurmel.

»Aber gerade die Laien haben mannigmal die besten Gedanken. Ich weiß, was uns fehlt.«

Hier machte der Redner eine längere Kunstpause, um das Summen der Erwartung desto vergnüglicher in sich zu ziehen.

Nun fuhr er fort:

»Unser sind bei sechzig Millionen. Aber wenn wir uns auch ins Unendliche fortvermehren, so werden wir auf die Weise in alle Ewigkeit keine Zahl.

Eine Ziffer fehlt uns.

Ein König.«

Während er noch sprach, kam eine Ziffer zugereist, eine recht magere, heruntergekommene Eins. Der Kunde, denn es war ein solcher, stützte seinen Knotenstock unter den Berliner und sah sich das Völkchen an.

Kaum wurden sie seiner ansichtig, da bestürmten sie ihn und baten: »Bitte, bitte, sei so gut und werde unser König!«

Der Kunde zog aus seiner rechten Hosentasche ein Fläschchen mit trübgelber Flüssigkeit hervor, tat einen herzhaften Zug daraus, hämmerte den Korken mit der flachen Hand wieder fest und steckte die Flasche ein.

Dann wischte er sich den Mund und sprach: »Na, denn will ick mal nich so sind!«

Hierauf nahm er den recht schäbigen Filz vom Kopfe und ging in der Menge herum:

»Ein armer Handwerksbursche, der seit drei Tagen keinen warmen Löffelstiel im Leib gehabt hat, bittet um eine kleine Unterstützung.«

Das war die erste Steuer im Lande.

Die anderen Staaten in der Runde hörten von diesem Vorgange und verschrieben sich gleichfalls eine Ziffer.

Nun aber gab's auch Staaten, in denen Nullen und Ziffern bislang verträglich nebeneinander gewohnt hatten. Diese Ziffern bezeugten durchaus keine Lust an die Spitze zu treten, noch weniger sich unterzuordnen.

»Wir haben keine Ziffer über uns nötig, wir sind uns selbst genug.«

Da aber hieß es:

»Wenn Euch das nicht paßt, so schüttelt den Staub von Euren Füßen und macht Euch davon, denn wir wollen etwas in der Welt bedeuten, und das tun wir nur, wenn wir eine Ziffer an unserer Spitze haben – sei sie für sich allein auch noch so mager.«

Daran, daß es auch republikanische Ziffern, die Präsidenten heißen, gibt, dachten die Nullen nicht und blähten sich in ihrer Nichtigkeit noch mehr auf.

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