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Eroberung des
Nutzlosen
(Leseprobe aus: Eroberung des
Nutzlosen, Tagebuch, 2004, Hanser)
Verbrüderungen
um Mitternacht. Mick Jagger ist inzwischen mit Jerry Hall da. Zwei seiner Koffer
sind nicht angekommen, weil er sie nach I-Quito abgeschickt hatte. Wir mieteten
ein Auto für ihn, aber es stellte sich heraus, daß der Schlüssel nicht paßte,
er gehörte tatsächlich zu einem Baukran. Mick fuhr mit einem Taxi zu uns
heraus, und weil der Fahrer ihn die letz-ten hundert Meter nicht durch die
Schlammlöcher befördern wollte, auch nicht für doppelten Preis, fand ich ihn
in der Dunkelheit in Smoking und Turnschuhen, wie er sich den Weg ertastete. Er
erzählte, von Lachen geschüttelt, daß Robards und Adorf ihm anvertraut
hatten, sie hätten beide ihr Testament geschrieben, weil sie im Urwald arbeiten
würden.
Unser Beleuchter zapfte ganz unverfroren für alle sichtbar die elektrische
Hauptleitung draußen vor dem neuen Quartier der Ausstattung an. Alles dort
hatte auf einmal Strom. Das E-Werk hatte uns wochenlang jeden Tag versprochen,
den Anschluß zu machen, hatte aber nie jemanden geschickt. Aus heiterem Himmel
Chaos in Mexiko. Die Agentin dort sagte allen Darstellern und Teammitgliedern
ab, annullierte die Verträge und behauptet, sie habe das einem unserer Telexe
entnommen. Lucki fliegt heute noch von Miami nach Mexiko, um die Sache wieder zu
richten. Der Caterpillar wird zu spät aus Miami verschifft, er soll von dort
nach Lima/Callao gehen und dann über Land nach Pucallpa an den Rio Ucayali und
von dort weiter auf einer chata bis zum Urubamba und den Rio Camisea. Zeitlich
gesehen kann sich da eine Katastrophe anbahnen. Tagelang war auch die Fracht mit
den Scheinwerfern und der Kamera nicht auffindbar, weil das Flugzeug wegen eines
Regensturms nicht in Iquitos hatte landen können und nach Lima weiterdirigiert
wurde. Dort hat man alles ausgeladen, dann ging ein Flugzeug kaputt, dann blieb
hier alles im Zoll liegen, weil die Fluggesellschaft Faucett die Airway-Bills
nicht mehr finden konnte. Die Brasilianer, Darsteller und Tonteam werden zu spät
hier eintreffen, aber: die Narinho II fährt schneller flußauf, als gedacht.
Und: der Generalstreik soll angeblich abgeblasen werden.
Iquitos, 2.1.81
Unser Affe entsprang aus dem Käfig und klaut Sachen vom gedeckten Tisch, wenn
noch niemand da ist. Er hat fast alle Gabeln an sich gebracht. Heute morgen
stahl er die Milchflasche der kleinen Tochter von Gloria, und sie sah ihn, wie
er in einem Gebüsch die Flasche, am Schnuller saugend, leer trank. Sie fürchtet
allen Ernstes, der Affe werde den Säugling vergewaltigen und will, daß er,
bevor er das tut, erschossen wird. Der Affe hat noch ein Stück Elektrokabel um
die Hüfte gebunden, mit dem er festgemacht war, und wenn er klettert, hält er
das Kabel mit seinem Schwanz, mit dem er so gut greift wie mit einer Hand, hoch
über sich in die Luft, damit es ihn nicht in seinen Bewegungen stört.
Hinter meinem Rücken hat W., der Chaos hinterlassend zum Camisea hochgeflogen
ist, die Anzahl der Statisten für die Abfahrt des Schiffes von 5000 auf die Hälfte
reduziert, und ich ging mit Mauch an die Anlegestelle und maß aus, wie viele
wir brauchen würden, um auf dem Abhang zum Fluß eine glaubwürdige Menge zu
verteilen, und wenn man die Straße oben ebenfalls füllen will, müßten es
etwa 6600 Personen sein. Vor der Arbeit darf sich nur niemand erschrecken.
Immerhin habe ich nicht einmal einen Assistenten, und den harten Kern des Teams
werden etwa 16 Personen bilden. Bei demselben Film von Hollywood produziert
ginge es nicht unter 250 Mann.
Iquitos, 3.1.81
Alles spricht seit gestern wieder dafür, daß der Generalstreik stattfinden
wird. Wir haben direkte Nachricht aus dem Streikkomitee, und George Sluizer hat
Nachricht direkt von dem General, der von der Regierung beauftragt wurde, genügend
Truppen zusammenzuziehen, um die Ordnung aufrechtzuerhalten, falls wild
gestreikt wird. Die Narinho II liegt in Pucallpa fest, die Gangschaltung (?),
fabrikneu (?), brach zusammen; es kann bis zu einer Woche dauern, bis Ersatz aus
Miami da ist, noch nicht eingerechnet, was der mögliche Streik an Verzögerungen
bringen kann. Angeblich kommen heute nacht fünf Mexikaner und aus Brasilien das
Tonteam und der Schauspieler José Lewgoy. Beunruhigend ist, daß vor dem Büro
der Fluglinie Faucett die Leute 200 Meter weit auf der Straße Schlange stehen,
um aus Iquitos herauszukommen, bevor der Streik ausbricht. Stechende Hitze, es
regnet nicht zur Kühlung.
Iquitos, 4.1.81
Die Mexikaner kamen an, mit einem Flugzeug so spät abends und auf keinem
Flugplan verzeichnet, daß ich zunächst dachte, mein Bruder Lucki habe eine
Maschine entführt, nur um rechtzeitig hier zu sein. Claude Chiarini war mit
dabei, was für eine Freude, ihn wieder bei mir zu haben. Mick Jagger half
als Chauffeur mit, alle Neuen zu ihrem Hotel zu bringen. Die Tonleute sind
irgendwo in Brasilien gestrandet, wir werden uns auch so zu helfen wissen. Das
Schiff ist noch ein wilder Verhau, aber wir müssen einen Anfang erzwingen.
Streit bei den Kostümen, weil sich die Maske in dem Gebäude dort ausbreiten muß.
Trotzig weinerlicher Ton, das ist immer das Signal für den Ausbruch von Chaos,
wie der Ausbruch von Lava. Der Präsident Belaunde war aus Lima eingeschwebt und
sprach auf der Plaza de Armas zu einer großen Menge, und die Gemüter scheinen
sich beruhigt zu haben.
Iquitos, 5.1.81
Um Mitternacht holte mich Lucki aus dem Bett mit der Nachricht, es werde doch
gestreikt, und zwar diesen Montag als Warnstreik und dann vom Montag darauf
unbefristet als Generalstreik. Notsitzung in der Nacht. Walter und Vignati waren
dafür, nicht zu drehen, ich bin dafür, allerdings mit der Maßgabe, daß wir,
wenn wir in Widerstand laufen, die Klugheit haben müssen, unseren Plan
abzubrechen.
Am Morgen war alles in der Stadt geschlossen, und die 25 Mann im Safari-Hotel
werden zu Mittag und zu Abend nichts zu essen haben. Wir werden zu Fuß zu den
Kostümen marschieren mit Spaghettis und fertiger Sauce und werden dort für
alle kochen. Stimmung gut, wir werden uns trotz allem zu helfen wissen. Jetzt
abzuwarten und nicht arbeiten wäre psychologisch wie eine Lawine in die Tiefe.
Es beunruhigt mich nicht, daß ich mit keinem der Darsteller je gearbeitet habe,
noch mit einem guten Teil des technischen Teams. An meiner Gelassenheit halten
sich derzeit alle fest
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