Theodor Herzl

Tagebuch-Auszug
(Das erste Treffen zwischen den Zangwill und Herzl fand am 21. November 1895 in London statt, worüber Herzl in sein Tagebuch schrieb)

"Besuch bei Israel Zangwill, dem Schriftsteller. Er wohnt in Kilburn, NW. Fahrt im Nebel durch endlose Strassen ... Das Haus ist ein etwas dürftiges Heim. In der mit Büchern tapezierten Studirstube sitzt Zangwill vor einem enormen Arbeitstisch, mit dem Rücken gegen den Kamin. Auch dicht am Feuer sein Bruder, lesend. Machen beide den Eindruck fröstelnder Südländer, die nach Ultima-Thule verschlagen sind. Israel Zangwill hat einen langnasigen Negertypus, sehr wollige tiefschwarze in der Mitte gescheitelte Haare und im glattrasirten Gesicht den Ausdruck von hartem Hochmuth eines nach schweren Kämpfen durchgedrungenen ehrlichen Strebers. Die Unordnung in seinem Zimmer, am Arbeitstisch lässt mich errathen, dass er ein verinnerlichter Mensch ist. Ich habe nichts von ihm gelesen, glaube ihn aber zu kennen. Er muss alle Sorgfalt, die sein Aeusseres vermissen lässt, auf seinen Stil verwenden. Unsere Unterredung ist mühsam. Wir sprechen Französisch, das er nicht genügend beherrscht. Ich weiss gar nicht, ob er mich versteht. Dennoch einigen wir uns über Hauptpunkte. Er ist auch für unsere territoriale Selbständigkeit. Er steht aber auf dem Racenstandpunkt, den ich schon nicht acceptiren kann, wenn ich ihn und mich ansehe. Ich meine nur: wir sind eine historische Einheit, eine Nation mit anthropologischen Verschiedenheiten. Das genügt auch für den Judenstaat. Keine Nation hat die Einheit der Race."

Rezension I Buchbestellung I home 0I09 © LYRIKwelt