Diesseits des
Van-Allen-Gürtels
(Leseprobe aus: Diesseits des
Van-Allen-Gürtels, Erzählungen, 2007, Eichborn)
Es klingelte mich aus dem Schlaf.
Als ich die Tür öffnete, stand da mein Nachbar und wollte sich einen Stuhl
oder so leihen. Er sah nicht gut aus. Aus dem Treppenhaus kam Lärm von schweren
Männern. Ich rieb meine Stirn und meine Augen und holte ihm den Küchenhocker
und sagte, er solle nachher nicht wieder klingeln, sondern einfach den Hocker
vor die Tür stellen, weil ich noch schlafen würde. Ich hatte Nachtschicht und
stand dann nie vor eins auf.
Als ich nachmittags zum Einkaufen ging, stolperte
ich als erstes über den Hocker, der umgedreht auf meiner Fußmatte lag. Ich
trat ihn zurück in den Flur. Dann sah ich, daß die Wohnungstür meines
Nachbarn weit offen stand. Seine Wohnung schien ausgeräumt. Eine leere Fassung
pendelte von der Decke, das blanke Linoleum des Fußbodens spiegelte in der
Nachmittagssonne.
"Hallo", rief ich in die Wohnung
hinein. Niemand antwortete.
Im Pilan Market war die Klimaanlage ausgefallen.
Der Türke hatte seinen schwitzenden Kopf auf das Laufband gelegt und lächelte
stumpfsinnig. Vor den Regalen überlegte ich, ob ich etwas für den Abend
mitbringen sollte. Meine Freundin veranstaltete eine Party, und ich hatte nicht
herausfinden können, welche Sorte Party das war, ob es vielleicht sogar ihr
Geburtstag war. Ich hatte zweimal nachgefragt, und sie hatte zweimal sehr
geheimnisvoll getan. Ich nahm an, daß sie weitergefragt werden wollte, aber es
war mir zu blöd gewesen. Wir sind noch nicht lange zusammen, und wahrscheinlich
bleiben wir auch nicht lange zusammen. Wenn man schon auf die Frage, ob man
Geburtstag hat oder nicht, nicht antworten kann, wie soll es dann erst später
werden? Vielleicht ist Freundin auch zuviel gesagt. Ich kaufte also eine Flasche
Martini für den Abend und dann noch Brötchen und ein paar Frühstückssachen,
eine Zeitung.
Als ich mit der Einkaufstasche wieder in meine
Straße einbog, wurde ich mit Steinen beworfen, ich sah mich um. Ein vielleicht
zwölfjähriger Junge mit Popper-Haarschnitt stand am Ende der Straße und
feuerte Kiesel den Bürgersteig entlang, als würde er sie über Wasser
flitschen. Es schien ihn nicht zu stören, daß er mich treffen konnte, daß ich
nur noch zwanzig Meter weit weg war. Ich ging direkt auf ihn zu, um ihm Angst zu
machen, aber er reagierte überhaupt nicht. Mit teilnahmslosem Gesichtsausdruck
warf er weiter mit Steinen. Ich dachte, ich sollte ihn zur Rede stellen, aber
mir fiel kein Wort ein, mit dem ich mich nicht lächerlich gemacht hätte.
Dazu muß man sagen, daß mir dieser Junge nicht
zum ersten Mal auffiel. Wir waren uns schon öfter auf der Straße begegnet. Er
verdrehte dann immer die Augen wie ein Musterschüler oder machte Gesten des
Erbrechens in meine Richtung, wenn er glaubte, ich sähe es nicht. Manchmal
allerdings auch, wenn ich es deutlich sah. Er wohnte mit seiner Mutter bei mir
im Haus, oder im Nachbarhaus. Die Mutter zählte ganz zweifellos zu den
Schönheiten hier in der Straße. Sie war noch sehr jung, trug ständig kniehohe
Lederstiefel, grüßte nie zurück und hatte den gleichen teilnahmslosen
Ausdruck im Gesicht, der mich wahnsinnig machte. Begegnete man dem Jungen in
Begleitung seiner Mutter, benahm er sich natürlich tadellos. Auch zu Hause, da
war ich mir sicher, benahm er sich tadellos. Räumte sein Zimmer auf, half beim
Abtrocknen, ließ sich mit der neuen Coupé nicht erwischen. Im Zeugnis nur
Einsen und Zweien, zweimal die Woche Klavierunterricht, und wenn keiner
hinguckte, pinkelte er in die Pausenbrote seiner Mitschüler oder spritzte ihnen
Pattex in die Anschlußbuchse vom Walkman. Man mußte kein Psychologe sein, um
das auf zwanzig Meter Entfernung erkennen zu können. Ich hatte schon mal
darüber nachgedacht, die Eltern zu informieren, aber sie hätten mir vermutlich
sowieso nicht geglaubt.
Ich leerte meinen Briefkasten und ließ
Gratiszeitungen und Reklamezettel zu Boden fallen. Mit einem A4-Umschlag
fächelte ich mir auf der Treppe Kühlung zu. Noch im obersten Stock hörte ich
das Geräusch der Steine wie ein kaputtes Metronom, hörte, wie sie von der
Häuserfront abprallten und gegen parkende Autos schlugen.
Die Tür zur Nachbarwohnung stand noch immer
offen. Diesmal klingelte ich, und als sich niemand meldete, ging ich hinein. Das
einzige, was sich noch in der Wohnung befand, war ein Telefonbuch, das auf der
Erde lag, und ein paar Apfelsinenschalen in der Küche.
Richard war seit zwei Jahren mein Nachbar
gewesen, aber seine Wohnung hatte ich nie betreten. Ein oder zwei Mal hatten wir
miteinander geredet, das war alles. Zuletzt im Winter war er zu mir gekommen und
hatte gefragt, ob ich ihm ein Verlängerungskabel leihen, und dann, ob ich das
eine Ende bei mir in die Steckdose stecken könne. Er wolle seinen Herd damit
heizen, und mit dem Herd seine Wohnung. Die Miete hatte er wahrscheinlich schon
länger nicht mehr gezahlt.
Vom Balkon aus konnte ich in mein Fenster sehen
(das Hinterhaus lag über Eck), und das überraschte mich, obwohl ich ja auch
jahrelang den Balkon von meinem Fenster aus gesehen hatte. Ein Gefühl, als
würde man an seiner eigenen Haut riechen: nicht ganz angenehm, aber auch nicht
ganz unangenehm. Am Fensterrahmen außen hingen Reste von Klebestreifen. Durch
die Scheibe hindurch sah ich meinen Küchentisch, die blaue Wachstuchtischdecke,
ich sah sogar das Messer, das senkrecht in der Butter steckte.
Ich untersuchte die leere Wohnung. Im Flur war
eine kleine, runde Wasserlache auf dem Fußboden, ein Spiegel aus Flüssigkeit.
Ich preßte die Wange auf das Linoleum und roch an der Flüssigkeit. Sie roch
nach nichts.
An der Küchenspüle drehte ich die Hähne auf
und zu. Das Wasser funktionierte noch. Der Schrank unter der Spüle war leer.
Nur ein paar tote Insekten lagen auf dem Resopalboden, zwei Silberfische
flüchteten traurig und empört, als ich die Schiebetüren bewegte. Ich hockte
mich vor die Spüle hin und hörte das klickernde Geräusch des Wassers im
Siphon. Es war sehr angenehm, dieses Klickern zu hören.
Im Badezimmer ebenfalls nichts Ungewöhnliches.
Es sah aus wie meins in dreckig. Der Spiegel war von Zahnpasta und anderen
Substanzen gelb und weiß gesprenkelt. Ich wischte mit einem Tempo-Taschentuch
darüber. Manche Flecken waren so hartgetrocknet, daß ich auf das Glas spucken
und ewig lang wischen mußte, und dabei hatte ich eine Erektion.
Schließlich kletterte ich auf den Rand des
Toilettenbeckens, um einen besseren Überblick zu haben. Meine Sohlen
quietschten auf dem Porzellan. Ich stützte mich an der Wand ab und schaute von
oben in den Spülkasten. Der Schwimmer hatte die Farbe einer toten Qualle.
Einige Algen oder Moose hingen grünbraun an den Rändern, von keinem Menschen
je zuvor gesehen. Mit der flachen Hand schlug ich von außen gegen den Kasten,
stehende Wellen bildeten sich. Ich erinnerte mich, daß ich als Kind manchmal
Dinge in unserem Spülkasten versteckt hatte, indem ich sie an das Gestänge
über dem Schwimmer band. Um was für Dinge es sich dabei gehandelt hatte, fiel
mir merkwürdigerweise nicht mehr ein. Mindestens eine halbe Stunde blieb ich so
stehen und sah die Welt von oben. Durch das offene Fenster kam kaum ein
Geräusch, die Mittagshitze hatte alles lahmgelegt, bis auf ein leises,
weitentferntes Metronom.
Es war der heißeste Tag des Jahres, ein
Sonnabend. Wenn man mittags aufwacht und es ist so heiß, hat man keine
wirkliche Kraft mehr, etwas zu unternehmen. Es ist zu spät, um an den See zu
fahren, und zu früh, um etwas anderes zu tun. Außerdem wollte ich ja am Abend
auf diese Party. Ich versuchte wieder, meine Freundin anzurufen. Sie ging nicht
ran.
Unangenehm war auch nicht allein die Hitze. Es
waren zu viele Insekten in der Luft. Ich saß am offenen Küchenfenster in der
Sonne und las. Dauernd blieben winzige Fliegen auf meiner Haut kleben. Wenn ich
versuchte, die Fliegen wegzuschnipsen, verwandelten sie sich in einen kleinen,
schwarzen Matsch. Ich trank Kaffee und aß ein halbes Brötchen ohne etwas
drauf. Das Buch, das ich las, hieß Reise ans Ende der Nacht und langweilte mich
sehr. Ich nahm die Zeitung, aber auch die interessierte mich nicht besonders.
Aus dem Hof hörte ich Stimmen. Ich hatte meine nackten Füße aus dem Fenster
gehängt, während ich las, und ich stellte mir vor, daß die Leute unten meine
Füße haßerfüllt ansehen würden.
Nach dem Frühstück duschte ich, später am
Nachmittag noch einmal. Schließlich war ich so erschöpft, daß ich mich wieder
ins Bett legen mußte. Ich dachte, hoffentlich wache ich rechtzeitig zur Party
auf. Und dann dachte ich, hoffentlich nicht.
Ich kam zu mir, als mein Anrufbeantworter die
Ansage abspulte. Ich konnte meine Stimme hören, und dann hörte ich die Stimme
meiner Freundin. "Geh ran, wenn du zu Hause bist", sagte sie. Im
Hintergrund laute Musik. In meiner Wohnung, fiel mir auf, war es kein Grad
kälter geworden. Ich lag auf dem Bauch, in genau der gleichen Haltung, in der
ich mich vor Stunden aufs Bett geworfen hatte, das T-Shirt klebte an meinem
Rücken. "Falls du noch nicht auf dem Weg bist, mach dich auf den
Weg!"
Eine Viertelstunde später klingelte das Telefon
erneut. Es wurde gekichert, eine mir unbekannte Stimme sagte Worte wie
"wunderbar" und "Mißbrauch von Heeresgerät". Diesmal stand
ich auf. Ich ging ins Badezimmer und stützte mich auf den Waschbeckenrand. Die
Party lärmte im Hintergrund, dann hörte ich die gereizte Stimme meiner
Freundin: "Leg auf, der ist längst unterwegs."
Ich zog den blauen Anzug an, verpackte den
Martini in eine Plastiktüte und stieg die Treppe hinunter. Auf dem Absatz
zwischen viertem und drittem Stock blieb ich stehen. Ich ging zurück in den
vierten und öffnete die Tür zur Nachbarwohnung, die ich am Nachmittag so weit
wie möglich hinter mir zugezogen hatte, ohne daß sie ins Schloß fiel. Die
Zimmer schwammen im Halbdunkel umher.
Ich setzte mich auf den Balkon, der im Gegensatz
zur Wohnung recht sauber war. Ich wollte nur einen Moment ruhig dort sitzen
bleiben und dann weiter zu meiner Freundin fahren und die Lage klären.
Eigentlich wollte ich auch nicht "die Lage klären". Aber bessere
Worte fielen mir für das, was ich vorhatte, gerade nicht ein. Ich schaute durch
die Metallstäbe in den Hof. Nach einer Weile schraubte ich die Martiniflasche
auf und nahm einen Probeschluck und schraubte sie wieder zu.
Als die Flasche zu einem Viertel leer war, hörte
ich hinter mir ein Geräusch. Nach einigen Minuten war ich überzeugt, daß der
Wind die Tür geschlossen hatte. Dann hörte ich, wie in der Wohnung in die
Hände geklatscht wurde. Dann der Wasserhahn. Dann Stille. Dann trat lautlos der
Junge neben mir auf den Balkon, eine grüne Adidas-Sporttasche auf der Schulter.
Er legte die Hände aufs Geländer, sprang in den Stütz und tippte mit den
Fußspitzen gegen die Gitterstäbe. Er hatte mich nicht bemerkt. Als er mich
bemerkte, verlor er fast das Gleichgewicht. Die Sporttasche rutschte ihm von der
Schulter. Ich erwartete, daß er sofort vor mir flüchten würde, aber das war
nicht der Fall. Er starrte mich zwei Sekunden lang kuhäugig an, ohne das
Geländer loszulassen, und sprang erneut in den Stütz.
"So sieht man sich wieder", sagte ich.
Sein magerer Oberkörper schwenkte über den
Balkon hinaus, dann wieder zurück. Er trug ein weißes Polo-Hemd, und seine
Haut wirkte in der Abenddämmerung wie von UV-Licht angestrahlt.
"He, ich rede mit dir."
"Ja und?" Er wippte langsamer.
"Was machst du hier?"
"Was machen Sie hier?" fuhr er mich an.
"Ich kann hier genauso sein."
"Ich hab nur gefragt, was du hier machst.
War wohl zu schwer als Frage."
"Das ist mein Platz", sagte er und
schubste die Sporttasche mit der Hacke in die Mitte des Balkons. "Hab ich
zuerst entdeckt."
Ich nahm noch einen Schluck Martini und sah in
die andere Richtung. Ich wäre jetzt gern auf die Party gegangen. Aber ich
wußte nicht, wie ich das anstellen sollte, ohne daß es aussah, als räumte ich
das Feld.
"Was ist das?" fragte der Junge.
Ich sah weiter in die andere Richtung.
"Ich will wissen, was das ist."
"Es war so wunderbar ruhig hier."
"Ich will nur wissen, ist das Wein?"
"N-n."
"Saft?"
"Mein Gott!" Ich hielt ihm die Flasche
hin.
"Erst, wie das heißt."
"Keine Ahnung, wie das heißt. Wermut oder
so."
"Kenn ich nicht."
"Soll trotzdem nicht giftig sein."
Mit beiden Händen nahm er den Martini und las
mit zusammengekniffenen Augen das Etikett. Er roch an der Flasche, zog die
Augenbrauen hoch und rieb mit dem Handballen ein paarmal kräftig über die
Öffnung, um sie von meinen Bazillen zu säubern.
"Iih!" sagte er und prustete.
"Wein."
"Martiniwein."
"Trink ich zu Hause öfter."
"Klar."
Er nahm einen zweiten, kleineren Schluck und gab
mir blind die Flasche zurück. Ich wartete, bis er mich erneut ansah und wischte
dann demonstrativ die Öffnung mit dem Handballen ab. Der Junge schob seine
Sporttasche ein Stück weiter mit dem Fuß und setzte sich neben mich. Nicht
direkt neben mich, aber auf die andere Seite der Balkontür, wo Platz war.
Irgendwann hob ich nochmal den Martini hoch, und er trank nochmal. So saßen wir
lange in der Dämmerung, ließen wortlos die Flasche kreisen wie routinierte
Handwerker und vernichteten zwischendurch Heerscharen von gefährlichen
Bazillen, während der blaue Mond langsam und voll über den Dächern aufging.
Ich mußte an meine Freundin denken.
"Guck mal, was ich kann", sagte der
Junge und hielt die Flasche über seinen Kopf.
"Nicht so viel."
"Warum nicht?"
"Darum nicht."
"Ich hab Erfahrung damit."
"Ich auch", sagte ich und suchte in
meinen Taschen nach Zigaretten. Ich hatte die Zigaretten vergessen.
Dann fing der Junge an, von seinem
Handball-Training zu erzählen, von dem er anscheinend gerade kam, und von
seinem Trainer. Ich versuchte eine Weile, seiner Geschichte zu folgen, aber es
war nur Gewäsch. Es ging um Umkleideräume und angeblich Biertrinken und wie
sie einmal der A-Jugend einen Kasten geklaut hätten, es gab absolut keine
Pointe. Ich hatte die Augen geschlossen.
"Wie spät ist es eigentlich?" fragte
der Junge. "Ich kann meine Uhr nicht mehr lesen."
"Schätze, so halb elf."
"Scheiße", sagte er. Er sprang auf und
begann sich die Sporttasche auf komplizierte Weise über die Schulter zu
hängen. "Bleibst du noch da?"
"Denk schon."
"Was machst du hier eigentlich?"
Ich zuckte die Achseln.
"Du hast doch selbst einen Balkon,
oder?" Er kniff ein Auge zu wie ein schlechter Detektiv, aber ich hatte
keine Lust, Geständnisse abzulegen und schwieg.
"Interessiert mich auch gar nicht",
sagte er.
"Dann ist ja alles okay. Und du kannst nach
Hause gehen und dich auf den Gutenachtkuß deiner übergeschnappten Mutter
freuen."
"Ich krieg doch keinen Gutenachtkuß",
sagte er angeekelt. Er lallte jetzt schon leicht. "Komm, sag schon."
Ich stellte den Martini auf meinen Oberschenkel
und gähnte. Der Junge schaute zur Fassade gegenüber. Sein Gesicht, das Gesicht
seiner Mutter, versuchte vergeblich, den alten Ausdruck von Teilnahmslosigkeit
wiederherzustellen.
"Ich weiß sowieso, was du hier
machst."
"Warum fragst du dann so blöd?"
"Du bist ein Exhibitionist."
"Was bin ich?"
"Du beobachtest die Leute, die da
wohnen."
"Das könnte ich auch von meiner Wohnung
aus", sagte ich und nickte zu meinem Küchenfenster rüber. "Du
Schwachkopf."
"Ich weiß es trotzdem."
"Schön für dich."
Er fuhr mit dem Daumen zwischen Schulter und
Tragegurt seiner Sporttasche entlang, als sei er jetzt wirklich entschlossen zu
gehen. Dann hockte er sich ganz dicht neben mich. Der blonde Flaum auf seinen
Unterarmen war nur noch wenige Zentimeter von meinem Gesicht entfernt.
"Los, sag schon, Mann! Ich erzähls auch
nicht weiter."
"Ich beobachte meine eigene Wohnung",
sagte ich gequält.
"Quatsch."
"Meine Freundin."
Er spähte hinüber in das dunkle Fenster.
"Ich seh nix."
"Liegt noch im Bett."
Der Junge beugte sich über meine Beine hinweg
näher an die Gitterstäbe. "Versteh ich nicht. Wenn sie deine Freundin
ist, warum gehst du dann nicht rüber?"
"Oh, Mann", sagte ich. "Wie alt
bist du eigentlich!"
"Dreizehn, hab ich doch gesagt."
"Hast du nicht."
"Stimmt aber, dreizehn. Also warum " Er
führte den Satz nicht zu Ende und drehte sich wieder um. In seltsamer
Übereinstimmung sahen wir konzentriert in mein Küchenfenster. Ein gereizter
Nerv breitete sich auf meinem Unterschenkel aus wie eine heiße Wasserlache. Ich
bewegte mich keinen Millimeter.
"Wann sieht man denn, ich meine, wann steht
sie denn auf? Ich muß jetzt wirklich nach Hause, sonst suchen sie mich."
"Das kann dauern."
"Scheiße."
Ich hielt die Flasche prüfend vor den Mond.
"Die ist leer", sagte der Junge.
"Hol ich halt Nachschub."
"Von drüben? Dann weckst du sie doch."
"Die schläft wie ein Stein", sagte
ich. "Der kann man nachts mit einem Ledergürtel ins Gesicht schlagen, ohne
daß sie aufwacht. Außerdem brauch ich Kippen."
"Du hast Kippen? Warum hast du das nicht
gleich gesagt?"
"Drüben."
"Jetzt eine rauchen!" sagte er
begeistert.
"Du wolltest doch nach Hause."
"Ja, aber eine rauchen wär nicht schlecht!
So als Abschluß." Sein Oberkörper schwankte. Er schien nun wirklich alle
Initiationsriten auf einmal durchmachen zu wollen.
"Ich seh mal nach, was sich machen läßt",
seufzte ich und tippte an seine Schulter, damit er mich vorbeiließ.
"Halten Sie hier solange die Stellung, Generalfeldmarschall Paulus!"
"Okay", sagte er und gluckste. Und dann
sinnlos: "Mir geht es gut."
In meiner Wohnung schaltete ich das Licht nicht
ein. Meine Freundin haßte es, wenn man nachts elektrisches Licht machte, sie
war völlig neurotisch. Am Wandschrank vorbei spähte ich durch das
Küchenfenster über den Hof auf den Balkon, da stand der Junge als dunkler
Schatten. Ich wollte nicht, daß er mich sah, und krabbelte auf allen vieren
durch meine Küche, angelte die Zigaretten vom Küchentisch und kicherte leise.
Vom Kühlschrank nahm ich eine halbvolle Flasche Sherry, die ich zum Kochen
benutzte.
Als nächstes rief ich wieder bei meiner Freundin
an. Es meldete sich eine Frau, die ich nicht kannte. Im Hintergrund war
Partylärm zu hören, schlimme 80er-Jahre-Musik, und die Frau am Telefon mußte
in den Hörer schreien. Ich schrie zurück. Ich sagte, daß sie meiner Freundin
ausrichten könne, daß ich heute nicht mehr käme. Dann wartete ich, weil ich
dachte, daß sie fragen würde, warum ich nicht mehr käme. Aber sie fragte
nicht.
"Hat sie heute Geburtstag?" rief ich.
"Was?" rief die Frau, und ich legte
auf.
Zurück auf dem Balkon, stand eine kreisrunde
Wolke am Abendhimmel, von der Großstadt rosa angeleuchtet.
"Lächerlich", sagte der Junge, mit dem
Rücken zu mir. Er hielt sich am Geländer fest und spuckte hinunter.
"Was?"
"Egal."
"Was ist lächerlich?"
"Kann ichn Schluck?"
Ich gab ihm den Sherry und setzte mich wieder.
"Was ist lächerlich?"
"Verstehst du nicht."
"Ah, versteh ich nicht", äffte ich ihn
nach.
Er verdrehte die Augen. Es war schon sehr dunkel,
auch im Hof war das Licht längst erloschen, aber das konnte ich noch sehen,
daß er die Augen nach oben drehte.
"Das ist was anderes", sagte er.
"Sherrywein."
"Schmeckt auch."
"Ja, schmeckt genauso."
Der Junge lachte, als hätte ich etwas sehr
Geistreiches gesagt.
"Hast du das." Er stieß auf.
"Hast du das mit dem Menschenfresser gesehen?"
"Was gesehen?"
"Der Menschenfresser da. Da hat einer einen
aufgegessen."
"Du meinst in Rotenburg? Ich hab davon
gelesen."
"Und glaubst du das?" Er sah mich an.
"Kannst du dir das vorstellen? Der ist da einfach mit der Bahn nach -
Rotenburg, und dann hat er sich aufessen lassen von dem andern. Glaubst du, daß
das stimmt?"
"Wenn es in der Zeitung steht, stimmt es
selbstverständlich."
"Das ist doch krank."
Er rutschte mit dem Rücken die Mauer hinunter,
bis fast sein gesamter Oberkörper auf dem Balkon lag. Dann hob er die Beine im
rechten Winkel und stellte die Füße gegen das Balkongitter. "Ich kann mir
das nicht vorstellen. Ich möchte mal wissen, was die geredet haben. Also nicht,
was du denkst. Aber was die geredet haben, ich meine, die haben ja nicht nur -
die haben auch vorher gegessen zusammen und alles. Die haben erst den Schwanz
von dem einen gegessen und das gefilmt, alles gefilmt. Aber das meine ich gar
nicht."
"Was meinst du dann?"
"Was ich meine, was die geredet haben. Der
Ton. Ich würd mir ein Bein ausreißen für dieses - ich kann mir das nicht
vorstellen."
"Was genau?"
"Wie das abläuft. Ich meine, das hat ja
Tage gedauert, die müssen sich ja unterhalten haben. Als sie schon wußten, was
sie gleich machen. Kannst du schon mal den Tisch decken, bitte? Oder? Das ist
doch krank."
Ich nickte. "Aber wenn beide einverstanden
sind, wo ist das Problem? Ich meine, was gibt es Schöneres, als wenn zwei
Menschen genau das machen, was beide sich wünschen?"
"Aber wenn der eine - nee." Er stellte
die Flasche auf seinen Bauch. Sein Hemd war etwas hochgerutscht. Er schob den
Schraubverschluß in seinen Nabel und drehte ihn langsam hin und her. "Ich
würd einfach gern wissen, warum - der hatte ja noch mehr, der hatte ja eine
lange Liste, die gegessen werden wollten. Ich hab mir das alles angeguckt, ich
hab auch Zeitung gelesen. Ich hab sogar ein Buch von meinem Vater gelesen. Ich
verstehs nicht."
Ich sagte, ich sei überzeugt davon, daß man das
nicht wirklich verstehen könne, und nahm ihm vorsichtig die Flasche aus der
Hand.
"Ich hab mir gedacht, vielleicht weil beide
so normal waren", fing er wieder an. "Daß das die Erklärung ist. Der
eine Ingenieur, der andere auch sowas Langweiliges."
"Dann fürchte dich schon mal vor der
Zukunft."
"Tu ich nicht."
"Die meisten Leute werden völlig
normal."
"Ich nicht. Ich will mit diesem ganzen Zeug
nichts zu tun haben."
"Mit welchem Zeug?"
"Mit diesem ganzen normalen Zeug.
Langweiliger Beruf, heiraten, Kinder kriegen, sterben."
"Dann ist Kannibalismus doch ein toller
Ausweg."
"Du kapierst es nicht, oder? Da ist doch gar
kein Unterschied. Gibma den Wein."
"Wo ist kein Unterschied?"
"Soll ich mal sagen, was in dem Buch von
meinem Vater drinstand? Da stand nämlich drin, daß das kein Unterschied ist.
Normal sein oder dings. Pervers."
"Aha."
"Genau." Er überlegte eine Sekunde.
"Das eine ist langweilig und das andere pervers, und die Leute machen
dieses perverse Zeug, weil sie langweilig sind, das ist die Ursache. Weil sie in
sich drin langweilig sind, müssen sie das machen, sonst könnten sies nämlich
nicht aushalten. Und daß die Leute immer Buchhalter sind und
Versicherungsvertreter und sowas." Er wiederholte diese Theorie noch ein
paarmal in anderen Worten, ohne ihrem Kern erheblich näherzukommen.
Schließlich beendete ich das Stochern im Nebel, indem ich fragte, was er denn
einmal werden wolle, außer normal und nicht normal gebe es ja nicht viel zur
Auswahl.
"Kosmonaut", sagte er schnell.
Ich fing an zu lachen. "Warum nicht gleich
Popstar? Oder Greenpeace-Aktivist?"
"Glaubst du nicht, oder? Ich werd
Kosmonaut."
Ich antwortete nicht.
"Egal", sagte er und sah nach oben.
Merkwürdig groß und symmetrisch und wie ein
Auge zwischen zwei Schornsteinen stand nun der Mond.
"Perigäum", sagte der Junge.
"Unsinn", sagte ich.
"Gar kein Unsinn. Mein Vater arbeitet bei
der DASA, der kennt sich aus. Man kann da reinkommen, der bringt mich da rein.
Ich studier Physik, und dann werd ich Pilot, und irgendwann "
"Die fliegen doch längst nicht mehr zum
Mond", unterbrach ich ihn.
"Das ist das Nächste, in zehn, fünfzehn
Jahren, die Mondstation. Ich bin gerade im richtigen Alter, sagt mein
Vater."
"Du glaubst das also."
"Ich bin der Dreizehnte."
"Der was?"
"Der Dreizehnte auf dem Mond. Zwölf waren
schon da."
"Kein Mensch -"
"Armstrong, Aldrin, Conrad, Bean, Mitchell,
Shepard, Irwin, Young - nee, Scott - Young ..."
"He!" sagte ich.
"... Duke, Cernan, Schmitt. Zwölf."
"Zwölf Mann in Hollywood. Ich bin
beeindruckt." Aus der Seitentasche meiner Hose holte ich die Lucky Strike
und suchte nach dem Faden, um das Cellophan aufzureißen.
"Du kannst mir glauben, mein Vater kennt
sich aus."
Ich unterdrückte ein Gähnen. "Hast du das
Buch gelesen?"
"Welches Buch?"
"Zwölf Mann in Hollywood. Red ich
chinesisch oder was?"
"Was soll das sein?"
"Das wundert mich jetzt." Ich steckte
mir zwei Zigaretten wie ein V in den Mund und zündete sie an. Ich zog einmal
kräftig und hielt eine dem Jungen hin. "Wenn du dich schon so toll
auskennst."
"Kenn ich aber nicht."
"Ein Mitarbeiter der Warner Brothers hat das
geschrieben. Über die Mondlandung in einem Hollywood-Studio."
"Versteh ich nicht."
"Dacht ich mir."
"Du meinst, das Ganze hat in einem
Filmstudio stattgefunden? Nee, oder?" Er hustete.
"Das meine ich nicht. Das ist
bewiesen." Ich legte den Kopf in den Nacken und blies den Rauch in den
Himmel. Eine Welle der Erleichterung rollte durch meinen Körper. "Das
wurde mittlerweile von hohen Mitarbeitern der NASA bestätigt. Die Mondlandung
fand in einem Hollywood-Studio statt. Hugh Hepforscher."
"Was?"
"Hugh Hepforscher. Presseoffizier der NASA,
hat einen Bericht darüber verfaßt. Er war der, der den geheimen Kontakt zu
Hollywood herstellte. Was ihm nicht gut bekommen ist."
"Schwachsinn", sagte der Junge und
stützte sich mit beiden Händen rückwärts auf dem Boden auf. "Wo steht
das?"
"Nirgends, fürchte ich. Hepforschers
Bericht wurde nie veröffentlicht. Er starb vor zwei Jahren unter ungeklärten
Umständen an einer Litfaßsäule, vierzig Meter vom Highway."
"Woher weißt du das dann?"
"Im Usenet findet man Bruchstücke seiner
Aufzeichnungen. Und das mit dem 'Unfall' ist genau dokumentiert."
"Armstrong war auf dem Mond", sagte der
Junge und nickte nach oben, als sei das ein Argument.
"Es ist schon technisch nicht
möglich."
"Er hat ja Mondgestein mitgebracht!"
"Mondgestein", höhnte ich. "Du
kannst es selbst sehen, den Amis sind diverse Fehler unterlaufen. Guck dir die
Fotos von der Mondlandung an, da sind nicht mal Sterne. Ist dir das nie
aufgefallen? Keine Sterne! Obwohl der Mond keine Lufthülle hat, ist auf keinem
einzigen der Fotos ein Stern, die haben sie einfach vergessen in die Kulissen zu
schneiden."
Der Junge hustete wieder, schaute seine Zigarette
an und schüttelte den Kopf.
"Du hast doch sicher Fotos", sagte ich.
"Gucks dir an. Auf keinem Bild ein einziger Stern. Oder die Fahne, die
Armstrong in den Boden rammt, weht im Wind. Aber auf dem Mond gibt es keinen
Wind."
"Gibt es denn in einem Hollywood-Studio
Wind?"
Das war nun eine selbst für einen
Dreizehnjährigen ziemlich dämliche Frage. "Ein Außendreh", sagte
ich. "Oder Windmaschine. Deshalb auch die Beleuchtung: Auf manchen Fotos
zeigen die Schatten der Astronauten und der Mondfähre in unterschiedliche
Richtungen. Scheinwerfer, Sonne."
"Das glaub ich nicht."
"Gucks dir an."
"Aber es gibt doch Raumfahrtprogramme. Mein
Vater arbeitet bei der DASA. Ich war sogar schon mal mit."
"Und hast du jemanden getroffen, der auf dem
Mond war? Natürlich gibt es Raumfahrtprogramme. Aber das ist alles
Waffentechnik und Satelliten hochschießen. Ein Mensch kommt da nicht hoch, und
es wird auch nie einer hochkommen. Es ist technisch unmöglich."
"Aber wenn man die Raketen verbessert
-"
"Es liegt nicht an den Raketen. Es liegt an
der physikalischen - an der Physik. In 6000 Kilometer Höhe ist der
Van-Ellmau-Gürtel, eine radioaktive "
"Van-Allen-Gürtel!"
"Sag ich ja. Und noch höher eine
Neutronenstrahlung, da kommt keiner lebend durch, das weißt du auch. Die
Radioaktivität, mit der ein Astronaut da in fünf Minuten beschossen wird, da
explodiert dir der Kopf von innen, so schnell wächst der Krebs. Und hatte dein
Armstrong Krebs?" Ich schnippte meinen Zigarettenstummel in einer
unsauberen Parabel über das Geländer. "Man müßte die Raumschiffe
meterdick mit Blei panzern. Aber das bringt kein Raketenantrieb der Welt nach
oben. Wenn dein Vater dir das nicht gesagt hat, ich meine, es ist doch klar,
warum dein Vater -"
Der Junge hörte mir längst nicht mehr zu, er
war in Gedanken versunken.
Ein angenehmer, kühler Wind wehte plötzlich aus
dem Hinterhof herauf. Jemand mußte das Tor unten aufgehakt haben. Der Junge
hielt mir seine ausgegangene Zigarette hin, ohne mich anzusehen, und ich
zündete sie wieder an.
Ich versuchte mich zu erinnern, was ich in diesem
Alter für Vorstellungen von der Welt gehabt hatte. Die Erinnerung war
merkwürdig verschleiert, ich kannte mich fast nur aus Erzählungen. Ich war ein
sehr sensibles, phantasievolles Kind gewesen, ein unfaßbar phantasievolles
Kind, wie meine Großeltern mir wieder und wieder bestätigt hatten. Und
natürlich hatte das amerikanische Raumfahrtprogramm auch mich, wie jeden
anderen, mit einem gewissen bizarren Schauder erfüllt, mit Entsetzen und
Begeisterung über die eigene Nichtigkeit. Aber ich wäre nie im Leben - ich
versichere: nie im Leben - auf die Idee gekommen, Astronaut werden zu wollen.
Ich wollte immer Firmenmitarbeiter werden. Weil mein Großvater
Firmenmitarbeiter war. Erst als ich meinen Abschluß machte und eine Lehrstelle
suchte, stellte ich fest, daß ich keine Ahnung hatte, was ich eigentlich
wollte. (Ich habe es, ehrlich gesagt, auch nie herausfinden können.)
Der Junge streckte die Hand aus, ich gab ihm den
Sherry. Er nahm einen winzigen Schluck und klackerte dann leise mit dem
Flaschenhals gegen seine Schneidezähne.
"Weißt du, was Armstrong gesagt hat, als er
den 'Mond' betrat?" fragte ich.
Das Klackern hörte auf. "Ein kleiner
Schritt -"
"Ja, aber auf Englisch. That's one small
step for man, one giant leap for mankind. Wenn man das auf Tonband rückwärts
abspielt, hört man: Never seen this. No. Man never space walk. Kannst du
Englisch?"
"Ja, natürlich. Nochmal!"
"Never seen this. No. Man never space
walk."
"Aber", sagte er, und dann sagte er
nichts mehr. Ich war mir nicht sicher, ob er weinte.
In der Straße hinter dem nächsten Häuserblock
klirrte die Tram vorbei, mit hundert schwarzen Augen schaute Nichts vom
Firmament. Der Junge atmete schwer, unter der Last der ungewohnten Erkenntnis.
Ich nahm seine Hand und drückte sie voller Mitgefühl, sie war heiß und
trocken.
Am Haus gegenüber flackerte ein kleines Rechteck
aus Licht auf. Ein winziger Mann erschien im Unterhemd in seiner winzigen
Küche, milchig durch die Stores, irgendein Perverser. Der Mann bückte sich
hinunter, öffnete den Kühlschrank und nahm eine Dose Buttermilch heraus und
setzte sie an die Lippen. Er betrachtete etwas auf seinem Unterarm, kratzte
daran und trank weiter. Dann hob er ein Kalenderblatt an und ließ es
hinuntersegeln. Das Licht ging wieder aus, und die ganze Fassade wurde dunkel.
Nur ein leuchtender, roter Punkt blieb im Fenster zurück, vielleicht die
Anzeige eines Boilers, der angesprungen war. Nach zehn Minuten wiederholte sich
das Geräusch der Tram.
"Ich muß nach Hause", sagte der Junge
und zog seine Hand aus meiner.
Er stützte sich beim Aufstehen an der Wand ab
und kam einen Schritt auf mich zu. Sein Atem pumpte gegen meine Schläfe, aber
ich schaute nicht auf. Falls er gedacht hatte, daß ein tränenreicher Abschied
nun das Richtige für uns sei, war er bei mir an der falschen Adresse.
"Geh schon", sagte ich. "Du
schuldest mir nichts."
In der Flasche waren noch ein paar Tropfen
Alkohol. Ich kippte sie, und der Sherry rann über den Betonboden neben mir,
dunkel und parallel zu meinen Beinen, und suchte sich einen Weg in die Tiefe.
Nach einer Minute hörte ich im Erdgeschoß die Haustür, hörte die kleinen
Schritte über den Hof trippeln und zögern (die Sehnsucht! ach, die
Sehnsucht!), schließlich verschwinden.
Zurück in meiner Wohnung stellte ich fest, daß
ich zwei neue Anrufe auf dem AB hatte. Ich rupfte das Telefonkabel aus der Wand,
zog mich nackt aus und legte mich ins Bett. Die Hitze hatte kaum nachgelassen,
im Gegenteil, die Luft schien im Dunkeln noch wärmer und fester geworden zu
sein. Selbst nackt war es kaum auszuhalten. Ich stand wieder auf und öffnete
alle Fenster meiner Wohnung, dann schob ich mein Bett unter das große Fenster
und sah von dort hinaus in die Nacht. Der Mond hatte sich über das Vorderhaus
geschwungen und schien jetzt direkt auf meine angewinkelten Beine, deren
Schatten zusammen mit den Schatten, die das weiße Laken warf, der Marmorierung
des Mondes rührend ähnlich sahen. Ich wußte, daß ich nicht würde
einschlafen können. Mehrere Stunden lang lag ich wach und unbeweglich unter dem
wandernden Licht und spürte ein Gefühl, das ich so noch nicht kannte, das
sonderbare Gefühl, als wäre ich auf einmal sehr bestimmt und klarumrissen und
deutlicher von meiner Umgebung unterschieden als sonst, als bei Tag. Als würde
auf jeden Quadratzentimeter meiner Haut ein präziser hydraulischer Druck
ausgeübt, der meinen Körper in genau die Form preßte, die die Natur
ursprünglich für ihn vorausgesehen hatte, ein unendliches Glücksgefühl,
verdammt zur Bewegungslosigkeit für die nächsten Stunden, für die Nacht, für
die nächsten fünf Milliarden Jahre, unter meinem Fenster, unter dem grünen
Himmel, unter dem Mond, in einem sonderbar unverständlichen Universum wie
diesem.
Rezension I Buchbestellung I home 0I05 LYRIKwelt © Bachmannpreis I ORF I W.H. I Eichborn