Johann Timotheus Hermes von Johann Caspar Lavater: Physiognomische Fragmente. 1775-1778, www.wikipedia.org (hf0212)Johann Timotheus Hermes

Morgenlied eines armen Mannes

Weckst du mich zum neuen Jammer,
Tag, den meine Sehnsucht rief,
Als in meiner kleiner Kammer
Weib und Säugling ruhig schlief?
Trefft nur mich, ihr neuen Sorgen,
Schonet doch des Weibes Herz,
Weck' sie spät, qualvoller Morgen,
Ach ihr letzter Blick war Schmerz.

Ruh nur sanft: die Qual des Lebens,
Säugling, trifft dich nie zu spät!
Du wirst fühlen, wie vergebens
Meine Wehmut für dich fleht.
Bald fällt deine nackten Glieder
Jedes Wetter grausam an.
Bald quält dich der Hunger wieder,
Den mein Weib nicht stillen kann.

Schlummre, Freundin meiner Jugend,
Fühl die Not nicht, die mich schreckt,
Sie ist da, weil Fleiß und Tugend
Mich nicht mehr wie vormals deckt:
Ich kann Kind und Weib nicht retten.
Gott der Gnaden, das kannst du.
Mach sie glücklich, und zieh Ketten,
Die mich drücken, fester zu.

Ich will still auf rauhen Wegen
Des gewohnten Jammers gehn
Und auch heut' um Brot und Segen
Für mein Kind und Weib dich flehn.
Sie erwachen - o dein Scherzen
Säugling, wie durchdringt es mich.
Diese allertiefsten Schmerzen
Wahrlich, Herr, sie jammern dich.

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