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Warte im Schatten auf mich
Am Anfang waren die Wörter undurchdringlich. Am Anfang war dieser Ort kalt und leblos. Nicht für einen Menschen eingerichtet. Nicht für einen Menschen eingerichtet, der bleibt. Tausende von Schuhpaaren. Das Rattern der Koffer auf Rädern. Die Gepäckcaddies. Am Anfang gingen nur Schuhe vorbei, Hosenbeine, Damenbeine in Strümpfen. Zollfreie Souvenirs in Plastiktüten.
Lange dauert es, bis er den Blick hebt, bis er bemerkt, daß die vorbeiziehenden Schatten Gesichter haben, und in den Gesichtern Augenpaare, und in jedem Augenpaar eine andere Bewegung, manche ruhig wie uferfernes Seewasser bei Windstille, manche klein und knopfartig wie die immer angstbereiten Augen von Nagetieren, andere steinkalt wie die Schnallen ihrer Gürtel, die sie hochziehen, wenn sie aus der Toilette kommen. Und das Reden überall, das Reden in die kleinen flinken Mobiltelefone, die jederzeit unter jedem Jackett losklingeln können. Kaum aus der Schranke getreten, zücken sie ihre flinken kleinen Maschinen und beginnen zu sprechen. Vor den Abfluggates stehen immer welche, ihre Hände klimpern mit einem Schlüsselbund in der Hose, die Jackettasche von einer Zeitung verbeult, und sie telefonieren, bevor sie in die Zone treten, wo sie ihr Mobiltelefon abschalten müssen. Obgleich sie beim Telefonieren in die Runde blicken geht ihr Blick doch nach innen, und an ihren wässrigen Augen sieht man, daß sie nichts sehen. Am einfachsten ist die Orientierung bei den japanischen Geschäftsleuten. Diejenigen, die sich beim Telefonieren ständig verbeugen, sind die Untergebenen. Die anderen, die breitbeinig, mit hocherhobenem Kopf telefonieren, sind ihre Vorgesetzten. Manchmal sieht er einen solchen Vorgesetzten mit starrer Miene telefonieren, und beim nächsten Gespräch sieht er, wie er sich den Schweiß von der Stirn wischt.
Wenn nur der Nebel nicht wäre. Da draußen hinter den Glaswänden scheint die Sonne. Doch die Sonne trügt. Immer war die Sonne eine große Betrügerin. Es ist lange her, aber die Zeit ist nichts als ein Kreis, der sich um sich selbst dreht. Das weiß er. Denn ist es nicht vorbei, das Dasitzen in der Sonne Teherans? Und ist die Sonne Teherans mit ihm hierher gekommen. Sie ist es nicht. Diese Sonne da draußen hinter den Glaswänden ist nicht die Sonne Teherans. Diese Sonne hier ist überhaupt keine Sonne. Sie ist eine schwächliche Lampe, die einige Stunden leuchtet und dann erlischt. Tag für Tag. Wenn es denn Tage sind. Sind es nicht weit mehr Stunden, die sich aneinander klammern wie junge Hunde? Nein, Hunde sind lebendig, sie gähnen, sie balgen sich, sie lecken einander ab. Die Stunden hier sind aus gesichtslosem Beton. Nichts an ihnen lebt. Sie kriechen ins Herz und lähmen es. Kann ein gelähmtes Herz den Weg nach Hause finden? Kann ein gelähmtes Herz wissen, wo der Nebel endet?
Als er Teheran verließ, war die Sonne nicht mehr sein Feind. Anfangs hatte er sich gegen sie gewehrt, hatte den spärlichen Schatten gesucht. Als seine Zunge anschwoll, seine Ohren das Sirren von stürzendem Metall hörten, seine Augen den weißen Nebel im Innern der Dinge sahen, da war die Sonne nicht mehr sein Feind. Er ging mühelos durch die Straßen, Gesichter näherten sich, offene Münder, Augen drangen in ihn, ohne dass er verstand, wonach sie suchten. Die Sonne war nicht mehr sein Feind. Wen sonst sollte er fürchten? Die Schatten waren einmal Männer gewesen. Nun war er mit ihnen in eine Stille eingetreten, die ohne Bedrohung war.
Das Flugzeug war aufgestiegen in einen metallenen Himmel. Die Erde, über die sie flogen, war ein menschenleerer Raum. Ockergelbes Land. Dann endlose Bergketten. Das Meer, auf dem ein Schiff stillstand. Dann brach das Licht, das Land wurde grau. Die Farben dünnten aus. Die Maschine brach durch die Wolken. Endlose Transportschneisen zeigten die Anwesenheit des Menschen.
Als er das Flugzeug verließ, blendete ihn kaltes Röhrenlicht. Beamte in blauen Uniformen, harter Blick, nahmen ihn unterm Arm. Sie führten ihn in ein leeres Zimmer, in dem die Zeit von schmutzigem Licht aufgesogen wurde. Die graue Wand in diesem fremden Land unterschied sich in nichts von der grauen Wand im Keller des Teheraner Evin-Gefängnisses. Doch es waren die Schreie aus dem Folterraum, die Fratzen an die Wand malten. Der Boden war bedeckt mit Urin, Scheiße und Blut. Er war zu erschöpft, um die Füße zu heben. Immerhin stammten diese Säfte von Menschen. Von Menschen, die über die Folter hinaus, die aus ihnen geschnürte Fleischbündel machte, Menschen blieben. In diesem Land schrie niemand. Die Stille war wie ein schwarzer Sack. Sie ließen ihn warten, bis er sich nicht mehr von der Bank, auf der er saß unterschied. Wenn das Metall dieser Bank an seiner Wange auch nicht sein Freund war, so ließ es ihn doch gewähren, als er sich auf ihr langstreckte.
Eine Hand schüttelte ihn. Sie führten ihn in einen Nebenraum. Sie setzten ihn auf einen Stuhl. Ihm gegenüber saßen zwei Männer. Einer von ihnen sprach in einer unverständlichen Sprache. Als der andere zu sprechen anfing, erschrak er. Dies waren Worte seiner Muttersprache. Dies waren Worte, die man zu Hause hörte. Aber wie diese Worte zusammengebunden waren, das war nicht zu Hause. Es waren Sätze, wie man sie im Verhör benützt. Sein Name? Sein Beruf? Adresse? Weshalb hatte er den Iran verlassen? Warum war er hier? Warum hier und nicht anderswo? Wer waren seine Freunde? Wer sein Vater, seine Mutter? Wie hatte er ausreisen können? Wer hatte ihn geschickt? Wo war sein Gepäck? Noch einmal: War dies sein richtiger Name? Wer hatte ihn geschickt? Für wen arbeitete er?
Er wurde in den grauen Raum zurückgeführt. Da die Zeit aufgehört hatte zu existieren, war auch der Raum nichts als Verneinung. Eine graue Wand, die jeden Gedanken auslöschte. Irgendetwas in ihm lebte und machte weiter. Irgendwann brachten sie ihn in den Nebenraum. Der Übersetzer erklärte ihm, dass man ihn nicht zurückschicken werde, wenn er diese Papiere unterschreibe. Diese Papiere bedeuteten aber nicht, dass er in dieses Land einreisen könne. Er werde in ein noch zu eruierendes Drittland abgeschoben. In der Zwischenzeit habe er keine Erlaubnis, diesen Flughafen zu verlassen.
Im Bye Bye nennen sie ihn Sir Alfred. Weil auf seinen Brief an die englische Einwanderungsbehörde ein Brief mit der Anrede Dear Sir, Alfred, kam, in dem ihm mitgeteilt wurde, dass sich die Behörde leider außer Stande sehe, seinem Gesuch zu entsprechen. Wenn Lucy Dienst hat, bekommt er zum Tee ein Croissant und ein Stück Toast. Vor dem Tee wäscht er sich auf der Herrentoilette. Hin und wieder rasiert er seinen Bart, wobei er den Schnauz stehen lässt. Er betrachtet sein Spiegelbild. Er fährt mit seiner Hand durch sein schütteres Haar. Er ist kahl geworden in den Jahren hier auf dem Flughafen. Es ist lange her, dass er in den Spiegel sah und die Selbstverständlichkeit spürte. Selbstverständlichkeit? Wenn man man selbst ist.
Am Anfang hat Lucy das Sir der anderen übernommen. Sie hat ihm seinen Tee serviert und ihm aufmunternd zugelächelt. Irgendwann hat sie ihn angesehen, ihre Blicke haben sich gekreuzt. Seitdem nennt sie ihn Alfred, ein wenig verschämt darüber, dass sie seinen richtigen Namen nicht kennt. Eines Tages fragt sie ihn nach seinem Namen. Das weißt du doch, sagt er. Nein, dein richtiger Name, sagt sie. Ich heiße Mehran Karimi Naseri, sagt er, und seine Augen glühen. Sie spricht seinen Namen nach. Er hilft ihr lächelnd dabei. Sie wiederholt seinen Namen zweimal. Er ist stolz.
Wie geht es, Sir Alfred, fragt die vertraute Stimme von Doktor Cohen. Es muß Donnerstag sein. Doktor Cohen setzt sich neben ihn auf die Bank wie jeden Donnerstag, ehe er seinen Dienst antritt. Er hebt den Kopf und sieht in die Augen von Doktor Cohen. Gut, sagt er, es geht mir gut. Wie gefällt dir das Buch über Prinzessin Diana, fragt Doktor Cohen. Es gefällt mir gut, antwortet er. Nur eins verstehe ich nicht. Wie kann der Autor das alles wissen, ich meine die vielen Einzelheiten? Mir würde der Kopf platzen, sagt er und zeigt, wie sein Kopf platzen würde. Er hat viele Menschen befragt, sagt Doktor Cohen, und den Rest hat er vielleicht erfunden, wer weiß. Erfunden, wiederholt er langsam, das ist es, erfunden. Nach einer Pause sagt er: Weißt du, Doktor, wir sind alle frei etwas zu erfinden. Ist es nicht so? Wir sind alle frei etwas zu erfinden. Er erhebt sich und geht hin und her. Wir alle, Doktor. Auch wir hier auf dem Flughafen. Seine Augen leuchten. Hast du eine Zigarette, Doktor? Doktor Cohen reicht ihm die Schachtel. Er zündet sich eine Zigarette an und steckt die Packung in seine Jackentasche. Danke, Doktor. Er inhaliert den Rauch tief und schaut in die Ferne, wo ein Flugzeug mit großem Lärm startet. Er setzt sich und beginnt in sein Tagebuch zu schreiben. Doktor Cohen verlässt diskret den Tisch.
Wie es wirklich ist, wie sich ein Tag an den anderen fügt, wie man ihm seine Papiere ausstellt und wie die Zeit über dem Schriftverkehr vergeht, den die Behörden mit den Behörden anderer Länder führen, wie es wirklich ist ist für ihn ohne Bedeutung. Gewiß, es gibt Eingaben zu machen, es treffen Schreiben ein, die er nicht versteht und die sein Anwalt, Doktor Grandsard ihm erläutert. Aber das alles betrifft ihn nur von ferne. Der Rauch von der Zigarette führt ihn weit hinaus jenseits des Flughafens, wo die Jahre seiner Prüfungen wie helle Steine beinander liegen. Noch immer tränkt sein Großvater die Ziegenherde an der Wasserstelle. Seine Augen sind so hell von Liebe, als er über die hitzeflimmernde Ebene herüberruft: Warte im Schatten auf mich.
Rezension I Buchbestellung I home III08 LYRIKwelt © Wolfgang Hermann