Aller Liebe Anfang von Judith Hermann, 2014, S.FischerJudith Hermann

Aller Liebe Anfang
(Leseprobe aus: Aller Liebe Anfang, Roman, 2014, S. Fischer).

Es ist so – Stella und Jason begegnen sich in einem

Flugzeug. Eine kleine Propellermaschine, kein weiter

Flug. Stella kommt von Claras Hochzeit. Sie hat den

Brautstrauß gefangen, wahrscheinlich ist sie deshalb

so aufgelöst, und sie hat sich von Clara verabschieden

müssen, deshalb ist sie so verloren. Es ist eine schöne

Hochzeit gewesen, von nun an muss Stella alleine weitersehen.

Jason kommt von der Baustelle, er hat Fliesen

gelegt, deshalb ist er so staubig, und er hat die

ganze Nacht lang gearbeitet, er ist im Morgengrauen

zum Flughafen gefahren, deshalb ist er so müde. Die

Arbeit ist beendet, er wird sich eine neue Arbeit suchen.

Das Schicksal, wer auch immer, setzt Stella neben

Jason, Reihe 18, Sitz A und C, Stella wird die Bordkarte

jahrelang aufheben. Jahre lang. Jason sitzt am

Fenster, der Platz neben ihm ist frei, Stellas Platz liegt

am Gang, aber sie setzt sich trotzdem neben Jason, sie

kann nicht anders. Jason ist groß und mager, unrasiert,

seine schwarzen Haare sind grau vom Staub. Er

trägt eine grobe Jacke aus Wolle und eine schmutzige

Jeans. Er sieht Stella an, als sei sie nicht bei Trost, er

sieht sie zornig an, sie schreckt ihn auf. Keinerlei Umschweife.

Nichts, was hinauszuzögern gewesen wäre.

Hätte Stella nicht Claras Brautstrauß gefangen – Jasmin

und Flieder, eine üppige Pracht mit einer seidenen

Schleife zusammengebunden –, wäre sie nicht so

atemlos. Glühende Wangen, eine erschreckende Distanzlosigkeit.

Stella. Ich heiße Stella.

Sie sagt, ich habe Flugangst, ich ertrage das Fliegen

nicht gut, kann ich neben Ihnen sitzen, könnte ich

bitte einfach neben Ihnen sitzen bleiben.

Das ist die Wahrheit. Jasons Gesichtsausdruck verändert

sich, er wird nicht unbedingt weich, aber er

verändert sich. Er sagt, Sie brauchen keine Flugangst

zu haben. Setzen Sie sich hin. Ich heiße Jason. Setzen

Sie sich.

Das Flugzeug rollt über die Startbahn, beschleunigt,

hebt ab und fliegt. Das Flugzeug fliegt hoch in den

blassen, fernen Himmel, es bricht durch die Wolken,

unter ihnen bleiben das Land, ein anderes, früheres

Leben zurück. Jasons Hände sind dreckig und voller

Farbe. Er dreht die rechte um und hält Stella seine

offene Handfläche hin. Stella legt ihre linke Hand in

seine, seine Hand ist rau und warm. Er zieht ihre

Hand zu sich rüber, legt sie in seinen Schoß, schließt

die Augen, dann schläft er ein. Später wird das ein

Vorzeichen sein. Stella hätte damals schon verstehen

können – sie hat Angst, und Jason schläft. Schläft, obwohl

sie Angst hat. Aber er würde sagen, er habe geschlafen,

damit sie sehen konnte, dass es unsinnig

war, Angst zu haben. Sie hat das damals nicht verstanden.

(...)

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