Die Tiefe der Talkshow von Wlfgang Herles, 2004, dtv

Wolfgang Herles

Die Tiefe der Talkshow
(aus: Die Tiefe der Talkshow, Roman, 2004, dtv)

Anselm Klamm hätte gerne gewusst, wie er gewesen war.  Jemand musste es ihm sagen! Jemand, der es gut mit ihm meinte. Jemand, der ihn durchschaute. Also Leo. Leo war unersetzlich.

Zwar besaß so gut wie jeder seiner Zuschauer eine starke Meinung. Anselm aber misstraute allen Meinungen, besonders den starken. Die von ihm Begeisterten liebten die Hitzigkeit seiner Sendung und bewunderten seine Schlagfertigkeit. Anselm nahm sie so wenig ernst wie die anderen, die sich an seiner lärmenden, verletzenden Bissigkeit stießen, ihn für hochmütig, nassforsch und selbstsüchtig hielten und seine Sendung gerade deshalb nicht versäumen wollten.

Anselm war eine Ausnahme. Davon wenigstens war er selbst überzeugt. Wer ihn nicht mochte, konnte sich an Johannes, Gabi, Reinhold, Sabine, Maibritt, Sandra, Bio, Tobi und all die anderen halten. Bitte sehr!

Seiner Streitlust wegen war Anselm umstritten. Er war gern umstritten. Nur sollte niemand daraus schließen, Anselm hätte Klamm hakt nach für eine großartige publizistische Leistung gehalten. Er war doch nicht blöd.

»Entschuldige, Anselm, ich bin eingeschlafen. Keine Ahnung, wie ich das alles schaffen soll.«

Anselm hörte einen Vorwurf heraus, als trüge er Schuld an Leos Erschöpfung, als lasse er sie mit dem Leben allein, trieb sich zu seinem Vergnügen in Berlin herum. Leo musste doch eine Ahnung davon haben, welch schwere, zermürbende Arbeit die Produktion heißer Luft war. Wozu war man miteinander verheiratet, wenn nicht dazu, Qualen zu teilen?

Sie hatte sich herausgenommen, als kritische Instanz auszufallen. Wahrscheinlich hatte sie wieder Freundinnen bekocht. Aber sie hätte sich ja wenigstens die Sendung aufzeichnen können. Anselm spürte mehr als nur eine gewisse Enttäuschung. Er fand, Leos Solidarität hätte ihm zugestanden.

»Du lachst nicht mehr«, hatte sie ihm kürzlich vorgeworfen.

Er hatte es auch schon bemerkt. Sein hemmungslos schepperndes Gelächter kam nur noch selten. Meistens drückte sein Mienenspiel Häme und Spott aus.

Er hatte schon an Altersdepressionen gedacht. Aber Tobi wurde auch fünfzig, und lachte alle drei Minuten wie bescheuert los. Nein, die Ursache seiner Lachhemmung war Verachtung. Verachtung für Politiker, die sich von ihm vorführen ließen. Verachtung für das Publikum, das sich von ihm etwas vormachen ließ. Man hätte auch sagen können, Anselm zweifelte am Sinn seiner Arbeit.
Umso mehr brauchte er Leos Hilfe. Es war höchste Zeit, dass Leo ihm wieder einmal auseinander setzte, dass a) die Menschheit nicht schuld an seinem Elend, b) sein Elend vergleichsweise erträglich sei. Aber Leo tat es nicht. Selbst sie hatte seine Show nicht mehr ertragen. Das war die eigentliche Katastrophe.

Ihr wiederholtes Argument: »Mit der Talkshow richtest du mehr aus als mit Leitartikeln. Du solltest dankbar sein. Dankbar, hörst du, dankbar!«

Natürlich war das Unsinn. Trotzdem waren es solche Leo-Sätze, die ihm den Klamm-hakt-nach-Ton überhaupt noch ermöglichten: auftrumpfend, besserwisserisch, drängelnd.

Anselms Gäste waren ausschließlich Politiker. Die leichtesten Opfer. Die billigsten Siege. Politiker ließen sich von ihm die Eier aufschlagen um zu beweisen, wie viel Schmerz sie aushielten. Auch dafür verachtete sie Anselm. Und zugleich bewunderte er ihre Schmerzunempfindlichkeit. Diese Eigenschaft hätte er selbst gern gehabt. Die Gehetzten in seiner Sendung waren doch in Wahrheit nicht die Politiker, sondern er selbst.
»Bald werden die Zuschauer spüren, dass du nichts von dir hältst. Und bitte glaube nicht, dass eine seriöse Zeitung dich wieder nähme. Einmal Fernsehen, immer Fernsehen.« O-Ton Leo.

Damit hatte sie Recht. Trotzdem war da das Gefühl, Talent und Lebenskraft zu vergeuden. Tobi golfte. Bio kochte. Sabine zog von Gala zu Gala. Johannes und Günther verbrachten ihr Leben komplett im Studio und kamen schon deshalb nicht zum Nachdenken. Aber ihn langweilte sein Leben, mochten es auch Millionen für glanzvoll halten.

Gestern abend dann die Merkel. Ihr trostlos anbiedernder Hundeblick, ihre ungelenken, hölzernen Gesten, bei denen die Oberarme stets an den Körper geklemmt blieben. Ihr leiernder Trotz, ihre robusten Schmerzenszüge, ihre knopfäugige Selbstgerechtigkeit, ihr neongrüner Blazer. Er hatte sie angeknurrt. Aber die Merkel war unzerbrechlich wie eine Plastikente. Sie hatte Anselm seine Wirkungslosigkeit demonstriert. Er war an ihr gescheitert. Schon deshalb hätte er Leos Trost gebraucht.

Leo hätte wenigstens sagen können: »Achtzig Millionen Deutsche beneiden dich, Anselm, hörst du! Also stell dich nicht so an!«

Aber sie hatte die Sendung gar nicht gesehen.
»Leuten ins Wort fallen, das kannst du!« Ein anderer ihrer Sprüche.Soso! Warum geben Sie nicht zu, dass ...?
Könnte es nicht sein, dass... ?
Warum sagen Sie nicht gleich, dass ... ?
Anselms Stärke waren Unterstellungen. Er gab sie aus nächster Nähe ab wie aufgesetzte Kopfschüsse.
Die Nähe war entscheidend. In anderen Talkshows schuf ein Tisch Distanz zwischen Talkmaster und Gästen. Oder die Delinquenten konnten sich in sanft geschwungenen Polstermöbeln zurücklehnen. Klamm hakt nach sah Wohlfühlen nicht vor. Anselm grapschte mir den Händen nach den Leuten, grinste ihnen zum Anspucken nah ins Gesicht. Würde jemand auf ihn schießen, würde er sich wahrscheinlich auf Notwehr berufen. Nur ließ Anselm niemandem die Zeit, seine Waffe zu ziehen. Schon zum Luftholen blieb keine Zeit. Anselm fuhr in die knappste Atempause. Bei ihm gab es kein Rasten. Nur Ausrasten. Wahrscheinlich war er der einzige Mensch auf der Welt, der ganz allein ein Kreuzverhör zustande brachte. Die Regie tat ein Übriges. Sie produzierte Achssprünge, Anselm von links, Schnitt, Anselm von rechts, als säßen zwei Klamms im Studio, die ihr Opfer in die Zange nahmen.

Seine letzten Skrupel hatte er mit der Behauptung beruhigt, er stehe im Dienste der Wahrheit. Wie aber konnte er der Wahrheit dienen, wenn er nur eine Rolle spielte? Täuschte er sich damit nicht selbst? War er in Wahrheit nicht ein Diener der Lüge, der als Vollstrecker der Wahrheit kostümiert war? Es waren, wie er wohl wusste, die Spielarten der Lüge, die seine Sendung vergnüglich machten.
Die Politiker begrüßten denn auch seine Schärfe. Je unverschämter er sie attackierte, desto glaubwürdiger klangen doch ihre Lügen! Am besten kamen Lebenslügen an. Die meisten Politiker logen nämlich nicht aus niederen Beweggründen, sondern belogen auch sich selbst.

Gleich nach dem Aufwachen hatte er Leo angerufen. Nach dem sehr kurzen Gespräch war er gekränkt ins Bad geschlurft und hatte sich den pelzigen Geschmack aus dem Mund gespült. Es war ihm, als sei sein Zahnfleisch das einzige, was noch blutete an ihm.

Die Show wurde in Berlin produziert. Am Mittwochmorgen flog Anselm hin, Donnerstags war die Sendung, Freitagmorgen verließ er die Hauptstadt wieder, um im Süden das Leben fortzusetzen, das er unterbrochen hatte. Er zog Grünwald dem Grunewald entschieden vor. Der Aufenthalt in Berlin war eine Art Kriegseinsatz. Weder er noch Leo dachten daran, nach Berlin zu ziehen. Wusste man denn, ob es die Show in einem, zwei oder drei Jahren noch gab?

Am Flughafen in München stand Anselms BMW in der Garage. Er fuhr nicht auf kürzestem Weg nach Hause, sondern gönnte sich bei Käfer's in Bogenhausen einen Schluck Prosecco. Die bestgerichteten Zähne Deutschlands waren hier zu sehen und die gepflegtesten unrasierten Männer. Hier scherte sich keiner um eine Fernsehnase, es gab zu viele davon. Wozu das Verlangen nach Sinn? Hier saßen genügend Leute herum, die eine Menge Geld mit Unsinn verdienten. Und es sah nicht danach aus, als wären sie deshalb unglücklich. Vielleicht lag das Geheimnis eines glücklichen Lebens einfach nur darin, sich im Sinnlosen einzurichten. Vielleicht hatte Leo doch Recht, und es gab triftigere Gründe, am Leben zu verzweifeln, als das Moderieren einer Talkshow. Kein übler Gedanke. Vielleicht sollte er ihn einmal in seiner Kolumne aufgreifen. Anselm hatte jetzt zwei Gläser Prosecco im leeren Magen

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