Die Niedertracht der Musik von Alban Nikolai Herbst, 2005, Tisch7-Verlag

Alban Nikolai Herbst

Roses Triumph
(Leseprobe aus: Die Niedertracht der Musik, S. 13-25, Erzählungen, 2005, Tisch7-Verlag)

Niemals wäre Erwin Rose Gegenstand literarischer Würdigung geworden, hätte sich nicht in seinem 51. Lebensjahr ein sonderbarer Umbruch vollzogen. Doch bekam ihn kaum jemand mit. Er erstaunte den distanzierten Bürovorsteher selbst – einen seit über dreißig Jahren völlig erregungslosen, dem Kanzleileben dienenden Charakter. Nicht daß der Mann devot gewesen wäre, doch ein Gleichmut, der ihm innere Ruhe und auch Abstand gewährte, hatte ihn die politischen Nervositäten unterschlafen lassen, von denen vor allem die späten Siebziger durchwühlt worden waren. Und ihm bis heute erlaubt, jederlei Lehrlingsprotest, wenn er tradierte Abläufe störte, gleichsam instinktiv in eine Art Urvertrauen zurückzuleiten. Ohnedies ist die Kanzlei, in der Erwin Rose seit Jünglingszeiten beschäftigt und seit über drei Jahrzehnten ins Vertrauen des Chef-Sozius’ Dörrbecker gewachsen war, von politisch grellem Belang niemals bewegt gewesen. Scheidungen, Mietstreitigkeiten, Bußgeld- und Asylverfahren bestimmten den kleinen Betrieb; die auch in juridischer Hinsicht recht wechselvolle Historie rührte in ihm kaum einen Wellenring auf. Die Protestzwiebeln, die, selten genug, der Büronachwuchs warf, klatschten in den Schlick einer lehrväterlichen Umarmung. Nur in ganz seltenen Fällen zogen sie Wurzeln, so daß Erwin Rose ihre Triebe kupieren mußte.

An diesem Sommernachmittag stülpte den Mann jedoch etwas um. Möglicherweise hätte ein guter Beobachter die Veränderung registrieren können: ungewisser Blicke wegen, die der Bürovorsteher seither seinem Chef hinterherwarf, oder aufgrund der einen oder anderen scheinbar motivlosen Geste. Oder weil sich Rose seltsam schneuzte und danach qualitativ neu mit den Nasenflügeln zuckte. Marginalien also nur. Doch den Beobachter gab es ohnedies nicht.

Rose war seit mehr als einer Stunde vom Mittagstisch zurück. Er saß über einen Schriftsatz gebeugt, den eines der Lehrmädchen nach Diktafon getippt und dem Bürovorsteher zur Korrektur vorgelegt hatte. Während er las und mit der Mine eines Bleistiftstummels die eine und andere Verbesserung in die Zeilen ritzte, rauchte er eine dickliche Fehlfarben. Bisweilen hüstelte er. Da fuhr es in ihn. Etwas schlug erst die Stirn durch und dann in die Gedankenwatte, die sein Einverständnis vor Belästigungen schützte. Der Prozeß brauchte volle zwei Minuten, in denen der Bürovorsteher erst aufsah und dann sich auf einen Flecken jenseits der Bürowand konzentrierte, also auf einen draußen im Flur. An ihr selbst gab es nichts Irreguläres. Sie war nichts als Tapete und altgelbes Weiß. Dann war das Hindurchgebrochene zwar nicht schon Rose zu Bewußtsein gekommen, aber doch in seinem Empfinden, bei seiner großen Empfindsamkeit angelangt. Und bettete sich ein.

Roses Blick rutschte von dem Flecken weg und schlingerte den Büroschlauch entlang über schmale Jungmädchenrücken, die Papier und Schreibmaschinen beugten. Er fing sich, ermüdet, erst an der Türklinke. Doch gelang es dem Bürovorsteher nicht, die Lider zu schließen. Seine Pupillen verengten sich, selbst die Regenbogenhäute zogen sich zusammen, wahrscheinlich dem höchsten Intensitätsgrad seiner inneren, vergeblichen Abwehr korrelierend. Dann ergab sich Erwin Rose.

Schläfenabwärts rann Schweiß. Rose tupfte ihn ab. Sehr kurzfristig fror er an den Ohrläppchen. Doch führte er den sich einklopfenden Kopfschmerz darauf zurück, daß im Büro selbst hellichten Tages die Neonröhren brannten. Da konnte, wie sie nur wollte, die Sonne scheinen. Zum ersten Mal in seinem Leben beengte ihn das. Wie stickig es war! Er hüstelte wieder, drückte die Zigarre aus. Das Deckblatt splitterte, Kräuselrauch flatterte aus dem Aschenbecher. Der brenzlige, scharfe Geruch war dem Bürovorsteher sehr unangenehm. Und entgegen aller Gewohnheit ließ er eine Arbeit liegen, erhob sich, ging zum Fenster, öffnete die Schließen.

Auf dem Platz vor dem Haus, zwei Stockwerke unterhalb des Fensters, wurzelte eine bis zum Dachgeschoß ihr Ast- und Blätterwerk entfaltende Kastanie. Noch standen Kegel auf den Zweigen. Weit unter der Krone, unten, neben dem Stamm, war gelbgrün das Haltestellenschild einer Busstation aufgestellt; vornehmlich ältere Frauen schwatzten dort, kunstlederne Einkaufstaschen zogen an ihren Armen. Jugendliche rollten auf Skateboards über das Pflaster. Die Hitze stand in der Stadt. Gegenüber – die linke Seite begrenzte der gründerzeitliche Landgerichtsbau – erhob sich das jüngst restaurierte Postgebäude. Der Verkehr vibrierte im Sonnenglanz.

Erwin Rose stützte sein Kinn auf die linke Handfläche. Er überschlug die ihm verbleibende Zeit. In vierzehn Jahren würde er pensioniert. Der Gedanke füllte ihn mit einer leisen, verträumten Sehnsucht. Der überließ er sich ein paar Momente. Und seufzte. Er konnte nicht ahnen, daß diese kleine Schwäche eine mehrfache Zellteilung initiierte. Sie ließ nämlich den Virus auseinanderbrechen, der in ihn eingefahren war. So daß er sich ausschütten konnte.

Ich bin frei.

Rose vergaß völlig das hinter ihm einsetzende Schreibmaschinenhämmern. Kurzzeitig schien es im Büro still gewesen zu sein. Die Bedeutung des Sätzchens ließ sich nicht unmittelbar vergegenwärtigen. Gänzlich gelang ihm das bis in den Abend, ja drei oder vier Tage später noch nicht. Etwas Unschuldiges, Unerfaßbares zitterte darin wie ein Gefühl, das in einem Traum erwacht und aus ihm herausschlüpfen will; doch noch hält die Schale. Nur eine bloße, warme Empfindung strahlte bis in die Bauchhöhle, lief schon durch Brust, Arme, Beine, durchrann die Arterien.

Ich bin frei.

Frollein Monika, die sich Monique nennen ließ, sprach ihn an. Er reagierte nicht, sondern beobachtete den freundlichen Großstadtbetrieb. Monique versuchte es noch einmal. Er brummte sie weg. Ihr Duft hatte etwas Betäubendes, seine Wahrnehmung erschreckte ihn leicht. Besser, er sah dem Stadtstreicher zu, der aus Amtsgerichtsrichtung ein Fahrrad heranschob. Auf dem Gepäckträger hielt er einen mit Kram vollgestopften braunen Pappkarton fest. Rose hob die rechte Augenbraue. Er mochte den Sandler, fühlte sich ihm ironisch nah.

"Herr Rose?"

Monique gab es auf, zuckte die Schultern, derweil sie Blicke mit ihren Kolleginnen tauschte. Nun mußte sie halt zu Frau Klemm. Herr Rose war bei den Mädchen beliebt, ein knurriger Sonderling, aber nett. Frau Klemm hingegen war ein Drache.

Erwin Rose beschloß, eine nächste Zigarre zu rauchen.

Es war tatsächlich ein Beschluß, wenn auch der einzige, zu dem er sich durchringen konnte. "Ich bin frei", murmelte er. Und wieder: "Ich bin frei." Er konnte die Konsequenzen seiner Erkenntnis nicht einmal ahnen, hing bloß der Glücksausschüttung nach. Seine Lippen lösten ihren immer etwas verkniffenen Zug, dann spannten sie sich. Und der Bürovorsteher, während er zu seinem Schreibtisch zurückging, konzentrierte sich auf seine Fußsohlen. Er spürte seine Schritte, das war völlig neu. Gern wäre er barfuß gegangen, nestelte, als er saß, auch bereits an den Schuhbändern. Ließ aber lieber schnell wieder ab.

Ich bin frei.

Was bedeutete das? Der Satz klopfte in seinen Schläfen. Rose hatte so gar kein Bedürfnis sich mitzuteilen, er überließ sich einfach diesem beständigen, überaus angenehmen Pulsieren, zu dem der leichte Kopfschmerz geworden war. Es war wie ein Schwips. Der hielt ihn zwar nicht länger davon ab, den Schriftsatz endlich fertigzustellen, obstruierte aber doch ein wenig die Qualität seiner Arbeit. Immerhin verließ er die Kanzlei auch heute als letzter. Es hatte tatsächlich niemand etwas gemerkt. Das brachte den Bürovorsteher später auf einen subtilen Gedanken.

Als ihn die warme Abendluft umfing, war er noch einigermaßen verwirrt. Am Kiosk erstand er eine Zeitung, wandte sich, die Schlagzeilen überfliegend, nach rechts, überquerte die Kreuzung der Straßenbahngleise, schritt am Lokal vorbei, worin einst Hausfrauennachmittage bei Kaffee und Schwof angeboten wurden und heute McDonald’s residiert. Schließlich schlenderte er dem bunten Rathaus zu und ließ sich in einem der um den Roland herumgruppierten Holzstühle nieder. Er entfaltete die Nachrichten, aber konnte sich bemühen, wie er wollte, die Artikel entzogen sich völlig seiner Aufmerksamkeit. Er verstand ihren Sinn nicht. Flüchtig glitten ihm die Sätze an den Augen vorüber.

Ich bin frei.

Selbstverständlich hatte er ein Bewußtsein für wahr und falsch, selbstverständlich lehnte er Ungerechtigkeiten und Brutalitäten weiterhin ab. Dennoch war ihm, was da zu lesen stand, irgendwie sympathisch. Die Dinge hatten, fand er, eine Harmonie. Man war ja frei, man konnte wählen. Deshalb kamen ihm selbst fürchterliche Nachrichten ein wenig wie Projektionen vor, für die der Journalist, der über sie schrieb, Fremde haftbar machen wollte. Also eher aus Übermut denn aus Engagement schloß sich der Bürovorsteher zwanzig Minuten später einer vorüberziehenden Demonstration an. Es war ein Grüppchen von vielleicht fünfzig Jugendlichen, die ihm ebenfalls sympathisch waren, und zwar so sehr, daß er bis zur Auflösung des kleinen Zuges nicht wußte, worum der Protest eigentlich ging.
Später als gewöhnlich kam er heim. Jochen, sein erwachsener Sohn, der immer noch bei den Eltern lebte, schien nicht da zu sein. Das war gut so. Lisa deckte stumm den Abendbrottisch. Ihr gedrücktes Schweigen kam ihm heute zupaß; nichts wäre ihm unbequemer gewesen, als sich erklären zu müssen. Die Frau war ihm fremd, schon seit Jahren. Aber nun erst fühlte er es. Das war erlösend. Er sah sie an, früher hatte er immer weggeschaut. Verhärmt wirkte sie, und sie tat ihm leid. Er schmeckte der Empfindung nach, sah und sah die Frau an.

"Is was?"

"Nein nein."

Er lächelte, wandte sich ab, ging zur Garderobe und wechselte die Schuhe. Was hatte er mit der Person noch zu schaffen?

Man aß. Man setzte sich vor das Fernsehgerät. Es ging Erwin Rose wie mit der Zeitung: Wie dort nicht die Nachrichten, so kam nun Columbo nicht in ihn hinein. Der Bürovorsteher dachte einfach nur nach. Er dachte nicht eigentlich, er ließ die Gedanken schweben. Und düngte die Idee, die sein späteres Leben prägte.

Ich bin frei.

Er konnte tun, dachte er, was er wolle. Keiner könne ihn mehr verantwortlich machen. Es stehe ihm frei, sich zu erheben, jetzt, in dieser Minute und Sekunde, seine Sachen zu packen und die gemusterten Wohnzimmertapeten zu fliehen, für immer, für eine Woche, für zehn Jahre, ganz einerlei. Er konnte ins Kino gehen, jemanden erwürgen, mit einem kleinen Mädchen schlafen oder eine Bratwurst kaufen: Moralischen Fragen sei er enthoben, und zwar selbst dann, dachte er, wenn ich sie fühle.

Er warf Lisa einen Blick zu, der vor Mitgefühl dampfte. Was für ein Gewissen hatte diese Frau, was für einen Glauben! Rose atmete durch und widerstand dem Drang, nach einer Zigarre zu greifen. Wieso sollte er rauchen? Es gab keinen Grund. Er hüstelte. Alles war ihm von den Schultern gerutscht. Ich bin frei.

Jedoch.

Andererseits.

Äußerte sich nicht die vielleicht perfekteste, ja perfideste Freiheit gerade darin, daß er – sitzen bliebe? Wenn er sich weiterhin nichts anmerken ließ? Die Vorstellung, eine Frau, mit der er über zweieinhalb Jahrzehnte verbracht hatte und die deshalb nicht völlig grundlos annehmen durfte, ihn zu kennen – eine solche Frau derart zu täuschen, begeisterte ihn. Er lachte auf.

"Is was?" fragte Lisa wieder. Ihr Mann hatte Macken, das wußte sie. Doch heute waren sie unerträglich.

Er spürte das. Wie wundervoll!

"Hä?" machte er. Und lachte noch einmal.

Lisa sah kurz her und zog die auf Striche gezupften Brauen zusammen. Wie häßlich sie war! Columbo hatte einen Finger an seine Stirn gelegt.

"Du hast doch was?"

"Gibt’s noch Asbach?"

Soll ich das zulassen, daß sie mir leidtut? Diese Schabracke! Er hatte unter ihren Nörgeleien und ihrer Herrschsucht zu leiden gehabt; nunmehr erkannte er in ihr nichts als ein ältliches Quengelkind. Sie war dazu geworden, irgendwann und unbemerkt, er konnte sich nicht entsinnen. Wollte das auch nicht. Schlurfte zum Wohnzimmerschrank. Außerdem gab es den nicht mehr, den ihre verschobenen Vorwürfe meinten und der vielleicht nicht ganz unschuldig an ihrem Unglück war. Es kam nicht länger darauf an.

Also. Was tun?

Dafür, sich fortan schadlos zu halten, gab es keinen Grund. Sowieso nicht, dachte er. Weshalb dem Geschöpf die letzte Sicherheit rauben? Das hätte zudem einer Anstrengung bedurft. Mußte er nicht darauf achten, sich nicht in Zugzwang zu bringen? Was für eine Freiheit wäre das denn, die einen verpflichte? Eine lächerliche Illusion!

Er goß sich, wieder im Sessel, einen Doppelten ein. Columbo mußte sich ducken. Es wurde in dem Film viel geschossen. Ich könnte mir eine Pistole besorgen. Vielleicht macht das Spaß, so herumzuknallen. Aber dann. Polizei. Man muß rennen, und ich hab es am Knie. Nein, besser nicht. Besser hier sitzenbleiben. Was trinken. Verschwinden kann ich immer noch. Seit wann hat diese Hyäne die zwei Warzen am Hals? Warum hat sie die nicht wegmachen lassen?

Ich könnte sie fragen.

Er fragte aber nicht. Sah wieder weg.

Nein, es wäre dumm, aus seinem Leben ... s a g t e man das: auszubrechen? Erwin Rose wollte das neue Gefühl nicht gefährden. War es nicht entscheidend klüger und womöglich lustvoller, im Bewußtsein uneingeschränkter Verantwortungslosigkeit seinen Verpflichtungen scheinbar treu zu bleiben, als Beobachter nämlich, allenfalls ein Statist? Es galt, Vergnügen aus der allgemeinen Verdummung zu ziehen, ohne dabei aufzufallen. Immerhin war er von nun an entrückt, war unverletzlich, unangreifbar geworden, niemand durfte das wissen. Schon, damit er nicht Neid auf sich zog. Immerhin hatte ihm die Tarnung bereits einen köstlichen Tag beschert, den dieser Abend wirklich noch krönte. Wie eng, wie bedrückt hatte Erwin Rose bis heute nachmittag dahinvegetiert! Als hätte er sich freiwillig in Haft gehalten. Und sich auf Wasser und Brot gesetzt.

Als Erwin Rose den nächsten Schluck Weinbrand nahm, der ihm gar nicht sonderlich schmeckte, begriff er, daß Freiheit nichts anderes als eine Perspektive des Bewußtseins war. Sie hatte es nicht nötig, sich zu realisieren. Derart umfassend, dachte er, kann etwas sein. Nur weil er die Verantwortung angenommen hatte, war er verantwortlich gewesen; es wäre darauf angekommen, sie gar nicht erst zu akzeptieren. Daß die Welt so war, hatte ihm niemals einer gesagt. Er konnte sich aber nicht vorstellen, der einzige zu sein, der es begriff. Wahrscheinlich gab es Tausende, und all diese Tausenden verschwiegen es. Verschwiegen es, wie er selbst es nun verschweigen wollte.

Man lehnt sich zurück und sieht zu. Auf mehr käme es fortan nicht an. Sah den kriechenden Kollegen zu, sah den Chefs zu und den Politessen. Selbst seinem Sohn. Sah dem schwächlichen Jochen zu. Sah ihnen allen zu wie Columbo, die Scheibe einer Bildröhre dazwischen. Wie sie sich erniedrigten. Wie sie darum bettelten, kleingehalten zu werden. Sich darüber erheben können. Man durfte nicht eingreifen, nur dann schöpfte man seine Freiheit aus. Endlich verstand Erwin Rose, was mit „Freiheit aus Einsicht“ gemeint war.

Er wollte sich dem würdig zeigen. Wollte seine Erkenntnis, so oberflächlich sie auch noch war, leben lassen. Und die Verstellung perfektionieren. Das würde ihm, ahnte er, nicht leichtfallen. Er müßte sämtliche Gewohnheiten, auch die lästigen, beibehalten, dürfte sich niemals gehen, sich niemals in der warmen Flut seines neuen Lebensgefühls treiben lassen. Oder nur in seltenen, unbeobachteten Momenten: Vielleicht Samstag nachmittags statt des Stadionbesuchs etwas anderes tun, sich einzwei Stunden bizarren Vergnügungen ergeben, von denen er bisher noch gar nichts wußte. Nein, lieber nicht. Gewiß wäre selbst das schon zu viel.

Erwin Rose streckte sich. Er gähnte. Columbo schien irgendwie längst zuende zu sein, er hatte das gar nicht mitbekommen. Lisa kaute auf Weintrauben und spückelte die Kerne in den Trichter einer Faust. Es lief so etwas wie eine Nachrichtensendung. Rose griff zur Fernbedienung und zappte ein wenig herum.

"Laß mich das doch sehen!" rief Lisa empört. Wieder ihr bitterer Blick.

Ach je.

Er legte die Fernbedienung zurück auf den niedrigen Tisch.

"Mach hinter dir das Licht im Flur aus", hörte er, als er ohne ein weiteres Wort ins Schlafzimmer schlappte. Er nahm sich in die Gewalt, um nicht neuerlich und nun sehr laut aufzulachen.

Es regnete. Die Nacht hatte Wolken zusammengeballt, der Tag kam durch die Ballen fast nicht hindurch. Unvermerkt schwebte der Herbst in den Straßen. Rose aber lächelte. Er fand das Straßenpflaster irritierend weich. Weshalb er kichern mußte. Immer wieder kichern, er kam sich selbst dabei komisch vor. Möglicherweise hielten ihn die Passanten für ein wenig debil. Der Gedanke ließ ihn besonders nachdrücklich glucksen.

Im Büro Frühmorgenhektik.

Dr. Dörrbecker erwartete, Zeitungen und Post noch vor den Gerichtsterminen, geöffnet und mit Eingangsstempel versehen, auf seinem Schreibtisch zu finden. Während er blätterte, lieh er in halb vertraulicher, halb herablassender Manier Roses Rapport ein Ohr. Und der Bürovorsteher erzählte, was draußen, in der Kanzlei, hinter dem Rücken des alten Anwalts geschah: Ob die Frolleins tüchtig waren, wer mit wem stritt und wer am meisten Einsatz zeigte, wie die Verhältnisse insgesamt unter den Angestellten waren. Erwin Rose war neben Frau Klemm Dr. Dörrbeckers leibhaftige Versicherung dafür, daß sich im Betrieb nichts zutragen konnte, was ihm unentdeckt blieb.

Heute früh indessen zögerte Rose. Mit welchem Recht maß sich Dr. Dörrbecker an, ihn, den Freien, als Spitzel zu nutzen? Und in knappgehaltenen Sätzen, während er auf seine Schuhspitzen blickte, denunzierte er ein Fehlverhalten der Frau Klemm, das es nicht gegeben hatte. Rose log geschickt. Es bereitete ihm ein solches Vergnügen, als hätte er das schon einmal versuchen wollen und sich bloß nicht getraut. Zwar war, was er über die Frau in sein Geplauder streute, unbedeutend genug. Doch gerade das ließ es wirken.

Ziemlich unmittelbar bekam Frau Klemm die Folgen zu spüren, aber auch dies gleichsam geheim. Es waren Andeutungen, war Stimmung, ein subkutaner Ton. Der Chefsozius ließ seine kleinen, warmen Komplimente vermissen, diese ganz bestimmte Jovialität, die der Frau so sehr gut tat, die sie, wie desgleichen vordem Rose, so brauchte. Der Bürovorsteher verging fast vor Genuß, sah hoch, räusperte sich, hielt sein Gesicht verschlossen. Frau Klemm hatte keine Möglichkeit, sich zu wehren, es ließ sich ja Konkretes nicht fassen.

Fühlte sich Rose unbeachtet, warf er der Klemm seine spitzesten Blicke zu. Die Pupillen flatterten, und er schob die Zungen-spitze zwischen die Lippen. Zu intrigieren machte Freude. Zumal Dr. Dörrbeckers Mißtrauen hielt. Erwin Rose wußte zu gut, daß den Mann ein einmal gärender Zweifel niemals restlos verließ.

Dennoch reizte den Bürovorsteher kein zweites solches Unternehmen. Er hätte sich zu sehr eingelassen, hätte Positionen beziehen müssen. Und was, käme die Intrige eines Tages ans Licht? Es gab Zufälle, das wußte Rose. Man forderte so etwas nicht heraus. Plötzlich steht einer vor mir und stellt mich zur Rede. Was wäre mit meiner Freiheit denn dann?

Er erschrak geradezu. Man mußte sich schützen; niemand sei, wurde ihm klar, stärker auf sein Inkognito angewiesen als der wahrhaft freie Mensch. Der war ohnedies nicht zur Parteinahme verpflichtet. Strenggenommen durfte er gar kein Interesse an so etwas haben. Deshalb fand Rose ziemlich schnell in seinen ursprünglichen Vorsatz zurück: – nichts, wirklich nichts sich ändern zu lassen. Ja, er würde sogar die kleinen Freiräume opfern, die er sich samstags zugestand. Wollte in Verstellung altern und, ohne zu offenbaren, wer er in Wahrheit gewesen sei, sterben.

Das Jahr verstrich nicht ungenutzt. Keine elf Monate später hatte sich der Bürovorsteher bereits den alten, dienenden Charakter wie eine zweite Haut über den neuen, den freien gezogen. Hatte er während der ersten Wochen seine Samstagnachmittage tatsächlich nicht mehr dem Stadion, sondern atemloseren Beschäftigungen gewidmet, sogar der einen oder anderen erotischen Kostenträchtigkeit, so war er nun selbst dieser Lustreize ledig. Auch Erregung zwang.

Lieber hing er denselben Mißvergnügungen an wie vordem. Er erfreute sich allerdings seiner Maske. Das war nun ein Unterschied. Zumal sie ihn scharfsichtig machte. Wie dumm die Leute waren, wie dumm und wie bewegt! Wie gern sie überdies krochen, und zwar egal ob alt oder jung, ob böse, ob klug: Kinder, Jugendliche, Eltern. Rechtsanwälte, Bäcker, Verkäufer. Es berauschte ihn, das mitanzusehen und tatenlos bleiben zu können. Ein gelegentlich an die Oberfläche seines Gemüts steigendes Mitleid duckte er geschickt immer sehr schnell unters Wasser zurück.

Zwei Jahre vor seines Bürovorstehers Pensionierung traf Herrn Dr. Dörrbecker der Herzschlag. Am Mittag sank er in seinem Arbeitszimmer vor Erwin Roses Schuhspitzen auf den Teppich und quälte sich noch ein bißchen herum. Niemand sonst war da, die Kollegen aßen auswärts, manche in der Gerichtskantine, andere beim Bratwurst-Glöckl. Bevor der Anwalt verschied, nahm sich sein angestellter Vertrauter den Chefsessel her und drauf Platz. Er guckte ruhig zu. Dr. Dörrbecker streckte zweimal vergeblich die Hand nach ihm aus; der Bürovorsteher rückte etwas nach hinten. Erst als sein Chef verschieden war, griff Erwin Rose zum Telefon und rief ärztlichen Beistand. Es ging ihm dabei gut, denn Dr. Dörrbecker war vorsterblich noch zur Kenntnis gelangt, wer sein Bürovorsteher war. Dann erst war er hinübergegangen. Das hatte, fand Erwin Rose, etwas tragisch Großes, von dem er noch lange zehrte.

Den anderen offenbarte er sich weiterhin nicht. Noch seine Pensionierung erlebte er als Spieler: rasend, fast kathartisch pochte sein Puls. Was hätte ihn mehr erheitern können, als wie da von ihm als einem gesprochen wurde, der Vorbild sei? Seine treue Pflichtauffassung, sein steter Einsatz im Dienst des Kanzleiwohls, dieses sein aufopferungswilliges Wesen – auf all das und nur das waren die Feierlichkeiten ausgerichtet. Ah! Welch Tumbheit in den Augen dieser Gratulanten, welch eine Ignoranz! Der Bürovorsteher ekelte sich hochamüsiert. Frau Klemms falsches Lachen. Die Ahnungslosigkeit und das Geschwätz der Azubis. Der beschränkte, ehrgeizeitle Stromliniensinn des aufgerückten Junior-Sozius’ Wilhelmson, in dessen Mundwinkeln weiß die Spucke klebte. Die bizarre Abwesenheit jeder auch nur mikroskopisch kleinen freiheitlichen Regung. Erwin Rose war völlig allein. Es hätte wirklich keinen Sinn gehabt, sich einem von denen zu erklären.

Am Abend dieses Pensionierungstages, inmitten seiner sogenannt Lieben, ließ Rose allerdings doch noch keck sein wahres Gesicht durch das erkünstelte scheinen. Er erhob sich, schlug mit der Gabel an das Glas, als wollte er eine Rede halten, – aber lachte nur dreimal über die Tafel. Dabei kippte sein Stuhl um. Mit außerordentlich gehässigem Antlitz verließ er den kleinen Saal.

Erst am nächsten Morgen erschien er daheim, erklärte sich aber nicht, und als Lisa zu heulen anfing, mimte er grantigen Starrsinn, der im Innern freilich grölte. Es war zu absurd, um sich nicht vor Lachen zu biegen. Aber keiner sollte das merken. Weshalb er sich in seinen Schrebergarten zurückzog, den er in seinen verbleibenden Jahren nur noch zum Schlafen verließ. Selbst im Winter hockte er vor der Datscha, bis über die Ohren eingemummt.

Obwohl sich der Geist seine Klarheit und Frische völlig erhielt, wenn nicht sogar verjüngte, markierte Erwin Rose fortan Altern und körperlichen Verfall. Seine Arteriosklerose war derart perfekt vorgegaukelt, daß selbst der Hausarzt an sie glaubte. Jochen sprach mit seinem Vater wie mit einem Verkalkten, es war unglaublich komisch. Er nahm sich Freiheiten heraus, deren peinliche Unangebrachtheit einen durchweg entschädigte. Deshalb hängt die Behauptung nicht in der Luft, Erwin Rose habe einzig, um sein Spiel vollkommen zu machen, auch die Zähne verloren und selbst eine unaufhaltsam vorschreitende Erblindung nur simuliert.

Und dann, sehr spontan und gewissermaßen aus Übermut, legte er sich, einundachtzigjährig, auf das schmale Rasenstück neben den Bahndamm, streckte sich, das Gesicht himmelwärts, grinste boshaft und verschied. Auf seinen Lippen lag ein Triumph, der denen, die Rose fanden, sehr unangenehm war und eigenartig.

Am Sonntag wurde Erwin Rose begraben. Unerkannt.

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