Achtung Zone. Warum wir Ostdeutschen anders bleiben sollten von Jana Hensel, 2009, Piper

Jana Hensel

Achtung Zone. Warum wir Ostdeutschen anders bleiben sollten
(Leseprobe aus: Achtung Zone. Warum wir Ostdeutschen anders bleiben sollten, Essay, 2009, Piper).

1. Fremde

Warum wir so nicht zusammenwachsen

Die Geschichte der deutschen Einheit hat mit einer Lüge

begonnen. Die Lüge lautet, Willy Brandt habe am Abend

des 10. November 1989 auf dem Balkon des Schöneberger

Rathauses gestanden und von dort der jubelnden Menge

» Nun wächst zusammen, was zusammengehört« zugerufen.

An jenem Abend ist die Mauer noch keine 24 Stunden

offen. Die Stadt befi ndet sich im Taumel. Berlin ist in

einem Ausnahmezustand. Überall wird gefeiert. Menschen

fallen sich in die Arme. Unbekannte laden einander auf ein

Bier ein. Man tanzt, genießt den historischen Moment, ist

unschuldig und euphorisch zugleich. Beides bedingt sich

wahrscheinlich.

Willy Brandt kennt die Stadt wie kaum ein Zweiter. Als

die Mauer gebaut wurde, war er Regierender Bürgermeister

von West-Berlin. Viele historische Momente hat er hier bereits

erlebt. 1963 stand er neben John F. Kennedy und wird

so überrascht wie all die anderen gewesen sein, als dieser

vor den Augen der Welt bekannte : » Ich bin ein Berliner. «

Vielleicht tritt er ja deshalb am 10. November 1989 so

besonnen auf. Besonnener jedenfalls, als er selbst und die

Geschichtsbücher uns nachträglich glauben machen wollen.

Nur sehr zögerlich spricht er vor dem Schöneberger

Rathaus von einem Zusammenwachsen der Deutschen.

Die Menschen auf der Straße wollten gewiss andere Sätze

hören. Brandt aber bleibt vorsichtig und warnt : In diesem

Augenblick solle niemand so tun, als wisse er genau, » in

welcher konkreten Form die Menschen in den beiden Staaten

in ein neues Verhältnis zueinander geraten werden «.

Seinen später berühmt gewordenen Satz » Nun wächst

zusammen, was zusammengehört « sagt er nicht. Er äußert

nicht einmal einen Gedanken, der so ähnlich klingt und

der im Nachhinein auf eine prägnante Formel gebracht

worden wäre.

Dennoch ist der Satz schon am nächsten Tag in der

Welt. Zum ersten Mal wird er in einem Artikel der Berliner

Morgenpost »zitiert«. Es muss eine allgemeine Sehnsucht

nach so einem Satz gegeben haben, und selbst Willy Brandt

ist dieser Stimmung erlegen. Von nun an wird er stets selbst

behaupten, jene Worte in der Nacht vor dem Schöneberger

Rathaus gesagt zu haben. Keiner soll an ihnen in Zukunft

mehr vorbeikommen. Und so ist der ungesagte Satz zum

großen und bis heute beinahe einzigen Motto der deutschen

Einheit geworden.

Als ein halbes Jahr später ein Buch mit seinen Reden

erscheint, prangt er bereits auf dem Titel. Gleich zu Beginn

schreibt der damals 75-Jährige : » Ich dachte nicht allein an

Berlin, als ich am 10. November vor dem Schöneberger

Rathaus sagte : Nun wächst zusammen, was zusammengehört.

Dies nun ist es, was wir erleben. «

Dies nun ist es, was die Leute erlebt haben wollen,

müsste es wohl eher heißen.

Die gesamte Rede lässt sich im Buch unter der schönen

Überschrift » … und Berlin wird leben « nachlesen. Nach

dem Satz indes muss man ein wenig suchen. Brandt hat

ihn im Nachhinein irgendwo in der Mitte eingebaut. Hat

er ihn ein bisschen versteckt ? Es wird ein paar Jahre dauern,

bis man an dieser längst zu einem Mythos gewordenen

Version zu zweifeln beginnt. Vielleicht wurden die

Tonaufnahmen jenes Abends irgendwann einmal mit den

Texten im Buch verglichen. Vielleicht hat sich einer gewundert,

warum jener Satz noch nie im Fernsehen gezeigt

wurde. Obwohl wir doch alles aus diesen Tagen tausendfach

im Fernsehen gesehen haben. Willy Brandts Witwe

Brigitte Seebacher-Brandt jedenfalls muss eines Tages einem

Journalisten gegenüber kleinlaut einräumen, dass sie

und ihr Mann sich erlaubt hatten, » in der Redaktion frei

sein zu dürfen «.

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