Sturzacker von Horst Hensel, 2005, Asso

Horst Hensel

Wohnstuben. Vera. Das Feld
(Leseprobe aus: Sturzacker, Roman einer Jugend, 2005, Asso Verlag).

Ringsum die Gärten und Äcker und in der Ferne die Trasse
der Eisenbahn. Von oben die Rufe der Krähen. Rasch
dunkelnder Himmel. Schon schwarz im Spiegel des Landgrabens.
Welcher Blick / wird es sehn, / dass dam da / da
dam da ... Das Gedicht entstand im Gehen. Zwölf Zeilen,
die er behalten musste. Dann die Eiche. Ein Baum aus dem
letzten Jahrhundert. Seine Krone schirmte die Wegbreite.
Er sprang über den Graben, setzte sich auf den Fuß des
Stamms. Was reimte sich auf sehn? Hinter seinem Rücken
und jenseits der Felder kam eine Lokomotive heran und
johlte Dampf hinaus, dass es über den Fluren hallte. Irgendwo
antwortete ein Hund. Ein Traktor näherte sich. In
einigen Monaten begann die Lehre. Drähte, Schalter, Kabel.
Ein Arbeitsleben lang. „Dass du mal eine Familie ernähren
kannst!“ Er stand auf, lehnte sich gegen den Stamm. Geschichte
erforschen und Geschichten schreiben wäre die
eigene Lebensarbeit. Wind kam auf. Der Traktor tuckerte
vorüber. Auf dem Anhänger Rüben. Auf dem Weg der Abdruck
der Reifen im feuchten Lehm. Dazwischen eine Spur
Öl. Er steckte die Hände in die Taschen, sah dem Traktor
nach. – dass die Wetter / selbst vergehn? Das reimte sich.
War aber zu lang. Oder? Als Handwerker arbeiten und eine
Familie ernähren. Er stieg über den Graben, wandte sich
zum Gehen. Sie meinten es gut mit ihm, und ich bin sicher,
dass er weder damals daran zweifelte noch später daran
zweifeln würde.
Er schlenderte den Feldweg zurück, hinter sich auf den
Äckern torkelnde, schimpfende Krähen, eine Beerdigungsgesellschaft
im Suff; er durchquerte den Garten, ging am
hinauf, erreichte den Absatz, wo es zu den Großeltern ging,
hörte die Stimmen von Großvater und Bruder, stieg die
Holztreppe hinauf zur Wohnung, den beiden weißlackierten
Türen, links die zum Schlafzimmer der Eltern, vor ihm
die zur Wohnküche, daneben die zwei Blecheimer, der mit
den Kohlen, die ums Haus herum aus dem Schuppen zu
holen waren, der mit dem Schmutzwasser, dem Spülicht,
das hinunterzutragen war, auszugießen auf dem Mist hinterm
Stall; er roch die feuchten Kohlen, das graue Wasser,
betrat die Wohnküche.
Dort knackten die Kohlen im Ofen. Die Glut warf ihren
Schein durch das Loch in der Herdplatte gegen die Decke.
Ein Flackerlicht. Ansonsten Dämmer. Draußen vor dem
Fenster stieß der Wind in den Steinbirnenbaum und warf
einen Schwarm früh vergilbter Blätter auf die Wiese. Er
schaltete die Deckenlampe ein, schob die unterste Schublade
des Küchenschranks auf, langte unter Fotoalben,
Tischdecken, Servietten und Serviettenringen nach seinen
blauen Heften auf dem Boden der Schublade: Tagebuch,
Geschichten, Gedichte. Als er aufstand, stieß er mit dem
Rücken gegen den Küchentisch. Er warf die Hefte auf den
Tisch, rieb sich den Rücken. Dann kramte er den Füller aus
der Schultasche, setzte sich neben den Ofen an den Tisch,
hinter sich die Wohnungstür, klappte das Heft mit den Gedichten
auf. Das von draußen musste eingetragen werden.
Bevor er zu schreiben begann, lauschte er ins Haus. Kein
Laut. Der Vater war auf Mittagschicht, die Mutter einkaufen,
der Bruder unten. Keine Gefahr. Das Gedicht konnte
eingetragen werden. Welches Gedicht? Er erinnerte sich
nur noch an die letzten Zeilen. Der Anfang und die Mitte
waren verloren, waren nicht gut genug auswendig gelernt
worden auf dem Weg durch die Felder, und beim Grübeln
über -
Im Tagebuch Veras Brief. Dass sie immer an ihn denke.
Keinen anderen wolle. Im Unterricht immer zu ihm hinüber
sehe. Und dass sie öfter mit ihm allein sein wolle. „Ich
möchte es so gern! Viele liebe Küsse, Deine Vera.“

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