Neidgeschrei von Gerhard Henschel, 2007, Hoffmann&Campe

Gerhard Henschel

Neidgeschrei
(Leseprobe aus: Neidgeschrei, Antisemitismus und Sexualität, 2007, Hoffmann & Campe).

»Die Sünde wider das Blut«

Besichtigung eines sexualantisemitischen Bestsellers
dies sei es was an juden nicht gut sei
daß sexuelles sei bei ihnen allzu frei
ERNST JANDL

1917 veröffentlichte der völkische Politiker und Schwarmgeist Artur Dinter

den Roman »Die Sünde wider das Blut«, der bis 1934 mehr als eine

Viertelmillion Käufer gefunden haben soll. Der Roman erzählt vom

harten Schicksal des blonden Ariers und Eiweißchemikers Hermann

Kämpfer. Auf einem verschlungenen Leidensweg gelangt dieser Romanheld

durch das Tal der Dunkelheit zum Licht der Rasseerkenntnis.

Faustischer Wissensdrang und natürliche Keuschheit haben den

Hage stolz Kämpfer bis zur Vollendung seines zweiten Lebensjahrzehnts

davon abgehalten, außerhalb seines Chemielabors Erfahrungen zu sammeln.

Dann verirrt er sich an einem Weihnachtsabend in ein Grandhotel,

wo er, entgegen seiner Gewohnheit, Wein trinkt und das Treiben der

Festgäste beobachtet:

Gierig sog Hermann das flutende Bild in sich ein. Das also war das

große Leben, nach dem er sich so oft gesehnt, dem aber hinzugeben er

bisher sich nicht getraute aus Liebe zu seiner Wissenschaft. Wie das

gleiste und glänzte und schimmerte und leuchtete! Diese eleganten

kostbaren Toiletten der Damen, die sich so farbenfreudig von dem

schwarzen Untergrunde der festlichen Herrenkleidung abhoben!

Diese feingliedrigen, geschmeidigen Mädchengestalten, die lachend

und quirlend sich da unten bewegten und mit Anmut im Arme

der Tänzer sich auf dem spiegelnden Boden drehten mit ihren entzückenden,

zierlich beschuhten Füßchen!

Hermann, überwältigt vom Fluten und Glänzen und Schimmern und

Leuchten, leert sein Weinglas und bestellt sich eine Flasche Sekt.

(...)

Rezension I Buchbestellung I home 0I09 LYRIKwelt © Hoffmann&Campe