|
|
aus: Die Schlinge
Mein Name ist Lukas Wolfskehl. Ich
bin Teilhaber einer Anwaltskanzlei in Frankfurt/Oder. Tätigkeitsschwerpunkt:
Strafverteidigungen. Autoklau, Menschenhandel, Vergewaltigung, Ausländerfeindlichkeit,
Drogen, was eben in einer Grenzstadt im Osten so anfällt. Den Fünfzigsten habe
ich hinter mir. Seit geraumer Zeit bemerke ich, wie ich älter werde. Unübersehbares
Anzeichen dafür ist der Umstand, daß mich selbst die spektakulären Verbrechen
in meiner Praxis kaum mehr überraschen. Zuerst der Ungehorsam, dann Kains
Brudermord, das ist die Geschichte der Strafsache Mensch. Irgendwann erreicht
man den Punkt, an dem alles gleich aussieht und nichts mehr von Bedeutung ist.
Medizinische Beweise dafür, daß man gestorben ist, gibt es nicht, aber man
verhält sich so.
Nur noch selten spiele ich den Gerechtigkeitsapostel. Der Trickser in mir, den
es vor gar nicht langer Zeit reizte, mit überfallartigen Ablehnungsgesuchen
wegen Besorgnis der Befangenheit gegen einen Richter zu Felde zu ziehen, hat
sich zur Ruhe gesetzt. Als ich jünger war, trieb es mich, mir mit den Mandanten
die tollsten Schutzbehauptungen auszuknobeln, um die gegen sie erhobene Anklage
zu Fall zu bringen; jetzt denke ich öfter mal, daß die Rache der Gesellschaft
ruhig ihren Lauf nehmen soll.
»Ein Mann wie Sie«, sagt man zu mir. Darüber kann ich mich nur wundern. Meine
Mandanten sehen in mir einen Mann in den besten Jahren. Unauffällige Krawatte.
Anzug von tadellosem Schnitt. Gediegenes Schuhwerk. Wohlgesetzte Worte.
>Erlauben Sie mir<, nur selten ein >Okay<. Es funktioniert. Grinsen
und Freundlichtun gehören zum Geschäft.
Ich bin der Spiele und Mätzchen im Gerichtssaal müde. Mir geht es wie einem
alten Mimen, der jeden Abend im selben Stück mitspielen muß. Irgendwann war
man mal mit Begeisterung bei der Sache. Dann wurden die Bretter, die einst die
Welt bedeuteten, zur Routineveranstaltung. Und am Ende imprägnierte die
Gewohnheit Sprache und Gestik. Die Maske ist konstant geworden. Ich habe
gelernt, rechtzeitig die Stimme zu heben. Ich kann bedrohlich mit den Händen
fuchteln und bei Bedarf glaubwürdig in Hysterie verfallen. Ich weiß, wie die
meisten meiner Vorhaben zu verwirklichen sind. Doch haben mich meine Erfolge
nicht überzeugt. Ein Vierteljahrhundert im Beruf und nichts weiter als des
Lebens Grausamkeiten und Hinterhalte unter eine Handvoll Tatbestände des
Strafgesetzbuches >subsumieren< - wenn das alles sein soll, gibt es
offenbar nur eins: bloß nicht im Gerichtssaal so alt werden, daß man sich noch
wie ein geschundener Klepper herumwiehern hört und über sich selber feixen muß.
Claudia, eine alte Freundin von mir, vermutet, daß
ich in der Midlife-crisis stecke. Sie kam neulich extra aus Berlin angereist, um
mich zu kurieren. Claudia kochte Rotbuschtee mit Rosmarin in unserer Küche, tätschelte
meine Hände und massierte mir die Schultern. Sie gab mir die Empfehlung, es mal
mit einer anderen Einstellung gegenüber den Mandanten zu probieren. Ihre
Lebensweisheit, die sie mir schmackhaft machen wollte, bestand darin, in allen
Menschen das Gute und Schöne zu sehen. Um mich zu überzeugen, erzählte
Claudia mit einschmeichelnder Stimme eine Geschichte von Jesus. Als dieser mit
seinen Jüngern einmal am Wegrand einen schon in Verwesung übergegangenen Hund
liegen sah, wandten die Jünger sich von dem häßlichen Anblick ab. Jesus aber
blieb stehen und sagte »Wunderschöne Zähne hat das Tier!« Wo die anderen nur
das Häßliche, Abstoßende wahrgenommen hatten, suchte Jesus das Schöne.
So sollte ich die Dinge betrachten, sagte Claudia. In jeder Erscheinung das
Positive entdecken.
»Du wirst bald merken, daß selbst unter der Hülle eines Verbrechers ein
verborgenes Gutes zu finden ist.«
Ich hörte ihr zu, sagte aber nichts. In letzter Zeit waren alle unsere Gespräche
wie dieses gewesen: rührselig, lächerlich und ungemein unnütz.
Rezension I Buchbestellung I home 0I04 LYRIKwelt © Eichborn