Linda und die Flugzeuge von Peter Henning, 2004, FVA

Peter Henning

Linda und die Flugzeuge
(Leseprobe aus: Linda und die Flugzeuge, Roman, Seite 7-24, 2004, FVA)

1

Ich saß in Mojave fest. Mitten in der kalifornischen Wüste. Ich hatte meinen Bruder Georg in Los Angeles besucht, der es vor einiger Zeit vorgezogen hatte, Deutschland den Rücken zu kehren. Unsere DC-10, aus Los Angeles kommend, musste wegen eines Triebwerkschadens auf dem Mojave Airport außerplanmäßig zwischenlanden, und niemand konnte voraussagen, wie lange sich unser Weiterflug nach New York verzögern würde.
Es war Sonntag. Über den Ebenen, im Südwesten der USA, brach einer jener herrlichen wolkenlosen Tage an, von denen es dort im Schnitt 350 im Jahr gibt, und Ray saß in der kleinen Flughafencafeteria neben mir und stierte versunken in seinen Kaffee. Irgendwann begann er ein Gespräch und kam schließlich auf die Spotter zu sprechen.
»Sonntags kommen die Freaks«, sagte er. Mit denen fuhr er dann für zehn Dollar pro Person über den Platz und hielt vor den ausrangierten Flugzeugen, damit sie fotografieren konnten.
Ray nannte die Maschinen, die in der prallen Sonne standen und langsam verrotteten, abfällig Leichen. Er mache sich nichts aus ihnen, auch wenn unter den von Alufolie verhüllten glänzenden Maschinen haufenweise echte Raritäten seien, eine Convair 880 zum Beispiel oder eine C-133 Cargomaster, verdammt seltene Exemplare. Doch der Hit sei eine DC-10 mit einem US-Kennzeichen, die die Farben der African International aus Swasiland trage.
Für Ray waren das Schrotthaufen. Nicht aber für die Spotter mit ihren Kameras. »Die kommen von überall her, England, Deutschland und sogar aus Schweden, um die Scheißdinger da draußen zu fotografieren«, sagte er verächtlich. Als er sie das erste Mal mit seinem Jeep zu dem Maschinenpark fuhr und sie alle paar Meter »Stop!« brüllten und dabei wie auf Kommando ihre Kameras hochnahmen, habe er gedacht: Die ticken doch nicht ganz richtig! Freaks eben! Doch mit der Zeit habe er sich an sie gewöhnt.
Einmal saß ein Finne in seinem Wagen und antwortete auf Rays Frage, was ihn eigentlich an den alten Kisten so fasziniere, sie besäßen eine magische Aura. Er wolle ihnen so nahe wie möglich sein. Am liebsten würde er sie anfassen.
Ich orderte ein neues Bier und gab mich Rays Erläuterungen hin, denn wie es aussah, hatte ich plötzlich Zeit, viel Zeit.
Ray war eigentlich zuständig für die Betankung der Maschinen am Mojave Airport. Doch sein Job ließ ihm genug Zeit, immer mal wieder einen Schwung Freaks zu den ausrangierten Rollfeldern zu fahren, wo all diese Flugzeuge standen.
Anfangs hätten ihn die riesigen Metallvögel irritiert, sagte er. Sie sähen immer unwirklicher aus, je länger man sie betrachte. Außerdem habe er, als er in die Wüste kam, nicht die Bohne von Flugzeugen verstanden. Doch dann hatte sein Kollege Jim, den es irgendwann nach Maryland zog, ihm angeboten, an seiner Stelle die Spotter mit ihren Kameras zu den alten Maschinen zu fahren. Und weil nichts gegen ein paar Dollars nebenher einzuwenden gewesen war, hatte Ray den Job übernommen.
Ray sagte damals zu mir, nachdem wir uns bereits eine ganze Weile unterhalten hatten: »Die Typen nennen sich Planespotter, ausgeflippte Typen allesamt, die sich manchmal nicht mehr einkriegen, bloß weil ich mit meinem Jeep vor einer ausrangierten 747 im Pokémon-Anstrich der All Nippon Airways anhalte, um mir eine Zigarette anzustecken.« Und dann bot er mir seinen Wagen zum Kauf an.
Ich sagte: »Was soll ich mit einem Jeep, Ray? Ich bin Journalist. Und auf dem Weg nach Hamburg!«
»Na, diese abgedrehten Typen rüber zum Flughafenfriedhof kutschieren!«, antwortete Ray.
»Na, und du? Was wird dann aus dir?«
»Das wird man sehen«, sagte er. »Bin einfach schon zu lange hier, verstehst du?!« Und was mich betreffe, so könne ich ja immer noch nach Hamburg zurück. Ich lachte und trank einen Schluck Kaffee. Eine Stunde später hatte ich Ray seinen Jeep abgekauft.
Das Ganze ist inzwischen fast sechs Monate her, und Ray ist kurz darauf verschwunden. Irgendwann erzählte mir seine Frau, dass Ray ihr eine Karte aus Thailand geschickt hätte, auf der stünde, dass es ihm Leid täte und dass er keine andere Wahl gehabt hätte, als so zu handeln. Andernfalls wäre er früher oder später an der Wüste, der ewigen Sonne und den Spottern zugrunde gegangen. Und dass er das nicht länger habe aushalten können.
Als feststand, dass sich der Weiterflug verzögern würde, stellte man uns Zimmer in einem mittelmäßigen Hotel mit Blick auf die Rollbahn zur Verfügung. Die Ersatzmaschine würde am nächsten Morgen starten. Doch ich beschloss: ohne mich! Deutschland konnte warten!
Am nächsten Tag mietete ich mir in einer der windschiefen Wellblechbuden, die unweit des Flughafens verloren in der Landschaft standen, ein Zimmer, an dessen Decke sich auf Knopfdruck ein altersschwacher Ventilator in Gang setzte und ziemlich erfolglos die stickige Zimmerluft verquirlte. Doch was viel wichtiger war: Der Kühlschrank funktionierte tadellos! Und da ich nun mal Rays Jeep besaß, hörte ich mich ein bisschen um und fuhr schließlich an seiner Stelle den nicht abreißenden Strom von Flugzeugbesessenen über den Platz.
So vergingen meine Tage in der Wüste. Ich hätte nicht sagen können, dass ich gewusst hätte, was mit mir geschah und wohin es führen würde. Doch alles fiel langsam von mir ab, Los Angeles, Hamburg, Lilian und mein Job. Und die Tatsache, dass ich noch immer nicht das geringste Verlangen verspürte, in mein altes Leben zurückzukehren, sagte mir, dass es okay war, was ich tat.
Lilian hätte mich für verrückt erklärt, wenn sie mich hier hätte sehen können. Und wenn ich es recht betrachtete, war ich das wohl auch: ein Mann, der seinen gut bezahlten Job wegwarf, um in der kalifornischen Wüste, am Rande der Zivilisation, Spinner aus aller Herren Länder in einem Jeep herumzukutschieren, die durch ausrangierte und größtenteils verrostete oder sogar bereits ausgeschlachtete Flugzeuge in Hysterie versetzt wurden.
Inzwischen kam ich mir selbst ein bisschen wie Ray vor, der schließlich auch einfach abgehauen war. Doch solange mein Geld reichte, würde ich in Mojave bleiben. Wo sonst war es so einfach, wildfremde Leute glücklich zu machen und dabei auch noch ein paar Dollars zu verdienen. Nachts lag ich oft lange wach und lauschte den Jets, die in geringer Höhe über die Dächer hinwegdonnerten. Und tagsüber, während die Sonne auf die Wellblechdächer der Hütten niederbrannte und das Blech so stark erhitzte, dass man Spiegeleier darauf braten konnte, hing ich unten am Pool herum, oder ich zog mich, wenn ich nichts zu tun hatte, in die Kühle von Kittys Cafeteria zurück, in der ich Ray getroffen hatte, und trank in kleinen Schlucken amerikanisches Bier.
Ich hatte einmal kurz nach Hamburg telefoniert, meine Rückkehr auf unbestimmte Zeit hinausgeschoben und mich inzwischen ganz gut eingerichtet in Mojave, als eines Morgens eine junge Frau, die höchstens Ende zwanzig sein konnte, zu mir in den Jeep stieg und sagte: »Ich bitte Sie, nicht mehr zu sprechen, sobald wir da sind, okay? Denn ich möchte das Gefühl haben, das da draußen ganz für mich alleine zu haben.«
Sie hieß Linda und kam aus Toronto. Sie war der sehnige, durchtrainierte Typ, trug ausgebleichte Jeans, ein orangefarbenes T-Shirt und weiße Nike-Sportschuhe. Ihre Sonnenbrille hatte sie wie einen Haarreif hinauf
in das kastanienfarbene Haar geschoben, und über ihrer Schulter hing eine Kamera. Irgendwann brach sie ihr Schweigen und sagte: »Der Reiz besteht darin, die komplette Vita eines Flugzeugs zu dokumentieren, bis zum bitteren Ende hier in der Wüste.« Und dabei zeigte sie auf all jene Exemplare, die sie noch »zu Lebzeiten« fotografiert hatte. Von einzelnen Exemplaren wie der DC-10, die noch die Farben der African International aus Swasiland trug, konnte sie den ganzen Lebenslauf herunterbeten.
Linda war die Tochter eines Luftwaffenoffiziers, der sie schon als Kind mit zu den verschiedenen Stützpunkten genommen hatte, um ihr die Jets zu zeigen. Und Linda kannte sie alle, all die unterschiedlichen Iljuschins, Boeings, Tupolews und Antonows. Ihre Verehrung für die Maschinen hatte nahezu religiöse Züge angenommen, doch sie gefiel mir, gefiel mir sogar sehr, nicht zuletzt ihr geradezu philosophischer Ernst, mit dem sie auf ihrem Spleen bestand.
Ich hatte sie mir genau angesehen und meinen Blick über ihr Gesicht wandern lassen, als wir vor den Maschinen Halt machten und sie ihre Canon in Position brachte. Und wenn sie redete, ganz egal was, hing ich an ihren vollen roten Lippen.
Dann schien sie in eine Art Trance zu verfallen, aus der sie erst wieder erwachte, als ihre seltsam kraftlosen Züge ihre Spannung nach und nach wiederfanden und in ein zufriedenes Lächeln übergingen. Sie sah mich an und sagte: »Wollen wir was trinken gehen?«
»Warum nicht?«, sagte ich und steuerte den Jeep zurück zum Airport. Wir verschanzten uns vor der Hitze in Kittys Cafeteria, von wo aus man diesen perfekten Blick auf die Landebahn hatte. Linda kam ziemlich schnell zur Sache und fragte: »Hast du eine Frau?«
Ich sah sie prüfend an, trank einen Schluck Bier und erwiderte: »So einfach ist das nicht, da muss schon einiges zusammenkommen, damit es passt!«
»Mein Gott«, sagte Linda und lächelte, sie musste fast lachen, und ihre Hand, mit der sie eben noch ihr Glas gehalten hatte, fuhr vom Tisch hoch. »Du klingst wie jemand, der über elektrische Schaltkreise redet!«
Jedes Mal wenn eine Maschine herunterkam, um zur Landung anzusetzen, wurde es wegen des blitzenden Rumpfs, der das Sonnenlicht reflektierte, sekundenlang gleißend hell vor meinen Augen. Linda ließ die Eiswürfel in ihrem Glas klirren.
»Ich hatte mal eine Affäre mit einem, der konnte selbst im Bett nicht aufhören, über seine Autos zu reden. Monatelang war ich in ihn verknallt, und als wir uns endlich näher kamen, hat er immerzu von seinen Autos gequatscht. Außerdem hatte er’s dauernd so eilig. Vor allem beim Sex.«
Linda war bereits einmal verheiratet gewesen, mit einem Flugzeugingenieur aus Iowa, den sie sich allein schon wegen seines Berufs geangelt hatte. Doch seine schönen Augen seien so ziemlich das Einzige gewesen, was von ihm übrig geblieben sei, nachdem sie die Heiratsurkunde unterzeichnet hatten. Ein halbes Jahr später habe er ihr gestanden, etwas mit einem Mann angefangen zu haben, und sie ließ sich von ihm scheiden.
Ich versuchte, mir Linda mit diesem schwulen Flugzeugingenieur im Bett vorzustellen, und musste zugeben, dass mir diese Vorstellung nicht behagte.
Linda hatte mich, was meine eigene Geschichte betraf, nicht weiter ausgefragt. Möglicherweise wartete sie bloß darauf, dass ich selbst davon anfing. Doch diesen Gefallen tat ich ihr nicht. Ich hätte nicht reden wollen über Hamburg, Lilian und mich, wollte keine Sätze über sie und mich sagen, die doch nur an der schwer greifbaren Wahrheit unserer ungeklärten Situation vorbeigezielt hätten. Lilian und ihre Fotografien gehörten nach Hamburg. Nun aber war ich in Mojave, und Mojave bedeutete Hitze und Schweiß, die Spotter und das Dröhnen der Maschinen.
Irgendwann fing Linda wieder von den Flugzeugen an, und ich war froh, mich in ihren Sätzen zu verlieren, denn bis zu einem gewissen Grad konnte ich ihre Faszination für Flugzeuge sogar nachvollziehen. Auch ich hatte als kleiner Junge ein paarmal an der Hand mei-
nes Vaters auf der Aussichtsterrasse des Frankfurter
Flughafens gestanden und gebannt zu den Start- und Landebahnen gesehen, wo die Maschinen in der Sonne leuchteten. Später, als Zwölfjähriger, baute ich gemeinsam mit einem größeren Jungen aus der Nachbarschaft Air-Fix-Flugzeuge, natogrüne, federleichte Stukas, Messerschmitts und Lancaster-Bomber, die wir anschließend, statt sie an Nylonschnüren befestigt an die Zimmerdecke zu hängen, mit Watte füllten, die mit Feuerzeugbenzin getränkt war, und abends, in Brand gesetzt, vom Balkon unserer Hochhauswohnung schleuderten, um jauchzend zu beobachten, wie sie lodernd hinab in die Tiefe trudelten und Sekunden später mit einem trockenen Ploppen auf dem Parkplatz aufschlugen. Oder wir sägten schlüssellochgroße Löcher in den Rumpf, schoben brennende Chinakracher hinein und jagten die Stukas und Lancaster-Bomber in die Luft. Das hatte
uns damals irren Spaß gemacht. Doch im Gegensatz zu mir, der ich nie das Verlangen verspürt hatte, meine Faszination für Flugzeuge zu vertiefen, hatte Linda sich nicht damit zufrieden gegeben, bloß an Landebahnen und auf Aussichtsterrassen zu stehen und zu schauen. Und so war sie eines Tages zu einer richtigen Spotterin geworden, die es nicht dabei bewenden ließ, den Flugverkehr zu beobachten, Flugbewegungen aufzulisten, einzelne Maschinen zu fotografieren und den Funkverkehr der Flieger abzuhören. Linda hatte mehr gewollt und war dorthin gepilgert, wohin es alle wahren Spotter früher oder später zog: ins Arabische Emirat Sharjah zum Beispiel, wo noch Maschinen aus den GUS-Staaten zu sehen waren, die wegen ihres Höllenlärms in Europa nicht mehr landen durften, oder in das Mekka aller Spotter, den nahe der Stadt gelegenen Flughafen Kai Tak in Hongkong. Die grandiose Kulisse dort garantierte beispiellos spektakuläre Aufnahmen.
Linda hatte in wechselnden Jobs gearbeitet und jedes Mal gekündigt, sobald sie das Geld zusammen hatte, um sich das Ticket nach Hongkong, Berlin oder Paris kaufen zu können. Auf diese Weise war sie auch wieder nach Mojave gekommen, wo sich, was ich bis zu diesem Zeitpunkt nicht wusste, der zweitgrößte Flugzeugfriedhof der USA befand.
Als die Sonne am Ende der Rollbahnen unterzugehen begann und sich ein mildes Weinrot über die kalifornischen Wüstenausläufer breitete, donnerte eine
DC-10 der Billigfluglinie Pro Air über uns hinweg, das konnte ich beim Blick durch die kleinen Bordfenster direkt über mir erkennen, und Linda lag nackt in meinen Armen.
Sie benutzte ein Stück Glas, das aus einem der Seitenfenster herausgebrochen war, als Aschenbecher, den sie auf meine schweißnasse Brust gestellt hatte. Als wir miteinander schliefen, hatte ich die ganze Unruhe in ihrem Körper gespürt. Doch nun lag sie ruhig neben mir, blies einen perfekten Rauchkringel gegen den konkaven Kabinenhimmel und sagte: »Ich mag dich, Berger!«
»Was magst du?«, sagte ich, in der Hoffnung, aus der Frage eine Art Spiel entstehen zu lassen.
»Wie du bist!«
»Wie bin ich denn?«
»Irgendwie unkompliziert!«
»Ist dir so was schon mal passiert?«
»Natürlich«, sagte Linda. »Ich bin leicht zu haben. Du übrigens auch.«
Ich stutzte kurz, erwiderte dann aber: »Nein, ich meine das hier.«
»Ob ich es schon mal in einem Flugzeug gemacht habe?«
»Genau!«
»Nein, noch nie«, sagte sie. »Aber wenn ich ehrlich bin, habe ich immer davon geträumt!«
»Und wie war’s?«, sagte ich und nahm den Ascher weg.
»Wie ’n guter Flug erster Klasse!«, sagte sie lachend, »das willst du doch hören, oder?« Dabei legte sie ihren Kopf auf meine Brust, so dass ihr langes dunkles Haar in Wellen darüberfloss.
Durch die verschmutzten Seitenfenster drang kein Licht mehr in den Innenraum. Die Nacht war schnell gekommen. Wir lagen in völliger Dunkelheit. Inzwischen hatte es ein wenig abgekühlt, und in der Kabine war es halbwegs erträglich. Beim Betreten hatte mir der Atem gestockt, so heiß war es dort gewesen, sicher an
die 50 Grad Celsius. Innerhalb von Sekunden war ich schweißgebadet, und bei jeder Bewegung hatte ich das Gefühl, mich durch eine schwere durchsichtige Masse zu kämpfen.
Es war Lindas Idee gewesen, in eine der abgestellten Maschinen zu klettern.
Anfangs hatte ich das Ganze für einen ihrer Spotter-Spleens gehalten, doch als sie mich vollkommen ernst ansah und sagte: »Ich möchte mit dir schlafen, Berger, am liebsten in einem von den Dingern da!«, fiel mir nichts Besseres ein, als zu erwidern: »Aber nur, wenn wir uns dabei anschnallen!«
Wir hatten gewartet, bis die Dämmerung einsetzte, denn ich wollte vermeiden, dass wir einem der Wachleute vom Airport direkt in die Arme liefen, die hin und wieder zu Kontrollgängen herüberkamen. Erst als die letzten Sonnenstrahlen die Stahlvögel in ein rotes Licht tauchten, verließen wir eng umschlungen Kittys Cafeteria. Sämtliche Maschinen streckten ihre Nasen in den leichten Wüstenwind. Man hatte bei den meisten die Flügel und Fenster verklebt, um sie vor allzu kräftigen Stürmen zu schützen.
Später erzählte mir Linda, dass sich unter den Schrottkisten zahlreiche intakte Maschinen befanden, Dutzende Boeings der Hawaiian Airlines, Swissair-Maschinen des Typs MD-11 und über 90 Maschinen der bankrotten US-Airways. In Zeiten schlechter Auslastung nutzten verschiedene Airlines das trockene Wüstenklima, um zeitweise außer Dienst gestellte Flugzeuge vor Korrosion zu schützen.
Linda entschied sich für eine Convair 880 am Rand der Piste, bei der bereits das Fahrwerk abmontiert war. Wie eine platt gefahrene Krähe drückte sie, bloß von einer Handvoll Klötze gestützt, Rumpf und Schnabel auf den Boden. Wir stellten den Jeep auf Höhe der Kabinentür im Windschatten einer ziemlich verrosteten Boeing 737 ab, so dass wir problemlos vom Dach des Wagens den unverschlossenen Einstieg erreichen konnten.
Auf dem Rollfeld war es gespenstisch ruhig. Ab und zu blies der Wind ein leises Geknatter über die staubige Piste und zerrte hartnäckig an den Enden der Schutzfolien, die über die Öffnungen der Turbinen gespannt und mit Klebeband befestigt waren.
Linda verströmte einen geradezu heiligen Ernst, denn als ich auf der Tragfläche stand und ein paarmal spaßhaft wippte wie beim Sprung vom Einmeterbrett, zischte sie: »Nicht jetzt, bitte!«
Aus dem Innern der Maschine hatte man die Sitze entfernt. Über den Boden lagen kleine Beutel verstreut, deren zuckerähnlicher Inhalt die Feuchtigkeit anziehen sollte. Weiter hinten Teile der Innenverkleidung, zahllose Schrauben und Metallbolzen, es roch nach Staub und heißem Blech.
Ich nahm Kerzen aus der Tasche, stellte sie auf den Kabinenboden und sah nach draußen, wo in der Ferne das Flughafengebäude im letzten schwachen Abglanz der Sonne granatrot erstrahlte. Ich genoss den leichten Luftzug, der durch die ovale Fensteröffnung, in der das Glas fehlte, hereindrang und mein Gesicht kühlte. Dabei musste ich an Ray denken, dem ich das hier alles letztlich zu verdanken hatte.
Linda hatte mich, ohne lange zu fackeln, zu sich gezogen, und ich hatte mich ziehen lassen. Ich zündete die Kerzen an, und Linda verschwand im Cockpit. Als sie wieder daraus hervortrat, war sie völlig nackt. Sie hielt ihre Kleider in der Hand, die sie dann zwischen uns auf den Boden warf.
»Zieh dich aus«, sagte sie. »Aber ich will, dass wir uns viel Zeit lassen, verstehst du? Wie es sich für ein erstes Mal gehört!«
Wenig später standen wir uns auf nackten Sohlen gegenüber. Ich ließ meinen Blick über ihre Schultern, die Brüste hinunter zu ihrer pechschwarzen Scham und wieder hinauf zu ihren Augen gleiten, worauf sie mich sofort mit ihrem Blick festhielt, immer fester, so als wolle sie mich über den Augenblick hinaus an sich binden.
Es mag unzutreffend sein, wenn ich das Ganze als Zeremoniell beschreibe, doch wenn ich zurückdenke, fällt mir auch heute noch kein anderes Wort für das ein, was damals, an Bord der alten Convair zwischen Linda und mir geschah.
Durch die Öffnung des eingeschlagenen Fensters drang brausend der Wüstenwind herein und erzeugte eine einsilbige Melodie. Mit unsichtbaren Fingern griff er nach Lindas Haar. Ein am Boden liegender Bolzen bohrte sich in meine Fußsohle, und bei dem Versuch, meinen Arm nach ihr auszustrecken, erzeugte der Schweiß, der sich unter meinen Achseln gesammelt hatte, ein schmatzendes Geräusch. Und als Linda meine Hand nahm, wobei sie mich keine Sekunde aus den Augen ließ, und wir aneinander geschmiegt zu Boden sanken, hatte ich das Gefühl, etwas zu erleben, das über alles hinausging, was ich bis dahin mit einer Frau erlebt hatte.
Die paar Flaschen Bier, die ich mit an Bord genommen hatte, waren schnell geleert. Lauwarm war mir der bittere Schaum im Mund zusammengelaufen, doch den Geschmack von Lindas Zunge hatte er nicht wegspülen können. Irgendwann nickte ich ein. Einmal schreckte ich kurz hoch, weil ich glaubte, draußen Schritte auf der Rollbahn gehört zu haben. Doch alles war ruhig, und so schlief ich gleich wieder ein.
Als ich am nächsten Morgen erwachte, war Linda verschwunden. Die auf den Rumpf der Maschine drückende Hitze hatte mich geweckt. Ich spähte nach draußen, wo das ungebremste Sonnenlicht die Rollbahnen langsam zum Glühen brachte.
Mein Blick fiel auf die heruntergebrannten Kerzen und leeren Bierflaschen, Linda hatte sie zu einer Art Kruzifix angeordnet, doch was auch immer sie mir damit hatte sagen wollen, ich verstand es nicht. Aber irgendetwas sagte mir, dass sie weg war aus Mojave.
Ich fuhr mir ein paarmal mit den Fingern durchs Haar und betrachtete nachdenklich meine schweißnasse Hand. Dann sah ich wieder nach draußen, und langsam kehrten die Erinnerungen an die vergangene Nacht zurück. Wir hatten einander nicht das Geringste versprochen, und weder ich noch sie hatten etwas gefordert. Trotzdem traf mich Lindas Verschwinden wie ein Hieb.
Ich stieß die Kabinentür auf, kniff die Lider zusammen und sprang mit einem Satz auf die leicht nachgebende Tragfläche. Dann glitt ich von dort hinab auf die Erde.
Die Wirklichkeit hatte mich wieder. Die Hitze, der Jeep und auch meine Hütte mit dem Wellblechdach am Rand der Wüste, die sich jeden Tag aufs Neue in einen Backofen verwandelte. Ich stieg in den Jeep und fuhr hinüber zum Airport.
Kitty, mit der ich mich inzwischen ein bisschen angefreundet hatte, grinste und sagte, als ich vor ihr stand: »Deine neue Freundin hatte es aber verdammt eilig, hier wegzukommen!«
Ich ließ meinen Kaffee stehen und klapperte die paar Abflugschalter ab, die es im Mojave Airport gab, und nach ein paar Minuten wusste ich Bescheid: Linda hatte kurz vor acht für den 9-Uhr-Flug nach Arizona eingecheckt, wo sich das Evergreen Air Center in Marana befand, der größte Flugzeugfriedhof in den Staaten. Jetzt fiel mir ein, dass sie am Nachmittag davon gesprochen hatte, dass sie weiter nach Marana wollte. Erst um vier ging die nächste Maschine nach Arizona.
Von Kittys Apparat rief ich noch einmal in der Redaktion in Hamburg an, sagte, meine Rückkehr werde sich weiter verzögern, und gab als Begründung Probleme mit meiner Gesundheit an, die es mir im Moment unmöglich machten, einen genauen Zeitpunkt für meine Rückkehr zu nennen. Ich wollte verhindern, dass sie mich von der Lohnliste strichen, mir alles offen halten.
Ich sah auf die Uhr, die über dem Kaffeeautomaten neben den zahllosen Postkarten an der Wand hing. Bis vier blieben mir etwas weniger als sechs Stunden, mehr als genug Zeit also, um mich zu rasieren, das Nötigste zusammenzupacken und ein paar Runden im Pool zu drehen.

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