Die Anderen von Katja Henkel, 2005, Klett Cotta

Katja Henkel

Die Anderen
(Leseprobe aus: Die Anderen, Roman, 2005, Klett-Cotta)

Ihre Mutter eilt ihr voraus wie eine Reiseleiterin. Sie sieht sich halbherzig nach Romy um, offenbar macht sie sich keine Sorgen darüber, daß sie ihr nicht folgen könnte. Nur ist nicht klar, woher sie diese Sicherheit nimmt. Vielleicht, weil die Tochter sich wieder vernünftig benimmt. Weil die fieberhaften, heißen Monate vorbei sind. Aber das kann sie nicht wissen. Mutter und Tochter reden kaum miteinander.
Neben Romy läuft Jack. Eigentlich Jakob. Bei jedem Schritt knicken seine Knie leicht ein, er schlenkert mit den Armen und streckt die Brust heraus. Zumindest hat sie ihn wenigstens ein-mal in richtigen Schuhen gesehen. Bald wird sie sich von ihm verabschieden.
Deswegen versteht sie nicht, daß ihre Mutter nicht neben ihr geht oder gar hinter ihr, um sie im Auge zu behalten, sie viel-leicht sogar an der Hand zu nehmen. Das wäre nicht einmal übertrieben. Aber ihre Mutter hat sie nie sonderlich gerne ange-faßt. Um so weniger, je älter sie wurde.
Sie befürchtet nicht, daß Romy einfach umdrehen und weg-gehen könnte. Daß sie versuchen könnte, zurück an den Strand zu kommen, oder sonstwohin. Sie hat in den letzten Tagen so viele Geschichten über ihre Tochter gehört und jede einzelne geglaubt. Auf jeden Fall müßte sie Romy zutrauen, noch immer nicht aufgeben zu wollen.
Dafür ist Romy viel zu müde.
Wenn Jack recht hat, wäre sie irgendwann in der Lage, alle und alles in ihr Leben zurückzuholen. Milind. Und Jack. Dann müßte es doch nicht zwangsläufig ein Abschied für immer sein.
Milind - was der Name bedeutet, hat sie erst auf dieser wahn-sinnigen Bahnfahrt herausgefunden: Honigbiene. Merkwürdiger Name für einen Jungen. Rob hat ihr das erzählt. Die Bahnfahrt ist zwar schon ein paar Tage her, aber sie kann Rob immer noch spüren.
Sie sieht Jack von der Seite an. Er merkt es und reagiert sofort mit einem bedauernden Schulterzucken, vielleicht auch einem entschuldigenden. Dabei hat sie alles verziehen.
Ohne genau zu wissen, was sie verzeihen muß und was nicht. Es ist heiß. Schweiß kitzelt in ihren Kniekehlen und im Nacken. Unter ihren Achseln entstehen Rinnsale. Die Luft in dem winzi-gen Flughafen steht.
Jack hat darauf bestanden, sie zum Flughafen zu bringen, Pete hat ihm seinen Jeep geliehen. Die Anderen waren auch gekom-men, um an ihrem Abschied teilzunehmen. Zweifellos um si-cherzustellen, daß sie auch wirklich verschwindet. Niemand hat sie in den Arm genommen, nicht einmal ihre Hand geschüttelt. Sie hat sich bemüht, nicht in ihren Gesichtern zu lesen. Sie hat es aufgegeben, in Gesichtern zu lesen.
Nur Hanna hat sich genähert, mit einer einzigen, schnellen Bewegung, als könne sie es sich noch einmal anders überlegen, wenn sie sich Zeit ließe.
„Ryokan sagt: Geh tief in das Leben hinein, so tief du kannst“, murmelte sie an Romys Ohr. „Dann wirst du fähig, selbst die Blüten sein zu lassen.“
Sie hat immer solche Dinge zu ihr gesagt. Romy hat es nie verstanden. Aber irgendwie fand sie es nett, obwohl Hanna ein wenig zu schnell wieder einen Schritt nach hinten machte.
Dann stiegen sie ein, Jack setzte sich hinters Steuer, ihre Mutter und sie besetzten die Rückbank. Satja hob den rechten Arm. Sie knickte die Finger ein wenig ab, fast war es ein Win-ken, aber doch nicht ganz, sie erstarrte mitten in der Bewegung und ließ den Arm wieder sinken. Wortlos drehte sie ab und ging an den Anderen vorbei. Vielleicht, um den Dialog mit ihren En-geln aufzunehmen.
Wim hob sein Fernglas an die Augen und stapfte zum Was-ser, Erwin verzog sich, Hanna wartete unschlüssig und ging dann auch davon. In die andere Richtung.
Nur Jule und ihre Schwester blieben. Reglos. Jule mit gutem Grund, Jules Schwester aus Mitgefühl.
Romy ließ dieses Bild in sich nachwirken. Der Wurm hatte sich aufgeteilt. Wenn es nach ihr ging, für immer.
Den Weg zum Flughafen hat sie kaum mitbekommen, weil sie sich auf Jacks Nacken konzentrierte, auf die kurzen, zittern-den Härchen, von denen sie weiß, wie sie sich anfühlen. Als ihre Augen brannten in dem Fahrtwind und der giftigen Sonne, hat sie sie für ein paar Minuten geschlossen. Wann immer sie die Augen wieder öffnete, blickte sie direkt in die von Jack im Rückspiegel. Wachsamkeit lag in ihnen. Vorsicht. Eine Menge Neugier. Kein Anflug von Langeweile.
Ihre Mutter hat ihm gelegentlich Fragen über einen Baum ge-stellt, der sie interessierte, oder über die Kühe und Hunde und Fußgänger, denen Jack ständig ausweichen mußte, weil sie sich so sorglos mitten auf der Straße bewegten, als ob sie allein auf der Welt wären. Ihre Mutter hat mit gerunzelter Stirn die herun-tergekommenen, überladenen Lastwagen betrachtet, die ständig hupen und niemals ausweichen. Sie hat Jack gefragt, was es zu bedeuten habe, wenn die Fahrer die Hand mit der Innenfläche nach unten aus dem Fenster halten und auf und ab bewegen. Romy hätte ihr das auch beantworten können. Aber auf die Idee ist ihre Mutter gar nicht erst gekommen.
Jack ist ziemlich schnell gefahren. Das wunderte sie, weil sie dachte, er hätte etwas aus den letzten Tagen gelernt.
„Sie haben ja jetzt unsere Adresse, Jack“, hat ihre Mutter im Plauderton gesagt. „Falls Sie mal nach Deutschland kommen, dann melden Sie sich, ja?“
Jack nickte und lächelte.
„Na sicher“, murmelte er. Sicher war, daß er sich nie melden würde und ihre Mutter es auch gar nicht so meinte. Aber man sagt solche Sachen eben, selbst in einer Situation wie dieser. Und weil sie sich auf sicherem Grund wußte, fragte sie: „Kom-men Sie denn manchmal nach Deutschland, Jack?“
„Ist schon lange her“, nuschelte er. „Eigentlich kenne ich dort niemanden mehr.“
Ihre Mutter nickte, als wisse sie genau, was er meinte, dabei hat sie Deutschland nie länger verlassen. So weit wie jetzt, um ihre Tochter zu holen, ist sie jedenfalls noch nie geflogen. „Es tut mir Leid, was da passiert ist, Jack.“ Die Hand, die sie auf seine Schulter legte, war so kühl wie ihre Worte. „Aber ich weiß nicht, wie man es hätte verhindern können.“
Romy hat wieder die Augen geschlossen und gleichmäßig ge-atmet.
Nach dem Einchecken haben sie noch jede Menge Zeit, Jack ist auf Nummer Sicher gegangen und hat für etwa vierzig Kilo-meter zwei Stunden Fahrzeit einberechnet. Offenbar wollte er keinesfalls riskieren, daß sie ihren Flug verpassen. Sie stellte sich vor, wie es wäre, wenn sie wieder zurückkäme an den Strand und schmunzelte kurz. Ihre Mutter bemerkte es besorgt. Romys Lächeln verwirrt sie Jack lädt sie noch zu einem wässri-gen Kaffee ein.
Er hätte auch zurückfahren können. Vielleicht will er einfach mit eigenen Augen sehen, wie sie durch die Passkontrolle gehen. Romy nimmt seine Hand. Er schaut etwas beschämt, drückt sie aber. Ihre Mutter lächelt ihn ermutigend an. Schon gut, sagt ihr Blick, schadet ja nicht. Und da drückt er noch etwas fester zu und streicht mit dem Daumen immer wieder über ihren Hand-rücken, bis er brennt.

Und jetzt sind sie dort angekommen, wo er nicht mehr wei-tergehen darf. Alle drei bleiben stehen. Ihre Mutter streckt ihm die Hand hin. Sie sieht sehr gefasst und jung aus. Wenn man von der steilen Falte zwischen ihren Augenbrauen absieht. Die läßt sie grimmig wirken. Der Tag ist nicht weit, an dem sie sich ein Schlangengift in die Stirn spritzen läßt.
Die Hitze macht ihr nichts aus, sie ist unterkühlt und frisch wie immer. Sie trägt einen schlichten grauen Rock in Bleistift-form und eine weiße Bluse. Nicht einmal auf die Nylonstrumpf-hose hat sie verzichtet, selbst bei über fünfunddreißig Grad in einem indischen Flughafen ist es ihr unmöglich, nacktes Bein zu zeigen. Ihre Frisur sitzt wie ein maßgeschneiderter Hut.
Romy entdeckt einen Anflug von Bewunderung in Jacks Au-gen. So hat er sie schon einmal angesehen. Vor ein paar Tagen, am Strand. Jack hat seit Jahren nicht mehr so viel Eleganz gese-hen. Doch genau vor solchen Frauen ist er damals aus Deutsch-land geflüchtet. Wahrscheinlich war seine Mutter so. Oder seine Exfrau. Kurz denkt Romy, daß sie ein passendes Paar abgeben würden. Wenn er mal anständige, seinem Alter entsprechende Klamotten tragen würde. Lange Hosen, gebügelt womöglich. Und vielleicht einen Trenchcoat und Mütze.
„Ich möchte Ihnen danken, Jack“, sagt Romys Mutter ein we-nig steif. „Ohne Sie …“ Ihre Hand verharrt in der Luft, doch sie spricht nicht weiter, hat nicht einmal die Absicht gehabt, den Satz zu vollenden. Dabei hätte Romy nur allzu gerne gewußt, wie sie ihn hätte enden lassen.
Ohne Sie wäre all das nicht geschehen.
Ohne Sie hätte eine Katastrophe passieren können.
Ohne Sie hätte ich meine Tochter nicht gefunden.
Er schnappt sich ihre Hand und läßt sie lange nicht los. Romy will ihnen ein paar Minuten allein geben und wendet sich ab. Vielleicht müssen sie sich gegenseitig noch einmal versichern, alles richtig gemacht zu haben.
So hat Romy die Gelegenheit, sich noch einmal Milinds Ge-sicht ins Gedächtnis zu rufen, wie sie es zum ersten Mal gesehen hat, und zum letzten Mal, als es regungslos war und nur ein winziger Blutfaden aus seinem Mund lief. Nur der hatte sich noch bewegt Es kommt ihr vor als wäre es eine Ewigkeit her. Und nicht ein paar Tage.

Jack dreht sie vorsichtig zu sich und umarmt sie. Das hat sie nicht erwartet. Sie taucht hinein, in die Hitze seines Körpers, in den stechenden Schweißgeruch. Es gelingt ihm, daß sie sekun-denlang, nur ein Zwinkern lang, glaubt, Antworten gefunden zu haben, überzogen mit seinem Schweiß, der auf sie tropft, und ihr das Gefühl gibt, ihr Körper gehöre nicht ihr, auch nicht ihm, sondern sei einfach nur da.
Mit nagender Erregung wünscht sie, daß er so etwas Unpas-sendes sagt wie Bleib hier, ich passe auf dich auf. Mach dir kei-ne Sorgen.
Für ihren Geschmack kann es gar nicht banal genug sein.
„Mach’s gut, Err“, sagt er. Und sie freut sich, daß er sie so nennt, denn damit hat er vor ein paar Tagen aufgehört. Er streichelt ihr sanft übers Haar. Dann drückt er ihr ein kleines Päck-chen in die Hand. Dreht sich weg und geht. Sie beobachtet ihn, grinst wegen der Khaki-Shorts und des weißen, verknitterten T-Shirts. Sie hat an ihm nie etwas anderes gesehen, sie ist froh, daß er es auch jetzt anhat.
Und Romy sieht zum letzten Mal weg.

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