Bissige Stories von Susanne Henke, 2005, BoD

Susanne Henke

Sport ist Mord
(Leseprobe aus: Bissige Stories für boshafte Leser, 2005, BoD)

Rhythmisch schwingt dein sorgfältig gesträhntes Pferdeschwänz-chen vor meinen
Augen hin und her. Beide spiegeln wir uns im Fenster. Du mit deinem makellosen
Figürchen in einem rot-weißen Sportdress, ein schmales Handtuch um den Nacken
geschlungen. Ich, ein grober, unförmiger Klotz, ganz in Schwarz gehüllt. Rot ist nur
mein Gesicht. Gleichmäßig setzt du deine zierlichen Füßchen eins vor das andere auf
das Laufband. Wie ein Hamster. Auf deinem Rücken bildet sich bereits ein dunkles
Dreieck.
Ja, lauf du nur, du kleines Flittchen. Egal wie schnell du bist, du kannst mir nicht
entkommen. Du hast mir meinen Mann gestohlen. Hat deine Mutter dir nicht
beigebracht, dass man das nicht tut?
Nach dreißig Minuten hältst du das Laufband an. Du wischst ordentlich die Griffe
ab, nimmst einen Schluck aus deiner Designerflasche und setzt dich auf ein
gynäkologenstuhlähnliches Gerät. Fünfzig Kilo legst du auf, presst die Beine
zusammen und wieder auseinander. Das ganze dreißig Mal.
Armer Harald, hat er gar keine Angst, wenn er zwischen diesen gestählten
Schenkeln liegt?
Als wäre es noch nicht genug, stemmst du jetzt siebzig Kilo auf der Beinpresse.
Dein Gesicht ist schon leicht gerötet. Ein metallisches Pling verrät, dass du dir wohl
ein bisschen viel zugemutet hast. Das dunkelrote Dreieck auf deinem Rücken breitet
sich aus – wie geronnenes Blut.
Ja, Schätzchen. An diese Farbe kannst du dich schon einmal gewöhnen. Das hier
wird deine letzte Fitnessrunde sein. Mein Messer wartet schon auf dich.
Du legst dich auf die Bank und wuchtest die Langhantel nach oben. Mit diesen
angeschwollenen Halsmuskeln siehst du gar nicht mehr so schwanengleich aus. Und
das liebreizende Antlitz zu einer Grimasse verzerrt. Wenn Harald dich so sehen
könnte!
Nebeneinander liegen wir auf zwei Bauchtrainern. Du würdigst mich keines
Blickes. Hochkonzentriert absolvierst du deine Situps. Wie ein Käfer auf dem Rücken
siehst du aus. Alle Viere nach oben gestreckt, in hilflosem Zucken erstarrt. Blutrot ist
jetzt dein ganzes Hemdchen. Als hätte man dir dein strammes Bäuchlein schon
aufgeschlitzt.
Du setzt dich auf, wischst dir den Schweiß aus dem Gesicht, trinkst wieder einen
Schluck und wirfst einen Blick auf die große Studiouhr.
Deine Zeit ist abgelaufen. Ende der stürmischen Romanze zwischen Barbie und
ihrem alternden Liebhaber. Und glaub ja nicht, dass Harald untröstlich sein wird.
Reumütig wird er zu meinen weichen, untrainierten Schenkeln zurückkehren.
Du stehst auf und gehst zu dem Studio, vor dem sich schon ein paar
Artgenossinnen versammelt haben.
Power Workout steht hier auf dem Programm. Power dich nur aus, umso leichter
werde ich es nachher mit dir haben. Ich werde dich nicht aus den Augen lassen.
Zu den hämmernden, schnellen Beats bellt die Trainerin ihre Kommandos. Die
Kursteilnehmer schleudern ihre Gliedmaßen im Takt hin und her. Du beherrschst die
Choreographie perfekt.
Wieder wippt dein sorgfältig gesträhntes Pferdeschwänzchen vor meinen Augen
hin und her. Ich bekomme keine Luft mehr. Mein Gesichtsfeld engt sich ein. Ich sehe
nur noch deinen Pferdeschwanz. Dann wird alles schwarz.
Der herbeigerufene Notarzt beugt sich über die am Boden liegende, massige
Gestalt. Er kann nur noch den Totenschein ausfüllen: Herzversagen infolge akuter
Überanstrengung.

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