Eine sehr kleine Frau
(Leseprobe
aus: Eine sehr kleine Frau,
Roman, 2007, Deuticke)
Gewiß, nicht nur Märchen hatte mir die Großmutter erzählt. Jetzt allerdings, da ich mich zu erinnern versuchte, welche Geschichte diewar, die sie mir erzählt hatte, oder jedenfalls die, welche, wieder und wieder erzählt, in meiner Erinnerung am tiefsten wurzelte, fiel mir trotzdem ein Märchen ein. Dornröschen. Die exemplarische Geschichte. Der Archetypus einer Geschichte. Womöglich kam mir Dornröschen auch deshalb in den Sinn, weil es so gut zu der Atmosphäre paßte, mit der ich die Großmutter und mich durch die Stadt meiner frühen Kindheit gehen sah.
Die Gassen mit den Schutthalden, auf denen das Unkraut imponierend wuchert. Die Ziegelmauern und Planken, hinter denen wer weiß was sein mag. Vor allem aber die verwilderten Gärten. Von der Dornenhecke, hinter der Dornröschen schlief, hatte ich eine aus diesen Komponenten zusammengesetzte Vorstellung. Dornröschen also, die ausführlich schlafende Schöne. Daß sie so lang schlief, lag daran, daß sie sich vorher an einer Spindel gestochen hatte. Das wieder lag daran, daß die dreizehnte Fee beleidigt war. Die man nämlich nicht zur Taufe eingeladen hatte – ein entscheidender faux pas.
Die Großmutter war als junges Mädchen in Paris gewesen, darum
gebrauchte sie gern französische Wendungen. Sie kultivierte auch die französischen Begriffe, die damals noch vage und meist schlimm
artikuliert zum Wiener Wortschatz gehörten. Meinte sie den Gehsteig, so sagte sie Trottoir, redete sie von ihrer Geldbörse, so
sprach sie vom Portemonnaie, den Schaffner in der Straßenbahn, die wir nur benutzten, wenn wir, wie sie das nannte, weiter draußen
spazierengehen wollten, bezeichnete sie als Conducteur. Die
dreizehnte Fee faßte den faux pas, daß man sie nicht zu Dornröschens Taufe eingeladen hatte, sogar als affront auf.
Nein, richtig französisch parlieren, sagte die Großmutter, könne sie natürlich nicht mehr. Aber damals, als sie in Paris gewesen sei, habe sie es einigermaßen gelernt. Wieder fiel mir ein Bild von ihr ein, jetzt hatte ich auch die Schachtel vor Augen, in der sie diese alten Fotos aufbewahrte. Eine Schachtel, die sie aus dem untersten Fach des Wäschekastens nahm, und auf deren Deckel, wie mir jetzt schien, eine Mondsichel abgebildet gewesen war, vor einem im Lauf der Zeit sehr verblaßten Sternenhimmel.
Auf dem Foto war irgendein Stempel mit einem französischen Namen gewesen. Sobald ich lesen konnte, versuchte ich den Namen zu buchstabieren. Kein oberflächlicher Stempel, sondern ein tief eingeprägter, man konnte ihn auch mit den Fingern tasten. Aber es war nicht leicht, die richtige Aussprache zu begreifen.
Wie hatte der Fotograf bloß geheißen? Und wie die Straße, in der er sein Atelier hatte? Nein, ich konnte mir die Namen nicht in Erinnerung rufen. Aber die Großmutter, wie sie auf dem Foto abgebildet war, glaubte ich jetzt fast lebendig vor mir zu sehen. Da stand sie, ein junges Mädchen, sich auf die Lehne eines Louis-Quinze-Sessels stützend. Nicht frontal fotografiert, sondern im Halbprofil, die schwarzen, gelockten Haare im Nacken mit einer schmetterlingshaften Schleife zusammengebunden. Die Augen groß, dunkel, mit schönen, einen professionell positionierten Scheinwerfer spiegelnden Lichtern. Gleichzeitig schüchtern und sehnsüchtig dreinsehend unter den feingeschwungenen Brauen.
Das Gesicht, besonders das Kinn, war etwas zu weich modelliert, der Hals schlank, der Körper darunter steckte in einem hellen Sommerkleid. Es mußte ein kleiner, zarter, bei aller Schüchternheit aufblühender Körper gewesen sein. Sie erblühte zur Jungfrau. Was heißt das, Oma? Das heißt, auf einmal war sie ein hübsches Mädel. Dornröschen nämlich. An dem sich alle Wünsche der Feen erfüllt hatten, bis auf den einen. Sie erblühte kurz vor ihrem fünfzehnten Geburtstag. Als die Oma in Paris blühen durfte, war sie bereits siebzehn. In diesem Alter lag Dornröschen schon in einem hundertjährigen Schlaf.
In Paris, sagte die Großmutter, sei sie natürlich auf den Eiffelturm hinauf gefahren. Dort habe es schon im Jahr 1910 Aufzüge gegeben. In so einem ascenseur also sei sie gefahren, und zwar mit ihrem Cousin. Und dieser Cousin sei ein gutaussehender Student gewesen. Von dort habe sie die ganze, große Stadt gesehen. Viel größer als Wien, sagte sie, Dächer und Straßenzüge bis zum Horizont. Wenn sie daran denke, werde ihr noch heute das Herz weit. Unten jedoch habe ihre Tante gewartet.
Die Tante nämlich war nicht ganz schwindelfrei. Ihr hingegen habe die Höhe im Gegensatz zu später noch nichts ausgemacht. Außerdem habe der Cousin seinen Arm um ihre Schulter gelegt. Ich war aber dumm, sagte sie, deine Großmutter als siebzehnjähriges Mädel – kannst du dir das vorstellen?
Damals, als sie mir solche Geschichten neben Dornröschen erzählte, konnte ich das noch kaum. Jetzt, da sie längst auf dem Zentralfriedhof lag, aber meine Erinnerung etwas von ihr wieder lebendig zu machen versuchte, konnte ich es vielleicht etwas besser. Wie sie mit dem Cousin wieder abwärts fuhr. Wie er ihr den Arm nicht nur um die Schulter, sondern auch um die Taille legte. Ich weiß nicht einmal mehr, sagte die Großmutter, wie dieser Cousin mit Vornamen geheißen hat. Genaugenommen war er ein Cousin zweiten Grades.
Die Familie der Großmutter war weit verzweigt.
Die Familie der Großmutter war weit verzweigt gewesen.
Dornröschen aber stach sich an einer Spindel.
Anfangs wußte ich noch nicht, worum es sich bei einer Spindel handelte.
Die Königstochter wußte das auch nicht, aber bei ihr war das kein Wunder.
Hatte ihr Vater doch alle Spindeln in seinem Königreich verbrennen lassen.
Vielleicht keine so gute Idee. Hätte Dornröschen gewußt, wie man
mit einer Spindel umgeht, so hätte sie sich an ihrem ominösen Geburtstag geschickter verhalten. Für den ihr nämlich genau das
prophezeit worden war. Daß sie sich an einer Spindel stechen und dann hundert Jahre lang schlafen würde. Und dabei war das nur halb
so schlimm, denn wenn es nach der beleidigten Fee gegangen wäre, so wäre sie nach der Verletzung durch die Spindel tot umgefallen.
Tot, was ist das, ich ahnte es und konnte es trotzdem nicht fassen.
Ich versuchte mich daran zu erinnern, wann mich die Ahnung davon zum ersten Mal berührt hatte.
War das in der Inneren Stadt, im Volksgarten gewesen oder draußen im Schönbrunner Schloßpark?
Sowohl da als auch dort waren die Großmutter und ich zahllose Male gewesen.
Da und dort Rosen, die den Krieg überstanden hatten, entkommen aus ihren Beeten.
Keine Rose ohne Dornen, sagte die Großmutter. Manchmal pflückte sie mir eine davon und hüllte den unteren Teil des Stengels in ein Taschentuch.
Tod, wo ist dein Stachel? Also paß auf, sagte die Großmutter, eine Spindel braucht man zum Handspinnen.
Einmal stach ich mich trotz des Taschentuchs, da tropfte Blut. Keine Rose ohne Dornen, ja eben. Vielleicht stach ich mich auch absichtlich.
Vielleicht kitzelte ich den Stachel hervor. Er sah aus wie eine starke Katzenkralle.
Weiß wie Schnee, rot wie Blut, das ist aber Schneewittchen.
Muß ich jetzt sterben? fragte ich. Nein, sagte die Großmutter, wir kleben ein Pflaster auf die Wunde.
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