Und weil die Stunde kommt von Tino Hemmann, 2007, Engelsdorfer Verlag

Tino Hemmann

Und weil die Stunde kommt
(Leseprobe aus: Und weil die Stunde kommt, Roman, 2007, Engelsdorfer Verlag).

„Dein Verhalten ist merkwürdig.“ Haydar sieht Paul mit großen Augen an. Trotz der
extremen Morgenkälte wäscht der Junge seinen Oberkörper mit viel Wasser aus dem
Trog.
„Merkwürdig?“
„Ja, Boulos. Merkwürdig.“
„Was meinst du mit merkwürdig?“ Paul putzt mit einer alten, ausklappbaren
Reisezahnbürste notdürftig die Zähne, dann spuckt er ins Gras.
Haydar zieht sich das Hemd über die nasse Haut. „Es scheint, als hättest du Angst.“
„Angst?“
„Ja, Boulos. Angst.“
„Ich habe keine Angst.“
Sie gehen zu einem Zelt, wo sie Fladenbrot und Tee erhalten. Haydar setzt sich auf den
Boden und isst.
„Ich habe keine Angst“, wiederholt Paul und sieht Haydar von der Seite an.
Der Junge streckt und rekelt sich. „Doch“, sagt Haydar mit vollem Mund. „Du hast
Angst. – Was hast du getan, Boulos, dass du plötzlich Angst hast?“
„Ich habe keine Angst. Hör auf damit.“
„Nur deine Fragen sind heilig. Immerzu muss ich dir deine Fragen beantworten. Frage
ich dich aber, antwortest du mir nicht.“
„Was denkst du, das ich getan hätte, dass du denkst, ich habe Angst?“
„In der Nacht hast du um dich geschlagen. Du heultest in deiner Sprache. Ich hielt
deine Hand, bis du dich beruhigt hattest. Es waren wohl keine freudigen Worte, die du
von dir gabst. Aus deiner Stimme hörte ich die Angst.“ Haydar reißt ein Stück vom
Fladenbrot ab und steckt es in den Mund.
Als Paul den Trinkbecher zur Hand nimmt, bemerkt er das Zittern seiner Hände.
Haydar hat ihn überführt! „Zaim macht mir Angst. – Ich habe am Abend mit ihm
diskutiert.“
„Diskutiert?“
„Geredet. Wir haben laut geredet.“
„Ihr habt euch gestritten?“
„Wir haben laut geredet.“
„Warum habt ihr euch gestritten?“
„Es ging um dich.“
„Um mich? Ihr habt euch gestritten, und nun hast du Angst, Zaim könnte es mir
erlauben, dich zu töten?“
Paul schweigt. Er kaut das trockene Brot, das immer wieder vor der Speiseröhre halt
macht. Er schüttelt den Kopf.
Haydar trinkt von seinem Tee. „Vielleicht will ich dich nicht töten“, sagt er.
Der Deutsche sieht den Jungen erstaunt an.
„Vielleicht. Vielleicht auch nicht“, fügt Haydar hinzu.
„Damit macht man keine Späße“, flüstert Paul.
„Das war kein Spaß.“ Haydar klatscht in die Hände und erhebt sich. Er lacht.
„Du bist ein Lümmel. Nichts als ein frecher Lümmel. Ein Menschenleben hat für dich
keine Bedeutung! Und dir fehlt die Erziehung.“ Paul verdreht die Augen, denn
Moschtoba, der Ausbilder schreit.
„Antreten! Sofort!“
Die beiden laufen zum Zelt, werfen die Trinkbecher hinein, ergreifen die Waffen und
stehen kurz darauf mit den anderen Mudschahidin in einer Linie. Paul fällt auf, dass es
den Ausbildern völlig gleich scheint, wie die Anzugsordnung der Untergebenen ausfällt.
Was während seiner Armeezeit eine große Rolle spielte, scheint hier niemanden zu
interessieren.
Moschtoba will gerade – wie immer weit ausholend – den Tagesplan bekannt geben,
doch er kommt nicht dazu.
Unruhe macht sich breit.
Zwei Fahrzeuge nähern sich mit großer Geschwindigkeit. Mehrere Soldaten entsichern
ihre Waffen, doch sie beruhigen sich wieder, denn eines der Fahrzeuge erweist sich als
das von Zaim.
Die Jeeps bremsen abrupt und kommen unweit der Soldaten zum Stehen.
Zaim steigt aus. Aus dem anderen Jeep stürmen fünf der älteren Mudschahidin.
Der Kommandeur schreit Moschtoba an: „Sie sollen antreten! Alle! Im Karree! Hier vor
den Zelten! Sofort!“
Der Ausbilder gibt kurze Befehle. Während die Mudschahidin ein Karree bilden,
treffen sich die Blicke von Paul und Haydar.
Zaim schreit ununterbrochen, Paul versteht kaum ein Wort. Außerdem spuckt Zaim
häufig auf den Boden. Er läuft aufgeregt hin und her, bleibt dann unvermittelt vor
Haydar stehen.
„Warum sind wir hier?“, fragt er. Speichel, der aus seinem Mund kommt, trifft Haydars
Gesicht. Der Junge wagt nicht zu atmen. „Die meisten von euch haben keine Heimat! Ihr
habt keine Familie mehr! Die meisten von euch haben nichts! – Nichts! – Ihr besitzt nur
die Hemden, die eure Leiber tragen! Warum habt ihr keine Heimat? Warum habt ihr
keine Familie? Warum besitzt ihr nichts?“ Zaim brüllt und Haydar zuckt zusammen.
„Warum?“
Mühsam versucht Haydar, den Blicken seines Kommandeurs auszuweichen.
„Warum?“, brüllt Zaim erneut, dann gibt er seiner Frage eine Antwort. Wieder schreit
er: „Weil andere Armeen über eure Heimat herfallen! Weil andere Armeen eure Familien
töten! Weil andere Armeen euch all das entreißen, was euch gehört! Wie Kannibalen
fallen sie über eure Dörfer und Städte her, ungläubige Soldaten der russischen und
amerikanischen Armeen! Christen und Juden, Hurensöhne und Kindermörder halten
eure Heimat besetzt, dass ihr nicht zurück könnt, um an den Gräbern eurer Familien zu
trauern!“ Zaim zeigt Haydar seine Zähne. „Diese Hurensöhne sind deine Feinde! Das
sind deine Feinde! Sie zerstören täglich deine Heimat, deinen Glauben! Sie werden dich
töten, wenn du nicht erkennst, dass es deine Feinde sind! – Die fremden Soldaten und
ihre Helfer, das sind deine Feinde! Frag Allah, er wird mir beipflichten!“
Paul steht drei Mann neben Haydar. Fast fällt ihm das Gewehr aus der Hand, denn
Zaim lässt von Haydar ab und geht stampfend zu dem Deutschen. Der Kommandeur
steht direkt vor Paul, doch er dreht sich weg und starrt wieder zu Haydar.
Er schreit erneut: „Wahrscheinlich ist manchem von euch die Ruhe zu Kopf gestiegen,
die seit Monaten in unserem Camp herrscht. – Vermutlich denkt mancher von euch, er
wäre Urlauber auf einem netten Campingplatz. – Nein ...“ Zaim schüttelt übertrieben
den Kopf. „... weit gefehlt! Seit Tagen wird unser Lager von einer amerikanischen
Patrouille beobachtet! Ziel dieser Feinde ist es, unsere Bewaffnung, unsere Stärke und
unsere Gewohnheiten auszuspionieren, damit die Amerikaner uns gezielt vernichten
können! Der Feind ist so nah, dass man ihn riechen, sehen und hören kann! Er kriecht
wie eine Schlange durch Bodenvertiefungen, er schleicht wie eine Hyäne um das Aas, er
beobachtet wie ein Geier mit scharfen Blicken aus der Luft!“ Zaim atmet tief ein, damit
sein nächster Satz besonders laut wird: „Aber es gibt hier einige, die wissen, wer und wie
gefährlich unser Feind ist! Zum Glück gibt es einige, die auf der Wache nicht schlafen,
die Allah das Gelernte nutzen lässt!“ Zaim geht fünf Schritte zurück. Er sieht Paul an.
„Ich weiß nicht, wer die amerikanische Patrouille zu unserem Lager geführt hat. Ich
weiß lediglich, dass es diese Patrouille nicht mehr gibt!“
Er dreht sich um und gibt den Männern, die mit ihm kamen, einen Wink.
Sie zerren drei Körper aus den Jeeps und schleifen sie in die Mitte des Karrees. Die
Männer tragen amerikanische Uniformen.
Pauls Gesicht wird blass, sein Magen rebelliert, als will er sich jeden Moment
entleeren. Er ahnt, welchem Zweck Zaims Appell dient.
Zwei der Soldaten sind ohne Beine, einem hat man zudem den Kopf zerschmettert.
Der dritte Soldat ist am Leben. Er liegt auf dem Boden, aus seinen Augen spricht die
Angst. Seine Hände hält er im Genick, er zittert am ganzen Körper.
„Komm her Haydar!“, brüllt Zaim. „Komm zu deinen Feinden!“
Haydar rührt sich nicht.
„Komm sofort her Haydar!“, brüllt Zaim mit allem, was seine Stimme hergibt. „Komm
hierher zu deinen Feinden!“
Vorsichtig setzt der Junge einen Fuß vor den anderen, bis er neben Zaim steht.
Haydars Blicke können sich von den Torsi der toten Soldaten nicht trennen.
„Sieh sie dir an, Haydar! Sie wollen dich töten! Diese Männer zerstören deine Heimat!
Sieh sie dir an, Haydar! Diese Männer zerstören den Islam! Diese Männer sind
Ungläubige, die Allah hassen. Allah hat sie bestraft. Bestraft mit der ewigen Hölle! –
Erkennst du deine Feinde, Haydar? Erkennst du sie?“
Haydar blickt fragend zu Zaim.
„Erkennst du deine Feinde? Diese Feinde haben deine Familie getötet! Erkennst du
sie? Weißt du jetzt, wer deine Feinde sind, Haydar?“
Haydars Blicke senken sich wieder.
„Erkennst du deine Feinde? Sie haben deinen Bruder getötet! Sie haben deine
Schwestern getötet! Sie haben deinen Vater und deine Mutter getötet! Sie haben dir
deine Heimat genommen! – Erkennst du sie?“
Haydar schweigt, seine Finger halten verkrampft die Waffe.
„Was ist, Haydar, sind das deine Feinde? – Weißt du nun, wer deine Feinde sind?
Weißt du nun, gegen wen du kämpfen musst? – Antworte!“ Zaim greift an Haydars Kinn
und zwingt ihn, dem Kommandeur in die Augen zu sehen. „Antworte mir!“
„Es waren aber Russen ...“, flüstert Haydar.
Zaim drückt fester zu. „Was hast du gesagt? Ich habe nichts verstanden. Sprich laut!
Alle sollen hören, was du sagst!“
„Es waren Russen, die meine Familie töteten, keine Amerikaner“, sagt Haydar.
Zaim reißt dem Jungen die Waffe aus der Hand und wirft sie einem seiner Männer zu.
„Gib mir dein Messer“, befiehlt er dem gleichen Mann.
Der Kommandeur reicht das Messer an Haydar weiter. Dann geht er zu dem lebenden
Amerikaner. „Steh auf!“, schreit er. „Get up, Hurensohn!“ Zaim tritt ihm mit Wucht in
die Seite, dass er laut stöhnt. „Get up!”
Der Amerikaner erhebt sich vorsichtig und atmet heftig ein und aus. Er geht einen
Schritt zurück. Waffen werden entsichert, doch Zaim hebt beschwörend die Hand. Er
dreht sich zu Haydar, der das Messer in der Hand hält, als weiß er nicht, was das für ein
Gegenstand ist. „Töte ihn! Töte deinen Feind!“, brüllt Zaim. Er dreht sich zu dem
Amerikaner um und schreit: „Fight like a soldier!“ (Kämpfe wie ein Soldat!)
Haydar dreht sich ein wenig zu Paul. Der Deutsche ist fassungslos.
„Kämpft!“, brüllt Zaim erneut. „Kämpft!“
Die Mudschahidin gehen einige Schritte zurück, sie bilden einen Kreis, in dessen Mitte
die beiden Leichen liegen.
Haydar nimmt das Messer in die rechte Hand, er beobachtet den Amerikaner.
„Das ist dein Feind! Töte ihn!“, schreit Zaim erneut und reiht sich in die Zuschauer ein.
Er steht in der Nähe von Paul. „Was ist, Haydar, bist du ein Löwe oder ein Angsthase? –
Er ist dein Feind! Es waren Ungläubige wie er, die deinen Bruder töteten! Kämpfe!“
Haydar begreift, dass Zaim nicht aufgeben wird. Er hält das Messer nach vorn. Der
Amerikaner wird mit Sicherheit sterben. Tötet Haydar den Amerikaner nicht, dann wird
Zaim ihn töten.
Der amerikanische GI hält den größtmöglichen Abstand zu Haydar. Beide kreiseln um
die toten Soldaten. Haydar lässt den Amerikaner nicht aus den Augen. Es ist ein weißer,
kräftiger Mann, an Stärke ist er Haydar um vieles überlegen.
Paul ist unfähig, sich zu bewegen. Er beobachtet den Jungen und begreift, dass Zaim
Haydar opfern wird.
Haydar steht jetzt still, sein Oberkörper ist leicht nach vorn gebeugt. Er lauert.
Haydar ist ein junger Löwe, aber seine Beute hat ihn längst entdeckt. Noch wartet der
Löwe, doch es wird in diesem Kampf keinen günstigen, überraschenden Augenblick
geben.
Eine Minute vergeht. Dann eine zweite.
Der Junge läuft plötzlich zwei Schritte vorwärts, springt über die Torsos der Soldaten,
hebt den Arm und will dem Amerikaner das Messer in die Brust jagen. Doch der geht
einen Schritt zur Seite und schlägt Haydar aus der Drehung mit voller Wucht die Faust
von hinten in die Rippen. Das Messer rutscht dem Jungen aus der Hand, er ringt nach
Luft und geht in die Knie. Der Amerikaner stürzt sich auf den Jungen und begräbt ihn
unter sich. Er reißt Haydars rechten Arm nach hinten, dann greift er dem Jungen in die
Haare, zerrt seinen Kopf zurück und legt einen starken Arm um Haydars entblößten
Hals.
Paul erwacht aus seiner Ohnmacht, auch die anderen Mudschahidin schreien jetzt
lautstark durcheinander. Zaim steht regungslos dazwischen.
Haydar versucht, sich durch Zappeln und Winden zu befreien, doch dem festen Griff
des Gegners kann er nicht entkommen. Er sieht das Messer am Boden liegen, doch er
reicht nicht heran. Immer kräftiger drückt der Soldat dem Jungen die Kehle zu. Haydar
strampelt mit den Beinen, der Amerikaner hat ihn fest im Griff. Doch stets, wenn
Haydar dem Ersticken nahe ist, lässt der Soldat ihm für einen Moment die Luft zum
Überleben.
Paul sieht das nicht, er denkt, dass Haydar jeden Moment sterben wird. Plötzlich tritt
der Deutsche in den Innenkreis, hebt seine Waffe und schlägt sie mit aller Energie, die
er aufbringen kann, auf den Kopf des Amerikaners. Und noch einmal. Und noch einmal.
Der amerikanische Soldat liegt regungslos auf Haydar, der Junge bewegt sich nicht.
Stattdessen tritt Zaim vor, entsichert seine Pistole und legt die Mündung an Pauls
Kopf. „Es ist Haydars Kampf! Was mischst du dich ein? Es ist Haydars Feind! Es ist
nicht dein Feind!“
Haydar kriecht mühsam unter dem Körper des Amerikaners hervor, auf allen Vieren
bewegt er sich von Paul und Zaim weg. Er hustet und japst nach Luft. Neben den beiden
verstümmelten Körpern der amerikanischen Patrouille bricht der Junge zusammen.
Paul dreht sein Gesicht zu Zaim, ungeachtet der Waffe, deren kalter Lauf seine Wange
berührt. Er sieht Zaim von oben herab direkt in die Augen. Worte formen sich auf seinen
Lippen. „Hast du es schon vergessen, Zaim?“, brüllt Paul plötzlich. „Hast du vergessen,
wer ich bin, Zaim? – ICH bin Haydar! ICH bin Haydar! Haydars Kampf ist mein Kampf!
Du hast diesen Soldaten zu Haydars Feind gemacht! Du hast ihn zu meinem Feind
gemacht! Du hast einen sinnlosen Kampf provoziert! Und du hast den Mut des kleinen
Löwen gebrochen, indem du ihn in eine Herde Elefanten schicktest. Den Mut eines
kleinen Löwen, den du zum Löwen machen wolltest! Du hast Haydar beleidigt! – Und
ich bin Haydar!“
Plötzlich ist Ruhe.
Paul sieht in die Runde. Seine Stimme verändert sich. Er redet gerade so laut, dass es
alle hören können. Paul hebt die Arme und spricht Arabisch.
„Im Namen Allahs, des Gnädigen, des Barmherzigen. Alif Lám Rá. Das sind die Verse
des deutlichen Buches. Wir haben es offenbart – den Koran auf Arabisch, damit ihr
verstehet. Erzählen wollen wir dir die schönste der Geschichten, indem wir dir diesen
Koran offenbaren, wiewohl du zuvor unter denen warst, die nicht die Kenntnis besaßen. –
Gedenke der Zeit, da Joseph zu seinem Vater sprach: O mein Vater, ich sah elf Sterne und
die Sonne und den Mond, ich sah sie vor mir sich neigen. Er sprach: Du, mein Söhnchen,
erzähle dein Traumgesicht nicht deinen Brüdern, sie möchten sonst einen Anschlag gegen
dich ersinnen; denn Satan ist dem Menschen ein offenkundiger Feind. Also wird Dein
Herr dich erwählen und dich die Deutung der Träume lehren und Seine Huld an dir
vollenden und an dem Geschlecht Jakobs, so, wie er sie zuvor an zweien deiner Vorväter
vollendete, an Abraham und Isaak. Wahrlich, Dein Herr ist allwissend, allweise. –
Gewiss, in Joseph und seinen Brüdern sind Zeichen für die Suchenden. Da sie sprachen:
Wahrlich, Joseph und sein Bruder sind unserem Vater lieber als wir, ob wir gleich eine
stattliche Schar sind. Unser Vater ist gewiss in offenkundigem Irrtum. Tötet Joseph oder
treibt ihn aus in ein fernes Land; eures Vaters Aufmerksamkeit wird ausschließlich euer
sein, und ihr könnt sodann rechtschaffene Leute werden. – Einer unter ihnen sprach:
Tötet Joseph nicht; wenn ihr aber etwas tun müsst, so werfet ihn in die Tiefe eines
Brunnens. Jemand von der Karawane der Reisenden wird ihn dann schon herausziehen.
Sie sprachen: O unser Vater, warum traust du uns wegen Josephs nicht, obwohl wir es
wahrhaftig gut mit ihm meinen? Schicke ihn morgen mit uns, dass er sich vergnüge und
spiele, und wir wollen sicher über ihn wachen. Er sprach: Es betrübt mich, dass ihr ihn
mit fortnehmen wollt, und ich fürchte, der Wolf möchte ihn fressen, während ihr nicht auf
ihn Acht gebt. – Sie sprachen: Wenn ihn der Wolf frisst, ob wir gleich eine stattliche Schar
sind, dann wahrlich werden wir die Verlierenden sein.“ (Zit. Koran, Sure 12.)
Paul schweigt für einen kurzen Moment.
„Ihr alle wisst, wie die Geschichte ausgegangen ist! Der erste Kalif hat sie
aufgeschrieben!“ Paul fühlt, dass Zaim die Waffe heruntergenommen hat. Viele der
Mudschahidin knien auf dem Boden. „Ich bin jener Ägypter der Karawane, der Josef aus
dem Brunnen holte, Zaim, in den du ihn gestoßen hast! Doch, was ihr einem dieser
Kleinsten getan habt, das habt ihr mir getan. Diese Worte sprach Jesus Christus. Sprach
Allah sie ebenfalls? – Sieh dir Haydar so lange an, wie ich es getan habe, Zaim. Dann
wirst du Josef in ihm erkennen! – Du weißt genau, wie Allah Josefs Brüder leiden ließ,
die Josef in den Brunnen stießen! Willst auch du zu den Verlierenden gehören? – Es
kann nur Allah gewesen sein, der mich führte, den Jungen Haydar zu retten. Nur Allah
allein!“
Paul dreht sich um und geht zu dem Jungen, der auf dem Boden liegt.
Er zuckt zusammen, als vier Schüsse aus Zaims Pistole fallen. Er dreht sich nicht um,
denn der Deutsche weiß, da er selbst noch lebt, was Zaim getan hat.
Paul hebt Haydar vom Boden auf. Er verschafft sich Platz, als er durch die Reihen der
Mudschahidin tritt. Es sind Kinder darunter, Jungen, die Haydar voller Mitleid
ansehen. Sie wissen nicht, dass er lebt. Der Deutsche bringt Haydar in sein Zelt und gibt
ihm Wasser aus der Flasche. Der Junge kommt wieder zu sich. Paul fühlt Haydars
Rücken ab. Die Rippen scheinen nicht gebrochen zu sein. Er legt das Kind in die stabile
Seitenlage, damit es Luft zum Atmen hat.
Haydar will etwas sagen, doch er kann nicht reden. Erst später, während Paul dem
Jungen das Haar streichelt, flüstert er stotternd: „Er wollte mich nicht töten.“
„Ich weiß“, sagt Paul. „Doch Zaim hätte ihn dazu gebracht, es zu tun. – Du hast
gekämpft, wie ein Mann, Haydar. Ich bin stolz auf dich.“ Paul lächelt. „Ich bin sehr stolz
auf dich.“
„Ich habe ihn nicht besiegt“, flüstert Haydar.
„Nein. Du hast ihn nicht besiegt. Doch du hast Zaim besiegt. Du warst kräftiger als
Zaim. Deshalb bin ich so stolz auf dich.“
Haydar will sich bewegen, doch die Schmerzen nehmen ihm die Luft.
„Deine Rippen sind geprellt, du brauchst viel Ruhe.“ Paul greift in die Innentasche
seiner Jacke. Er hält eine große Tablette in der Hand, löst sie aus dem Papier, öffnet
seine Trinkflasche und bröselt die Tablette in das restliche Wasser. Dann legt er den
Daumen auf die Öffnung und schüttelt die Flasche kräftig. Er hilft Haydar beim
Trinken.
„Das war meine letzte Aspirin. Sie wird dir vielleicht ein wenig die Schmerzen
nehmen.“
Haydar trinkt gierig aus der Flasche, auch wenn das Schlucken ihm weh tut. Solch
einen Brausegeschmack kannte er bisher nicht.
Paul hilft dem Jungen, sich wieder hinzulegen, er zieht die Decke über Haydar. „Bleib
ruhig liegen. – Das wird schon wieder. Bis du heiratest, ist es wieder gut.“
„Wie meinst du das?“, flüstert Haydar.
„Man sagt das so in Deutschland. Es bedeutet, dass Wunden mit der Zeit heilen.“
Fast scheint es dem Deutschen, als hätte der Junge gelächelt. Noch einige Minuten
wacht er neben dem schweratmenden Kind. Dann erhebt er sich und kriecht aus dem
Zelt. Er staunt, denn vor dem Zelt stehen einige Soldaten, von denen drei nicht älter
sind als Haydar.
„Er wird es überleben. Er hat große Schmerzen, doch er trägt sie tapfer. Er braucht viel
Ruhe. Haydar ist stark. Er kämpft wie ein Löwe. Er wird nicht sterben.“
Die anderen nicken zufrieden.
„Du sollst zu Zaim kommen.“ Moschtoba schreit diese Worte nicht. Er redet zum ersten
Mal gesittet mit Paul. „Sofort.“
Paul nickt. „Haydar wird nicht an der Ausbildung teilnehmen können. Er hat große
Schmerzen. Er muss erst gesund werden. – Hast du das verstanden, Moschtoba? Ich
will, dass du ihn in Ruhe lässt.“
„Ja, Safiy al Din. Das habe ich verstanden. Hier, deine Waffe. Wir sollten kontrollieren,
ob sie noch funktioniert.”
„Gut ...“ Der Deutsche entsichert seiner Waffe, richtet den Lauf in den Himmel und
bewegt den Abzug. Ein Schuss löst sich. Paul sichert die Waffe wieder und legt den
Riemen über die Schulter. „Sie funktioniert. – Gehen wir zu Zaim. Ich möchte nicht, dass
er ungeduldig wird und schlecht über mich spricht.“

Rezension I Buchbestellung I home II07 LYRIKwelt © T.H.