Wie ich lernte, bei
mir selbst ein Kind zu sein
(Leseprobe aus: Wie ich lernte, bei
mir selbst ein Kind zu sein, Erzählung, 2008,
S. Fischer).
Zuerst starb der Papst. Das war eine ernste Angelegenheit.
Der Generalpräfekt versammelte um sechs Uhr dreißig vor der Frühmesse alle Präfekten, Vizepräfekten und Zöglinge im ungeheizten Theatersaal und verkündete: »Der Heilige Vater ist tot. Jetzt sind wir Waisen. Lasst uns für seine Seele beten, und dass uns die Dreifaltigkeit Trost gewähre.« Einige Mitschüler waren klug genug zu weinen. Sie erhielten nach der Trauerveranstaltung von der Schwester Immaculata als Anerkennung ein Stollwerck-Bonbon.
Die Schwester war die einzige sichtbare, lebendige Frau im Kollegium. Sie leitete die Krankenabteilung. Dort roch es nach Wundbenzin und Kampfer. Genauso, dachte ich, muss es zuletzt im Schlafzimmer des Papstes gerochen haben. Pius XII. – was für ein schöner Name. Eugenio Pacelli klang noch schöner. Aber so hatte er nur bis zu seiner Wahl als Nachfolger Petri heißen dürfen. Dass die Päpste nicht aus Fleisch, Knochen und Blut waren, sondern aus Stein, wusste ich, denn Jesus hatte seinen Stellvertreter mit den Worten ernannt: »Du bist Petrus, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen.« Aber rätselhaft blieb, wieso Felsen sterben können und warum ich deshalb jetzt ein Waisenkind sein sollte. Offenbar gab es für jeden von uns einen heiligen Vater und einen unheiligen.
Den unheiligen nannte man auch den leiblichen. Es zählt zu den nachhaltigsten Traurigkeiten meiner Kindheit, dass Mutter mich nicht unbefleckt empfangen hat. Was besaß die Mutter Gottes, dachte ich damals, das meiner Mutter fehlte? Sie konnte doch kein seideneres Haar haben, keine größere Sanftmut und kein einnehmenderes Lachen. Dass derjenige, der Mutter befleckte, nach der himmlischen Logik als unheilig galt, war zu verstehen, aber nicht ganz. Denn wie wäre ich wohl in diese Welt gekommen, wenn Vater das Beflecken nicht gelungen wäre, und wer hätte dann dem Paul Kaltner die Ohrfeige gegeben, die er von mir im Streit bekam und die ihn schlagartig von seinem heftigen Stottern befreite – von anderen Wundern und Heldentaten, die von mir wahrscheinlich in Zukunft noch zu erwarten waren, ganz zu schweigen.
Die zwei Stunden Freizeit nach dem Mittagessen entfielen.
Die Präfekten berichteten stattdessen den Schülern aller Stufen vom Leben Pius’ XII.: dass er ein nobler Italiener war, der so ausgezeichnet Deutsch sprach, dass es sogar Herrn Hitler imponiert hatte, und dass er von Anfang an aus nichts als Gutem und Güte bestand. »Schaut euch auf dieser Fotografie seine Hände an. Wie von Dürer. Was der Pontifex berührt hat, bleibt gesegnet bis zum Jüngsten Tag.«
Dafür war es nun zu spät. Mich würde er nicht mehr berühren können. Das bedeutete ziemlich schlechte Voraussetzungen für den Tag der Auferstehung. Aber immerhin hatte die Sopranistin Lotte Lehmann in der Drehtür des Hotels Bristol neben der Staatsoper einmal meine Schulter gestupst, weil es ihr zu langsam voran ging. Der Musikprofessor hatte uns von dem herzzerreißenden Singen der Lehmann erzählt und dass der Komponist Richard Strauss darüber schrieb:
»Sie hat gesungen, dass es die Sterne rührte.« Ich hoffte innig, dass diese Lehmann-Berührung in der Stunde der Wahrheit am Ende der Zeiten ebenso viel zählte wie jene des Papstes.
Abends, nach dem Auslöschen der Lichter, lagen die vom frommen Leben erschöpften Buben in ihren Militäreisenbetten. Fünf Reihen mit je zehn Zöglingen, die häufig aus Träumen aufschrien oder in dem hohen Schlafsaal eine Kuppel aus Seufzern errichteten. Ich wusste nicht, wie es geschieht, dass man einschläft.
Du liegst wach und denkst, dass es nicht gelingen wird, und dann überlistet dich irgendetwas in deinem Gehirn Verborgenes und hebt dich unbemerkt in eine Entrücktheit. Ein größeres Rätsel kannte ich nicht als dieses gleichzeitig Bei-sich- und Außer-sich-sein. Im Traum war ich einmal so groß wie der Stephansdom, und wir haben uns in die Augen geschaut, der Nordturm und ich. Dann hat er zu mir gesagt: »Elfriede, pass gut auf deine Glocken auf.« Wenn es stimmt, dass jeder Traum einen Sinn hat, dann soll mir bitte jemand den Sinn dieses Stephansdom-Traumes erklären.
In der Nacht nach dem Tod des Papstes gelang es mir nicht einzuschlafen. Der Präfekt Pater Mokloszi ging stets gegen zweiundzwanzig Uhr durch die Bettenstraßen und erfasste mit der Taschenlampe kurz, Gesicht für Gesicht, die ihm anvertrauten Zöglinge. Der Leuchtturm, dachte ich immer, wenn ich ihn sah. In meiner Einbildung schliefen wir auf einem Amphibienboot, und der Leuchtturm bewahrte uns zu Wasser dass man überall auf Erden untergehen konnte, außer vielleicht in den Umarmungen meiner Mutter. Als der Präfekt mich mit dem Licht streifte, schloss ich rasch die Augen. Aber er bemerkte mein Wachsein, stellte die Lampe auf die schwächste Stufe, befestigte sie mit einer Lederschlaufe an einem Knopf seiner Soutane in Brusthöhe und trat an das Betthaupt. Dann begann er, mich wortlos an den Schläfen zu streicheln.
Seine Finger rochen stark nach Tabak, und da er ein Jesuit war und dieser Orden die »Gesellschaft Jesu« heißt, stellte ich mir auch Jesus und die zwölf Apostel als Kettenraucher vor und den Vatikan als eine Art unermesslich große Tabaktrafik, in der die Kapläne und Pfarrer, die Prälaten und Präpste, die Monsignores und Bischöfe, die Erzbischöfe und Kardinäle
ihre Smart- und Jonny-Filter-Päckchen erhielten. Ich schmiegte mich in die Hände des Präfekten und wusste, dass der Lichtkegel des Leuchtturms jetzt nur für mich in das Dunkel schnitt und ich mich für die Dauer seiner Zuwendungen in Sicherheit wiegen konnte.
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