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aus: Augenbilder
Liza bleibt vor dem großen Spiegel stehen. Sie muß sich ins Gesicht sehen nach jeder Reise, das ist ein Ritual. Nie ist sie sicher, ob die Angekommene Dieselbe ist wie die Abgereiste. Es gibt ein neues, weißes Haar zwischen den roten Locken. Sie hat abgenommen. Ihre Haut ist braun, aber unter der Farbe sitzt der Streß. Ihre Augen glänzen wie im Fieber. Zu viel gesehen und zu wenig geschlafen. Ruppig stößt sie das Sektglas gegen den Spiegel: Zehn Tage älter geworden in einem fremden Land und heimlich verlassen worden von einem, der keine Ansprüche stellt. Ihr Schreibtisch ist die einzige Zone, die von seiner Ordnungswut verschont geblieben ist. Eine Platte auf zwei Böcken, vier Meter friedliches Durcheinander aller Dinge, die sie liebt. Kunstzeitschriften, Buntstifte, Anspitzer und Film dosen, ein Block, auf den sie beim Telefonieren flüchtige Skizzen kritzelt. Die Lupe und das Leuchtpult. Der Anrufbeantworter verrät elf Versuche, sie zu erreichen und sechs Nachrichten. In der keimfrei geputzten Wohnung wirken die Stimmen wie freundlicher Besuch.
Berger will wissen, wie schnell sie ihre Bilder
präsentieren kann. Weiter. Ihr Exmann möchte sie zürn Essen einladen,
weil ein Ereignis zu feiern sei. Mit wenigen Strichen malt Liza das vertraute
Profil von Max aufs Papier. Weiter. Franka, die nie weiß, wo Liza
gewesen ist und immer rät. Algier? Dubai? Abu Dabi? Bist du gesund? Hast du schöne
Fotos gemacht? Melde Dich. Mir geht es beschissen. Ich vermisse Dich. Ciao. Weiter.
Willkommen zu Hause, sagt die langsamste Stimme, die Liza kennt. Du in der Nähe,
das fühlt sich gut an. Marek. Liza malt eine Wolke, ein Herz und eine Schildkröte.
Weiter. Stellen Sie sich vor, sagt die Frau, deren Stimme früher einmal
professionell weich gewesen ist und nun von Jahr zu Jahr spröder wird, stellen
Sie sich vor: Der Gemüsetürke hat promoviert! Liza malt eine Blume.
Blume ist die Frau auf der anderen Seite der Straße. Graue Haare, kinnlang,
Mittelscheitel. Nie versteckt hinter der Gardine. Nie auf ein Kissen gestützt.
Blume steht aufrecht am Fenster. Raten Sie mal, was das Thema seiner Promotion
ist? Liza hört, wie Blume tief Luft holt, um in einem Atemzug sagen zu können:
,Die Geschichte des Kleingemüsehandels auf den Straßen in Deutschland West und
Deutschland Ost zwischen 1965 und 1995 unter Berücksichtigung der Übernahme
des Gewerbes durch anatolische Händler in den Metropolen.' Dann hat Blume
aufgelegt. Und ein zweites Mal angerufen für einen einzigen Satz: Ich hoffe,
Sie sind unversehrt.
Liza steckt, wie nach jeder Reise, irgendwo zwischen dem Land, in dem sie gearbeitet hat und der Stadt, in der sie lebt. Nicht mehr dort und noch nicht hier und nun sieht ihre Wohnung aus, als sei sie in eine Ausstellung mit ihren eigenen Möbeln geraten, unter denen es nach Scheuerpulver riecht. Sie stellt sich große Zungen vor, die alles aufgeleckt haben, was zu ihr gehörte. Brotkrümel, die Wollmäuse aus den Ecken, die Kaffeeflecken auf dem Boden. Schon wieder ein Mann, der es mit ihr nicht ausgehalten hat. Auch Max ist gegangen, aber das Ende haben sie gemeinsam beschlossen. Hans hat aus ihrem Zeitschriftenteppich fünf gleich große Haufen gemacht und sie um ihren Schreibtisch herum aufgestellt wie Wachtürme. Liza tritt sie um.
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