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Fremde
(Leseprobe aus:
Fremde, Geschichten über
Distanz und Nähe, 2010, Droschl).
Manchmal nehmen sie die Enkelinnen mit ins Kino. Nachher haben die beiden
viel zu lachen: in den beiläufigen Bemerkungen und nachher, als sie gelernt hat,
auf der Hut zu sein im Kreuzverhör, entdecken die Mädchen, daß die Alte den
schnellgeschnittenen Film ja gar nicht verstanden hat. Sie hat einen anderen
Film gesehen als die anderen, weil sie aus den Dialogfetzen, die durch ihre
Schwerhörigkeit drangen und aus den Bildern, die ihre trüben Augen zu erkennen
glaubten, sich ihre eigene Geschichte zusammengedichtet hat, und diese
Geschichte scheint den beiden lustiger und vertrackter als die eigentliche. Sie
glaubt jedoch im Lachen der Mädchen etwas mitzuhören von dem Einverständnis, mit
dem sich die Heranwachsenden noch einmal der Tiefe der Märchen anvertrauen.
Was die Mädchen erheitert, macht jedoch der alten Frau auch Angst, wenn sie am
Flußrand lange den großen Vogel beobachtet, der da reglos abwartet ist also der
Wintervogel, der Reiher, schon aus dem Norden gekommen?
Sie steht und schaut, und als sie endlich zwei, drei Schritte tut und sich ihr
Blickfeld verschiebt, ist es ein schwarzer Baumklotz, der aus dem Wasser schaut.
Aber sie sieht auch Himmel in zarten Abendfarben, die sie so nie kannte, und sie
sieht feinverwobene Nebelgespinste, wo früher Äste waren. In einer neuen Welt.
Sie weiß nicht, ist sie eine Entfremdete? Oder eine Hineingeborene?
Und ihr helles Leben ist durchsichtig bis zum Grund, wasserklar in seiner
Alltäglichkeit und durchatmet von einer ruhigen Heiterkeit.
Wasserklar.
So stört es nicht allzu sehr, daß an manchen Tagen die Knochen schmerzen und an
anderen das störrische Herz nicht mehr recht will, dergleichen dringt nicht in
die Tiefe. Und Wasser kann man nicht schneiden.
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