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Die Andere
(Leseprobe aus: Die Andere, Roman, 2007, DuMont)
Ich begegnete Luna. Sie kam mir entgegen, ohne
mich zu sehen, und ich überlegte gerade, sie zu grüßen, als sie in eine
Seitenstraße bog und verschwand. In den zwei Wochen, in denen wir uns nicht
begegnet waren, hatte sich das genaue Bild von ihr in hundert kleine Eindrücke
aufgelöst (ihr lautloser Gang, die Härte, die ihr Gesicht annahm, wenn sie
sich unbeobachtet fühlte, die zwei Leberflecken in ihrem Nacken, die Art, wie
sie ungeschickt rauchte, ihr Hang zu apathischen Blicken, die die Menschen um
sie herum zu dem Wunsch verführten, sie zu rühren), so dass es seltsam war,
sie plötzlich vor mir zu sehen und nicht mehr daran zu zweifeln, dass alle
diese Eindrücke ein Ganzes, eine Einheit bilden konnten. Aus einem undeutlichen
Impuls heraus folgte ich ihr, sie ging schnell, und alle paar Schritte rannte
sie ein kurzes Stück, als gälte es, einen Zug zu erwischen oder ein Geschäft
zu erreichen, bevor es schließt. Da ich es nicht besser wusste, hielt ich
Cognac, wie man Kinder hielt, oder wie ich glaubte, dass man Kinder hielt, und
wich den Trauben der Touristen und Büromenschen aus, die mir entgegenkamen.
Ich folgte ihr durch ein Gewirr von Seitenstraßen, über mehrere Ampeln, die
sie selbst bei Rot überquerte, bis zur Place de L’Estrapade, an der Luna und
ich einmal vor dem „Café de la Mairie“ gesessen und Kaffee getrunken
hatten, mit Blick auf die grünen Bänke, den Springbrunnen, die eingezäunten Büsche,
die Ampel, diese seltsamen Bäume mit ihren herzförmigen Blättern, die
schmiedeeisernen Balkone und Erker auf der einen und die hässlichen Neubauten
auf der anderen Seite (ich bildete mir ein, sie hätte damals, ganz am Anfang
unserer Treffen in Paris, noch häufiger gelacht), aber Luna lief einfach
weiter, schnell und ohne sich umzublicken, und wenn ich bis hierher noch überzeugt
gewesen war, sie habe ein Ziel oder suche zumindest etwas Bestimmtes, war ich
mir jetzt schon nicht mehr sicher.
Ich schwitzte und ärgerte mich, dass ich Luna nicht gleich angesprochen hatte,
ich hätte sie in den Arm nehmen können und irgendetwas sagen, „alles ist
gut“, hätte ich gesagt, „es wird schon“, so etwas Ähnliches, aber jetzt
war es zu spät und ich zu verschwitzt, um ihr zufällig zu begegnen, und
anhalten konnte ich auch nicht mehr. Cognac hatte mir einen Kratzer am Unterarm
verpasst, und mit dem Pochen der Wunde und dem Klopfen des Blutes an der Schläfe
dehnten sich die Häuser zu beiden Seiten wie in Zerrspiegeln, um hinter meinem
Rücken wieder zusammenzuschnellen wie gespannte Gummibänder. Ein altes Gefühl,
als hätte es der Körper gespeichert, von damals, auf dem Hamburger Dom, nach
unserer Fahrt auf dem „Breakdance“ mit seinen Achziger-Jahre-Graffittis von
Marilyn Monroe, vor der Schießbude, in der Vanessa eine Kaffeemaschine gewonnen
hatte. „Eine Kaffeemaschine“, hatte Luna gesagt, „was für ein
Irrsinn!“, und sie hatte sich vorgebeugt und gelacht. Am Anfang, zu den ersten
Proben, vor Victor, vor dieser Nacht, war alles in Ordnung gewesen, nicht gut,
aber in Ordnung, selbst mit Vanessa und uns war es in Ordnung gewesen, und
zwischen dem kranken Flimmerlicht der Buden und den grellen Stimmen der Losverkäufer,
die sich wie Dartpfeile in unsere Rücken bohrten, hatten wir zusammengestanden
und Zuckerwatte gegessen, und Luna hatte Tränen in den Augen gehabt und gesagt:
„Da glaube mal noch einer an die Liebe. Kaffeemaschinen! Keine einzige
verdammte Rose! Aber Kaffeemaschinen!“ Sie hatte diesen gefährlichen Blick,
und weil weder Vanessa noch ich wussten, ob die Tränen vom Lachen waren,
standen wir einfach still und beobachteten die Jugendlichen, die von den
wilderen Geräten kamen und auf den scheppernden Blechtreppen herunter wankten
und einander zuriefen, dass es fies gewesen sei und ob jemand eine Kippe habe.
Luna wollte nicht aufhören zu lachen, sie lehnte noch immer an der Schießbude,
und als ihr eine Träne über die Wange lief, blickte Vanessa zur Seite und tat
so, als gäbe es da etwas Interessantes zu sehen. Es roch stark nach Mandeln,
von oben stürzten Neonfarben über unsere Köpfe, und es kamen reihenweise
junge Mütter mit verschnupften Kindern vorbei, die uns argwöhnisch beäugten.
Plötzlich wandte Luna uns ihr Gesicht zu, riss Augen und Mund auf, schleuderte
uns ein Lachen vor die Füße und sagte: „Ihr schämt euch! Schämt ihr euch?
Wegen mir? Mein Gott, ihr seid vielleicht Gestalten …“, und ich sah aus den
Augenwinkeln, wie Vanessa den Kopf schüttelte und etwas entgegnen wollte. Sie
sah traurig aus wie jemand, der für etwas Falsches verdächtigt wird. „Was
ist?“, rief Luna da schon mit harter Stimme und warf das Zuckerwattestäbchen
hinter sich, „Geisterbahn?“
Wir folgten ihr, sie rannte störrisch, und ich hatte Angst, dass sie sich auf
halbem Weg mit einem Jungen ins Gebüsch werfen oder sich erschießen könnte,
es war so ein Tag, an dem das möglich erschien. Überall blinkte es, und
Familien und Gruppen standen zusammen und lachten hysterisch, mir war übel,
vielleicht von diesem Popcorngeruch, der zwischen den Geräten stand, oder von
den anzüglichen Sprüchen der Männer in den Kassenhäuschen, die mit ihren
Lippen die Mikrofone fast berührten, wenn sie die Jugendlichen auf den
Karussells anfeuerten: „Letzte Runde, letzte Runde, meine Lieben … Gleich
geht es noch mal ab hier … Das ist die Riiiiesensause …“, vielleicht aber
auch von dieser gefährlichen Luft, die heute um Luna war, weil heute ein, wie
Luna ihn an leichten Tagen nannte, ‚schwerer Tag’ war, aber ich lief einfach
weiter, hinter Vanessa her, was hätte ich sonst tun sollen.
Als Luna stehen blieb und sich nach uns umdrehte, war ihr Gesicht wieder glatt,
aber darauf konnte man nicht vertrauen. Ich kaufte uns Karten, wir setzten uns
zu dritt in einen Wagen, und obwohl die Geister alle hinter Gittern waren und
nur kurz hochzuckten, aufglühten und wieder in sich zusammenfielen, presste
Luna während der ganzen Fahrt ihre Schulter gegen meine.
In dem kurzen Moment, als wir draußen zusammenstanden und uns schüttelten, hätten
wir vielleicht gehen können, Vanessa und ich, aber schon, als Luna den Kopf zurückwarf
und verkündete, dass sie sich jetzt gehörig betrinken wollte, war es zu spät,
und dann saßen wir eine halbe Stunde darauf in diesem düsteren Club, in dem
alle Blicke Luna galten, und hingen an unseren Strohhalmen. Es lief traurige
Musik, und Luna kannte jede Zeile, sie sang mit, ohne sich zu bewegen, und lächelte
vor sich hin. Einer der Kellner schien ganz versessen auf sie zu sein, er füllte
ihr Glas auf, noch bevor es leer war, und Luna schien das auf eine schreckliche
Art zu amüsieren.
„Was ist denn los mit euch?“, fragte sie, ihre Wangen waren rot.
„Versteht ihr keinen Spaß?“
Vanessa trank langsam, Schluck für Schluck, und drückte auf einer
Zitronenscheibe herum. Sie hatte noch kaum etwas gesagt an diesem Abend. Jemand
dimmte das Licht, und die unnatürlichen Farben unserer Cocktails leuchteten.
Aus einem Hinterzimmer drang das Klackern von Billardkugeln zu uns durch.
„Habt ihr keine Trinksprüche? Oder sonst etwas Hei-teres? Gott, hat denn
keiner einen Witz zu erzählen …?“
Luna hob den Kopf, streckte ihren Oberkörper durch und schleuderte ihre Locken
von einer Seite zur anderen. Dann seufzte sie und stützte das Kinn wieder in
die Hände.
„Und warum wird eigentlich diese schrecklich traurige Musik gespielt? Das ist
wirklich kein Ort für Depressive.“
Tatsächlich standen Tränen in ihren Augen. Ich hoffte nur, sie würde uns
nicht wieder unsere mangelnde Sensibilität zum Vorwurf machen. Luna
missbilligte „Menschen mit aufgeräumten Gefühlen“, ich glaube sogar, sie
verachtete nur die Dummen mit der gleichen Heftigkeit und Inbrunst, wie sie die
„Stumpfen“ hasste, die „Verrohten“ und die „hinter ihrer blödsinnigen
Härte Sentimentalen“. Wahrscheinlich setzte sie beide Gruppen sogar gleich,
und jeder, der weniger empfand als sie selbst, dessen Gefühle niemals absolut,
monströs und unvernünftig waren, war in ihren Augen automatisch weniger
intelligent und damit für sie überhaupt ohne Wert, denn was ihre Sympathien
anging, war Luna immer schonungslos gewesen, und die Menschen, die von ihrem
leidenschaftlichen Ekel ausgenommen waren, konnte man an einer Hand abzählen.
„Nachschub, die Damen?“
Vanessa blinzelte und fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. Ich sah, dass
sie zögerte, aber Luna hatte schon bestellt, „drei Mal Sweet Southern
Belle“, und der Kellner war verliebt in ihre Zähne. Als er weg war, umfasste
Luna unsere Handgelenke.
„Na, was ist? Soll ich ihn mit nach Hause nehmen?“
Sie kicherte, dann verstummte sie abrupt und hob das Glas an ihre Lippen. Es war
leer. Vanessas Gesicht war von etwas wie Unverständnis und Entsetzen verwüstet,
und im blauen Licht wirkte es noch verzerrter. Ich hatte das Gefühl, sie
bewunderte Luna auf eine komische Art, und vielleicht wollte sie, wie alle
Menschen um sie herum, von ihr gemocht werden. Lachen und Grölen schwappte vom
Billardzimmer herüber, und als der Kellner zurück kam und die Gläser vor uns
abstellte, hielt Luna ihn am Ärmel fest. Das laute Rauschen der Gespräche
schwoll um unseren Tisch ab, als sie ihn zu sich herunterzog, bis sein weißes
Gesicht auf Augenhöhe war.
„Wie heißen wir denn?“
„Ich? Henri.“
„Ah, Henri. Schau mal, Henri. Du hast uns jetzt zum dritten Mal bedient, nicht
wahr? Oder zum vierten Mal? War es schon das vierte Mal?“
„Ich weiß nicht. Drei Mal, glaube ich.“
„Also drei Mal. Und weißt du, da ist mir einfach aufgefallen, wie du mich
ansiehst. Du musst zugeben, dass ich das wohl kaum übersehen konnte. Und da
dachte ich mir: Fragst du ihn einfach. Und jetzt frage ich dich: Warum siehst du
mich so an, Henri? Hm?“
„Äh.“
Vanessa schickte mir einen verzweifelten Blick. Natürlich errötete Henri. Was
sollte er sonst tun? Mir wurde bewusst, dass ich bereits zu betrunken war, um
einzugreifen. Wahrscheinlich errötete ich ebenfalls.
„Warum machst du das, Henri? Ich sage es dir. Du bist verliebt. Du bist
eindeutig verliebt in mich, Henri. Ist es so?“
„Vielleicht.“ Unter dem Tisch stieß Vanessas Knie gegen meins. Der Kellner
schwitzte am Hals. Nur Luna lächelte selig. „Das macht doch nichts“, sagte
sie sanft. Dann löste sie den Blick abrupt von Henri, setzte ein gewinnendes
Gesicht auf, legte den Kopf zur Seite und musterte Vanessa mit gespielter
Nachdenklichkeit, um dann wieder Henri anzusehen. „Schau mal, das Problem ist
nur, dass ich gar keine Lust habe, deine große Liebe zu sein. Schon gar nicht
heute Abend, weil dann müsste ich ja noch eine Menge geistreiche Dinge von mir
geben, und außerdem siehst du so aus, als müsste ich schon nächste Woche mit
der Illusionierung anfangen, wenn ich es eine Zeitlang mit dir aushalten wollte.
Und dann erst die ganze Beziehungs-arbeit. Mein Gott! Was das Kraft kostet! Mir
jeden Morgen wieder einreden zu müssen, dass dieses bisschen Ekel vor der Art,
wie du dein Ei isst, nichts ist gegen das große Gefühl freundschaftlicher
Verbundenheit zwischen uns! … Ach, und dann würdest du anfangen, mich zu betrügen
– oder du würdest es dir verkneifen. Mein Gott, und ich müsste irgendeine blöde
liberale Haltung einnehmen, die diesen ganzen traurigen biologischen Quatsch
einordnet. Zum Beispiel ganz kess: Gucken ist erlaubt, anfassen nicht. Haha!
Naja, und das ganze Geld, was da draufgeht für Unternehmungen und alles. Urlaub
zum Beispiel! Ist klar, dass du mich unter der griechischen Sonne leichter
lieben könntest als hier … Und womöglich würde ich dann auch so
schwachsinnige Vokabeln lernen müssen: investieren, bewältigen, verzeihen,
Loyalität, Unabhängigkeit, Solidarität, Entwicklung, Beziehungs-ebene,
Beziehungsphase, Festigung, o Gott, da wird mir jetzt schon ganz schlecht. Hör
mal, Henri, das mit uns beiden wird nichts. Ich bin einfach nicht so der
Kompromisstyp … Verstehst du, was ich meine?“
Lunas süße Stimme erstarb in einem Seufzer. Mit gespieltem Schmerz wandte sie
sich wieder uns zu. An den Nebentischen waren inzwischen Leute aufmerksam
geworden.
„Oder ist unter euch beiden vielleicht jemand, der ihn für mich übernehmen würde?
Ihr seid doch sicher gute Liebende, nein?“
Mit unbewegter Miene richtete Luna ihren Blick erst auf mich, dann auf Vanessa.
„Ihr glaubt also wirklich an die große Liebe? Wie süß … Meint ihr
wirklich, jede lächerliche Existenz hätte ein Gegenstück verdient?“
Luna lachte laut. In diesem Moment stand Vanessa auf, schob ihren Stuhl an den
Tisch, klemmte sich die Kaffeemaschine unter den Arm und verschwand. Luna räusperte
sich, zuckte mit gespielter Traurigkeit die Achseln und ließ den Kellner los.
Vielleicht bildete ich mir dieses Loch von Stille nur ein. Das Klackern der
Billardkugeln jedenfalls musste die ganze Zeit über da gewesen sein. Ich drehte
mein Glas so, dass seine vier Kanten parallel zu denen des Untersetzers standen.
Sie spielten „Purple Rain“, und die schwarzen Scherenschnitte der Gruppen an
den Tischen bewegten sich. Luna sank in sich zusammen. Ich sagte kein Wort. Dann
begann sie zu weinen. Ich blieb den ganzen Abend bei ihr. Später legte sie den
Kopf auf die Tischplatte und schlief ein. Ich löste die Hände von ihrem Glas,
das sie immer noch umklammert hielt, und brachte sie nach Hause.
Die Place de L’Estrapade war verlassen. Ich hielt Cognac fest und glaubte für
einen kurzen Moment, Luna aus den Augen verloren zu haben, als ich durch ein wütendes
Hupen wieder auf sie aufmerksam gemacht wurde: Sie war, ohne sich umzublicken,
über eine Straße gelaufen und wäre beinahe mit einem Wagen zusammengestoßen,
der so scharf vor ihr gebremst hatte, dass ein zweiter Wagen aufgefahren war.
Soweit ich das erkennen konnte, waren nur die Stoßstangen in Mitleidenschaft
gezogen, die bleichen Fahrer standen gebückt am Straßenrand und wedelten mit
den Händen. Luna war längst weitergegangen, ich sah sie gerade noch in einer
Gasse zwischen einer Pharmacie und einem Wohnhaus verschwinden, und ich weiß
nicht, was mich so sicher machte, aber ich war überzeugt, dass sie von alledem,
was hinter ihr los war, gar nichts mitbekommen hatte...
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