Fluchtfährte von Manfred Peter Hein, 1999, Ammann

Manfred Peter Hein

Fluchtfährte
(Leseprobe aus: Fluchtfährte, Erzählung, 1999, Ammann)

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Man hätte sie fragen können, die vor ein paar Jahren noch lebten oder vielleicht jetzt noch leben. Die Notwendigkeit der Archive auch für diese Dinge, die kleinen, beinah anonymen, vielleicht wäre sie einem heiß auf die Nägel gegangen. Der Chef des Instituts für Osteuropäische Wirtschaft an der Albertus-Universität zu Königsberg in Preußen, in jedem mit internationalen Telefonbüchern bestückten Postamt Europas erfährt man, wo er in Bad Godesberg lebt oder im anderen Fall, mit einiger Hartnäckigkeit, seit wann die Chance, ihn nach den Jahren der Zusammenarbeit mit meinem Vater zu fragen, keine mehr ist. Oberländer, an den mein Vater schrieb, solange dieser Vertriebenenminister war und später dann wohl wirklich einmal schrieb, als der so oder so verstandene, der Weg in die Stille Godesberg am Rhein mit Böhne an der Bach verband, mein Vater, Erich, blieb beim gleichsam militärischen oder diplomatischen Namen, mit dem man beim Appell aufruft oder im Schriftverkehr den Blick ins Familienalbum vermeidet. Er kam zu Oberländer, seine Jahre am Königsberger Institut hießen Oberländer, das Schwert des Gauleiters Erich Koch zur Entscheidung der Frage im Osten kehrte sich gegen das Institut Oberländer, Oberländer mußte gehn: in die Innere Emigration der Wehrmacht, und der Ukrainespezialist Oberländer war es, mit dem sich mein Vater im besetzten Krakau über den stümperhaften Ostpolitiker Erich Koch unterhielt, um danach eine Denkschrift aufzusetzen, adressiert an den Reichskanzler Adolf Hitler, Berlin, Reichskanzlei.

In Labiau, nicht in Wittenberg hat Martin Luther seine fünfundneunzig Thesen angeschlagen, und Kants gestirnter Himmel ist der Sternenhimmel über dem Potrimposberg von Darkehmen. Jahrelang habe ich versucht, zu einem genaueren Bild zu kommen, womöglich zu einer Beschreibung des Wegs dahin. Auch jetzt, hier wo ich dies zu schreiben beginne - zwischen Porto und Ota, um mich korsische Macchia, unterm werweißwen karikierenden Bergkamm ... Die Familie war auf dem Umzug, im DKW, im neuen Wagen, dem Stolz des Vaters, unterwegs von Labiau nach Darkehmen, das auf Anordnung der Gauleitung einen deutschen Namen erhalten hatte, ab jetzt Angerapp hieß: den Germanisierern in den Fluß geplumpst, wie mein Vater vielleicht meinte, denn er erklärte, Angerapp allein genüge nicht, es müsse wohl Angerapp an der Angerapp heißen. Sechs Jahre weiter, und es hieß Ozersk, im Herbst vor dem Ende der großdeutschen Flut über Europa. Die Rote Armee hatte bei Nemmersdorf, ein paar Kilometer vor Angerapp an der Angerapp Halt gemacht, hatte Zeit zu Greueltaten, so viehisch, daß Russen keine Russen mehr, nur noch Ungeheuer waren, unwirklich wie Teufel und Gott, und hatte Zeit, die Ortsnamen der schachmatten Provinz umzuschreiben. Kein Generalfeldmarschall Hindenburg in Sicht, die Horden der Steppe noch einmal in die masurischen Sümpfe und Seen zu treiben. Die Masurische Seenplatte blickte sie aus tausend zum Anstoßen dastehenden Wodkagläsern an, und prosten konnten sie schon an der Angerapp: Fluß wie See: Rjeká kak ósero! Osjórsk!

Meine Geburt im Haus der Großeltern in Darkehmen war nicht vorhergesehen. Zu Pfingsten hatte mich niemand erwartet, an Labiau vor den Ferien war gedacht. Das Denken denen mit größeren Köppen, den Pferden überlassen, keiner der überlieferten Lebenssprüche meines Großvaters wie Der Kerl hat recht schmeißt ihn raus! aber landesüblich. Das Haus und der Hof mit Stallungen, Scheune, Schober und Reitbahn für die Offiziere der Garnison, mit Obstgartenhang, Kuh- und Pferdekoppeln, Teich und Wäldchen an der Ragawietzsch, die in die Angerapp fließt; Vorhaus und Küche, Fuhrgeschäftskontor und Stuben, Wochenbettkammer der Henriette Johanne, meiner Großmutter, und jetzt der Käthe Johanna, meiner Mutter, alles wies sich gehört, warum erst anders denken? Papachen, Rudolf, mein Großvater sitzt in der Lebensbaumlaube am Mühlsteintisch bei Gottes klarem Wort zum Nachgießen, und der Jung, der Erwartete, läßt auf sich warten. Is vielleicht schon da und wird einem vorenthalten, höchste Zeit, wieder nachzufragen. Geh man schon, Erich, und frag die Frauenzimmer, wann wir uns den Bengel nu begucken dürfen. Rotfüchschens, der jüngsten, Kätchens erstes. Zwei Jahre, und Papachen lag am Knick, wo die Kirchenstraße endet, die Menturrer Chaussee beginnt, ein paar Schritt hinter den russisch-orthodoxen und rechtwinklig deutschen Kriegerkreuzen, unter dem seit langem dafür vorgesehenen Feldstein. Unter der Erde auch Mamachen, Erich, Käthe Johanna, im Westen, nach der zweiten Flucht, die anders als die im ersten Krieg, für Mamachen aber ebenso endete: in Darkehmen. Sie kam nie nach Böhne, wo sie starb und begraben liegt.

Die Chaussee von Bergheim nach Böhne. Jeden Werktag, Schultag morgen den Weg von Böhne zur Bahnstation, nachmittags zurück, bergauf. Hinter Bergheim ist der Weg eben, die erste Steigung beginnt vor dem Knick. Dann fällt der Weg ab zur Unteren Mühle. Jetzt sind bei den Pappeln Mädchen die rufen. Er winkt, hält an. Sie fangen Schmetterlinge. Der große Bläuling kommt und frißt euch, ruft er zurück. Er trampelt weiter, das Stück ebene Chaussee bis zur letzten Steigung. Er spürt es in den Knien, steigt ab, schiebt. Die Chaussee ist nicht mehr die gleiche, ist ein Sandweg, läuft anders. Er überlegt, wie lang er unterwegs ist, ob jemand ihn begleitet hat auf der ersten Wegstrecke, wer? Und daß er mit dem Rad gekommen ist. Er hat die Hände nur so gehalten zuletzt, als schöbe er etwas bergauf. Er kehrt um, geht den halben Weg zurück zur Mühle. Das Rad, der Rahmen, hängt in einer Weide. Wird, machen wir ... ein ganz neues für dich, sagt der alte Mann, der ihn jetzt erst bemerkt, als habe jemand im Rücken ihm zugerufen: Aus der Traum! Auf der Strecke geblieben! Da muß man sich etwas einfallen lassen, Alter! Zurück- und vorausgedacht aber, in Wirklichkeit hat der Traum längst zu wuchern begonnen. Henriette Johanne kann man das nicht mehr erzählen, aber wie unerreichbar Mamachen auch ist, ihr hab ich den Traum,
so oder anders, erzählt, die Jahre hindurch nach den Nachkriegsjahren in Böhne, die mit dem Abitur in Bad Wildungen endeten. Er schlich sich ein, als sie starb, entlarvte sich erst, als Böhne dann hinter mir lag. Traumspiele. Jahre habe ich mir träumen lassen, ich fliege, ohne zu wissen, daß es nur Traum ist. Immer noch fliege ich. Ebenso bin ich noch unterwegs nach Böhne, das es, wenn man genauer zu fragen beginnt, vielleicht nie gegeben hat. Das ist der Unterschied. Für Mamachen gab es dies Böhne noch nicht mal im Traum. Sie versammelte ihre Kinder und Enkel, uns alle in Darkehmen. Wartete auf Rudi, den Sohn, der fehlte, aber er würde auch noch kommen.

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