Der Tod wirft lange Schatten von Veit Heinichen, Zsolnay, 2005Veit Heinichen

Marina di Aurisina
(Leseprobe aus:
Der Tod wirft lange Schatten, Roman, 2005, Zsolnay)

Mit Schnorchel und Flossen kam er schnell voran. Das Wasser in diesem Mai war dank der brütenden Hitze, die sich seit Wochen übers Land gelegt hatte, deutlich wärmer als im Vorjahr. Dennoch hatte er den schwarzen Neoprenanzug angelegt, dann wie üblich das Halteband der kleinen Harpune übergestreift und ein Messer an der Wade festgemacht, mit dem er Muscheln losbrach oder Seeigel aufschnitt, die er für sein Leben gern roh verzehrte. Im Osten über der Stadt hatte der anbrechende Tag bereits über die Finsternis gesiegt, als er die Treppe zum Meer hinunterstieg und kurz darauf am kleinen Anleger ins Wasser glitt. Seit er an der Küste lebte und regelmäßig schwimmen ging, während alle anderen noch schliefen, war er endlich wieder in Form. Selbst Laura hatte plötzlich nichts mehr an seinem Bauchumfang auszusetzen, lobte manchmal sogar seine muskulösen Schultern – und auch mit dem Sex lief es wieder besser.

Sre_cko, der letzte Fischer von Santa Croce, hatte am Abend zuvor am Tresen des »Pettirosso« beiläufig zu ihm gesagt, daß in der letzten Zeit eigenartige Typen unten am kleinen Hafen beim Meeresbiologischen Forschungslabor aufgetaucht seien. Aber man wolle ja nicht gleich die Polizei rufen. Manchmal seien sie zu zweit, dann wieder zu viert, aber natürlich niemand von denen, die dort ein Boot liegen hatten und erst recht keine Badegäste, die ein Stück weiter oben den Nacktbadestrand Liburnia am Fuß der Steilküste aufsuchten. Dazu seien die Herren einfach nicht richtig gekleidet. Der Fischer, trotz seiner 74 Jahre ein Berg fester Muskeln mit Händen, kräftig wie Baggerschaufeln, fuhr jeden Morgen raus. Nicht weil er es finanziell nötig gehabt hätte, vielmehr aus Leidenschaft und weil er das idyllische Restaurant »Bellariva«, das seine Frau gleich neben dem kleinen Hafen betrieb, mit dem frischen Fang versorgte. Sre_cko hatte feste Zeiten, und das wußten diese Männer wohl, die immer gerade dann die Mole verließen, wenn er bei Tagesanbruch zu seinem Kutter ging. Und jedesmal habe dann eines dieser hochmotorisierten Schlauchboote abgelegt, die bis zu 40 Knoten machen. »Irgend etwas stimmt nicht«, sagte er. »Das sollte sich einmal jemand genauer ansehen.«
[...]
Im Hafen war keine Menschenseele zu sehen. Proteo Laurenti hielt sich hinter den Anlagen der Miesmuschelzuchten, die in riesigen geometrischen Mustern hundert Meter vor der Küste in der sanften Dünung schaukelten. Auf dem offenen Meer bewegten sich lediglich die Positionslichter einiger heimkehrender Fischkutter, sonst war es ruhig. Die Sonne hob sich langsam über den Karst, ihr Licht war noch stumpf, als würde sie selbst erst mit dem Tag erwachen. Laurenti wartete an einer Boje und beobachtete die Einfahrt zu dem kleinen Hafen. Er verschnaufte kurz, denn er wollte die Strecke ohne aufzutauchen hinter sich bringen. Keine einfache Sache. Aber wenn man ihn entdeckte, wäre seine Mühe umsonst gewesen und er hätte im Bett bleiben können und die verschlafene Frage seiner Frau, weshalb er so früh auf den Beinen sei, nicht mit einer Lüge beantworten müssen.
Seine Atemluft reichte knapp aus, um direkt vor dem Wellenbrecher aufzutauchen. Wenn die Angaben des Fischers stimmten und die Männer tatsächlich jeden Morgen zur gleichen Zeit kamen, dann war er zu früh. Er mußte sich einen Platz zwischen den Felsen suchen und warten: Außerhalb des Wassers, um sich nicht zu unterkühlen. Er zog Maske und Schnorchel vom Kopf und verschanzte sich, so gut er konnte, zwischen den mächtigen Steinquadern des Wellenbrechers. Laurenti spürte die Müdigkeit wieder, gegen die er sich beim Aufstehen gewehrt hatte, doch bevor er ihr nachgeben konnte, hörte er Stimmen und, keine zehn Sekunden später, das gedämpfte Geräusch moderner großvolumiger Schiffsturbinen, kaum lauter als ein Summen, das schnell näher kam. Auf dem Schlauchboot, das jetzt sichtbar wurde und kurz darauf den Motor drosselte, standen zwei Frauen. Doch Laurentis Aufmerksamkeit galt vier athletischen Männern mit militärischem Haarschnitt, Jeans und bunten kurzärmligen Hemden, die trotz der Uhrzeit Sonnenbrillen trugen. Sie kamen die Treppe neben der »Bellariva« herunter und schleppten zwei große wasserdichte Plastikbehälter. Der Kies knirschte unter ihren Sohlen. Die zwei Frauen auf dem einfahrenden Schlauchboot mit dem Fiberglasrumpf, das ohne Kennung und Nationenflagge war, trugen Bikini und über den Schultern Windjacken.
Laurenti duckte sich hinter die Felsen. Er sah, wie wenige Meter entfernt die zweite der Kisten an Bord gehievt wurde. Die Harpune auf seinem Rücken schlug, als er sich ein Stück aufrichtete, gegen den Fels, und gab ein metallisches Geräusch von sich, das in der Stille zu zerplatzen schien. Zwei der Männer drehten sich blitzartig um. Er hatte keine Zeit, um mit einem zweiten Blick zu überprüfen, ob es wirklich Pistolen waren, die sie in den Händen hielten. Hastig stülpte er sich die Tauchermaske über den Kopf und glitt ins Wasser. Er mußte rasch zur Muschelzucht zurück, zwischen deren Fässern er sich gut verstecken konnte. Dabei war er sich nicht einmal sicher, ob sie ihn überhaupt gesehen hatten.
Die Hektik kostete ihn wertvolle Atemluft. Zwanzig Meter vor der ersten Reihe mußte er hoch. Instinktiv drehte er sich um und sah gerade noch den hellgrauen Schiffskörper an sich vorbeischießen, der kurz darauf die Maschinen drosselte. Mit einem Blick erkannte er, daß die Mole inzwischen verlassen war. Laurenti tauchte wieder unter und suchte sich einen Platz inmitten der Muschelzucht, wo er sicher war. Eine Möwe flatterte erschreckt davon, als er auftauchte. Er nahm die Harpune vom Rücken und schaute sich vorsichtig um. Den schwarzen Kopf eines Tauchers im Gewirr von Fässern und Tauen von einem Schiff aus zu entdecken, war unmöglich. Laurenti sah das Motorboot hundert Meter weiter in der Dünung schaukeln. Kurz darauf war vom kleinen Hafen her das stampfende Geräusch eines beschleunigenden Schiffsdiesels zu vernehmen und der Bug eines Fischkutters schob sich hinter dem Wellenbrecher hervor. Das Schlauchboot nahm Kurs aufs offene Meer und verschwand bald als kleiner Punkt am Horizont.
Er hatte gesehen, was er gesehen hatte – und wußte nicht, was es bedeutete. Die meisten der Personen hätte er zwar beschreiben und in der Kartei wiederfinden können, wenn sie registriert waren. Bis auf einen der Männer und das Allerweltsgesicht einer der Blondinen, die sich von Hamburg bis Split glichen wie ein Ei dem anderen. Sechs Personen im Mai in einer mysteriösen Aktion am idyllischen Hafen bei den Filtri, und das schon seit etlichen Tagen. Zwei davon gutgebaute junge Damen im Bikini. Zu einer Uhrzeit, zu der jeder andere auf See sich noch einen leichten Pullover überzog. Als Tarnung nicht sehr glaubwürdig. Das würde dem dümmsten Kollegen auffallen, der auf einem Schiff der Küstenwache oder der Polizia Marittima Dienst tat. Sie kontrollierten gerne diese attraktiven Damen, die sich irgendwo auf ihren Booten vor der Küste nahtlos bräunten und dabei ihre Erfahrungen mit der Schönheitschirurgie austauschten. Aber niemals so früh am Tag.

»Wie lange warst du im Wasser?« fragte der alte Fischer besorgt, der ihn an Bord seines Schiffes gezogen hatte. »Hier, trink!« Er schenkte Weißwein in einen Plastikbecher.
»Hast du jemand gesehen?« fragte Laurenti.
Der Mann nickte. »Sie waren etwas später dran als sonst. Als ich zum Meer runterkam, standen sie oben auf der Mole und schauten hinaus. Sie waren bewaffnet, das konnte ich genau erkennen, obgleich ich so getan habe, als hätte ich sie nicht bemerkt. Der Kutter liegt weit genug weg. Kurz darauf gingen sie eilig davon.«
Laurenti zwängte sich aus dem Neoprenanzug und trocknete sich mit dem Handtuch ab, das Sre_cko ihm reichte. Sie tuckerten geradeaus aufs Meer hinaus.
»Könntest du die Leute beschreiben?« fragte Laurenti, obwohl er wußte, daß es eine unnötige Quälerei wäre, ihm stundenlang die Kartei vorzublättern. Er winkte rasch ab und lachte. Die Leute auf dem Karst waren geprägt. In den letzten hundert Jahren hatten sie mehr Sicherheitskräfte gesehen,
als alle anderen in Europa. Österreichische Gendarmen und Soldaten, Italiener, Faschisten, Gestapo, SS und Wehrmachtsoldaten, Tito-Truppen, Engländer, Neuseeländer, Amerikaner, wieder die Italiener – und weiß der Teufel wie viele Spione. Wen wunderte es da, daß sie sich gegenüber offiziellen Anfragen reserviert verhielten? »Dumme Frage. Vergiß es. Ich hab sie selbst gesehen.«
»Einheimische sind das jedenfalls nicht«, sagte der Fischer. »Trink noch einen Schluck. Es erinnert mich an früher, als viele vom Schmuggel lebten. Übers Meer war es am einfachsten. Aber wehe, sie erwischten dich. Man zögerte nicht lange mit dem Schießen. Nicht so wie heute.«
»Wie spät ist es?« Laurenti spürte den Alkohol bereits.
»Kurz nach sechs. Ich fahr dich rüber. Die letzten Meter mußt du allerdings schwimmen, das Boot hat zuviel Tiefgang.« Er prostete Laurenti zu und packte Brot, ein Stück Salami und Käse aus. »Iß etwas. Wie lange warst du im Wasser?«
»Knapp zwei Stunden.«
»Das ist zu lang für diese Jahreszeit. Auch in deinem Anzug. Greif zu.«
»Danke.« Laurenti ließ es sich nicht zweimal sagen.
»Haben sie auf dich geschossen? Ich meine etwas gehört zu haben.«
Laurenti schüttelte den Kopf. »Ich glaube, sie haben mich überhaupt nicht gesehen.«
»Irgendwann hätten sie dich gefunden, wenn ich nicht gekommen wäre«, sagte der Fischer ohne falschen Stolz. »Ich oder ein anderer. Irgendwann wäre es dir zu kalt geworden und du hättest versucht, an Land zu kommen. Dann hätten sie dich erwischt.«
»Ich habe weder ein Kennzeichen des Boots, noch weiß ich, wer die Leute sind. Sie sind nervös, das ist eindeutig.«
»Trink«, sagte der Fischer. »Willst du ihre Autonummer?«
Laurenti stieß den Becher um, als er sich hektisch aufrichtete. Der Wein floß über seine nackten Schenkel. Sre_cko schenkte nach, zwinkerte mit den Augen und nannte ohne Aufregung die siebenstellige Zahlen-Buchstabenkombination. Sie war einfach zu merken. Dann drosselte der Fischer die Maschine und ging für einen Augenblick ins Steuerhaus. Aus einer Plastiktüte zog er einen Branzino von fast vierzig Zentimeter Länge.
»Ein Kilo achthundert Gramm. Frisch von gestern abend. Ich hab immer einen dabei. Wenn deine Kollegen die Papiere sehen wollen, macht sich ein kleines Geschenk meist ganz gut. Ich will ja nicht behaupten, daß sie es direkt erwarten. Aber eine freundliche Geste wird gerne gesehen. Hier, nimm ihn, mach deiner Familie eine Freude. Aber sag nicht, woher du ihn hast. Sag, daß du ihn selbst gefangen hast. Jag ihm die Harpune durch die Kiemen, bevor du aus dem Wasser steigst. Ich muß mich jetzt um meine Canoce kümmern.« Die Meeresheuschrecken, die hier so hießen, waren ein beliebtes Gericht: gegrillt, gratiniert, gekocht. »Ich hab die Reusen draußen, es wird Zeit.«
Es wäre unhöflich gewesen, ein solches Geschenk abzulehnen. Dieser wunderbare alte Mann hatte sich längst als warmherziger und großzügiger Freund erwiesen. Laurenti fühlte sich trotz seiner fünfzig Jahre wie ein kleiner Junge, als er sich bedankte. Dann ließ er sich ins Wasser hinabgleiten und schwamm mit seinem Fisch die letzten Meter zurück

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