|
|
Vom Rand der Welt
(aus: Vom Rand der Welt,
2003, Frankfurter
Verlagsanstalt)
(S. 13-26)
ES WAR BEREITS dunkel, als ich zum
ersten Mal mit dem Flugzeug auf dem Airport von Blossom landete. Eine heiße
Nacht im August. So drückend heiß, dass der Bekannte von Chuck, der mich vom
Flughafen abholte, die Fenster seines großen alten Ford herabgleiten ließ und
der Nachtwind mir wie der Luftzug aus einem Fön durch das verschwitzte Haar
fuhr. Während ich im Seitenspiegel das bungalowartige Abfertigungsgebäude
kleiner werden sah, bogen wir auf schmale, unbeleuchtete Straßen ab, in deren
Kurven im Ausschnitt der Scheinwerfer immer wieder die langen, grün glänzenden
Blätter hoher Maispflanzen auftauchten. Weshalb er diesen Umweg gewählt habe,
wollte ich wissen und bekam zur Antwort, es sei die einzige Zufahrt vom Airport
zur Stadt. Ich schwieg, sah plötzlich, wie im Blitzlicht noch einmal
aufscheinend, was nun hinter mir lag: Europa. Nah und doch unendlich fern, wie
eine Fata Morgana.
Warum war Chuck nicht selber gekommen? »Er hat ein Zimmer in einem Motel für
dich reservieren lassen«, sagte sein Freund. »Er wartet morgen um neun im
Village Deli auf dich.«
Wir hielten an einer Kreuzung vor einem nichts sagenden zweistöckigen Betongebäude
neben einer Tankstelle. Mein erster Eindruck von Blossom. Sonst hatte ich nur
eine Postkarte von Chuck, auf der der rot gedeckte Glockenturm der Universität,
ein kleiner Bach mit Namen Jordan River, der den Campus durchzog, und ein mit
seinen Zinnen schlossähnlich aussehendes Gebäude abgebildet waren. Auf der Rückseite
geschrieben ein Satz, den ich, verliebt wie ich war, romantisch deutete: »I’ve
been waiting for you sooo long.«
Chucks Freund ging voran. Ganz Kavalier, trug er meine beiden Koffer. Ein junger
Schwarzer saß an der Rezeption und spielte ein Computerspiel. Man sah nur
seinen hochfrisierten krausen Haarschopf und seine enorm breiten Schultern, die
die eines Footballspielers sein mussten. Chucks Freund nannte meinen Namen, der
für mich aus seinem Munde klang, als sei es der einer Anderen, und der
Angestellte suchte einen Schlüssel heraus. Ein Zimmer im zweiten Stock, bezahlt
sei bereits. Chucks Freund trug meine Koffer nach oben, schloss die Tür auf und
drehte das Licht an. »Okay«, sagte er, »ich hoffe, du schläfst gut heute
Nacht.« Ich dankte ihm für seine Hilfe, geleitete ihn zur Tür und war schließlich
wieder allein. Ich war hundemüde, doch bevor ich mir gestattete, mich
hinzulegen, wusch ich noch meine ärmellose Bluse aus, war sie doch ungefähr
das einzige Stück aus meinen beiden Koffern, das mir für die Hitze angemessen
zu sein schien. Lange konnte ich nicht einschlafen. Vor meinem Fenster schaltete
sich die Leuchtschrift des Motels ein und wieder aus, warf durch den Spalt
zwischen den Vorhängen den roten Widerschein der Buchstaben auf mein Bett mit
der Chenille-Überdecke wie aus dem Weltall angespülte Korallen. Das passende
Geräusch der Brandung wurde dazu von der Klimaanlage geliefert, die es so eisig
im Zimmer werden ließ, dass ich das Gefühl hatte, mich unter der dünnen Decke
zu erkälten. Kaum aber hatte ich sie ausgestellt, wurde es unerträglich
stickig, und der zuvor nur schwache Geruch von altem Zigarettenrauch und
Desinfektionsspray stieg mir penetrant in die Nase. Im Flugzeug hatte ich keinen
Bissen heruntergebracht, jetzt plötzlich verspürte ich Durst und einen quälenden
Hunger. Ein Sandwich und ein Bier – das wäre meine Rettung.
Der Nachtportier warf einen Blick auf seine vergoldete Armbanduhr und schüttelte
den Kopf: Kurz nach zwölf. Der Liquor Store sei seit einer Stunde geschlossen,
in der Nähe nichts mehr geöffnet. Er dürfe mir leider keinen Alkohol
verkaufen, aber eine Dose Limonade und eine Packung Käsecracker, das ließe
sich machen. Ich nickte ergeben, gab ihm sogar ein Trinkgeld und nahm die Sachen
mit auf mein Zimmer. Im Bett kippte ich die übersüße Limonade in mich hinein
und verschlang gierig die fettigen, salzigen Chemiekäsecracker. Schließlich
fiel ich, zwischen Krümeln auf dem Laken und mit einem pelzigen Geschmack auf
der Zunge, in einen unruhigen Schlaf.
Nachts schreckte ich immer wieder hoch, im Gefühl gefangen zu sein, zerrte an
der Decke, die meine Beine einzwängte, und wusste erst, wo ich mich befand, als
ich mit meinen Fingern die Überdecke zu fassen bekam, deren geknüpftes Muster
sich wie die abgeschnürten Leiber haariger Raupen anfühlte und mir
augenblicklich das schäbige Zimmer wieder ins Bewusstsein brachte. Endlich
graute der Morgen. Die Leuchtschrift vor meinem Fenster erlosch, von irgendwoher
ein fernes Donnern und das durchdringend schrille Rufen eines mir unbekannten
Vogels. Erst nach einer Weile stellte ich fest, dass das Donnern weiterhin
anhielt und auch der vermeintliche Vogelschrei sich in regelmäßigen Abständen
wiederholte – bis ich schließlich begriff, dass irgendwo in der Nähe ein Zug
vorbeifahren musste, einer von jenen langen, nie endenden Güterzügen, deren
heiseres Signal in so vielen Filmen wie der Ruf eines verwundeten Tieres durch
die Prärien dringt. Im Gefühl, wirklich fernab jeglicher Zivilisation gelandet
zu sein, stand ich auf und zog mit einem Ruck die Plastikvorhänge beiseite.
Mein Blick fiel auf ein ausladendes, weißes Art-déco-Gebäude mit einer im
Renaissancestil hochgewölbten Kuppel. Es mochte, den Bleiglasfenstern und
Verzierungen nach, vom Beginn des 20. Jahrhunderts stammen und nahm die Mitte
eines Platzes ein. Auf allen Seiten zogen sich breite, von Bäumen gesäumte
Treppen zum Viereck der Straßen hinab, während sich gegenüber dicht an dicht
lange, niedrige Flachdachbauten um den ganzen Platz drängten. Geschäfte, deren
Namen ich auf großen, teilweise handgemalten Tafeln über den Eingängen lesen
konnte: Ladyman’s Cafe, The Herald Telephone, The Loaf & Ladle, Jimmy’s
Sporting Goods, Indiana Bell, Sally’s Oaken Bucket, The Bluebird, Princess
Theatre, Hair Stylist, L’ Ile de France, Hays Market, Eberle’s
Hardwarestore, Howard’s Downtown Bookstore.
Der Himmel war bewölkt, bis eben musste es noch heftig geregnet haben. Große
Pfützen auf den Trottoirs spiegelten jetzt das Blau des Himmels. Nun brachen
die ersten Sonnenstrahlen durch die Wolken. Ihr grelles Licht traf auf die
Scheiben des weißen Gebäudes, wanderte von dort langsam hinauf zur höchsten
vergoldeten Spitze der Wetterfahne. Sah ich richtig? Auf der alles überragenden
grünspanüberzogenen Kupferkuppel der Stadt, die inmitten tausender Meilen von
Äckern, Wäldern und Feldern lag, drehte sich im blauen Himmel wie in einem
Meer ein Fisch. Wie um mich, die nicht nur am Meer aufgewachsen ist, sondern,
familiärbedingt, auch seit jeher ein besonderes Verhältnis zu Fischen hat, zu
verspotten, ließ er in der bereits heißen Luft dieses frühen Augustmorgens
seine Schuppen in der Sonne aufblitzen. Im nächsten Moment bot er einem Schwarm
von Staren Platz, die den stillen Square augenblicklich mit lautem Zwitschern
erfüllten.
Es war sehr früh, doch ich zog meine noch feuchte Bluse an und ging in das
Village Deli gegenüber, in dem ich mit Chuck zum Frühstück verabredet war. Es
gab einiges zu klären, schließlich war er der Grund, weshalb ich in Blossom
gestrandet war. Chuck, der mich überredet hatte, mich um ein
Dissertationsstipendium hier in Blossom, nicht etwa in San Francisco, zu
bewerben.
Unsere erste Begegnung hatte, es mag merkwürdig klingen, in einem norddeutschen
Baumarkt stattgefunden. Chuck jobbte damals in der Holzabteilung. Er war Student
der Physik, Literatur und Philosophie und nach Deutschland gekommen in der
Meinung, ein tieferes Verständnis von Kant und seiner Idee vom Ding an sich könne
sich einem Amerikaner nur im Lande der Dichter und Denker selbst eröffnen.
Jedenfalls lieferte er mir nach Feierabend die von ihm nach meinen Angaben
zurechtgesägten Bretter für ein Bücherregal und nagelte sie – nachdem er
feststellen musste, dass ich falsch Maß genommen hatte – in meinem
Studentenzimmer zu einer waghalsigen neuen Konstruktion zusammen. Ich kochte
inzwischen eine Kanne Tee und schnitt den von der Mutter meiner Mitbewohnerin
gebackenen Zitronenkuchen in große Stücke. Ich weiß nicht, lag es an diesem
Kuchen, der wie immer ein Meisterstück war und den ich als selbst gebacken
ausgab, oder an der Tatsache, dass das von Chuck gezimmerte Regal, als ich die Bücher
probeweise hineinstellte, krachend in sich zusammenfiel – jedenfalls
verbrachten wir einen herrlichen Nachmittag miteinander, der unversehens in den
Abend überging und schließlich in die Nacht. Zwei Tage später zog Chuck, der
kein eigenes Zimmer hatte, sondern provisorisch in den jeweils gerade leer
stehenden Räumen eines Studentenwohnheims schlief, bei mir ein; es begann eine
jener seltenen Beziehungen, in der von Anfang an Freundschaft, Verspieltheit und
Verliebtsein sich die Waage halten und alles leicht machen: das Reden, die Zärtlichkeit...
*
Der Zeiger des Weckers ist auf fünf vorgerückt. Wie immer, wenn Liz nachts so
lange wach liegt und sich zu erinnern versucht, hat sie das Gefühl, allmählich
durchsichtig zu werden. Ihr Körper, ihre Haut, besonders die Kopfhaut, werden
hauchdünn, gläsern, zerbrechlich, und alles wirkt greller, Farben und Licht,
Geräusche und Gerüche – beinahe wie eine schmerzhafte Berührung. Dieser
Zustand stellt sich oft bei ihr ein in letzter Zeit. Sie ahnt weshalb. Eine
Unruhe, die sie tagsüber verbergen kann, nicht jedoch nachts. Zu viele Fragen,
auf die es keine Antwort gibt, zu viele Ungewissheiten. Auch ganz praktische:
Ihr Vertrag als Assistentin im English Department der Universität von Blossom läuft
mit dem nächsten Studienjahr aus. Wohin wird es sie dann verschlagen? Wird es
ihr überhaupt gelingen, ein durchgearbeitetes Manuskript vom Umfang eines
Buches vorzulegen, die Grundvoraussetzung zum Abschluss ihres MFA-Studiums.
Moira hat ihnen bei der letzten Seminarsitzung ans Herz gelegt, Bewerbungen um
eine Stelle sorgfältigst vorzubereiten. Die erste Ausschreibungsrunde im
Oktober ist ohnehin so gut wie aussichtslos ohne mindestens eine größere
Publikation. Erst die Februarliste mit befristeten Verträgen und den
ungeliebten Feuerwehrstellen wird für sie in Betracht kommen. Die Aussicht,
froh sein zu müssen, wenn sich überhaupt das Geringste bietet, macht ihr Angst
– ein Leben in einer Wüstenregion oder in einer Gegend mit Sümpfen, in der
es kaum etwas gibt außer Moskitos? Fast mehr aber schreckt sie das Gefühl, für
einen solchen Schritt innerlich nicht bereit zu sein. Denn jede Anstellung, die
sie womöglich erhalten würde, geht an dem vorbei, was sie eigentlich mit ihrem
Leben will. Beharrlich, in dieser ihr mittlerweile so beängstigend vertrauten
Form des Zwiegesprächs, drängt sich immer wieder eine Stimme zwischen ihre Überlegungen:
Und warum nicht einfach wieder zurück nach Europa?
But to do what? – antwortet es augenblicklich mit jener anderen Stimme, die
inzwischen die wirklichere, die dominante geworden ist. Ja, was soll sie dort in
der alten Welt? Womit ihr Geld verdienen, nach all den Jahren in Amerika?
Niemand wird warten auf eine Frau mit einem in Deutschland unbekannten
Studienabschluss, dazu bereits über dreißig. Längst sitzen Jüngere fest im
Sattel der zu verteilenden Posten.
Und noch eine Stimme mischt sich ein: Deine Großmutter Lina hat ihr Leben lang
mit Sehnsucht von ihrer Heimat gesprochen. Sie hätte alles gegeben, zurückkehren
zu können. Liz ist versucht den Kopf zu heben, um die Sprecherin zu sehen, so
deutlich hört sie diesen Satz aus der Dunkelheit. Wie oft habe ich mir gewünscht,
dass sie dich noch hätte sehen können, aber sie starb kurz vor deiner Geburt.
Sie hatte so viele Talente. Du erinnerst mich jeden Tag an sie.
Unverkennbar: die Stimme ihrer Mutter Martha. So klar und deutlich, als stünde
sie jetzt neben ihr. Als Kind hat Liz diese und andere Sätze von ihr gehört,
in der Küche, beim Gemüseputzen oder nach der Schule, wenn sie beim Abwasch
half und die Mutter sich schnell einen Kaffee kochte, ihn im Stehen trank aus
dem kleinen blauweißen Goldrandtässchen, bevor sie zurückmusste ins Büro:
Diese Tasse stammt noch aus Jurmala. Deine Urgroßmutter bekam sie zur Hochzeit
geschenkt. Sie ist hundert Jahre alt.
Impulsiv, oft auch ohne sichtbaren Zusammenhang, hatte die Mutter diese
Erinnerungen an eine längst vergangene Zeit weitergegeben, Momente aus dem
Leben ihrer Mutter Lina und ihrer Großmutter Sophie, die für die Schwestern
Martha und Lilli sorgte, während Lina das Geld für alle verdiente.
Meine Mutter Lina wurde in derselben Stunde beerdigt, in der du zur Welt kamst.
Du kamst zu früh, wegen all der Aufregung. Ich sah es mit einem weinenden und
einem lachenden Auge damals, das kannst du dir vielleicht vorstellen!
Immer nur Bruchstücke, Fragmente von Erinnerungen, die die Mutter beiläufig
zwischen Küchenhandgriffen und Ermahnungen zur Sprache brachte. Wort für Wort
kann Liz wieder heraufbeschwören, ein Satz zieht schon die nächsten Sätze mit
sich. Offenbar haben sie sich in ihr abgelagert wie feiner Sand, der mit der
Zeit auf den Meeresboden sinkt und dort in der Tiefe Sedimente bildet. Seit
kurzem steigen Wörter wieder empor, Echo einer Vergangenheit, die sonst
verloren wäre. Die eigentliche Geschichte hat ihre Mutter nie erzählt.
Liz ist nicht die Erste in ihrer Familie, die so weit fortgezogen ist. Auch Lina
und Sophie waren von zu Hause ausgewandert, von Russland nach Amerika, später
wieder zurück nach Europa, nach Deutschland. Beide Frauen hatten alle Brücken
hinter sich abgebrochen, in einer neuen Sprache zu leben begonnen.
Liz’ Mutter aber hat die kleine graue Stadt an der Küste, in der sie geboren
wurde und wo auch Liz zur Welt kam, nie verlassen. Sie blieb ihr Leben lang am
selben Ort, in denselben Straßen am Wasser, zwischen Kurhaus und Hafen; würde
man einen Zirkel einstechen und einen Kreis ziehen, so käme der Durchmesser
ihrer Welt zwischen Geburt, Leben und irgendwann ihrem Tod auf zwei bis drei
Kilometer, genau wie auch der ihrer Schwester Lilli.
Tante Lilli, deren Tochter so ganz anders ist, betonte oft: »Bis auf ihre hübsche
kleine Zahnlücke ist Elisabeth ihrer Großmutter Lina wie aus dem Gesicht
geschnitten. Deine Tochter, liebe Martha, hat die gleiche Statur, dasselbe
Naturell wie unsere Mutter, ja, man möchte meinen, sie sei geradezu ihre
Doppelgängerin im ganzen Wesen, findest du nicht?« Beschwörend erwiderte
Liz’ Mutter daraufhin, nie ohne einen erschrockenen Ausdruck im Gesicht: »Das
stimmt, aber es wird sich mit der Zeit ganz sicher verlieren.« Hatte es nicht
jedes Mal geklungen, als ginge es um einen körperlichen Makel?
Oft hat Liz das Gefühl gehabt, es müsse eine unsichtbare Verbindung geben
zwischen ihr und Lina; so vieles in einer Familie wird verdeckt weitergegeben,
von der ersten an die dritte Generation vererbt, die mittlere überspringend.
Der halbe Chromosomensatz von Großmutter und Großvater gelangt nach der Meiose
jeweils direkt weiter an den Enkel.
Wenn Liz bei ihrem zweiten Namen, Lina, gerufen wurde, von ihrer Tante meist
oder auch von ihrem Vater, wenn er besonders nachdrücklich sein wollte, hatte
sie das Gefühl, jene andere, die bei ihrer Geburt gestorben war, zu jung, um
wirklich ihre Großmutter zu werden, sei zugleich mit gerufen. Liz gewöhnte
sich mit der Zeit an die unsichtbare Anwesenheit dieser Frau wie an einen
Schatten. Gerade in den letzten Wochen scheint er deutlicher zu werden. Ihrer
Mutter gegenüber hat sie das nicht erwähnt. Auch hat sie ihr so gut wie nichts
erzählt über ihr Leben hier. Sie spürt, die Mutter will davon nichts wissen.
Ihre Mutter war von Anfang an gegen ihr Fortgehen. Vielleicht, vermutet Liz, aus
einem ganz besonderen Grund. Einem Grund, der in der Vergangenheit liegt.
Seit ein paar Minuten steigert sich das Sirren der Zikaden draußen wie ein
bedrohlicher, auf einen Höhepunkt zustrebender Trommelwirbel. So – ohrenbetäubend
laut – kündigen die Insekten den Widerschein des ersten Lichts am Himmel an,
noch bevor man es sehen kann, und im nächsten Moment, in einer für den
Nordeuropäer ungewohnt kurzen Zeit, den dämmernden Übergang zwischen Nacht
und Tag aussparend, kippt die Sonne ihr glühendes Rot in die Welt. Eine Welt,
die hier aus einer Ansammlung von mehr oder minder gut gepflegten, einstöckigen
Holz- und Aluminiumhäusern auf kurzgeschorenen Rasenflächen entlang der
schlecht asphaltierten First Street besteht.
Liz schwingt ihre langen Beine aus dem Bett und huscht über den warmen Holzfußboden
ans Küchenfenster zur Nordseite ihres kleinen Hauses, wo das Thermometer hängt.
Aufgeschreckt schwirren zwei Kolibris vom Zuckerwasserspender fort, als sie
ihren Kopf nähert, um die Skala abzulesen: zweiundachtzig Grad Fahrenheit
bereits. Minus 32, mal fünf durch neun, rechnet sie automatisch. Achtundzwanzig
Grad Celsius – und das bei Sonnenaufgang. Also wieder ein Dog day, einer von
diesen Tagen, an denen man keinem Hund zumuten mag, vor die Tür zu gehen.
Mit noch unkoordinierten Bewegungen reißt sie ein Streichholz an, wartet, bis
die blaue Gasflamme aufspringt, sieht ihre eigene Hand wie die einer anderen den
gefüllten Teekessel auf das schwarze Metallviereck des Herds stellen. Als sie
unter der Dusche steht und das warme Wasser ihr in Strömen übers Gesicht läuft,
hört sie klar und deutlich eine weitere, ebenso vertraute Stimme, eine Stimme,
die bis vor gar nicht langer Zeit zu ihrem Alltag hier gehört hat – die
Stimme ihres Ex-Mannes. Sie weiß, dass es Einbildung ist. Und doch sieht sie
ihn jetzt wie in einer Halluzination in natürlicher Größe: Hutson, nackt vor
dem Spiegel stehend, wie er sein Gesicht mit Rasierschaum einseift bis es
aussieht wie eine Maske aus der Commedia dell’Arte, die weiße Masse sorgfältig
mit dem Messer abzieht, dazwischen Verse aus seinem Lieblingswerk deklamiert,
Miltons Paradise Lost, von dem auch sie mittlerweile große Teile auswendig
hersagen kann. Damn it!, presst sie zwischen den Lippen hervor, und drückt mit
Gewalt das Shampoo aus der Plastikflasche direkt auf ihre langen Haare, im nächsten
Moment verschwindet sie unter weißem Schaum. Schon wieder einer dieser
unseligen Tage, an denen ihr nacheinander all ihre Männerkatastrophen zu
Bewusstsein kommen! Doch es hilft nichts. Die Stimmen kommen von innen und sie
sind gnadenlos. Seitdem sie alleine lebt, besonders in letzter Zeit, kommen sie
zu oft.
*
HUTSON CAMPBELL JUNIOR, mein Ex-Gatte: Drei Jahre lang hielten wir es
miteinander aus. Eine anstrengende Zeit, ein einziger, in schneller Abfolge sich
vollziehender Rausch aus Liebesbeweisen und heftigsten Streitereien, sich in den
Armen Liegen und nächtlichem Davonlaufen, herzzerreißenden Trennungs- und
ebenbürtigen Versöhnungsszenen. Als ob wir es darauf angelegt hatten, immer
schmerzlichere Distanzen zwischen uns zu schaffen, um anschließend die versöhnliche
körperliche Nähe nur umso heftiger spüren zu können. Immer extremer schlug
die Nadel auf dem Kompass unseres Lebensschiffs aus – und irgendwann lief es
auf Grund. Ein knappes Jahr nach unserem Umzug nach Virginia, wohin wir
ausschließlich wegen seiner beruflichen Perspektiven gingen – Hutson sollte
dort für eine Versicherungsgesellschaft arbeiten –, kam es zu dem Moment, vor
dem wir uns beide gefürchtet hatten: ein Streit, schlimmer als alle zuvor. Er
trat am Ende die verschlossene Schlafzimmertür ein, hinter der ich mich
verschanzt hatte, und ich drohte damit, seinen arglosen, aber sehr vermögenden
Eltern die Wahrheit über ihren Sohn zu erzählen: seinen verschwenderischen
Drogenkonsum und seine daraus entstandenen Kontakte ins kriminelle Milieu. Die
Eltern hätten ihn, ganz ohne Frage, sofort enterbt.
Die Tage, die folgten, waren wie das verbissene Taktieren in einem
Stellungskrieg, in dem jede Möglichkeit eines Waffenstillstands, zu dem wir
doch sonst immer wieder zurückfinden wollten, mutwillig von uns zerstört
wurde. Es war vorbei. Wir gingen uns aus dem Weg, überließen uns wortlos die
Klinke, wichen zurück, wenn der eine zur Haustür hereinkam und der andere
gerade wieder ging. Zum ersten Mal, seitdem wir uns kannten, schliefen wir
getrennt voneinander. Ich auf dem Sofa im Wohnzimmer, Hutson verbarrikadierte
sich im Schlafzimmer. Eine gute Woche dauerte dieser Zustand, und dann geschah,
was über kurz oder lang vielleicht ohnehin geschehen wäre: Beide blieben wir
in einer – und das merkwürdig Bittere daran war: in derselben – Nacht von
zu Hause fort. Es entbehrte nicht einer gewissen Komik, als wir am nächsten
Vormittag, einem Samstag, beide mit schlechtem Gewissen und doch irgendwie
erleichtert das Haus betraten, beinahe gleichzeitig, und – weicher gestimmt
durch das Abenteuer mit einem anderen Menschen – den Betrug, den wir gerade
gegenseitig vollzogen hatten, halb genießend, halb bedauernd. Wenig später
lagen wir uns weinend in den Armen, fanden an diesem Tag nicht mehr aus dem
Bett, als hätten wir von unserer nach Berührungen anscheinend ausgehungerten
Haut nicht jeden Fleck genau gekannt, und wussten, dass wir im Begriff waren,
nochmals einen Betrug zu vollziehen, vielleicht den größeren: Es noch einmal
versuchen zu wollen miteinander. Später musste ich mir von mir selbst die Frage
gefallen lassen, ob die Beziehung zwischen Hutson und mir letztlich nicht doch
nur auf sexueller Anziehung beruht hatte. Damals, an jenem Samstag jedenfalls,
als wir so leidenschaftlich miteinander schliefen, wussten wir im Grunde
genommen beide: Der Bruch war besiegelt.
*
In der Küche pfeift der Teekessel schrill. Ohne sich abzutrocknen rennt Liz
hin, Wasserpfützen auf dem Boden hinterlassend. Als sie das Gas abdreht, klingt
die Kesselpfeife wie ein Schiffssignal. Sie nimmt die alte Metalldose, die ihre
Mutter ihr geschenkt hat – ein Erbstück ihrer Großmutter Lina –, schüttet
Kaffeebohnen in die weiße Melitta-Mühle und presst den Knopf, bis das Surren
des Motors sich höher schraubt, die Maschine in der Hand vibriert. Schließlich
der Duft des Kaffeemehls im Filter, als sie heißes Wasser darüber gießt. Sie
trocknet sich ab, geht zum Schrank im Schlafzimmer. Der Spiegel wirft ihr Bild
zurück: unvollständig – entweder fehlen die Füße oder der Kopf; ihre Haut
von der ersten Sonne so gebräunt, dass die Ränder ihrer Shorts und ihres
T-Shirts sich weiß abheben. Einen Augenblick überlegt sie, was sie anziehen
soll, dann schlüpft sie in ihr weinrotes italienisches Sommerkleid.
Wenig später geht sie mit der großen Tasse aus Le Havre, einem Geschenk
Hutsons, der es seinerseits von seiner ersten Frau bekam, über den
tauglitzernden Rasen und lässt sich auf dem einen der beiden alten Holzklappstühle
nieder, die bereits vor ihrem Einzug hier gestanden haben. Entspannt sitzend,
die Beine übereinandergeschlagen, erblickt sie ihr Spiegelbild im schwarzen heißen
Kaffee und fragt sich laut, wie um auszuprobieren, ob ihre eigene Stimme überhaupt
noch zu hören ist: »Was also, meine liebe Elisabeth, hast du heute vor?«
Dieser Tonfall erinnert sie an den der Mutter. Und während sie vor sich hin
murmelt, etwas von Zensuren für ihre Studenten, die in ihre Sprechstunde heute
kommen, und von Lyndas und LaWandas Texten, die sie noch für Moiras Workshop zu
lesen und zu kommentieren hat, nimmt sie plötzlich das unwiederbringlich Köstliche
dieses Morgens wahr, sein noch rötlich frühes Licht und den funkelnden Tau auf
den Blüten der Schwertlilien. Und schon ist alles andere vergessen. Sie läuft,
um Papier und Stift zu holen, im Ohr die Worte Allem Anfang wohnt ein Zauber
inne, weiß sie doch: Der Augenblick des Anfangens ist der fragilste im ganzen
Prozess des Schaffens und enthält zugleich die größte Magie. Der Anfang nicht
nur eines Textes, sondern auch der mühsamen Arbeit des Schreibens selbst, jeden
Tag aufs Neue. Höchste Wahrnehmungsbereitschaft, höchste Konzentration und größte
Empfindlichkeit müssen sich verbinden, damit aus dem Empfinden der Prozess des
Gestaltens hervorgehen kann, ein schwerelos schwebender Übergang, nicht
greifbarer als die Veränderung des Lichts auf einem vor kurzem erblühten
Kirschbaum in der Nacht in jenem Augenblick, in dem der Mond hinter einer
ziehenden Wolke hervorkommt und dem schattigen Weiß der zarten durchscheinenden
Blütenblätter eine geheimnisvolle eigene Leuchtkraft gibt.
Nur in solch flüchtigen Momenten gelingt es ihr, den Ansatz zum Schreiben zu
finden, nur in solchen Bruchteilen von Sekunden spürt sie den großen
Zusammenhang allen Seins: ein Augenblick größter Lebensintensität. Wer sie in
einem solchen Moment stört, den kann sie anfallen wie eine wütende Hornisse.
Hutson hat diese Seite an ihr früh zu spüren bekommen, auch wenn sie damals
noch nicht auf einen MFA hinarbeitete, sondern Erzählungen und Porträts zu
ihrem eigenen Vergnügen verfasste. Im Laufe der Zeit gewöhnte er sich an,
bereits morgens, beim Aufwachen, zu fragen: Is it Mrs. Jekyll today or Mrs.
Hyde? Unbewusst, wie der Wünschelrutengänger den Verlauf eines unterirdischen
Flusses, spürte er Liz’ allmählichen Rückzug aus ihm ganz selbstverständlich
erscheinenden Strukturen des Lebens.
Liz weiß um ihre Verfassung beim Schreiben: für das Normale verloren zu sein
in jenen Momenten der Inspiration. Sie weiß, dass der immer wieder neue
Verwandlungsprozess des Bewusstseins der Trance eines Somnambulen vergleichbar
ist. Wie dieser auf einem schmalen Dachfirst über den Häusern einer Stadt
balanciert, folgt auch sie als Schreibende ohne Netz und doppelten Boden einem
schmalen imaginierten Grat in Höhe der Wolken, sich ganz einer schwebenden
Leichtigkeit überlassend, die – ähnlich wie beim Schlafwandler – ausgelöst
sein mag durch ein bestimmtes Licht, ein Wort, eine Stimme oder einen Geruch,
vor allem aber durch die Art zu leben, oder vielmehr: sich dem Leben zu
entziehen. Solange keine Störungen auftreten in diesem Zustand äußerster
Gereiztheit der Sinne, schreitet der Somnambule mit traumwandlerischer
Sicherheit die einzig mögliche, wunderbar feine Linie entlang. Weckt man ihn
aber auf, stürzt er ab.
Jetzt, in diesem Augenblick, hat sie das Gefühl, etwas festhalten zu können
von dem flüchtigen Wesen dieses Ortes, dieses Lebensausschnitts, seine
ungreifbare Substanz so einfangen zu können, dass er über sich selbst
hinausweist und eine symbolische Bedeutung annimmt.
Als sie zu schreiben beginnen will, fällt ihr Blick auf den leeren Stuhl. Sie
muss an Moira denken. Die von ihnen allen verehrte Professorin hat ihnen zu
Beginn des Semesters eine ihrer legendären Schreibaufgaben gestellt und ihnen
berühmte Beispiele gegeben. Sie sprach vom Meer; nicht einfach von einem
bestimmten, sondern von dem über allen Meeren stehenden, wie es die Dichter
seit der Odyssee beschreiben. Ob weindunkel, rotzgrün oder unsichtbar weiß, so
sagte Moira, muss es, wenn es in der Dichtung erscheint, doch immer noch etwas
anderes sein als das bloße Meer. Was voraussetzt, dass man sich intensiv –
innig, übersetzte Liz für sich – mit dem Gegenstand befasst, ihn genau
kennen lernt, um ihn dann wieder in einem anderen, neuen Licht wahrzunehmen.
Gerade heute – vielleicht ihrer Müdigkeit geschuldet – fällt Liz dieser
Blick zu, der jedes Detail mit einem Spannungspotential auflädt und allem eine
höhere Bedeutung unterlegt. Eben dieser Gartenstuhl neben ihr, auf dem sie
jeden Morgen ihre von Hutsons Ex-Frau ererbte Tasse mit dem dampfenden Kaffee
abstellt, der Stuhl, dessen Holz mit der Zeit verwittert ist und der seit Jahren
unter diesen Bäumen steht, von irgendeinem Vormieter einst hier vergessen,
scheint ihr heute im noch jungfräulichen Licht der Morgensonne diese neue Präsenz
zu bekommen – eine Erinnerung, eine Mahnung fast, an die mögliche Existenz
einer anderen, nur schemenhaft vorhandenen Person.
Ist es der zitternde Schatten des Laubes auf dem Rasen, der flirrende Übergang
von dunklem zu hellem Grün, der andere Dinge heraufbeschwört, Erinnerungen an
Augenblicke, die längst außerhalb der Zeit liegen? Die Morgensonne im Zimmer
von Tante Mariechen, im oberen Stockwerk ihres Hauses neben dem Schlafzimmer der
Eltern, mit den rotweiß gestreiften Tapeten noch immer das Kinderzimmer
genannt, das nach Lavendel duftete, der zwischen den selbst genähten
Aussteuerstücken der Tante in dem einfachen Holzschrank lag. Ihre Handtücher,
Servietten und Kopfkissenbezüge, jeweils ein halbes Dutzend mit ihrem Monogramm
bestickt und von einem mit rotem Kreuzstich geschmückten Bändchen
zusammengehalten, jahrzehntelang, bis zu ihrem Tod.
Schon ist das zarte Gespinst aus Wahrnehmungsbereitschaft und Poesie wieder
zerrissen. Es ist eigentlich genau in dem Augenblick geschehen, als sie nur das
Wort Professorin gedacht hat. Sofort tauchten Moiras blauschwarze lange Haare
auf, ihr zu jeder Jahreszeit bleiches und fast immer abwesend wirkendes Gesicht,
das wie ein Tagesmond über den Campus, durch die dunklen Korridore der
Ballantine Hall geistert und alle, ob ihre Kollegen oder Studenten, auf
bewundernd respektvolle Distanz hält. Ein Bild, das die Stimmung, in der Liz
ihr Schreibzeug holen ging, zerstört. Moira – die sich dafür aussprach, Liz
für ihr Manuskript ein Stipendium in Form eines dreijährigen Lehrvertrags für
Englisch zu geben, obwohl Liz kein Native speaker war. Für eine Geschichte aus
Amerika, deren deutsche Originalversion Liz daraufhin stolz an ihre Familie nach
Deutschland schickte, und auf die man dort nur verunsichert und betreten
reagierte.
Rezension I Buchbestellung II04 LYRIKwelt © FVA