Vom Rand der Welt von Christa Hein, 2003, FVA

Christa Hein

Vom Rand der Welt
(aus: Vom Rand der Welt, 2003, Frankfurter Verlagsanstalt)
(S. 13-26)

ES WAR BEREITS dunkel, als ich zum ersten Mal mit dem Flugzeug auf dem Airport von Blossom landete. Eine heiße Nacht im August. So drückend heiß, dass der Bekannte von Chuck, der mich vom Flughafen abholte, die Fenster seines großen alten Ford herabgleiten ließ und der Nachtwind mir wie der Luftzug aus einem Fön durch das verschwitzte Haar fuhr. Während ich im Seitenspiegel das bungalowartige Abfertigungsgebäude kleiner werden sah, bogen wir auf schmale, unbeleuchtete Straßen ab, in deren Kurven im Ausschnitt der Scheinwerfer immer wieder die langen, grün glänzenden Blätter hoher Maispflanzen auftauchten. Weshalb er diesen Umweg gewählt habe, wollte ich wissen und bekam zur Antwort, es sei die einzige Zufahrt vom Airport zur Stadt. Ich schwieg, sah plötzlich, wie im Blitzlicht noch einmal aufscheinend, was nun hinter mir lag: Europa. Nah und doch unendlich fern, wie eine Fata Morgana.
Warum war Chuck nicht selber gekommen? »Er hat ein Zimmer in einem Motel für dich reservieren lassen«, sagte sein Freund. »Er wartet morgen um neun im Village Deli auf dich.«
Wir hielten an einer Kreuzung vor einem nichts sagenden zweistöckigen Betongebäude neben einer Tankstelle. Mein erster Eindruck von Blossom. Sonst hatte ich nur eine Postkarte von Chuck, auf der der rot gedeckte Glockenturm der Universität, ein kleiner Bach mit Namen Jordan River, der den Campus durchzog, und ein mit seinen Zinnen schlossähnlich aussehendes Gebäude abgebildet waren. Auf der Rückseite geschrieben ein Satz, den ich, verliebt wie ich war, romantisch deutete: »I’ve been waiting for you sooo long.«
Chucks Freund ging voran. Ganz Kavalier, trug er meine beiden Koffer. Ein junger Schwarzer saß an der Rezeption und spielte ein Computerspiel. Man sah nur seinen hochfrisierten krausen Haarschopf und seine enorm breiten Schultern, die die eines Footballspielers sein mussten. Chucks Freund nannte meinen Namen, der für mich aus seinem Munde klang, als sei es der einer Anderen, und der Angestellte suchte einen Schlüssel heraus. Ein Zimmer im zweiten Stock, bezahlt sei bereits. Chucks Freund trug meine Koffer nach oben, schloss die Tür auf und drehte das Licht an. »Okay«, sagte er, »ich hoffe, du schläfst gut heute Nacht.« Ich dankte ihm für seine Hilfe, geleitete ihn zur Tür und war schließlich wieder allein. Ich war hundemüde, doch bevor ich mir gestattete, mich hinzulegen, wusch ich noch meine ärmellose Bluse aus, war sie doch ungefähr das einzige Stück aus meinen beiden Koffern, das mir für die Hitze angemessen zu sein schien. Lange konnte ich nicht einschlafen. Vor meinem Fenster schaltete sich die Leuchtschrift des Motels ein und wieder aus, warf durch den Spalt zwischen den Vorhängen den roten Widerschein der Buchstaben auf mein Bett mit der Chenille-Überdecke wie aus dem Weltall angespülte Korallen. Das passende Geräusch der Brandung wurde dazu von der Klimaanlage geliefert, die es so eisig im Zimmer werden ließ, dass ich das Gefühl hatte, mich unter der dünnen Decke zu erkälten. Kaum aber hatte ich sie ausgestellt, wurde es unerträglich stickig, und der zuvor nur schwache Geruch von altem Zigarettenrauch und Desinfektionsspray stieg mir penetrant in die Nase. Im Flugzeug hatte ich keinen Bissen heruntergebracht, jetzt plötzlich verspürte ich Durst und einen quälenden Hunger. Ein Sandwich und ein Bier – das wäre meine Rettung.
Der Nachtportier warf einen Blick auf seine vergoldete Armbanduhr und schüttelte den Kopf: Kurz nach zwölf. Der Liquor Store sei seit einer Stunde geschlossen, in der Nähe nichts mehr geöffnet. Er dürfe mir leider keinen Alkohol verkaufen, aber eine Dose Limonade und eine Packung Käsecracker, das ließe sich machen. Ich nickte ergeben, gab ihm sogar ein Trinkgeld und nahm die Sachen mit auf mein Zimmer. Im Bett kippte ich die übersüße Limonade in mich hinein und verschlang gierig die fettigen, salzigen Chemiekäsecracker. Schließlich fiel ich, zwischen Krümeln auf dem Laken und mit einem pelzigen Geschmack auf der Zunge, in einen unruhigen Schlaf.
Nachts schreckte ich immer wieder hoch, im Gefühl gefangen zu sein, zerrte an der Decke, die meine Beine einzwängte, und wusste erst, wo ich mich befand, als ich mit meinen Fingern die Überdecke zu fassen bekam, deren geknüpftes Muster sich wie die abgeschnürten Leiber haariger Raupen anfühlte und mir augenblicklich das schäbige Zimmer wieder ins Bewusstsein brachte. Endlich graute der Morgen. Die Leuchtschrift vor meinem Fenster erlosch, von irgendwoher ein fernes Donnern und das durchdringend schrille Rufen eines mir unbekannten Vogels. Erst nach einer Weile stellte ich fest, dass das Donnern weiterhin anhielt und auch der vermeintliche Vogelschrei sich in regelmäßigen Abständen wiederholte – bis ich schließlich begriff, dass irgendwo in der Nähe ein Zug vorbeifahren musste, einer von jenen langen, nie endenden Güterzügen, deren heiseres Signal in so vielen Filmen wie der Ruf eines verwundeten Tieres durch die Prärien dringt. Im Gefühl, wirklich fernab jeglicher Zivilisation gelandet zu sein, stand ich auf und zog mit einem Ruck die Plastikvorhänge beiseite.
Mein Blick fiel auf ein ausladendes, weißes Art-déco-Gebäude mit einer im Renaissancestil hochgewölbten Kuppel. Es mochte, den Bleiglasfenstern und Verzierungen nach, vom Beginn des 20. Jahrhunderts stammen und nahm die Mitte eines Platzes ein. Auf allen Seiten zogen sich breite, von Bäumen gesäumte Treppen zum Viereck der Straßen hinab, während sich gegenüber dicht an dicht lange, niedrige Flachdachbauten um den ganzen Platz drängten. Geschäfte, deren Namen ich auf großen, teilweise handgemalten Tafeln über den Eingängen lesen konnte: Ladyman’s Cafe, The Herald Telephone, The Loaf & Ladle, Jimmy’s Sporting Goods, Indiana Bell, Sally’s Oaken Bucket, The Bluebird, Princess Theatre, Hair Stylist, L’ Ile de France, Hays Market, Eberle’s Hardwarestore, Howard’s Downtown Bookstore.
Der Himmel war bewölkt, bis eben musste es noch heftig geregnet haben. Große Pfützen auf den Trottoirs spiegelten jetzt das Blau des Himmels. Nun brachen die ersten Sonnenstrahlen durch die Wolken. Ihr grelles Licht traf auf die Scheiben des weißen Gebäudes, wanderte von dort langsam hinauf zur höchsten vergoldeten Spitze der Wetterfahne. Sah ich richtig? Auf der alles überragenden grünspanüberzogenen Kupferkuppel der Stadt, die inmitten tausender Meilen von Äckern, Wäldern und Feldern lag, drehte sich im blauen Himmel wie in einem Meer ein Fisch. Wie um mich, die nicht nur am Meer aufgewachsen ist, sondern, familiärbedingt, auch seit jeher ein besonderes Verhältnis zu Fischen hat, zu verspotten, ließ er in der bereits heißen Luft dieses frühen Augustmorgens seine Schuppen in der Sonne aufblitzen. Im nächsten Moment bot er einem Schwarm von Staren Platz, die den stillen Square augenblicklich mit lautem Zwitschern erfüllten.
Es war sehr früh, doch ich zog meine noch feuchte Bluse an und ging in das Village Deli gegenüber, in dem ich mit Chuck zum Frühstück verabredet war. Es gab einiges zu klären, schließlich war er der Grund, weshalb ich in Blossom gestrandet war. Chuck, der mich überredet hatte, mich um ein Dissertationsstipendium hier in Blossom, nicht etwa in San Francisco, zu bewerben.
Unsere erste Begegnung hatte, es mag merkwürdig klingen, in einem norddeutschen Baumarkt stattgefunden. Chuck jobbte damals in der Holzabteilung. Er war Student der Physik, Literatur und Philosophie und nach Deutschland gekommen in der Meinung, ein tieferes Verständnis von Kant und seiner Idee vom Ding an sich könne sich einem Amerikaner nur im Lande der Dichter und Denker selbst eröffnen. Jedenfalls lieferte er mir nach Feierabend die von ihm nach meinen Angaben zurechtgesägten Bretter für ein Bücherregal und nagelte sie – nachdem er feststellen musste, dass ich falsch Maß genommen hatte – in meinem Studentenzimmer zu einer waghalsigen neuen Konstruktion zusammen. Ich kochte inzwischen eine Kanne Tee und schnitt den von der Mutter meiner Mitbewohnerin gebackenen Zitronenkuchen in große Stücke. Ich weiß nicht, lag es an diesem Kuchen, der wie immer ein Meisterstück war und den ich als selbst gebacken ausgab, oder an der Tatsache, dass das von Chuck gezimmerte Regal, als ich die Bücher probeweise hineinstellte, krachend in sich zusammenfiel – jedenfalls verbrachten wir einen herrlichen Nachmittag miteinander, der unversehens in den Abend überging und schließlich in die Nacht. Zwei Tage später zog Chuck, der kein eigenes Zimmer hatte, sondern provisorisch in den jeweils gerade leer stehenden Räumen eines Studentenwohnheims schlief, bei mir ein; es begann eine jener seltenen Beziehungen, in der von Anfang an Freundschaft, Verspieltheit und Verliebtsein sich die Waage halten und alles leicht machen: das Reden, die Zärtlichkeit...

*

Der Zeiger des Weckers ist auf fünf vorgerückt. Wie immer, wenn Liz nachts so lange wach liegt und sich zu erinnern versucht, hat sie das Gefühl, allmählich durchsichtig zu werden. Ihr Körper, ihre Haut, besonders die Kopfhaut, werden hauchdünn, gläsern, zerbrechlich, und alles wirkt greller, Farben und Licht, Geräusche und Gerüche – beinahe wie eine schmerzhafte Berührung. Dieser Zustand stellt sich oft bei ihr ein in letzter Zeit. Sie ahnt weshalb. Eine Unruhe, die sie tagsüber verbergen kann, nicht jedoch nachts. Zu viele Fragen, auf die es keine Antwort gibt, zu viele Ungewissheiten. Auch ganz praktische: Ihr Vertrag als Assistentin im English Department der Universität von Blossom läuft mit dem nächsten Studienjahr aus. Wohin wird es sie dann verschlagen? Wird es ihr überhaupt gelingen, ein durchgearbeitetes Manuskript vom Umfang eines Buches vorzulegen, die Grundvoraussetzung zum Abschluss ihres MFA-Studiums.
Moira hat ihnen bei der letzten Seminarsitzung ans Herz gelegt, Bewerbungen um eine Stelle sorgfältigst vorzubereiten. Die erste Ausschreibungsrunde im Oktober ist ohnehin so gut wie aussichtslos ohne mindestens eine größere Publikation. Erst die Februarliste mit befristeten Verträgen und den ungeliebten Feuerwehrstellen wird für sie in Betracht kommen. Die Aussicht, froh sein zu müssen, wenn sich überhaupt das Geringste bietet, macht ihr Angst – ein Leben in einer Wüstenregion oder in einer Gegend mit Sümpfen, in der es kaum etwas gibt außer Moskitos? Fast mehr aber schreckt sie das Gefühl, für einen solchen Schritt innerlich nicht bereit zu sein. Denn jede Anstellung, die sie womöglich erhalten würde, geht an dem vorbei, was sie eigentlich mit ihrem Leben will. Beharrlich, in dieser ihr mittlerweile so beängstigend vertrauten Form des Zwiegesprächs, drängt sich immer wieder eine Stimme zwischen ihre Überlegungen: Und warum nicht einfach wieder zurück nach Europa?
But to do what? – antwortet es augenblicklich mit jener anderen Stimme, die inzwischen die wirklichere, die dominante geworden ist. Ja, was soll sie dort in der alten Welt? Womit ihr Geld verdienen, nach all den Jahren in Amerika? Niemand wird warten auf eine Frau mit einem in Deutschland unbekannten Studienabschluss, dazu bereits über dreißig. Längst sitzen Jüngere fest im Sattel der zu verteilenden Posten.
Und noch eine Stimme mischt sich ein: Deine Großmutter Lina hat ihr Leben lang mit Sehnsucht von ihrer Heimat gesprochen. Sie hätte alles gegeben, zurückkehren zu können. Liz ist versucht den Kopf zu heben, um die Sprecherin zu sehen, so deutlich hört sie diesen Satz aus der Dunkelheit. Wie oft habe ich mir gewünscht, dass sie dich noch hätte sehen können, aber sie starb kurz vor deiner Geburt. Sie hatte so viele Talente. Du erinnerst mich jeden Tag an sie.
Unverkennbar: die Stimme ihrer Mutter Martha. So klar und deutlich, als stünde sie jetzt neben ihr. Als Kind hat Liz diese und andere Sätze von ihr gehört, in der Küche, beim Gemüseputzen oder nach der Schule, wenn sie beim Abwasch half und die Mutter sich schnell einen Kaffee kochte, ihn im Stehen trank aus dem kleinen blauweißen Goldrandtässchen, bevor sie zurückmusste ins Büro: Diese Tasse stammt noch aus Jurmala. Deine Urgroßmutter bekam sie zur Hochzeit geschenkt. Sie ist hundert Jahre alt.
Impulsiv, oft auch ohne sichtbaren Zusammenhang, hatte die Mutter diese Erinnerungen an eine längst vergangene Zeit weitergegeben, Momente aus dem Leben ihrer Mutter Lina und ihrer Großmutter Sophie, die für die Schwestern Martha und Lilli sorgte, während Lina das Geld für alle verdiente.
Meine Mutter Lina wurde in derselben Stunde beerdigt, in der du zur Welt kamst. Du kamst zu früh, wegen all der Aufregung. Ich sah es mit einem weinenden und einem lachenden Auge damals, das kannst du dir vielleicht vorstellen!
Immer nur Bruchstücke, Fragmente von Erinnerungen, die die Mutter beiläufig zwischen Küchenhandgriffen und Ermahnungen zur Sprache brachte. Wort für Wort kann Liz wieder heraufbeschwören, ein Satz zieht schon die nächsten Sätze mit sich. Offenbar haben sie sich in ihr abgelagert wie feiner Sand, der mit der Zeit auf den Meeresboden sinkt und dort in der Tiefe Sedimente bildet. Seit kurzem steigen Wörter wieder empor, Echo einer Vergangenheit, die sonst verloren wäre. Die eigentliche Geschichte hat ihre Mutter nie erzählt.

Liz ist nicht die Erste in ihrer Familie, die so weit fortgezogen ist. Auch Lina und Sophie waren von zu Hause ausgewandert, von Russland nach Amerika, später wieder zurück nach Europa, nach Deutschland. Beide Frauen hatten alle Brücken hinter sich abgebrochen, in einer neuen Sprache zu leben begonnen.
Liz’ Mutter aber hat die kleine graue Stadt an der Küste, in der sie geboren wurde und wo auch Liz zur Welt kam, nie verlassen. Sie blieb ihr Leben lang am selben Ort, in denselben Straßen am Wasser, zwischen Kurhaus und Hafen; würde man einen Zirkel einstechen und einen Kreis ziehen, so käme der Durchmesser ihrer Welt zwischen Geburt, Leben und irgendwann ihrem Tod auf zwei bis drei Kilometer, genau wie auch der ihrer Schwester Lilli.
Tante Lilli, deren Tochter so ganz anders ist, betonte oft: »Bis auf ihre hübsche kleine Zahnlücke ist Elisabeth ihrer Großmutter Lina wie aus dem Gesicht geschnitten. Deine Tochter, liebe Martha, hat die gleiche Statur, dasselbe Naturell wie unsere Mutter, ja, man möchte meinen, sie sei geradezu ihre Doppelgängerin im ganzen Wesen, findest du nicht?« Beschwörend erwiderte Liz’ Mutter daraufhin, nie ohne einen erschrockenen Ausdruck im Gesicht: »Das stimmt, aber es wird sich mit der Zeit ganz sicher verlieren.« Hatte es nicht jedes Mal geklungen, als ginge es um einen körperlichen Makel?
Oft hat Liz das Gefühl gehabt, es müsse eine unsichtbare Verbindung geben zwischen ihr und Lina; so vieles in einer Familie wird verdeckt weitergegeben, von der ersten an die dritte Generation vererbt, die mittlere überspringend. Der halbe Chromosomensatz von Großmutter und Großvater gelangt nach der Meiose jeweils direkt weiter an den Enkel.
Wenn Liz bei ihrem zweiten Namen, Lina, gerufen wurde, von ihrer Tante meist oder auch von ihrem Vater, wenn er besonders nachdrücklich sein wollte, hatte sie das Gefühl, jene andere, die bei ihrer Geburt gestorben war, zu jung, um wirklich ihre Großmutter zu werden, sei zugleich mit gerufen. Liz gewöhnte sich mit der Zeit an die unsichtbare Anwesenheit dieser Frau wie an einen Schatten. Gerade in den letzten Wochen scheint er deutlicher zu werden. Ihrer Mutter gegenüber hat sie das nicht erwähnt. Auch hat sie ihr so gut wie nichts erzählt über ihr Leben hier. Sie spürt, die Mutter will davon nichts wissen. Ihre Mutter war von Anfang an gegen ihr Fortgehen. Vielleicht, vermutet Liz, aus einem ganz besonderen Grund. Einem Grund, der in der Vergangenheit liegt.

Seit ein paar Minuten steigert sich das Sirren der Zikaden draußen wie ein bedrohlicher, auf einen Höhepunkt zustrebender Trommelwirbel. So – ohrenbetäubend laut – kündigen die Insekten den Widerschein des ersten Lichts am Himmel an, noch bevor man es sehen kann, und im nächsten Moment, in einer für den Nordeuropäer ungewohnt kurzen Zeit, den dämmernden Übergang zwischen Nacht und Tag aussparend, kippt die Sonne ihr glühendes Rot in die Welt. Eine Welt, die hier aus einer Ansammlung von mehr oder minder gut gepflegten, einstöckigen Holz- und Aluminiumhäusern auf kurzgeschorenen Rasenflächen entlang der schlecht asphaltierten First Street besteht.
Liz schwingt ihre langen Beine aus dem Bett und huscht über den warmen Holzfußboden ans Küchenfenster zur Nordseite ihres kleinen Hauses, wo das Thermometer hängt. Aufgeschreckt schwirren zwei Kolibris vom Zuckerwasserspender fort, als sie ihren Kopf nähert, um die Skala abzulesen: zweiundachtzig Grad Fahrenheit bereits. Minus 32, mal fünf durch neun, rechnet sie automatisch. Achtundzwanzig Grad Celsius – und das bei Sonnenaufgang. Also wieder ein Dog day, einer von diesen Tagen, an denen man keinem Hund zumuten mag, vor die Tür zu gehen.
Mit noch unkoordinierten Bewegungen reißt sie ein Streichholz an, wartet, bis die blaue Gasflamme aufspringt, sieht ihre eigene Hand wie die einer anderen den gefüllten Teekessel auf das schwarze Metallviereck des Herds stellen. Als sie unter der Dusche steht und das warme Wasser ihr in Strömen übers Gesicht läuft, hört sie klar und deutlich eine weitere, ebenso vertraute Stimme, eine Stimme, die bis vor gar nicht langer Zeit zu ihrem Alltag hier gehört hat – die Stimme ihres Ex-Mannes. Sie weiß, dass es Einbildung ist. Und doch sieht sie ihn jetzt wie in einer Halluzination in natürlicher Größe: Hutson, nackt vor dem Spiegel stehend, wie er sein Gesicht mit Rasierschaum einseift bis es aussieht wie eine Maske aus der Commedia dell’Arte, die weiße Masse sorgfältig mit dem Messer abzieht, dazwischen Verse aus seinem Lieblingswerk deklamiert, Miltons Paradise Lost, von dem auch sie mittlerweile große Teile auswendig hersagen kann. Damn it!, presst sie zwischen den Lippen hervor, und drückt mit Gewalt das Shampoo aus der Plastikflasche direkt auf ihre langen Haare, im nächsten Moment verschwindet sie unter weißem Schaum. Schon wieder einer dieser unseligen Tage, an denen ihr nacheinander all ihre Männerkatastrophen zu Bewusstsein kommen! Doch es hilft nichts. Die Stimmen kommen von innen und sie sind gnadenlos. Seitdem sie alleine lebt, besonders in letzter Zeit, kommen sie zu oft.

*

HUTSON CAMPBELL JUNIOR, mein Ex-Gatte: Drei Jahre lang hielten wir es miteinander aus. Eine anstrengende Zeit, ein einziger, in schneller Abfolge sich vollziehender Rausch aus Liebesbeweisen und heftigsten Streitereien, sich in den Armen Liegen und nächtlichem Davonlaufen, herzzerreißenden Trennungs- und ebenbürtigen Versöhnungsszenen. Als ob wir es darauf angelegt hatten, immer schmerzlichere Distanzen zwischen uns zu schaffen, um anschließend die versöhnliche körperliche Nähe nur umso heftiger spüren zu können. Immer extremer schlug die Nadel auf dem Kompass unseres Lebensschiffs aus – und irgendwann lief es auf Grund. Ein knappes Jahr nach unserem Umzug nach Virginia, wohin wir ausschließlich wegen seiner beruflichen Perspektiven gingen – Hutson sollte dort für eine Versicherungsgesellschaft arbeiten –, kam es zu dem Moment, vor dem wir uns beide gefürchtet hatten: ein Streit, schlimmer als alle zuvor. Er trat am Ende die verschlossene Schlafzimmertür ein, hinter der ich mich verschanzt hatte, und ich drohte damit, seinen arglosen, aber sehr vermögenden Eltern die Wahrheit über ihren Sohn zu erzählen: seinen verschwenderischen Drogenkonsum und seine daraus entstandenen Kontakte ins kriminelle Milieu. Die Eltern hätten ihn, ganz ohne Frage, sofort enterbt.
Die Tage, die folgten, waren wie das verbissene Taktieren in einem Stellungskrieg, in dem jede Möglichkeit eines Waffenstillstands, zu dem wir doch sonst immer wieder zurückfinden wollten, mutwillig von uns zerstört wurde. Es war vorbei. Wir gingen uns aus dem Weg, überließen uns wortlos die Klinke, wichen zurück, wenn der eine zur Haustür hereinkam und der andere gerade wieder ging. Zum ersten Mal, seitdem wir uns kannten, schliefen wir getrennt voneinander. Ich auf dem Sofa im Wohnzimmer, Hutson verbarrikadierte sich im Schlafzimmer. Eine gute Woche dauerte dieser Zustand, und dann geschah, was über kurz oder lang vielleicht ohnehin geschehen wäre: Beide blieben wir in einer – und das merkwürdig Bittere daran war: in derselben – Nacht von zu Hause fort. Es entbehrte nicht einer gewissen Komik, als wir am nächsten Vormittag, einem Samstag, beide mit schlechtem Gewissen und doch irgendwie erleichtert das Haus betraten, beinahe gleichzeitig, und – weicher gestimmt durch das Abenteuer mit einem anderen Menschen – den Betrug, den wir gerade gegenseitig vollzogen hatten, halb genießend, halb bedauernd. Wenig später lagen wir uns weinend in den Armen, fanden an diesem Tag nicht mehr aus dem Bett, als hätten wir von unserer nach Berührungen anscheinend ausgehungerten Haut nicht jeden Fleck genau gekannt, und wussten, dass wir im Begriff waren, nochmals einen Betrug zu vollziehen, vielleicht den größeren: Es noch einmal versuchen zu wollen miteinander. Später musste ich mir von mir selbst die Frage gefallen lassen, ob die Beziehung zwischen Hutson und mir letztlich nicht doch nur auf sexueller Anziehung beruht hatte. Damals, an jenem Samstag jedenfalls, als wir so leidenschaftlich miteinander schliefen, wussten wir im Grunde genommen beide: Der Bruch war besiegelt.

*

In der Küche pfeift der Teekessel schrill. Ohne sich abzutrocknen rennt Liz hin, Wasserpfützen auf dem Boden hinterlassend. Als sie das Gas abdreht, klingt die Kesselpfeife wie ein Schiffssignal. Sie nimmt die alte Metalldose, die ihre Mutter ihr geschenkt hat – ein Erbstück ihrer Großmutter Lina –, schüttet Kaffeebohnen in die weiße Melitta-Mühle und presst den Knopf, bis das Surren des Motors sich höher schraubt, die Maschine in der Hand vibriert. Schließlich der Duft des Kaffeemehls im Filter, als sie heißes Wasser darüber gießt. Sie trocknet sich ab, geht zum Schrank im Schlafzimmer. Der Spiegel wirft ihr Bild zurück: unvollständig – entweder fehlen die Füße oder der Kopf; ihre Haut von der ersten Sonne so gebräunt, dass die Ränder ihrer Shorts und ihres T-Shirts sich weiß abheben. Einen Augenblick überlegt sie, was sie anziehen soll, dann schlüpft sie in ihr weinrotes italienisches Sommerkleid.

Wenig später geht sie mit der großen Tasse aus Le Havre, einem Geschenk Hutsons, der es seinerseits von seiner ersten Frau bekam, über den tauglitzernden Rasen und lässt sich auf dem einen der beiden alten Holzklappstühle nieder, die bereits vor ihrem Einzug hier gestanden haben. Entspannt sitzend, die Beine übereinandergeschlagen, erblickt sie ihr Spiegelbild im schwarzen heißen Kaffee und fragt sich laut, wie um auszuprobieren, ob ihre eigene Stimme überhaupt noch zu hören ist: »Was also, meine liebe Elisabeth, hast du heute vor?«
Dieser Tonfall erinnert sie an den der Mutter. Und während sie vor sich hin murmelt, etwas von Zensuren für ihre Studenten, die in ihre Sprechstunde heute kommen, und von Lyndas und LaWandas Texten, die sie noch für Moiras Workshop zu lesen und zu kommentieren hat, nimmt sie plötzlich das unwiederbringlich Köstliche dieses Morgens wahr, sein noch rötlich frühes Licht und den funkelnden Tau auf den Blüten der Schwertlilien. Und schon ist alles andere vergessen. Sie läuft, um Papier und Stift zu holen, im Ohr die Worte Allem Anfang wohnt ein Zauber inne, weiß sie doch: Der Augenblick des Anfangens ist der fragilste im ganzen Prozess des Schaffens und enthält zugleich die größte Magie. Der Anfang nicht nur eines Textes, sondern auch der mühsamen Arbeit des Schreibens selbst, jeden Tag aufs Neue. Höchste Wahrnehmungsbereitschaft, höchste Konzentration und größte Empfindlichkeit müssen sich verbinden, damit aus dem Empfinden der Prozess des Gestaltens hervorgehen kann, ein schwerelos schwebender Übergang, nicht greifbarer als die Veränderung des Lichts auf einem vor kurzem erblühten Kirschbaum in der Nacht in jenem Augenblick, in dem der Mond hinter einer ziehenden Wolke hervorkommt und dem schattigen Weiß der zarten durchscheinenden Blütenblätter eine geheimnisvolle eigene Leuchtkraft gibt.
Nur in solch flüchtigen Momenten gelingt es ihr, den Ansatz zum Schreiben zu finden, nur in solchen Bruchteilen von Sekunden spürt sie den großen Zusammenhang allen Seins: ein Augenblick größter Lebensintensität. Wer sie in einem solchen Moment stört, den kann sie anfallen wie eine wütende Hornisse. Hutson hat diese Seite an ihr früh zu spüren bekommen, auch wenn sie damals noch nicht auf einen MFA hinarbeitete, sondern Erzählungen und Porträts zu ihrem eigenen Vergnügen verfasste. Im Laufe der Zeit gewöhnte er sich an, bereits morgens, beim Aufwachen, zu fragen: Is it Mrs. Jekyll today or Mrs. Hyde? Unbewusst, wie der Wünschelrutengänger den Verlauf eines unterirdischen Flusses, spürte er Liz’ allmählichen Rückzug aus ihm ganz selbstverständlich erscheinenden Strukturen des Lebens.
Liz weiß um ihre Verfassung beim Schreiben: für das Normale verloren zu sein in jenen Momenten der Inspiration. Sie weiß, dass der immer wieder neue Verwandlungsprozess des Bewusstseins der Trance eines Somnambulen vergleichbar ist. Wie dieser auf einem schmalen Dachfirst über den Häusern einer Stadt balanciert, folgt auch sie als Schreibende ohne Netz und doppelten Boden einem schmalen imaginierten Grat in Höhe der Wolken, sich ganz einer schwebenden Leichtigkeit überlassend, die – ähnlich wie beim Schlafwandler – ausgelöst sein mag durch ein bestimmtes Licht, ein Wort, eine Stimme oder einen Geruch, vor allem aber durch die Art zu leben, oder vielmehr: sich dem Leben zu entziehen. Solange keine Störungen auftreten in diesem Zustand äußerster Gereiztheit der Sinne, schreitet der Somnambule mit traumwandlerischer Sicherheit die einzig mögliche, wunderbar feine Linie entlang. Weckt man ihn aber auf, stürzt er ab.
Jetzt, in diesem Augenblick, hat sie das Gefühl, etwas festhalten zu können von dem flüchtigen Wesen dieses Ortes, dieses Lebensausschnitts, seine ungreifbare Substanz so einfangen zu können, dass er über sich selbst hinausweist und eine symbolische Bedeutung annimmt.
Als sie zu schreiben beginnen will, fällt ihr Blick auf den leeren Stuhl. Sie muss an Moira denken. Die von ihnen allen verehrte Professorin hat ihnen zu Beginn des Semesters eine ihrer legendären Schreibaufgaben gestellt und ihnen berühmte Beispiele gegeben. Sie sprach vom Meer; nicht einfach von einem bestimmten, sondern von dem über allen Meeren stehenden, wie es die Dichter seit der Odyssee beschreiben. Ob weindunkel, rotzgrün oder unsichtbar weiß, so sagte Moira, muss es, wenn es in der Dichtung erscheint, doch immer noch etwas anderes sein als das bloße Meer. Was voraussetzt, dass man sich intensiv – innig, übersetzte Liz für sich – mit dem Gegenstand befasst, ihn genau kennen lernt, um ihn dann wieder in einem anderen, neuen Licht wahrzunehmen.
Gerade heute – vielleicht ihrer Müdigkeit geschuldet – fällt Liz dieser Blick zu, der jedes Detail mit einem Spannungspotential auflädt und allem eine höhere Bedeutung unterlegt. Eben dieser Gartenstuhl neben ihr, auf dem sie jeden Morgen ihre von Hutsons Ex-Frau ererbte Tasse mit dem dampfenden Kaffee abstellt, der Stuhl, dessen Holz mit der Zeit verwittert ist und der seit Jahren unter diesen Bäumen steht, von irgendeinem Vormieter einst hier vergessen, scheint ihr heute im noch jungfräulichen Licht der Morgensonne diese neue Präsenz zu bekommen – eine Erinnerung, eine Mahnung fast, an die mögliche Existenz einer anderen, nur schemenhaft vorhandenen Person.
Ist es der zitternde Schatten des Laubes auf dem Rasen, der flirrende Übergang von dunklem zu hellem Grün, der andere Dinge heraufbeschwört, Erinnerungen an Augenblicke, die längst außerhalb der Zeit liegen? Die Morgensonne im Zimmer von Tante Mariechen, im oberen Stockwerk ihres Hauses neben dem Schlafzimmer der Eltern, mit den rotweiß gestreiften Tapeten noch immer das Kinderzimmer genannt, das nach Lavendel duftete, der zwischen den selbst genähten Aussteuerstücken der Tante in dem einfachen Holzschrank lag. Ihre Handtücher, Servietten und Kopfkissenbezüge, jeweils ein halbes Dutzend mit ihrem Monogramm bestickt und von einem mit rotem Kreuzstich geschmückten Bändchen zusammengehalten, jahrzehntelang, bis zu ihrem Tod.
Schon ist das zarte Gespinst aus Wahrnehmungsbereitschaft und Poesie wieder zerrissen. Es ist eigentlich genau in dem Augenblick geschehen, als sie nur das Wort Professorin gedacht hat. Sofort tauchten Moiras blauschwarze lange Haare auf, ihr zu jeder Jahreszeit bleiches und fast immer abwesend wirkendes Gesicht, das wie ein Tagesmond über den Campus, durch die dunklen Korridore der Ballantine Hall geistert und alle, ob ihre Kollegen oder Studenten, auf bewundernd respektvolle Distanz hält. Ein Bild, das die Stimmung, in der Liz ihr Schreibzeug holen ging, zerstört. Moira – die sich dafür aussprach, Liz für ihr Manuskript ein Stipendium in Form eines dreijährigen Lehrvertrags für Englisch zu geben, obwohl Liz kein Native speaker war. Für eine Geschichte aus Amerika, deren deutsche Originalversion Liz daraufhin stolz an ihre Familie nach Deutschland schickte, und auf die man dort nur verunsichert und betreten reagierte.

Rezension I Buchbestellung II04 LYRIKwelt © FVA