Alles kein Zufall von Elke Heidenreich, 2016, HanserElke Heidenreich

Friss Vogel
(Leseprobe aus: Alles kein Zufall, Erzählungen, 2016, Hanser).

Die Urgroßmutter sah streng über ihre Brille und sagte: Friss, Vogel, oder stirb! In der Erinnerung an sie gibt es nur diesen einen Satz. Diesen Satz und ein dickes, sepiafarbenes Pappfoto, das sie als alte Frau zeigt, mit straffem, weißem Haar und kleinen, harten Augen. Sie sah aus wie ein General, der Widerspruch nicht duldet. Nur drei ihrer acht Kinder blieben am Leben: Lina, Moritz und Albert, mein Großvater.

Friss, Vogel, oder stirb! Um Zartes, Krankes konnte sich die Urgroßmutter nicht kümmern. Die Arbeit auf dem Feld war schwer, der Mann, ein jähzorniger Westerwälder Bauer, war früh gestorben an einer Blutvergiftung: Im Zorn hatte er sich einen Zeh abgehackt, als der neue Sonntagsschuh zum Kirchgang nicht passen wollte. Zwölf Jahre alt war Albert, der Älteste, und musste mithelfen, die Familie zu ernähren. Man war arm, es gab oft Schläge von der Mutter, Zärtlichkeit und Liebe kannte er nicht, und die konnte er auch selber nicht geben, als er später als Schweißer zu Krupp nach Essen ging. Er heiratete Gertrud, eine schmale, gottesfürchtige Frau, meine Großmutter, die heimlich Gedichte schrieb und die er schlug, wenn er dahinterkam. Sie schrieb mit zierlicher Schrift in ein Poesiealbum, und Albert grölte die Verse durch die dunkle, kleine Wohnung, denn wenn er getrunken hatte, konnte er singen:

Die zarteste, zugleich die reinste Blüthe,
die Leben spendend aus dem Herzen schwillt,
das ist die wahre, echte Herzensgüthe,
die alles um sich mit Behagen füllt.

Gleich einem Feuer, das an kalten Tagen
belebend Wärme giebt und Funken sprüht,
weiß Güthe stets mit zartem Wort zu sagen,
was wohlthut selbst dem wundesten Gemüth
.

Sechs Kinder wurden Albert und Gertrud geboren, sechs Kinder, in dieser Enge und Armut. Eines starb mit ein paar Wochen, es war kränklich, wollte die Augen nicht recht öffnen, hatte der Vater es im Schlaf erdrückt – versehentlich? Zur Beerdigung ging er nicht, und er war still und trank ein ganzes Jahr keinen Tropfen. Den ersten Rausch hatte er erst genau ein Jahr nach diesem Todestag, und in der Nacht muss Paula gezeugt worden sein, meine Mutter.

Großmutter Gertrud verwahrte bis zu ihrem Tod eine vergilbte Zeitungsseite aus dem Essener Kirchenblatt, Nr. 44, 1913: »Das Kind in der Totenklage. Eine Allerseelenbetrachtung.«

Wie stirbt es schön sich in der Kindheit Tagen,
die Knospe welkt, bevor sie sich erschlossen,
es stockt das Herz, noch eh es recht geschlagen,
und nichts verliert es, das noch nichts genossen.
Zum Himmel kehrt die reine Seele wieder,
kein finstrer Tod macht sie beim Scheiden beben,
es beugt ein Engel sich zum Kinde nieder,
und von den Lippen küsst er ihm das Leben.

»Behüt dich Gott!« steht in blassblauer Tinte auf dem brüchiggelben Papier, in Gertruds schmaler Schrift.

Im Kriegsjahr 1914 tat Albert ein Gelübde: Wenn er nicht in den Krieg müsse, werde er mit dem Saufen aufhören. Er musste nicht, Krupp brauchte Männer wie ihn zur Kanonenproduktion. Albert hielt sein Gelübde: Er trank fünf Jahre lang nicht, sang aber auch nicht.

Die Söhne von Albert und Gertrud kamen zu Krupp, die drei Mädchen – Sophie, Hedwig und Paula – lernten nähen: Paula nähte Wäsche, Sophie war Schneiderin bei feinen Herrschaften, Hedwig machte Hüte. Hedwig und Paula hingen stark aneinander, aber Hedwig starb sehr jung an der Schwindsucht, sie war gerade verlobt mit einem Friseur, der nach ihrem Tod Paula nachstellte. Hedwig vererbte Paula ihre Zither, aber die warf sie weg, weil sie sie nicht spielen konnte und weil sie immer alle Erinnerungen wegwarf, ihr Leben lang. Paula warf die Briefe ihres ersten Geliebten weg, der im KZ starb, sie warf die Briefe ihres Mannes weg wie nach der Trennung den Ehering, sie warf fast alles weg, was ihre Tochter ihr bastelte, schrieb, malte. Keine Erinnerungen. Nie ein Blick zurück, vorwärts wird geritten, sagte sie, mit zusammengebissenen Zähnen. Alles, was man nicht brauchte, wurde weggeworfen, Erinnerungen brauchte man nicht. Als die Tochter, dreizehnjährig, aus einem Ferienheim zurückkehrte, fand sie kein Spielzeug mehr – ihre Kinderbücher, Fritz, der Bär, Puppe Bärbel – nichts mehr da. »Du bist zu alt dafür, und für Sperenzchen haben wir keinen Platz«, sagte die Mutter.

Ihre Tochter wurde eine, die alles hortete – Fotos, Bilder, Briefe, Andenken, Erinnerungen, alles wurde in Kisten und Kästen verwahrt, und als sie alt war, versank sie in ihnen, murmelte und las und kramte und schaute.

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