Alte Liebe von Elke Heidenreich und Bernd Schroeder, Hanser-Verlag, 2009Elke Heidenreich

LORE
(Leseprobe aus: Alte Liebe, Roman, 2009, Hanser - gemeinsam mit Bernd Schroeder).

Das gibt wieder endlose Diskussionen. Und am Ende werden wir doch hinfahren. Aber zuerst muss ich mir die ganze Litanei anhören, immer und immer –

Damit will ich nichts zu tun haben, Das interessiert mich nicht mehr, Natürlich ist sie meine Tochter, aber ihr Privatleben geht mir allmählich am Arsch vorbei, Auf welcher Müllkippe hat sie diesen Kerl nun wieder gefunden …

Ich hör es schon. Ich würde ihm am liebsten sagen: Harry, halt jetzt einfach den Mund, sag jetzt einfach gar nichts, nimm den Brief hin, lass uns zu dieser idiotischen Hochzeit fahren, ja, es ist eine idiotische Hochzeit, ja, du hast recht, aber es ist nun mal unsere Tochter und ich finde es völlig müßig, alles jetzt noch mal von vorn durchzukauen.

Was für ein Theater aber auch mit diesem Kind. Ich ärgere mich über Harrys Kommentare, die ich schon jetzt höre, als hätte er sie bereits losgelassen, ich kenn doch meinen Harry. Aber er hat recht, verdammt noch mal, er hat recht. Glorias Leben ist eine einzige Katastrophe. Sechsunddreißig Jahre, der dritte Mann, eine entsetzliche Ehe nach der anderen. Und dieser Mann ist auch falsch, ich fühle das. Eine Mutter fühlt so was. Das geht auch schief. Was haben wir bloß falsch gemacht mit diesem Kind. Sie war so ein süßes kleines Mädchen, blonde Locken, diese Sternenaugen, wie schön sie Klavier gespielt hat. Wir haben sie nie zu irgendwas gezwungen. Als sie die Schule abbrechen wollte, haben wir sie gelassen, als sie nach Indien wollte, haben wir sie gelassen, wir haben sie immer gelassen, vielleicht war das falsch. Sie wollte nicht so leben wie wir. Das wollen Kinder ja nie. Aber mein Gott, wie leben wir denn, ist das denn so schlecht? Immerhin hat unsere Ehe alle Stürme überdauert, eine 68er Ehe, das muss man erst mal bringen. Und Gloria – schon der dritte Ehemann. Die vielen überflüssigen Affären gar nicht mitgezählt. Ich weiß nicht, was ich Harry sagen soll. Ich sage erst mal gar nichts. Ich lass ihn den Brief lesen. Da muss er jetzt durch.

Und ich auch.

*

»Hast du gelesen?«

»Ja, natürlich.«

»Dann sag was.«

»Lore, was soll ich da denn sagen? Du weißt alles, was ich dazu sagen könnte.«

»Sie ist unsere Tochter, Harry.«

»Natürlich ist sie unsere Tochter. Sie bleibt auch immer unsere Tochter. Aber du weißt genau, dass mir ihr desaströses Privatleben allmählich am Arsch vorbeigeht.«

»Ich wusste, dass du das sagen würdest.«

»Warum fragst du dann.«

»Wir fahren also nicht?«

»Du kannst gern fahren, keiner hindert dich. Aber ich habe keine Lust, schon wieder einen dieser Kerle kennenzulernen, die sie auf irgendwelchen Müllkippen findet.«

»Sie ist Mitte dreißig. Vielleicht ist es …«

»Sie ist bald Ende dreißig und es ist dieselbe Scheiße wie immer. Warum muss sie eigentlich jedes Mal heiraten? Wie spießig ist das eigentlich?«

»Wir haben auch geheiratet.«

»Ja. Einmal. Damals. Aus Liebe.«

»Liebe.«

»Ach, jetzt war es nicht mal mehr Liebe?«

»Darüber diskutier ich mit dir nach vierzig Jahren nun wirklich nicht mehr.«

»Wie gesagt, du kannst gerne fahren, ich guck mir diesen Basedow nicht an.«

»Bredow.«

»Bredow, Basedow, Ossi, oder?«

»Kann sein. Ich weiß es nicht, Harry, er hat viel Geld, schreibt

sie. Sie wäre endlich – na ja, versorgt.«

»Ich hör wohl nicht richtig. Muss sie versorgt werden? Die hat doch eine Ausbildung!«

»Sie hat drei Ausbildungen, sie hat nichts abgeschlossen, sie hat das Kind, sie hat immer gearbeitet, aber du weißt doch selbst, dass das alles nicht rosig war. Nicht rosig ist. Warum soll nicht mal ein reicher …«

»Besser als dieser Schluffi.«

»Schluffmann. Das ist nun zwanzig Jahre her, Harry, sie war siebzehn, mein Gott.

»Indien. Schluffi-Hochzeit in Indien. Ich sag am besten gar nichts mehr.«

»Ja, dann lass es doch. Ich fahr jedenfalls hin.«

»Wann soll das sein?«

»Im Herbst.«

»In Leipzig?«

»In Leipzig.«

»Ossi. Was macht der Kerl, außer Geld haben?«

»Das schreibt sie nicht.«

»Das schreibt sie nicht. Aha. Da stimmt doch wieder was nicht.«

»Harry, du machst mich wahnsinnig. Setz dich hin. Lass uns vernünftig reden.«

»Ich rede nicht unvernünftig. Nicht dass ich wüsste. Sie schreibt nichts von Laura.«

»Doch, dass Laura sich gut mit Frank versteht.«

»Frank?«

»Bredow.«

»Frank Basedow.«

»Bredow.«

»Herrgottnochmal, ich weiß es nicht. Ich weiß nicht, was ich tun soll, sie ist meine Tochter, ja. Es ist unser Enkelkind, ja. Aber ich kann das nicht mehr ernst nehmen. Nichts mehr. Verstehst du das nicht?«

»Lore, ob du das nicht verstehst?«

»Ja. Doch.«

»Na also.«

Rezension I Buchbestellung IV09 LYRIKwelt © Hanser-Verlag