Der Welt den Rücken von Elke Heidenreich, Hanser-Verlag, 2001Elke Heidenreich

Der Welt den Rücken
(Leseprobe aus: Der Welt den Rücken, Roman, 2001, Hanser)

Am 30. Juni 1999 spielte Boris Becker zum letzten Mal in Wimbledon. Er verlor, und dann sagte er: "Es war Zeit zu gehen" und "Es ist gut, daß es vorbei ist".
Wir hatten mit diesem Tag gerechnet und waren doch verstört und fassungslos, als er kam. Nie wieder unser Boris! Die meisten von uns interessierten sich überhaupt nicht für Sport, schon gar nicht für Tennis. "Fünfundfünfzig Millionen Tote im Zweiten Weltkrieg", sagte Wenzel immer, "und ich soll mich dafür interessieren, wer Dritter auf der Tennisweltrangliste ist? Leckt mich doch."
Wir ließen eigentlich nur Fußball als Sport des Volkes gelten, und die Fußball-WM wurde in unserer Stammkneipe immer komplett übertragen und mit horrenden Wetten begleitet. Aber Boris Becker, dieser rothaarige Junge mit den hellen Augen und den hellen Wimpern, der irgendwann plötzlich im Tennis aufgetaucht war, ein pummeliges Kerlchen, linkisch und scheinbar nicht besonders helle und auch nicht das klassische Reiche-Leute-Tenniskind in weißen Söckchen, dieser Boris Becker hatte uns im Laufe der Jahre alle fasziniert. Wir waren dabei gewesen, als er ein Sieger, ein Mann wurde, attraktiv, selbstbewußt, elegant und souverän. Wir haben triumphiert, als ausgerechnet er, der Blondeste der Teutonen, eine farbige Frau heiratete. Wir liebten seinen Jubel, und wir litten mit ihm, wenn er den Schläger verzweifelt auf den Rasen schmiß und "Scheiße!" schrie, und weil er ins Internet ging, gingen wir auch rein. Es brach uns fast das Herz, daß wir ihn nun nie wieder sehen würden, zumindest nie wieder in kurzen Hosen, rennend und mit vor Wut oder Freude geballten Fäusten, denn: "Im nächsten Jahr bin ich wieder da, aber dann mit Anzug und Krawatte" - das hatte er auch noch gesagt. Und jetzt trat er ab, weil er wußte, daß es Zeit war, und wir, alt geworden mit ihm, noch älter, saßen noch immer da, wo wir immer gesessen hatten. Wir hatten ihn damals unter uns aufgenommen, hatten gemeinsame Jahre mit ihm verbracht, und nun ging er einfach weiter und ließ uns zurück. Wir fühlten uns, wie Eltern sich fühlen, wenn die Kinder endgültig das Haus verlassen und unsichtbar an die Tür schreiben: "Jetzt seid ihr alt."
Es war ein schwüler, langweiliger, bleierner Tag. Ein Donnerstag. In der Luft lag ein Gewitter. Ich radelte mit ein paar Blumen aus dem Garten zum Grab meiner Mutter, warf die alten Blumen weg, stellte die frischen hin und bat sie um Entschuldigung, mal wieder, für alles. Sie antwortete nicht, wie immer, dabei hätte es noch so vieles zu bereden gegeben. Aber wir hatten es verpaßt, und nun lag sie zu Asche verbrannt in ihrer schwarzen Urne Terra nera für
685 Mark unter den weißen Rosen, dem Lavendel, den Hornveilchen, die wir ihr gepflanzt hatten, und schwieg. Ich wußte, daß sie Boris Becker an diesem letzten Tag bestimmt gern noch zugesehen hätte, sie mochte ihn auch und kaufte alle Zeitungen, in denen etwas über ihn stand. Und sie hätte sich in diesen Tagen aufgeregt über das Todesurteil für Öcalan, denn auch der hatte ihr gefallen. "Halunke", sagte sie, "aber recht hat er doch, die Kurden werden seit Jahrhunderten verraten, von allen, am meisten von den Türken. Was sagst du dazu?" Ich sagte, daß ich da nicht so richtig durchblickte, und sie seufzte, wie so oft: "Für was haben wir dich studieren lassen."
Sie war so wach und aufmerksam und kritisch gewesen, bis zuletzt, bis zum ersten Schlaganfall, der ihr das halbe Hirn lahmlegte, ehe der zweite dann eine hilflose Greisin aus ihr machte, von einem Tag auf den anderen. Das war noch nicht lange her, ich hatte es noch nicht begriffen, hatte mich noch nicht von dem Schreck erholt, wie schwer Sterben war, wie schwer, dabei zuzusehen, und eigentlich betrank ich mich jeden Abend, um halbwegs durch die Nacht zu kommen. Die Zeit heilt nicht alle Wunden. Die Zeit ist die Wunde.
Auch an diesem Abend radelte ich in unsere Stammkneipe, über deren Eingang in grüner Neonschrift leuchtete: "Schafft alles ab!" und neben der Tür stand rechts an der Wand ein altes, aufgesprühtes Graffito: "Kamf dem Faschismus!" Das p hatte der Sprayer vergessen, aber was ist schließlich ein bißchen Rechtschreibung gegen die richtige Gesinnung. Darunter konnte man, mit Kreide geschrieben und fast schon abgewaschen, gerade noch ein rührendes "Bildet Banden!" lesen.
Innen saßen sie und redeten über Boris.
"Es war Zeit zu gehen", sagte Wenzel zornig, "so ein Unsinn, es wäre Zeit zu bleiben in diesen Tagen durchgeknallter Teenager, Bobbele, wir brauchen einen wie dich! Fritz, bring noch eine Runde."
Fritz brachte noch eine Runde, schlecht gelaunt, denn er hatte Krach mit seiner Frau, die erst seine Frau war, seit sie sich getrennt hatten. Zehn Jahre waren sie zusammengewesen, hatten diese Kneipe zu dem gemacht, was sie uns allen heute war, hatten ihre Tochter Ramona mit unser aller Hilfe großgezogen, und dann: Schluß, aus, von einem Tag auf den andern, sie hatte ihn rausgeworfen an dem Tag, als ihr Kater vor der Haustür überfahren wurde. Hella hatte den Kater weinend im Hinterhof begraben, und dabei war ihr wohl klargeworden, wie sehr sie diesen Kater und wie wenig sie Fritz noch liebte, und deshalb mußte Fritz gehen, und vielleicht hatte sie ja auch geschrien: "Es ist Zeit zu gehen, Fritz!"
Jedenfalls hatte er sich eine Wohnung gesucht, und kurz danach hatten sie dann völlig zerstritten geheiratet. Hella hatte darauf bestanden, damit das Kind endlich in ordentlichen Verhältnissen lebte und damit Fritz ja nicht auf die Idee käme, nicht zu zahlen, und überhaupt, einmal im Leben wollte sie auch heiraten, warum also nicht jetzt, wo alles vorbei war?
Wir waren alle zu dieser Hochzeit gegangen, noch in den grauenhaften orange- und pinkfarbenen ausgestellten Hosen und Lammfellmänteln mit Stickerei, den indischen Wallekleidern, diesen Zottelklamotten der siebziger Jahre, mit denen wir direkt vom Friedhof kamen, wo Ludger für seinen ersten Fernsehfilm eine Beerdigung drehte und wir in diesen Kleidern als Statisten antanzen mußten, ohne Geld, versteht sich. Ludger spendierte dafür später bei Fritz ein paar Runden. In dem Film wurde ein Späthippie beerdigt, und wir mimten die Freunde, die ihm die letzte Ehre erwiesen. Alle waren wir da - Wenzel und Huberti, das linkeste aller linken Kabarettduos, Karl, der mit seiner Plattenfirma Millionär geworden, aber Trotzkist geblieben war, Schmittchen, der Friseur, der uns auch schon mal in der Küche der Kneipe nach Feierabend die Haare schnitt, Jupp und Danilo, die sich zusammen eine Schreinerei aufgebaut hatten und avantgardistische Möbel entwarfen, die kein Mensch kaufen wollte. Die schöne Janni war da, die schon in allen Betten gelegen, immer ewige Liebe geschworen und sich zwei Tage später neu verliebt hatte, Tayfun war da, unser Vorzeigetürke, der besser Dialekt sprach als mancher von uns, meine Freundin Lola war da, die Musikerin,
die melancholische Arbeiterkampflieder komponierte, aber keinen Arbeiter mehr fand, der ihr zuhörte, also sang sie nur für uns, Frank war da, der stille Schachspieler, der immer nur gegen sich selbst oder den Computer spielte, und ich war auch da in einer neongrünen Hose und einer Lederjacke aus dem Fundus, mit goldenen Ketten und einem Schriftzug hinten drauf: Hotel California.

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