Johann Peter Hebel

An einen Freund zu Hausen
(bei Übersendung der alemannischen Gedichte)

Hoch von der langen schwarzen Möhr herab,
vom Platzberg her, auf wohlbekanntem Pfad,
erschein ich dir, o Freund, den Blumenkranz
dir bringend, den ich jüngst in Wald und Flur
und von der Wiese duftigem Gestad,
und um die stillen Dörfer her gepflückt.
Zwar nur Gamänderlein und Ehrenpreis,
nur Erdbeerblüten, Dolden, Wohlgemut
und zwischendurch ein dunkles Rosmarin,
geringe Gabe. Doch so gut sie kann,
hat lächelnd und mit ungezwungner Hand
des Feldes Muse sie in diesen Kranz
gewunden; und der reine Freundessinn,
der dir ihn bietet, sei allein sein Wert.
Und hing er nun hier unterm Spiegel schön,
so schwankt er schöner doch am Lindenast
in freier Weitung, leichter Weste Spiel.
Dort schwank er denn! Und sammelt um sich her
die Linde unterm Sonntagshimmelblau
das frohe Völklein aus dem nahen Dorf,
das gute Völklein, das dich liebt und ehrt,
und unter ihnen mancher mir von Blut
verwandt und mancher aus der goldnen Zeit
der frohen Kindheit mir noch wert und lieb,
so teilst du gern des kleinen Spaßes Freuden
mit ihnen. "Seht, zu diesem leichten Strauße",
so sagst du, "sind die besten Blümlein doch
von unsrer Flur und unser Eigentum
mit Recht." - jo weger, uf em Alzebüehl,
jo weger, uf em Maiberg henn si blüeiht;
un bin i nit im frische Morgetau
dur d'Matte gstraift un über d'Gräbe gumpt?
Un han i nit ab menggem hoche Berg
mit nassen Augen abegluegt ins Dorf-
un han ich Frid un gueti Stunde gwünscht?
`s isch weger wohr; un glaubsch mer's nit, se froog
der Bammert; menggmool het er mi verscheucht
im Habermark un im verhängte Wald.
Se bschauet denn my Bluemechränzli au
am Lindenast, un's freut mi, wenn's ich gfallt;
un nemmet so verlieb; es isch nit viil!

Rezension I Buchbestellung III02 © LYRIKwelt