Der Radiosender befand sich in einem ruhigen Eckhaus,
einen Steinwurf von der Hauptstraße entfernt. Er war früher ein Elektroladen
gewesen, Top Electric, und war entsprechend klein. Eine einstöckige
Schuhschachtel in einer Stadt, die in den dreißiger Jahren am goldführenden Ufer
des Großen Sklavensees entstanden war, ein Binnensee, der ein Drittel so groß
wie das bürgerkriegsgeplagte Irland war. Wenn man eintrat, sah man als Erstes
Eleanor Dew, die es schaffte, hübsch auszusehen, obwohl eigentlich nichts an ihr
hübsch war. Sie hatte relativ stark hervortretende Augen und ein fliehendes
Kinn, doch gleichzeitig versprühte sie einen gewissen blonden Charme, eine
Ausstrahlung, die daher rührte, dass sie mit beiden Füßen fest auf der Erde
stand, aber gleichzeitig rege geistige und spirituelle Interessen hatte. Mit
ihren sechsunddreißig Jahren war sie fast die Älteste im Sender und im Herzen
eine Dichterin, die Milton las, wenn gerade niemand anrief. Wenn jemand anrief,
nahm sie die eingehenden lokalen Durchsagen, die Beschwerden und Musik wünsche,
das Gemisch aus privaten und geschäftlichen Anrufen für die sechs Moderatoren
und Techniker und die beiden Nachrichtenredakteure oder den Senderchef entgegen,
der allerdings vor einer Woche mit einer Kellnerin durchgebrannt war.
Eleanors Schreibtisch stand an einem Schaufenster, von dem man die staubige
Straße überblicken konnte, die zur Gold Range führte, auch als »Strange Range«
bekannt, und zur Franklin Avenue, der Hauptstraße mit den zwei Ampeln. Wenn man
auf der Franklin Avenue nach links einbog, kam man auf der einen Straßenseite an
MacLeods Eisenwarenladen und dem Kaufhaus Hudson’s Bay vorbei, auf der anderen
am Capitol Theatre mit seinen uralten Filmen und der noch älteren
Popcornmaschine. Wenn man in derselben Richtung durch den neuesten Teil der
Neustadt weiterging und sich dann links hielt, kam man irgendwann zu Cominco,
einer der beiden noch im Betrieb befindlichen Goldminen, die ursprünglich der
Grund für die Entstehung des Ortes gewesen waren. Bog man jedoch auf der
Franklin Avenue nach rechts ab, kam man zum Yellowknife Inn gegenüber vom
Postamt, dann ging man an der Stadtbibliothek vorbei und dem Textilgeschäft, das
sich »Eva der Arktis« nannte. Wenn man dann in nördlicher Richtung bergab
weiterging, gelangte man zum ältesten Teil der Altstadt, einer Ansammlung
bescheidener Häuser, Hütten, Blockhäuser, Klohäuschen, Nissenhütten, Wohnwagen
und vereinzelter Gewerbeniederlassungen, die sich auf dieser felsigen Halbinsel
unter dem riesigen Himmel völlig zu Hause zu fühlen schienen. Sie machten ihm
auch keine Konkurrenz. Yellowknife hatte nur ein Hochhaus, und das stand nicht
an der Hauptstraße, sondern war ein einsamer Wohnblock im Südosten der Stadt.
Ein in den Kinderschuhen steckender Ort mit zehntausend Einwohnern, benannt nach
einem ehemals dort ansässigen Indianerstamm, der Messer aus gelbem Kupfer
benutzt hatte, und in vielerlei Hinsicht ein weißer Schandfleck auf der
Landkarte der kanadischen Ureinwohner. Doch es war der nördlichste Punkt, den
die meisten Menschen aus dem Süden je erreichen würden. Er lag nördlich des
sechzigsten Breitengrades und hatte seinen Platz in der Romantik des hohen
Nordens; er wirkte allerdings nicht geheimnisvoll, sondern eher anders als
alles, was man kannte, und auch das nicht von Anfang an. Die Landschaft war
nicht atemberaubend. Keine Berge, keine Gletscher, und im Winter gab es nicht
einmal besonders viel Schnee. Doch nach einer Weile wuchs er einem ans Herz,
zumindest jenen Menschen, die ihn nie vergessen würden, wenn sie später an ihr
Leben zurückdachten und sich sagten: Die Zeit dort war die lebendigste meines
Lebens.
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