Für alle Ewigkeit von Róbert Hász, 2006, Klett-CottaRóbert Hász

Für alle Ewigkeit
(Leseprobe aus: Für alle Ewigkeit, Roman, 2001/2006, Klett-Cotta - Übertragung Christina Kunze)

Die Weinlaube hatte einen märchenhaften Zauber an sich gehabt, Livius verstand es nicht recht, doch er hatte damals auch nicht gründlich darüber nachgedacht. Er hatte einfach nur hingenommen, daß es auf der Welt ein enges, kleines, eingezäuntes Paradies gab, in dem er sich wohl fühlte. Wenn er jetzt daran zurückdachte, mußte er zugeben, daß es in Wirklichkeit der ungepflegteste Garten war, den er je gesehen hatte. Freilich konnte er sich nur schwer vorstellen, daß Papa Fabrió mit der Astschere in der Hand die überflüssigen Zweige der Obstbäume schnitt oder mit der Hacke zwischen den Weinstöcken herumscharrte. Schon bei dem Gedanken mußte er lächeln.

– Sollen sie doch wachsen, erwiderte er einmal auf Livius’ beiläufige Bemerkung, daß die Weinranken bereits unauflösbar ineinander verschlungen seien.

Nicht, als hätte Livius dies übermäßig gestört. Vielleicht rührte gerade daher der Zauber des Gartens, den Fabrió nicht brechen wollte, vielleicht überließ er den Garten nicht aus Faulheit und Unachtsamkeit der ungezügelten Gier der Natur, vielleicht flüchtete er ebenso in diese unberührte Wildnis wie Livius selbst. Als wäre sie nur für ihn geschaffen, als letzter Zufluchtsort. Er konnte sich die Gerüche der Jahreszeiten in Erinnerung rufen, hinter geschlossenen Lidern sah er die Farbwechsel des Gartens im Sommer und im Herbst, die sich einrollenden, absterbenden gelben Blätter, wie im Winter die Schneebüschel auf den schwarzen Ästen der Kirschbäume saßen, in jedem Jahr genau gleich. Dieselben Schneeflocken fielen auf dieselben Äste. Vielleicht versuchte der Garten mit dem jahreszeitlichen Gestaltwandel nur, seine Zeitlosigkeit zu verbergen. Livius glaubte gern, daß es nicht diese Welt war, in der die Wurzeln dieses Gartens steckten. Ließ er doch den Alltag in weite Ferne rücken, sorglos friedlich im Gegensatz zur wirren Wirklichkeit. Er konnte berauschen, in Tagträume wiegen. Livius war zuerst Antónia zuliebe in den Garten gekommen, auch dies bot ihm Gelegenheit, mit ihr zusammenzusein. Später ging er vor allem, um Maria-Luisa eine Zeitlang zu entkommen.

In das weiträumige Wohnzimmer stahl sich nur selten Licht. Die schweren, dunkelgrünen Brokatvorhänge waren meist zugezogen. Die verträumten Möbel, der geschnitzte Eichenschrank, die schmalen Vitrinen, an den Wänden die Bücherregale mit den Glastüren und am Ende des Zimmers das schwarze Klavier standen in ewigem Halbdunkel. Vor dem polierten Schrank, innerhalb der weißen Ränder des bordeauxroten Persers, auf dem Blumenmuster des Teppichs räkelten sich die bauchigen Lehnstühle mit dem blaßrosa Muster, und in der Mitte des Zimmers, nicht zu weit von den Sesseln entfernt, doch auch nicht zu nah bei ihnen, stand das Teetischchen, dessen Füße so graziös auf den rauhen Teppich niederliefen, daß der ganze Tisch auf Zehenspitzen zu stehen schien. Livius mochte ohnehin keinen Tee, doch im Sommer, wenn draußen die Luft in der Augusthitze vibrierte, widerte er ihn geradezu an. Seinen Ekel unterdrückend hob er die Porzellantasse zum Mund, spielte das wohlerzogene Herrenkind, womit er sich, um die Wahrheit zu sagen, sogar selbst imponierte, während er hoffte, daß die vier Flaschen vorgekühltes Bier, die er vor dem Haus auf dem Fahrrad gelassen hatte, nicht zu warm würden. Doch die Zeremonie mußte immer genau so ablaufen. Dies hatte letztlich den Vorteil, daß er gegen Überraschungen gefeit war. Er wechselte mit Maria-Luisa vorgefertigte, erprobte Sätze über Universität und Familie, über Literatur, Inflation und Preise, im Konversationston, aber dennoch mit monotoner, lebloser Stimme, die Livius sagte, daß es zwischen ihnen niemals vertrauter, natürlicher würde. Manchmal bekam er die sich ins Unendliche erstreckende Familiengeschichte zu hören, in deren Vortrag sich Maria-Luisa mit Vorliebe vertiefte. Als erzählte sie nicht ihm, sondern dem Regisseur eines zukünftigen Filmes von den einstmals vornehmen Ahnen, deren Geschichte sich im Nebel verlor; zuweilen so detailliert, als plane sie schon die Einstellungen der einzelnen Szenen. Antónia hielt sich bei solchen Gelegenheiten im Hintergrund, sie lächelte vielleicht still über Livius’ Leiden und dachte:

– Du hast es so gewollt, jetzt mußt du die Konsequenzen tragen. Und während der ganzen Zeit mußte er unauffällig Cecils kühlen, herablassenden Blick meiden.

– Ich gehe, pflegte er nach einer Zeit zu sagen, mit kaum verhohlener Ungeduld in der Stimme, während er vom Teetisch aufstand, mit lässigen Schritten zur Tür ging und die drei Frauen allein ließ. Ich sehe nach Fabrió …

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