Ebenholz
(Leseprobe aus:
Ebenholz, Roman, Kapitel 1, 2004/2010,
Alawi-Verlag - Übertragung
Riem Tisini)
Es war im Jahr 1979 an einem heißen schwülen Tag
im August, der so heiß war wie ein jeder Sommertag
am Meer. Nichts deutete darauf hin, dass es ein ungewöhnlicher
Tag werden würde. Die Stille des Nachmittags
legte sich auf den Ort und zwang ihn bis
in den letzten Winkel träge und schleppend zur Ruhe.
Die abgegriffene grüne Holztür, deren Bretter sich
im Laufe der Zeit losgelöst hatten und deren Farbe
abgeblättert war, öffnete sich zu einer alten Gasse
hin. Diese Gasse befand sich, seit sie Mitte des letzten
Jahrhunderts angelegt wurde, in einem vergessenen
Stadtteil. Die alten Häuser ähnelten ineinander geschachtelten,
überfüllten Waben. Die Gassen waren
nach innen gekehrt, als wollten sie die Außenwelt
von sich fernhalten oder die Zeit weit von sich weisen.
Im Chaos der modernen Stadt wirkten sie wie die
von Adern überzogenen Hände einer schwachen
alten Frau, die beim Besuch des öffentlichen Bades
darauf besteht, diese mit Henna zu bemalen.
Das Viertel mit dem Namen Al-Scheich Dahir liegt
heute im westlichen Teil der Stadt. Nur zwei Straßen
und ein steiler Hang, gesäumt von Gebäuden
und voller Lärm und Getümmel, trennen es vom
Meer. Es herrscht ein Durcheinander und eine
Enge, welche der aufsteigenden Meeresbrise kaum
Durchlass gewährt. Nur die Feuchtigkeit überzieht
Dieses Viertel birgt eine lange und wechselhafte
Geschichte. Jene grüne Holztür hatte Scheich Abu
Ibrahim vor fast vierzig Jahren eigenhändig gestrichen.
Er wählte damals eine neutrale Farbe, wie sie für
die Gewänder von Heiligen verwendet wird. Während
er damals voller Eifer beschäftigt war, dachte
er ständig daran, wie die Farbe des Heiligen Al
Khader seinem Haus zum Segen gereichen würde.
Seinem Haus, das so weit von der Grabstätte des
Heiligen entfernt war.
Die Tür führt zu einer langen, aufwärts steigenden
Treppe, deren dunkles Ende von unten nicht erkennbar
ist. Einer Treppe, die allerhand Geschichten
in sich birgt. In einer dieser Geschichten hält eine
böse Hexe oben auf dem Turm eine junge Frau mit
langem Haar gefangen, die ihre Zöpfe herab hängen
lässt, damit ihr Geliebter den hohen, geheimnisvollen
Ort erklimmen kann. Heute hat sich ihr Haar in
dunkles Moos verwandelt, das sich auf der steinigen
Wandfläche ausbreitet und sie völlig bedeckt.
Nähert man sich langsam von einer der Gassen des
alten Stadtviertels und gelangt über die Treppe bis
ganz nach oben, ist man schweißgebadet und bekommt
kaum noch Luft. Die Sinne sind erregt
vom Gestank der Fäulnis und von der Dunkelheit
des kastenförmigen Durchgangs. Oben angekommen,
fällt der Blick auf eine merkwürdig anmutende,
schwarze Tür. Durch die Schlitze der
Türlatten fallen Lichtstrahlen und lassen mitunter
Schattierungen von Zeichnungen und Buchstaben
zutage treten, die mit einem spitzen Gegenstand
den Ort mit ihrer Schwere.
eingeritzt wurden. Klopft man an die Tür, öffnet
sich im selben Moment das Tor zum Paradies, das
in alle Richtungen weist. Sonnenstrahlen legen sich
auf die himmelblaue Fläche, als stützten sie sich
müde auf den dort befindlichen Springbrunnen.
Man könnte sogar gezwungen sein, seine Augen ein
wenig zu verengen, während man das Blau der
Tauben betrachtet, das die gesamte Bodenfläche
kunstvoll bedeckt: Ein Mosaik aus Porzellan, einem
Gemälde gleich.
Das Haus gehört Scheich Seliem Al-Dayem, der
seit seiner frühen Jugend Abu Ibrahim genannt
wird. Der Tag neigt sich dem Ende zu.
Der lange Schatten von Um Ibrahim fiel auf den
mit Sommersonne bedeckten Boden des Hofes.
Nachdem sie die Treppe erklommen hatte, ging sie
schleppenden Schrittes und schwer atmend weiter.
Der Klang ihrer Schritte erreichte auch das Ohr des
Scheichs, der in seinem Zimmer saß. Erhaben saß
er da auf seinem Stuhl und wartete auf sie. Sein
weißes Gewand schimmerte leicht lila. Die Sonnenstrahlen
schienen durch die Scheibe seines Fensters
und verweilten auf den Gegenständen im Raum.
Heute Nachmittag wirkte der alte persische Teppich
unter seinem weinroten Stuhl noch abgewetzter.
Die Feuchte des Meeres, welche die Luft
durchdrang, setzte ihm stark zu. Die einzelnen Motive
des Teppichmusters wirkten verschwommen
und vage. Mit ihrer unerträglichen Schwüle überzog
die Augustfeuchtigkeit einfach alles und bedeckte
die Haut mit einer ekligen, klebrigen Schicht.
Direkt über dem Stuhl war ein mit goldfarbenem Holz
gerahmtes Bild zu sehen, das nahezu die gesamte
Fläche der Wand einnahm. Ein Bild, dessen
wellenförmiges Glas einen netten jungen bärtigen
Mann zeigt, der sein Schwert Zulfiqar zückt. Es zeigt
den Imam Ali.
„Guten Abend.“ Leise und matt war ihre Stimme, als
sie dem Scheich ihren allabendlichen Gruß entgegen
brachte. Sie trug die Müdigkeit des Tages und damit
die Härte des Tabakgeruchs mit sich, der wie gewöhnlich
von ihr ausging.
Der Scheich erwiderte den Gruß seiner Frau nicht. Er
sprach seine persönlichen Gebete leise vor sich hin. Er
wiegte den Kopf leicht hin und her, während er sie aus
den Augenwinkeln ansah. Dann neigte er seinen Kopf
wieder dem Teppich zu, um die Verbindung zu Gott
weiter aufrecht zu erhalten. Um Ibrahim blieb nichts
anderes übrig, als sich wieder von ihm abzuwenden
und den Gang zu ihrem kleinen Zimmer fortzusetzen,
das sich direkt neben dem des Scheichs befand. Es
ziemte sich nicht, den Scheich durch ihre lästige Anwesenheit
von seinen heiligen Gebeten abzulenken. Sie
bemühte sich, ihre schweren Beine lautlos fortzutragen
und dachte bei sich, dass sein weißes Gebetstuch doch
unbedingt gewaschen werden müsse.
Der Ruf des Muezzins von der nahen Al-Ajan Moschee
erklang so laut, dass alle anderen Geräusche im Ort
übertönt wurden.
Wie angewurzelt blieb Um Ibrahim an der Schwelle
ihres Zimmers stehen. Niemand rannte ihr entgegen,
um sie zu begrüßen. Denn die Kleinen waren nicht
mehr hier, um ihr - kaum dass sie das Haus betrat -
schreiend und drängelnd entgegen zu laufen. Sie waren
nicht mehr im Haus und ohne die Wärme ihres Herumtollens
hatte das Haus jegliche innige Freude verloren.
Die Jahre waren vergangen - wie Tage. Noch vor
kurzem erst hatten sie allein am Geruch ihr Kommen
gespürt. Der Geruch von Tabak eilte ihr voraus und
breitete sich in allen Ecken und Winkeln des Hauses
aus. Der Geruch markierte die Dinge und Orte, an
denen sie sich immer aufhielt, er bestimmte ihr ganzes
Dasein.
Damals war sie eine junge Frau, ihre Schritte waren
noch leicht. Heute, wo sie auf die Neunundfünfzig zugeht,
würden ihre Kleinen also inzwischen Großen mit
Sicherheit darüber lachen, wenn sie sähen, wie sie ihren
Körper unter seiner Last umherschleppt, als wäre es der
Körper einer Achtzigjährigen. Die Gerüche wären
nicht mehr notwendig. Ihr Kommen würde schon
allein durch ihre lauten, erschöpften Schritte
angekündigt.
Wo sind sie nur gerade? Sie könnten ihren müden
Abend mit Gesprächen über den langen Tag und über
all die Dinge, die sie ohne sie erlebten, bereichern.
Einer schneidet dem Anderen das Wort ab. Sie ringen
darum, dass einer von ihnen eine Umarmung in ihrem
liebevollen Schoß gewinnt. Sie würde sich schlapp auf
ihrem Sofa abstützen, ihre Beine vor sich ausbreiten
und ihre sechs Kleinen an dem Ort, der am wärmsten
ist, umschlingen: zwischen ihren Schenkeln. Dieser
Ort ist jetzt erschöpft, verengt und leer.
Während der langen Stunden, die sie in der Rigi-
Tabakfabrik verbringt, einst von den Franzosen gebaut
und so benannt, versucht sie zu vergessen, was
außerhalb der blassen und toten Fabrikwände geschieht,
die einer verlassenen Burg ähneln. Der
Lärm der Geräte, dem Schreien der Arbeiterinnen
gleich, zieht sie in das Durcheinander hinein. Die mit
Tabakstaub gesättigte Luft benebelt ihr Gedächtnis.
Kaum verlässt sie die Fabrik, stößt sie auf den Gemüsemarkt.
Dutzende von Holzkarren, übervoll
beladen mit den unterschiedlichsten Sorten, umgeben
das große Fabrikgebäude. Das Geschrei der
Verkäufer und das Gedränge der Leute zieht auch
sie in dieses Geschehen hinein. Sie überquert die
Al-Uweina Straße, läuft parallel zur Gol-Gamal-
Schule und genießt es, die Schüler zu beobachten,
wie sie am Abend, am Ende ihres Schultages, das
Gebäude verlassen. Und sie erinnert sich an ihre
fünf Söhne, die alle hier in dieser Schule gelernt
hatten. Während von der Moschee der laute Ruf
zum Nachmittagsgebet über den zur Ruhe kommenden
Häusern erklingt, geht sie von der Gasse
der Al-Ajan Moschee in Richtung ihres Stadtviertels.
Im Haus jedoch und ganz besonders hier in ihrem
stillen, toten Zimmer, ist die Situation eine völlig
andere.
Sie geht zu ihrem kleinen Fernseher in der Hoffnung,
mit dessen Lebendigkeit die Stille und Einsamkeit von
heute zu vertreiben. Ihre einzige Tochter Mariam, die
fünf Brüder hat, brachte ihr erst vor kurzem diesen
Fernsehapparat. Um ihn kaufen zu können, musste sie
sogar einen Kredit bei der Volksbank aufnehmen und
muss diesen jetzt die nächsten drei Jahre lang abbezahlen.
Damals, zu Beginn der achtziger Jahre, war ein
Fernsehgerät auf diesem Flecken der Erde ein absoluter
Luxus.
Bislang hat sich Um Ibrahim nicht an die im Flimmern
des Fernsehers herum springenden Personen gewöhnen
können. Sie kamen ihr vor wie kleine schwarze und
weiße Teufel, die nicht zur Ruhe kommen. Immer
wieder fragte sie sich fluchend, wie in aller Welt diese
vielen Teufelchen in einen so kleinen Holzkasten
gelangen konnten! Jedenfalls war es unterhaltsam und
sorgte dafür, dass die Stunden schneller vergingen.
„Um Ibrahim?“ schrie der Scheich ungeduldig aus dem
Nachbarzimmer. Wie immer war sein Rufen durchdringend.
Er verlangte nach seinem verspäteten Abendbrot.
Um Ibrahim verfluchte sich selbst. Ihre albernen Gedanken
hatten sie davon abgelenkt, dem Scheich das
Essen zu machen. Er hatte, seit sie ihm heute Morgen
das Frühstück serviert hatte, schon stundenlang auf sie
gewartet.
Denn es ist unangebracht, dass ein Scheich wie er in
eine schäbige Küche geht, selbst wenn er sehr hungrig
ist. Ganz bestimmt hatte er seine Gebete beendet und
spielte nun nervös mit den Perlen seiner blauen Gebetskette.
Sie nahm eine Tabakschachtel aus der Tasche ihres
schwarzen Umhangs und versteckte sie im Kom-
modenkasten bei all den anderen Tabakschachteln,
die sie täglich in diesem Kasten sammelte. Beim
nächsten Besuch bei ihrer Großmutter Um Riema,
die süchtig nach Zigaretten ist, wollte sie dann alle
Schachteln mitnehmen.
Die Fabrikverwaltung legte Wert darauf, jeder Arbeiterin
am Ende des Arbeitstages eine Schachtel
losen Tabak zu schenken. Vor dem Verlassen des
Werks ließen die Fabrikwärter die Arbeiterinnen in
einer langen Reihe vor dem Ausgangstor anstehen.
Peinlichst genau kontrollieren sie dann die Kleidung
jeder einzelnen Arbeiterin, damit keine von
ihnen mehr als die ihnen zustehende Schachtel
stehlen und an einer verborgenen Stelle ihres Körpers
verstecken konnte. Sehr oft wurden Arbeiterinnen
mit gestohlenen Schachteln erwischt, die sie dann
draußen zu einem Vielfachen des Preises hatten verkaufen
wollen. Die Schachteln fand man in ihrer
Unterwäsche oder in den Strümpfen oder sogar
unter ihrer Kopfbedeckung. Diese Frauen wurden
dann fristlos entlassen. Andererseits gab es einige
Fabrikwächter, die bestimmten Arbeiterinnen mehr
Tabakschachteln gaben und sie auch nicht kontrollierten.
Das war kein Geheimnis, denn alle wussten,
was sich da abspielte und wer diese Auserwählten
waren. Keiner traute sich jedoch, offen darüber zu
sprechen oder jemanden zur Rechenschaft zu ziehen.
Am Ende des Arbeitstages sind alle müde. Die Arbeiterinnen
stehen in der Schlange, schauen weg
und senken die Köpfe.
Um Ibrahim zog ihren schwarzen Umhang aus
und nahm das dicke weiße Kopftuch ab, was ihr
bräunliches Gesicht noch dunkler aussehen ließ.
Die Augusthitze schien ihr Gehirn beinahe zum
Schmelzen zu bringen. Der Schweiß floss ihr klebrig
den Rücken herunter. Und dieser verfluchte Umhang
umzingelte ihre Seele und ließ sie nicht entkommen.
Abu Ibrahim meinte, sie solle ihn immer über
ihre Kleidung ziehen, damit sie dem Stadtleben
näher beziehungsweise den Frauen in ihrem Viertel
ähnlicher sei, die gewohnt waren, dunkle, schwarze
Umhänge über ihrer Kleidung zu tragen. Diese Umhänge
verdeckten alle Unterschiede oder Konturen
ihrer Körper.
Seitdem hatte Um Ibrahim ihre dörflichen Kleider
beiseite gelegt. Sie liebte sie wegen ihrer zusammengerafften
Taillen und der grellen Rosen, die an
Frühlingsfelder erinnerten. Sie hatte sie in ihre mit
Muscheln und Silberfäden verzierte schwarze Ebenholztruhe
gelegt. Die prächtigen Kleider, an denen
auch ihre Tochter Mariam Interesse zeigte und insgeheim
hoffte, sie würde sie bei passender Gelegenheit
geschenkt bekommen, konnte sie dennoch
einfach nicht vergessen. Und somit blieben die für
Mariam bestimmten Geschenke zusammengelegt,
in einer Plastiktüte, ganz unten in der Truhe liegen
bis an Um Ibrahims Lebensende.
Die prächtige Ebenholztruhe war das Erbstück von
Um Ibrahims Großmutter, Nazili Khanom. Ihre
Großmutter hatte türkische Wurzeln. Eines Tages
hatte sie ihr ganzes Vermögen der Familie hinterlassen
und floh aus dem luxuriösen Leben, um den späteren
Großvater der Familie zu heiraten. Der Großvater
war ein ergebener Diener am Hof ihres türkischen
Vaters. Er stand der osmanischen Herrschaft sehr
nahe. Doch als er sie heiratete, verlor er alle Vorteile,
die ihm die Nähe zur osmanischen Macht bislang
eingebracht hatte. Am Tag ihrer Flucht nahm Nazili
Khanom nichts von den Gütern ihres Vaters mit,
außer einigen Erinnerungen und ihrer wertvollen
Ebenholztruhe: Ein Geschenk, das ihr aus den fernsten
heißen Gegenden Afrikas mitgebracht worden war.
Sie lud die Truhe mit großer Mühe auf ihren weißen
Schimmel und verließ im Morgengrauen den Ort
zusammen mit dem späteren Großvater, der damals
noch ein Jüngling voller Männlichkeit und Leidenschaft
war. Sie ging und kehrte nie mehr in den Palast
ihres Vaters zurück, das einem Märchenschloss sehr
ähnlich war. Sie nahm auch einige orientalische
Schmuckstücke mit und stopfte sie unter ihr lose sitzendes,
weites Kleid.
Jedes Mal, wenn Um Ibrahim diese Truhe betrachtete,
dachte sie an das Leben der Nazili Khanom mit dem
Großvater, welches sie von einem phantastischen
Schloss, das einem König würdig gewesen wäre, in
ein heruntergekommenes Haus am Rande eines
hoch gelegenen Dorfes geführt hatte.
Hatte sie ihre Schönheit bewahren können?!
Und die Truhe, wie ist es denn zugegangen, dass sie
in so kurzer Zeit ganze Epochen hinter sich gelassen
hat, um schließlich in der Armseligkeit des großväterlichen
Hauses abgestellt zu werden?
Trotz all der langen Jahre, die inzwischen vergangen
sind, ist die Ebenholztruhe immer noch wunderschön,
noch genauso reizvoll wie ihre ehemals
türkische Besitzerin mit dem dunkelroten Haar
und der milchweißen Haut. Es war ganz offensichtlich,
dass die dunkle Schönheit der Truhe einst für
den Luxus von Schlössern gemacht, und die
Schlichtheit von Um Ibrahims Zimmer für sie keineswegs
standesgemäß war. Als sei diese Truhe dazu
verbannt, auf ewig in der Fremde zu leben, weit
entfernt von der ihr angemessenen Umgebung.
Trotz ihrer Zerbrechlichkeit hatten sich die feinen
Muscheln aus Elfenbein in die Tiefe des Ebenholzes
eingegraben und funkelten in ihrer zeitlosen Pracht,
als machten sie sich lustig über die Schlichtheit der
übrigen Möbel in dem Zimmer mit seiner bäuerlichen
Einrichtung. Jedenfalls war die Truhe ein Familienerbstück
und dazu bestimmt, an die nächsten
weiblichen Generationen vererbt zu werden, unabhängig
von den Wohnorten und den Launen der
jeweiligen Frauen.
Nachdem Um Ibrahim den Kochtopf auf ihren
kleinen, einflammigen Gasherd gestellt hatte, füllte
sie einen anderen mit einer Flüssigkeit aus Wasser
und Zucker und überprüfte die Pflanzentöpfe, einst
Metallkanister für Öl, Käse oder anderes. Die
Pflanzen formten sich zu einem herrlichen Gürtel,
der den Hof umschloss und ihn mit Düften füllte.
Mit einem breiten Zuckerrohr wühlte sie in der
Erde eines jeden Behälters, damit Luft an ihr Inneres
dringen konnte. Dann begann sie wie gewöhnlich,
ihre Pflanzen mit dem Zuckerwasser zu gießen, bis
die Tontöpfe überliefen. Die braune Flüssigkeit
breitete sich langsam auf dem Boden des Hofes aus.
Während sie liebevoll über die Blätter strich, dachte
sie bei sich, dass sie diese täglich mit kaltem Wasser
abwischen sollte, da ihnen die höllische Augusthitze
stark zusetzte.
Lilie, Jasmin, Mohn, gelber Jasmin, Mariams Weihrauch,
Basilikum und Thymian…, das sind Um
Ibrahims Geheimnisse. Sie hatte es sogar geschafft,
in einem alten Blechkanister, der ursprünglich als
Wasserbehälter diente, einen Wollmispel-Baum zu
züchten. Der gewaltige Baum lehnte in der Ecke an
der Wand und spendete einem großen Teil des
Hofes seinen Schatten. Die Leute sagten dieser
alten Frau einen grünen Daumen nach. Jede
Pflanze, die sie berührt, wächst und gedeiht.
Eine Viertelstunde dauerte es, bis das Strohtablett
mit den Tellern aus Ton vor dem Scheich stand.
„Lass es dir schmecken, Abu Ibrahim.“
„ …. “
Sie setzte sich ihm gegenüber und beobachtete ihn.
Ihr Leben lang hatte sie darauf bestanden, Tonteller
zu benutzen. Sie sah in ihnen lebendige Körper und
glaubte, dass sich die Seele des Tons leidenschaftlich
mit den Speisen vermische, um diesen ihren Segen
und ihre Liebe zu spenden. Der Duft von Safran
verbreitete sich voller Zauber im ganzen Raum,
und der Teller mit dem Fleisch und dem Gemüse
war in ein leuchtendes Gelb getaucht. Doch der
Scheich roch nicht das Geringste von alledem, da
ihn sein ständiger Schnupfen daran hinderte, auch
nur irgendeinen selbst der stärksten Gerüche wahrzunehmen.
Die Wirkung des Safrans würde sich
jedoch schon bald bemerkbar machen und die
durch die andauernde Verstopfung der Nase verursachten
Schmerzen lindern.
Der Scheich begann, einzelne Häppchen auszuwählen
und sie mit großem Appetit, aber dennoch
mit Würde und Gelassenheit zu essen. Heute hatte
sie dem Essen kein Oregano beigemischt, obwohl
sie ihre Speisen, insbesondere Fleischgerichte, sonst
immer reichlich mit seinen Blättern würzte. Der
Oregano hat eine magische Wirkung auf die erkrankten
Atemwege des Scheichs. Allerdings muss
er danach ständig von einem Ende des Hofes zum
anderen laufen, um die Toilette aufzusuchen und
dort zu verweilen, als wäre er eine Frau im letzten
Schwangerschaftsmonat.
Um Ibrahim bestand auch stets darauf, Zwiebeln
in großen Mengen zu verarbeiten, insbesondere
weil ihnen eine magisch lindernde Wirkung gegen
das Erstickungsgefühl im Brustkorb und bei extremer
Sensibilität der Nase nachgesagt wird. Sie war stets
darum bemüht, neue, geeignete Methoden zu finden,
um die Schmerzen des Scheichs zu lindern.
„Abu Ibrahim ... die eingeweichte Pfefferminze ...
sie kann heilen wie die Berührung durch die Hand
des Propheten, glaub mir!“ Sie flüsterte diese
Worte, während sie ihm die Tasse zögernd anbot.
Häufig hatte sich der Scheich wie ein stures Kind
dagegen gewehrt. Er empfand es wie eine tägliche
Strafe, wenn seine Frau ihn dazu zwang, morgens
und abends zwei Tassen davon zu trinken. Dann
überlistete sie ihn jedoch dazu, den Dampf der aufgebrühten
Pfefferminzblüten zu inhalieren oder
den wunderbaren Pfefferminztee zu trinken. Den
trank er dann ohne weiteres, obwohl ihn seine Frau
darauf hinwies, dass zu viel davon zusätzliche Kopfschmerzen
und Unruhe verursache, worunter er
ohnedies schon zu leiden hatte. Das Salbeigetränk
mit seiner stopfenden Wirkung, seinem bitteren
Geschmack und einem Kampfer ähnlichen Geruch,
war dem Scheich ganz besonders zuwider, obwohl
sie ständig den bekannten Spruch zitierte: „Hast du
Salbei im Heim, kommt kein Arzt herein.“
Die Kräuter verfehlten zwar nicht ihre Wirkung bei
den Allergien und dem Schnupfen des Scheichs,
ihre Nebenwirkungen waren allerdings sehr stark.
Immer seltener konnte er die von den Pflanzen und
Kräutern ausgehenden Gerüche und Düfte wahrnehmen.
Die Kräuter nahmen noch den letzten
Rest seines geschwächten Geruchsinnes in Anspruch,
und es beunruhigte ihn sehr, dass sie ihm
schließlich alle irgendwie gleich und fade vorkamen
- wie eine einzige blasse Farbe.
Während Um Ibrahim die starken Gerüche der
Kräuter in sich aufsog, dachte sie daran, zum Al-
Ennaba Markt hinunterzugehen, um ihren Vorrat
an Kräutern und magischen Mitteln wieder aufzufüllen.
Nur dort konnte sie die Waren, die sie
brauchte, zu erschwinglichen Preisen kaufen.
Dort würde sie auch die erfrischende Kühle, die
von den Steinen des alten Bazars ausströmt, genießen
und das stets wiederkehrende Gefühl der Verzückung
den niedrigen Torbögen vorbei ging. Der Scheich
war indessen immer noch damit beschäftigt, seine
Häppchen auszuwählen.
Seine präzise arbeitenden Finger wirkten lang und
so hell, als wären sie aus Zucker. Das nicht zu überhörende
Geräusch seines Schmatzens ähnelte einer
Melodie, die durch sein ununterbrochenes Einatmen
erstickt wurde.
Nach einer Weile des Schweigens sagte sie mit
ihrem ländlichen Akzent, den auch die dreißig
Jahre in der Stadt nicht zu ändern vermocht hatten:
„Heute ist es ganz merkwürdig auf der Straße …
sie ist vollkommen leer.“
„ ...“
„In der Fabrik sagen sie, dass der Tag des Jüngsten Gerichts
naht, oh Gott, … und dass dann alles aufhört.“
„...“
„Soll das der Anfang vom Ende sein, Abu Ibrahim?“
„...“
Sie flehte Gott um Hilfe an und rieb mit den
Handflächen über ihr von Trauer gezeichnetes Gesicht.
Dann blickte sie kurz auf den Boden und
schluckte schließlich ergeben ihren Speichel hinunter,
denn der Scheich hatte sich während ihres Gespräches
überhaupt nicht gerührt. Er kaute einfach langsam
und monoton weiter. Still und unbeweglich, als
würde ein weißes Tuch sein Gesicht vor ihr verbergen.
Nicht nur sein Gesicht, sondern auch seine Seele.
So verweilten die Gedanken eines jeden in einer
anderen Welt. Während der Scheich aß und laute
Geräusche aus seinem Mund hervorstieß, starrte
Um Ibrahim neben ihm sitzend auf den Boden.
Die Stille erfüllte den ganzen Raum und umhüllte
die beiden wie gewohnt. Auf der linken Seite des
Zimmers steht das hohe Eisenbett des Scheichs.
Die vergoldeten Bettseiten sind - ähnlich einer
dunklen Hyazinthe - geheimnisvoll ausgeschmückt.
Auf der vorderen Seite sind die Koranverse Al-Kursi
in vergoldeter Thuluth Schrift eingraviert. Das Bett
ist ein Meisterwerk, das nur an die männlichen Mitglieder
der Familie des Scheichs vererbt wird. Deren
Aufgabe ist es seit der Zeit des Khediven Mohammad
Ali bis zum heutigen Tag, das Bett wie den eigenen
Augapfel zu hüten. So verlangt es das Vermächtnis.
Die Verantwortung für die Umsetzung dessen lastet
allerdings allein auf den Schultern von Um Ibrahim.
Tagtäglich muss sie alle Teile des Betts mit gefiltertem
Zitronenwasser einreiben, um sie vor Rost und
Staub zu schützen. Sie muss dafür sorgen, das Bett
in ordentlichem Zustand zu bewahren und die beanspruchten
Beine von Zeit zu Zeit mit grobem
Sandpapier abzureiben. Falls sie dieser Aufgabe
nicht voll und ganz nachkäme, würde nur sie allein
einen Bruch mit der heiligen Geschichte der Ahnen
zu verantworten haben. Sie würde ihr Leben lang
für ihre Nachlässigkeiten büßen müssen Der Fluch
der ehrwürdigen Scheichs würde sie überall hin verfolgen.
Davon war sie überzeugt.
Damals, als Ibrahim Bascha, Sohn des Khediven
von Ägypten, Herrscher über Großsyrien war, erhielt
einer der angesehenen Vorfahren des Scheichs das
Bett als Anerkennung vom ägyptischen Khediven.
Das Herrscherhaus des Khediven Mohamad Ali
war mit dem Urgroßvater zu jener Zeit äußerst zufrieden.
Sie überhäuften ihn mit unvergleichlichen
Geschenken. Er lobte seinerseits in seinen religiösen
Reden und Festen deren Ehrlichkeit und grenzenlose
Gerechtigkeit. Später jedoch grollten sie ihm
und seinen Nachkommen. Anlass war ein geringfügiger
Fehler in seiner Ausdrucksweise. Auf einer
der Feierlichkeiten wurde ein von ihm geäußerter
Satz in seiner Bedeutung völlig verdreht. Vielleicht
empörten sich die Herrschenden auch aufgrund
ihrer Launen, die tatsächlich sehr schnell umschlagen
konnten. Es gab fortan keine Sicherheit mehr für
ihn. Schließlich kam es sogar soweit, dass sie die
meisten Ländereien, die sie dem Großvater einst
geschenkt hatten, wieder zurückholten. Die
Scheichs dieser Familie mussten von da an - wie alle
Scheichs auf dem Lande - von Almosen leben, die
sie von der Bevölkerung als Gegenleistung für das
Aufsagen der Gebete bei Feierlichkeiten und Totenfeiern
erhielten. Nur das Bett aus den alten Freundschaften
war den männlichen Erben geblieben
sowie einige wenige Dunum Land, die sich allerdings
von Jahr zu Jahr in eine immer größer werdende,
verwaiste Wüste verwandelten. So blieben
das Bett, das öde Land und ein unangemessener
Stolz im Verhalten der Nachkommenschaft erhalten.
Die Überheblichkeit zeigt sich darin, dass die
männlichen Nachfahren aus irgendeinem Grund,
den nur sie begreifen, unsäglich stolz sind auf ihre
Vergangenheit. Dieser bedeutende Großvater,
Beginn der Familiengeschichte, ist heute auf einer
– mit handgezeichnetem Kreis umrahmten -
Schwarzweißfotografie zu sehen, die an der Wand
aufgehängt ist. Dort war der Stammbaum dieser
noblen Familie abgebildet: eine Sammlung der nachfolgenden
Scheichs, alle in von Hand gezogenen
Kreisen umrahmt. Bilder von bärtigen Männern,
deren Umrisse im Laufe der Zeit mehr und mehr
verblassten und einander immer ähnlicher wurden.
Der Familienstammbaum war jedoch nicht viel
mehr als die Vollendung einer langen Geschichte,
die wie eine Fotoausstellung an den Wänden festgehalten
wurde. Die Namen der zwölf Imame
hoben sich in würdevoller weißer Kufi Schrift auf
einer Tafel mit schwarzem Hintergrund ab. Daneben
befand sich eine weitere Tafel, auf der ein berühmter
Satz in Thuluth Schrift mit ineinander verflochtenen
Buchstaben geschrieben stand: „Es gab keinen Gerechteren
als Ali und kein Schwert wie das Thul
Fuqar Schwert.“ In der Ecke hing an einem großen
Nagel ein langer Zopf, der aus groben, grünen
Stoffstreifen geflochten war. Diese stammten von
Kleidungsstücken des Heiligen Al Khader, dessen
Grab sich im Dorf Alia befand.
Noch nie hatte Um Ibrahim sich auch nur vorgestellt,
wie schön es sich anfühlen würde, auf einem solchen
Bett wie dem des Scheichs zu schlafen!
Vielleicht war ihr nicht einmal der dunkle Saphir
und der Glanz des Goldes aufgefallen. Vielleicht
hatte sie nie einen Gedanken daran verschwendet,
wie schön allein das Einschlafen auf diesem Bett
sein könnte. Eingebettet in die Jahre und versinkend
im Durcheinander der Erinnerungen, um sie mit
dem Leben und dem Schicksal derer, die vor ihr
existierten, zu vereinen.
Um Ibrahim würde sich weder diese Vorstellung
noch dieses Gefühl gestatten, selbst wenn der Gedanke
kurz aufflackerte und ein paar Sekunden verweilte.
Schließlich ist dies einzig und allein das Bett des
Scheichs, und so wird es für immer bleiben. Es wäre
eine absolute Verfehlung, wenn es mit dem
Schweiß eines anderen Körpers als seines weißen
und reinen Körpers in Berührung käme. Daran besteht
kein Zweifel.
Minuten vergingen und der Scheich schüttelte
seine Hände über den fast leeren Tellern aus. Mit
einem weißen Stofftaschentuch putzte er sich die
Nase und seinen schimmelgrauen Schnurrbart ab.
Anschließend rieb er sich die Fingerkuppen mit
einem Gemisch aus Zitronenwasser und Tropfen
ausgepresster Tulpen, das neben ihm in einer kupfernen,
mit eingravierten Schriftzeichen verzierten
Schale stand. Er dankte Gott und erhob sich. Seine
hochgewachsene Gestalt kam Um Ibrahim, die
neben ihm saß, größer vor, als sie in Wirklichkeit
war. Und sein Gesicht erschien noch weißer und
starrer: wie eine Säule aus Marmor, die inmitten des
Zimmer empor ragt.
Kaum hatte Um Ibrahim das Strohtablett hochgehoben,
eilte sie schon in die Küche und aß einige
wenige vom Scheich übrig gelassene Happen. Vielleicht
scheute er sich, sie zu essen, nachdem er völlig
satt geworden war. Vielleicht ließ er sie aber auch
absichtlich übrig wie zufällig verstreute Reste. Um
Ibrahim, die sich schmatzend über die Reste
hermachte, erinnerte sich wieder daran, wie sie
andere oft darum beneidet hatte, weil sie Mütter
hatten, zwischen deren Beinen sie spielen, schreien
und nach Essen verlangen konnten, wie es die Prinzen
taten. Dieses Privilegium hatte sie nie erlebt.
Ihre Mutter war ein schönes Phantom, ein alter
Traum, der nicht wirklich zu fassen war, als käme
er aus dem Nichts. Die Großmutter, also die Mutter
von Riema … sie hatte diesen Platz eingenommen.
Gleichgültig, was die Großmutter auch tat,
so blieb sie doch immer ihre Großmutter. Und es
war offensichtlich, dass sie sich in dieser ein für allemal
festgelegten Rolle nicht wohl fühlte. Außerdem
hatte sie keine Geduld und war auch immer
recht grob gewesen. In ihrer Erinnerung sah Um
Ibrahim ihre Großmutter immer eine selbstgedrehte
Zigarette schmauchend, ihre Stirn runzelnd und in
Rauschschwaden eingehüllt hustend.
Während sie den letzten Bissen verzehrte und sich
daran machte, das Tongeschirr abzuwaschen, wurde
Um Ibrahim klar, dass sie in all den letzten Jahren
nichts anderes empfunden hatte als die Last des
Dankens, die von ihr Besitz ergriffen und sie gefesselt
hatte. Und zwar eine Dankbarkeit gegenüber allen,
das heißt gegenüber jedem, den sie in ihrem Leben
getroffen hatte. Die wenigen Monate aber, die sie
mit ihrer Mutter Riema verbracht hatte, hatten in
ihrer Erinnerung nichts weiter hinterlassen als
deren Geruch, den Duft von Nelken.
Der Scheich blieb allein im Zimmer zurück, zitternd
vor Angst. Wie ein leichtes Blatt, das von einem
herannahenden Sturm erfasst wird. Was seine Ehefrau
gerade gesagt hatte, war ihm schon einmal vor langer
Zeit zu Ohren gekommen. Er war angespannt,
während er die Nachrichten aus den abendlichen Gesprächsrunden
und den langen Diskussionen herausfilterte.
Er versuchte die Angst zu unterdrücken, die
plötzlich während seiner Fragen an seine Freunde
aufkam. Mit Mühe versuchte er, seine zitternden
Hände unter Kontrolle zu bringen. Er hatte kein
Bedürfnis, die Einzelheiten dieses Themas Um
Ibrahim gegenüber zu erläutern. Er befürchtete,
dass die Angst in seinen Worten anklingen und sie
dies heraushören könnte. Es wäre ihm äußerst unangenehm,
wenn seine Frau spüren würde, dass er
so ängstlich war wie eine Maus. Außerdem würde
sie ohnedies nicht im Geringsten verstehen, was er
zu sagen hatte. Schließlich ist der Verstand der
Frauen viel zu beschränkt, um die politischen Spielchen
und die Wirren der gegeneinander kämpfenden
Religionsgemeinschaften zu begreifen. Sie soll sich
auch in Zukunft nicht mit diesen Dingen auseinandersetzen
und sich lieber mit Küche und Haushalt
beschäftigen. Abu Ibrahim hing seinen geringschätzigen
Gedanken nach, während er seinen Kopf hin
und her wiegte. Er dachte an die Ereignisse, die ausbrechen
und die Stadt in Flammen aufgehen lassen
würden. Ereignisse, deren Wahnsinn und Gift sich
ausweiten würden. Das war aber nicht das eigentliche
Problem. Das wahre Dilemma bestand darin,
dass er sich genau hier befindet, in diesem alten
Viertel, dem Viertel Scheich Dahir, inmitten der
Stadt, wo es so viele Menschen unterschiedlicher
Herkunft gab, vor allem Angehörige der anderen
Religionsgemeinschaft. Die Mitglieder seiner Religionsgemeinschaft
waren weit entfernt, sie hatten
sich in den Grenzbezirken der Stadt und in nahe
gelegenen oder auch weit entfernten Dörfern niedergelassen.
Der Scheich begann, im Zimmer auf und ab zu
gehen. Seine Gedanken drehten sich nur noch im
Kreis. Er begann laute Selbstgespräche zu führen,
so dass Um Ibrahim ihn trotz Geschirrklapperns
und des Geräusches fließenden Wassers hörte. Er
verfluchte die schrecklichen Verhältnisse, den verhassten
Pöbel und diese Zeit, die sie ihre Geschichte
und das früher Verbindende in ihrem Leben vergessen
ließen. Diese Übeltäter schüren den Hass im
Namen der Religion. Der Glaube hatte mit ihnen
und ihren Kriegen nichts zu tun. Feindseligkeit,
zum Kotzen, zum Kotzen.
Was ist nun als Erstes zu tun? Er ist hier völlig allein.
Allein in einem Viertel, in dem sich Misstrauen
und Angst breit gemacht haben. Ein brodelnder
Kessel, der jeden Moment explodieren kann.
Je näher der Abend kam, umso mehr verlor der
Scheich die Lust am Lesen, eine Lust, die üblicherweise
sehr groß war. Er näherte sich keinem seiner
alten Bücher, denen der Staub der Jahre schon zugesetzt
hatte. Er musterte die Regale seiner Bibliothek,
die sich unter der Last der großen Religionsbücher
bogen, während das schwache, gelbe Licht der
Lampe ihre Titel nur verschwommen anzeigte.
Nicht eines dieser Bücher wollte er öffnen. Doch
ein kleines, zwischen den Regalen verwaistes Buch
zog seine Aufmerksamkeit auf sich. Die Gedichtsammlung
von Badawi Al-Gabal, sein Lieblingsbuch.
Er hatte die erste Auflage aufbewahrt, die
1925 gedruckt worden war. Damals war er kaum
älter als zehn Jahre gewesen und er glaubte, dass
dieses Buch den Geruch der Geschichte in seinen
Seiten festhielte und vor dem Vergessen bewahrte.
Er nahm die Gedichtsammlung zur Hand und begann,
vielleicht zum hundertsten Mal, darin zu lesen.
Vielleicht könnte er damit seine unruhige Seele ein
wenig besänftigen. Doch die Buchstaben verschwammen
vor seinen Augen, die Landkarten verblassten,
er konnte sich einfach nicht konzentrieren.
Nach langem Nachdenken kam er, auf dem hohen
Eisenbett sitzend, zu der Feststellung, dass der Aufenthalt
an einem Ort wie diesem und unter den gegebenen
Umständen eine große Gefahr für ihn und
seine Familie darstellte. Da es jedoch unmöglich
war, eine endgültige Entscheidung zu treffen,
schien ihm eine weitere unruhige Nacht bevorzustehen.
Die einzige Lösung war ein Zaubertrank
von Um Ibrahim. Er schrie, als würde er aus einem
abgrundtiefen Brunnen um Hilfe rufen: „Bring mir
etwas, damit ich schlafen kann, Um Ibrahim.“ Er
wälzte sich auf seinem Bett hin und her und kam
zu dem Schluss, dass er seine jungen Religionsschüler,
die in wenigen Minuten kommen sollten, wieder
werde entlassen müssen. Er sah sich außerstande
auch nur irgendjemanden - egal wen - zu sehen.
Und gerade heute wollte er keine Suren abhören
und auch keine wiederholen oder vortragen. Und
so murmelte er schließlich vor sich hin, während
ihm die Augen zufielen: „Soll doch Um Ibrahim
diese unangenehme Aufgabe übernehmen.“
Rezension I Buchbestellung I home II11 LYRIKwelt © Alawi Verlag