Der Kameramann
(Leseprobe aus: Opernball,
Roman, 1995, S. Fischer)
Fred ist tot. Die
Franzosen haben ihn nicht beschützt. Als die Menschen vernichtet wurden wie Insekten,
schaute ganz Europa im Fernsehen zu. Fred war unter den Toten. "Gott ist
allmächtig", hatte ich als Kind gehört. Ich stellte mir einen riesigen Daumen vor,
der vom Himmel herabkommt und mich wie eine Ameise zerdrückt. Wenn etwas gefährlich oder
ungewiß war, hatte Red gesagt: "Die Franzosen werden mich beschützen."
Ich saß damals im Regieraum des großen Sendewagens. Vor mir eine Wand von Bildschirmen.
Auf Sendung war gerade die an der Bühnendecke angebrachte Kamera. Plötzlich ging ein
merkwürdiges Zittern und Rütteln durch die Reihen der Tanzenden. Die Musik wurde
kakophonisch, die Instrumente verstummten innerhalb von Sekunden. Ich schaltete auf die
Großaufnahme einer Logenkamera und überflog die Monitore. Die Bilder glichen einander.
Menschen schwanken, stolpern, taumeln, erbrechen. Reißen sich noch einmal hoch, können
das Gleichgewicht nicht halten. Stoßen ein letztes Krächzen aus. Fallen hin wie
Mehlsäcke. Einige schreien kurz, andere länger. Ihre Augen sind weit aufgerissen. Sie
sehen, sie spüren, daß sie ermordet werden. Sie wissen nicht, von wem, sie wissen nicht,
warum. Sie können nicht entkommen. Als es geschah, fand ich Fred nicht auf den
Bildschirmen. Er war der einzige Gedanke, an den ich mich erinnere. Die Aufzeichnung
bewies mir jedoch, daß ich routinemäßig noch ein paar andere Kamerapositionen abgerufen
hatte, bevor mir die Hände versagten. Millionen von Menschen aus ganz Europa schauten den
Besuchern des Wiener Opernballs beim Sterben zu.
Fred wurde erst mein Sohn, als er siebzehn Jahre alt und heroinsüchtig war. Damals begann
ich, um ihn zu kämpfen. Er gewann sein Leben zurück. Er wollte es festhalten. Er war
sich selbst keine Gefahr mehr. Er hatte Tritt gefaßt. Und dann wurde er ermordet. Wir
alle sahen zu und konnten nichts tun.
Um mich herum ein paar Techniker. Einer von ihnen war geistesgegenwärtig genug, mein
Regiepult zu übernehmen. Die bemannten Kameras lieferten bald nur noch Standbilder, auf
denen nacheinander die Bewegungen erstarrten. Stumme Aufnahmen von glitzernden, hohen
Räumen, übersät mit Toten. Fotos von Menschen in Ballkleidern, die bunt durcheinander
in Erbrochenen liegen, umrankt von Tausenden rosa Nelken. -Die drei automatischen Kameras
fingen wieder zu schwenken an. Vergeblich suchten sie nach Anzeichen von Leben. Neben mir
sprach einer französisch. Ich schwankte hinaus in den Lärm. Ich dachte, ich müsse Fred
retten. Draußen herrschte Chaos. lch drängte mich durch die Menge, bis ich in die Nähe
des Operneingangs kam. Da sah ich, daß es nichts gab, was ich für Fred noch hätte tun
können. Als ich in den Sendewagen zurückkam, erfuhr ich, daß Michel Reboisson, der Chef
von ETV, nach mir verlangt hatte.
ETV blieb europaweit auf Sendung. Eine unerträgliche Stille. Nur zwei Kameras waren
ausgefallen. Die anderen lieferten weiter ihr jeweiliges Standbild. Sie wurden in
langsamer Folge auf Sendung geschaltet. Jemand schrie ins Telefon: "Musik, wir
brauchen Musik!"
Wir hatten keine geeignete Aufnahme im Sendewagen. Nach einer Welle wurde vom Studio aus,
wo es in dieser Nicht nur einen technischen Notdienst gab, das Violinkonzert von Johannes
Brahms eingespielt. Der Streit darüber, ob dies die richtige Musik sei, dauerte bis gegen
Ende des zweiten, Satzes. Dann wurde das Violinkonzert unterbrochen. Es gab Durchsagen der
Polizei und der Feuerwehr. Währenddessen wurde Mozarts Requiem gefunden. Wir blieben auf
Sendung. Es dauerte fast eine halbe Stunde, bis die Kameras auf den mit Leichen
verstopften Korridoren der Wiener Staatsoper wieder Leben einfingen - Männer mit
signalroten Schutzanzügen und Gasmasken.
Ich sah den Massenmord auf zwanzig Bildschirmen gleichzeitig. Mein einziger Gedanke: Fred
ist nicht dabei. Ich finde ihn nicht. Er hat eine neue Kassette geholt., Er ist auf die
-Toilette gegangen. Fr hat Kamera fünf seinem Assistenten überlassen, ist rauchen
gegangen. Fred ist starker Raucher. Er ist nicht im Saal. Und doch sehe ich, wie er den
Mund aufreißt, wie er auf die am Boden liegende Frau fällt. Ich sehe seinen leblosen
Körper, das Erbrochene das aus seinem Mund auf das weiße Abendkleid herabrinnt. Ich
sehe, wie es seinen Kopf mit einem Ruck nach hinten reißt, wie er über die
Balkonbrüstung stürzt. Ich sehe, wie sein Gesicht in einem Teller aufschlägt. Ich sehe,
wie sich sein Körper zusammenkrampft. Ich sehe, wie er auf der Feststiege zertrampelt
wird. Ich kann Fred nicht finden.
Nur noch drei Kameras werden bewegt. Kamera fünf zoomt. Das muß sein Assistent sein.
Fred hat -die Situation erkannt und ist fortgelaufen. Fred ist nicht mehr in der Oper. Die
Franzosen haben ihn beschützt. Er wurde draußen auf der Ringstraße gebraucht. Er kennt
sich bei Hebekränen gut aus. Kamera fünf bewegt sich nicht mehr. Sie zeigt eine Loge mit
Toten. Fred, wo bist du? Die letzte Kamera stellt die Bewegung ein. Nur noch starre Bilder
von starren Körpern. Die amplifier der Saalmikrophone zeigen kaum noch Ausschläge. Fred
liegt irgendwo unter den Leichenbergen. (...)
Rezension I Buchbestellung III02 LYRIKwelt © S. Fischer