Das Vaterspiel
(Leseprobe aus:
Das Vaterspiel,
Roman, 2000, S. Fischer)
Mimi rutschte zu mir
herüber und berührte mich mit ihrem Knie. Sie sagte: Heute muss ich dir noch ein paar
Dinge erzählen. Und morgen früh sagst du mir, ob du gleich wieder zurückfliegst oder ob
du bleibst und mir hilfst.
Was ist es?, fragte ich. Und warum diese Geheimniskrämerei?
Mimi sagte auf Deutsch und so laut, dass der Fahrer es hören konnte: Halten Sie bitte an!
Der Fahrer reagierte nicht.
Sie lehnte sich zurück und sagte: Dieses Haus auf Long Island ist nicht leer. Dort lebt
jemand, von dem niemand weiß, dass er noch lebt. Auch ich habe es jahrelang nicht
gewusst. Und diejenigen, die vermuten, dass er noch lebt, wissen nicht, wo er lebt.
Wer ist es?
Mein Großonkel. Der Bruder meiner Großmutter.
Und warum muss er sich verstecken?
Weil er gesucht wird.
Weshalb?
NS-Verbrechen.
Der muss doch ein alter Mann sein.
Sogar sehr alt. Er ist 78.
Und seit wann versteckt er sich?
Seit 32 Jahren.
Seit 32 Jahren?
Ja. Zuerst in der Wohnung, in der wir gerade waren, dann im Haus auf Long Island. Und was
soll ich machen?
Sein Versteck verbessern.
Während dieses Gesprächs war mir, als würde ich in einem Aufzug stecken, der in den
Keller hinabrast. Hilflos drückte ich noch an irgendwelchen Knöpfen herum, ohne
Hoffnung, dass sie den Aufzug zum Halten bringen würden. Dann schlug der Aufzug im Keller
auf. Sein Versteck verbessern. Einem Nazi helfen. Sonst noch etwas? Ich saß in diesem
Taxi und glotzte auf die Hochhäuser hinaus. Mein erster Gedanke war: Da darfst du dich
nicht hineinziehen lassen. Das bist du deiner Herkunft schuldig. Großvater in Dachau,
Enkel hilft seinem Peiniger. Das ist eine zu steile Karriere.
Mach ich nicht, sagte ich. Mit Nazis will ich nichts zu tun haben. Eine Erballergie.
Du musst dich nicht gleich entscheiden, sagte Mimi. Als ich es erfuhr, habe ich nicht
anders reagiert. Es reicht, wenn du mir morgen sagst, ob du mir hilfst.
Was soll morgen anders sein? Nazis können mir gestohlen bleiben.
Morgen glaubst du mir vielleicht, dass der Mann unschuldig ist.
Ein Unschuldiger versteckt sich seit 32 Jahren? Da stimmt doch etwas nicht.
Du hast Recht, da stimmt etwas nicht. Darum versteckt er sich ja.
Rezension I Buchbestellung III02 LYRIKwelt © S.Fischer