Stein bedeutet Liebe von Eveline Hasler, 2007, Nagel+KimcheEveline Hasler

Stein bedeutet Liebe
(Leseprobe aus: Stein bedeutet Liebe, Die leidenschaftliche Begegnung der Schriftstellerin Regina Ullmann und des Psychiaters Otto Gross zur Zeit der erotischen Revolution in München 1907, Roman, 2007, Nagel & Kimche)

Es ging gegen halb zwölf. Wie immer drängte Mutter Ullmann noch
vor Mitternacht zum Aufbruch, für gewöhnlich nahmen sie an der
Amalienstraße eine Droschke, denn um diese Zeit waren die
Seitengassen in Schwabing voller Strichmädchen und Angetrunkener.
Die beiden Frauen wollten sich gerade erheben und nach ihren
Mänteln schauen, da sahen sie Else Jaffé auf ihren Tisch zukommen
in Begleitung eines sportlich gebräunten jungen Mannes, das glatte
blonde Haar, zu kurzen Strähnen geschnitten, fiel ihm in die Stirn.
«Darf ich vorstellen», sagte die Jaffé, zu Mutter Ullmann gewandt,
«das ist Dr. Gross.»
«Erfreut, Sie kennenzulernen, gnädige Frau», sagte der Arzt. «Else
hat mir von Ihnen erzählt.» Er griff nach ihrer wohlgepolsterten Hand
und deutete einen Handkuss an.
Frau Ullmann hatte mit Wohlgefallen den schleppenden Tonfall in
seiner Sprache bemerkt, er erinnerte sie an ihren aus Vorarlberg
stammenden verstorbenen Mann.
«Sind Sie Österreicher?»
«Ja. Aus Graz.»
«Ach, was für eine reizvoll gelegene Stadt!»
Er lächelte, als fühle er sich durch das Lob der alten Dame
geschmeichelt. «Und Sie, gnädige Frau? Mir kommt es so vor, als sei
da auch etwas Alpines in Ihrer Aussprache?»
«Ich habe lange in der Schweiz gelebt, doch ursprünglich bin ich
Süddeutsche.»
«Sehr sympathisch.» Er schob mit einer Handbewegung eine blonde
Strähne aus der Stirn. Nun, da er seine Schuldigkeit der Mutter
gegenüber getan hatte, konnte er sich der Tochter zuwenden. Das
schien ihn verlegen zu machen, er ruckte ein bisschen mit dem
schmalen Kopf, sagte dann: «Ich höre, Sie sind eine angehende
Schriftstellerin?»
«Ach ja», murmelte sie zögernd.
Else Jaffé schaltete sich ein. Sie wiederholte, wie sehr sie die
gelesenen Texte beeindruckt hätten, und fügte bei: «Schön, dass man
Sie wieder im Stefanie sieht! Ihre Frau Mutter hat mir gesagt, dass es
Ihnen nicht gut ging, Sie hatten Herz beschwerden und Kopfweh?»
Rega winkte verlegen ab. «Ach, es geht schon besser.»
«Nun, Sie sollten solche Beschwerden ernst nehmen», sagte die Jaffé.
«Wollen Sie denn nicht einen Arzt konsultieren? Hier – ich kann Dr.
Gross wärmstens empfehlen!»
Die Mutter nickte zustimmend. «Ich habe Regina vergeblich zu
einem Arztbesuch bewegen wollen. In letzter Zeit konnte sie nur
sitzend einschlafen, das Herzstechen, wissen Sie …»
Der Arzt nickte. Er wandte sich wieder an Rega. «Falls Sie sich
entschließen können, Fräulein – hier, meine Adresse. Kommen Sie
am späteren Nachmittag zur Türkenstraße. Wenn ich beifügen darf:
Für Stefanie-Gäste ist das Honorar bescheiden.»
Rega nahm die Visitenkarte entgegen. Wieder geriet sie in ihre
Wortöde. Sie blickte verschüchtert, blieb stumm.
Um die Verlegenheit zu überbrücken, sagte Frau Ullmann: «Wie
sonnengebräunt Sie sind, Dr. Gross! So braun sind doch nur die
Skilehrer im Tirol?»
Der Psychiater lachte herzhaft. Er habe im Herbst noch einmal eine
Badekur in Dalmatien gemacht. Er suche die Wärme.

Rezension I Buchbestellung IV07 LYRIKwelt © Nagel & Kimche