Das schwarze Ei
(Leseprobe aus: Das schwarze Ei, Roman,
2006, Hanser)
»Jetzt schon?«
Die junge Frau, die ihn beim Empfang abholte, sah ihn an. Er blickte zur Uhr,
noch fünf Minuten. Zehn, lächelte sie, und zehn Minuten seien hier wie
woanders eine halbe Stunde.
»Kommen Sie, wir fahrn aufs Dach, von dort hat man die beste Übersicht.«
Er, der gläserne Aufzug setzte sich in Bewegung, griff nach der Haltestange.
Lächelte die Sekretärin? Er ließ los. Die Menschen am Boden der riesigen
Lobby verkleinerten sich. Um sich wenigstens mit den Augen festzuhalten, blickte
er auf das Messingschild mit den Knöpfen.
»Herzlich willkommen in der Bundesgeschäftsstelle! Schon bei der Planung des
Gebäudes wurde auf eine ökologische Ausrichtung des Baus geachtet. Hier ist
insbesondere auf den Wintergarten zu verweisen, der auch den charakteristischen
Stil des Gebäudes prägt. Im Sommer Wärmeschutz, im Winter Wärmegewinn, so
läßt sich der Einsatz von Primärenergie für Heizung und Klimaanlage –
Herzlich willkommen in – Herzlich – Herz – He – He – He –«
»Tanzen Sie gern?« fragte sie und drückte immer wieder den Knopf mit der
Aufschrift »Infos«.
Sie schloß, he, he, dabei die Augen, und ihr Kopf, he, he, bewegte sich im
Rhythmus der Stimme aus dem Lautsprecher. Auf ihrer Bluse, links, wo –
»Ein Skorpion«, sagte sie und öffnete die Augen. »Wollen Sie ihn anfassen?«
Er schüttelte den Kopf. Die Frau schien wenig Hemmungen zu haben. Sie streckte,
seine Augen hatten die Brosche längst verlassen, absichtlich die Brust heraus.
Bloß, dachte er und schaute in die Scheibe, ein Zeichen von Lebensfreude? War
sie verliebt? In wen? Standen, in dem Glas erkannte er den Umriß seines Kopfes,
ihm nicht wieder Haare ab? Sie jetzt, das würde sie bemerken, glatt streichen?
Also lieber, sah er nach unten, nicht. Dort, klein, aber zielstrebig,
durchquerte eine Gruppe von Männern die Lobby.
»Und? Glauben Sie, Sie werden die Stelle bekommen?«
Er zuckte mit den Schultern. Doch dann, aus Furcht, zu lässig zu erscheinen,
sprang sein Blick zurück:
»Ist es schwer?«
»Schwer?« lachte sie, als habe er einen Witz erzählt. »Bei dreihundert
Bewerbern?«
Das Messingschild mit den Knöpfen – hätte er jetzt die Augen geschlossen,
wäre er umgefallen. Mit einem sanften Stoß kam der Aufzug oben an. Von hier
sahen die Menschen unten in der Lobby aus, als bewegten sie sich nach einem
wichtigen Geheimplan. Wie war es der Sekretärin gelungen, hier arbeiten zu
dürfen?
»Jetzt«, fragte er leise, während sie voranging, »noch? Dreihundert?«
Ihr Gang verriet, daß sie noch immer irgendeinen musikalischen Rhythmus im Kopf
hatte. Dreihundert, immer noch – hatte sie seine Frage nicht verstanden? Warum
antwortete sie nicht? Mit dem Hammer! Sie, sah er, von hinten, auf ihre Haare,
mit einem einzigen, wütenden Schlag, der, das Schädeldach durchbrechend, die
breiige Masse zerspritzen ließe, zwingen. Jetzt, hier, in dem schmalen, noch
weißen Gang. Doch ihre stöckelnden Schritte, immer noch, klangen wie Hohn,
eine kleine Treppe, und sie standen im Freien.
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