|
|
Brief an Klaus
Gysi und Irene Lessing (Auszug)
(Leseprobe aus: Unter der Tarnkappe-Felix
Hartlaub, Eine Biographie, 2005, Transit-Verlag,
Hrsg. von Monika Marose)
Wilhelmshaven, 14. September 1939
Liegen „am A... der Welt“, in einer trostlosen Gegend, wo riesige
Bauvorhaben der Vorkriegszeit sich mühsam weiterfristen. Ein riesiger Bagger
jammert tagaus tagein, und auch Nachts, unmittelbar vor unserer Tür. Unsere
Nachbarn unglückliche junge Marine-Artilleristen, die recht ausgiebig an ihren
Geschützen gedrillt werden. Die obligaten blöden Möwen - Mäuse ziehen sich
winterlich nach den menschlichen Siedlungen hin zusammen -, Gestank nach toten
Fischen, und am Horizont mit Kränen und Masten die Stadt, sonst nichts. In die
Stadt kommen wir so gut wie nie, es ist zu weit. Nachts Mond, Wind und
Stahlregen von Flaksplittern. Einige wenig überzeugende Bombentrichter gibt es
hier auch in der Nähe. Schlimm ist der Sender Bremen, der uns nach unserer
Belieferung mit Volksempfänger Tag und Nacht in den Ohren liegt; zum Glück
meist auf englisch und holländisch, was hier leider nicht gesprochen wird. Im
Augenblick macht sich der Krematoriumsdirektor, unser Chef, Bratkartoffeln, die
herrlich schmecken, Willi (von Silberstein) liest mit gerunzelter Stirn das Buch
„Eine Armee meutert“ von Ellinghofer (über die französischen Meutereien im
Weltkrieg nach der Nivelle-Offensive) und ich häufele um mich die Fundamente
eines neuen Zettelkastens, Ausdruck der wachsenden Torschlusspanik, in der ich
mich in Bezug auf meine eigene Produktion befinde.
Das Bier, das wir vor uns haben, rührt von einer der vielen
verlorenen Wetten über den Termin des Kriegsendes her. Heute nacht kommen die
Urlauber zurück, darunter zwei grosse Maulerotiker, so dass es mit der Ruhe
hier weitgehend zu Ende sein wird. - Völlig unwahrscheinlich, wie harmlos, fast
idyllisch wir es hier wieder mal getroffen haben. Merkwürdig auf Eis gelegt,
unwirklich suspendiert kommt man sich vor, aufgespart wofür? Während der
Nachtwachen ergehe ich mich in krampfhaftem Plänemachen für eine ev.
Wiederaufnahme der zivilen Existenz, ohne dabei Festland zu gewinnen. Die
Jahreszahl des Geburtstags, den ich neulich wieder durchmachen musste, hat
bereits einen gewissen krassen Klang von allerhöchster Eisenbahn. - Von der
Weltgeschichte strebe ich mit allen Fasern weg, habe das immer penetrantere Gefühl,
dass dabei das Meiste nicht stimmt. Die Völker und Menschen sind nicht dabei
und darin, obwohl sie die Heere stellen.
Rezension I Buchbestellung I home III06 LYRIKwelt © Transit-Verlag