Julius Hart

An die deutsche Poesie

Kranzumwundenen Haars
Träumtest genug du im duftenden Frühlingswald
An der epheuumhangenen Quelle,
Wo dir schattet der Buche Geäst.
Lange genug hast du in schlafender Nacht,

Im Schmuck des traumberauschenden Mohnes,
Sinnenden Auges beim weißen Mondschein,
Müde und krank mit fiebernder Stirne
Des schweren, schweren Menschenleidens,
All ungelöster Räthsel gedacht.

Hat dich der leuchtende Wein noch nicht gesättigt,
Den unter traubendurchglüthem Rebengehäng
In randgefüllten Schaalen dir reichen
Deine Dichter, vermummt in weichen
Glänzenden Perserkleidern,

Die Loden umkränzt
Von griechischen Rosen.
Raffe dich, Göttin, empor
Aus berauschendem Schlafe und üppigen Träumen,
Glänzend steigt die Sonne auf,

Jauchzend kommt der wolkengetragene Tag,
Und in krachendem Sturm zerbrechen
Die alten Welten, die Städte vergehen,
Die schimmernden Marmorhallen und die
Himmelaufsteigenden, hochgeschmückten

Dächer und Dome.
Reiße vom Haupte den Rosenkranz,
Und ins fließende Haar drücke den wuchtigen Helm,
Lege die blitzende Brünne an,
Greife zum schneidig schlagenden Schwerte,

Und stahlblauen Auges trete
Auf den dampfendheißen Schlachtplatz,
Trage das leuchtend weiße Banner,
Das der Zukunft weht und den kommenden Tagen,
Unter die trotzigen Feinde des Lichts.

Stehe du mächtig wieder da,
Wie dich einst die Väter sahen,
Als du voranschrittst dröhnenden Fußes
Hermann's wetterstürmenden Schlachtkolonnen,
Einst mit mächtig pochendem Finger

Schlugst an das Thor des stürzenden Römerreiches,
Und, vom weißen Alraunenmantel umweht,
Auf hufschlagendem Roß über die Wahlstatt flogst,
Ueber rothwolkige, rauchende Felder,
Und die krachende Axt schlugst an den dröhnenden Schild.

Als auf hochbordigen Schiffen du fuhrst
Ueber die See zum heiligen Lande
Und in brennendem Wüstensand,
Wie ein sprudelnder Quell lauteren Wassers
Labtest den heimaths- und wundenkranken Pilger,

Da auf hautgesatteltem Zelter du jagtest
Ueber den wirbelnden Sand
Und mit schmetterndem Horne riefest
Jauchzend zum schildzerbrechenden Kampfe.
Mächtig zeig' dich auch uns,

Wie die Väter einst dich sahen,
Schreite ein lichtgeborner Apostel
Wegebahnend und pfadbereitend
Voran der menschenerlösenden Zukunft.
Gehe mit rollendem Trommelklang,

Mit dem schmetternden Feuerhorn
Durch den dämmerungs grauenden Morgen,
Schlage mit mächtig pochendem Schwertknopf
An die Thüren und an die Fenster.
"Die Stunde ist da, die Stunde ist da,
Jetzt ist nicht Zeit zum müden Schlafe,
Wachet und streitet in heiligem Kampf".

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