Ein bett aus Schnee von Roswitha Haring, 2003, Ammann

Roswitha Haring

Ein Bett aus Schnee
(aus: Ein Bett aus Schnee, Novelle, 2003, Ammann)

Der Vater von einem Mädchen gegenüber hat einmal ein Iglu rechts neben der Klopfstange gebaut. Das Iglu wuchs wie ein Maulwurfhaufen, weiss und riesig. Mit dem Mädchen habe ich sonst nicht gespielt, es war einige Jahre jünger als ich, aber als ihr Vater das Iglu baute, blieb ich stehen und sah zu. Auch das Mädchen beobachtete seinen Vater. Er schichtete die Schneeblöcke aufeinander und lächelte seiner Tochter einige Male zu, als ob die beiden ein Geheimnis miteinander hätten. Das Mädchen wartete, wie das Iglu immer grösser und grösser wurde, und ich dachte, irgendwann wird die Mutter kommen oder aus dem Fenster sehen und etwas rufen. Aber der Hof blieb still, so still wie Sonntage im Winter mit Schnee sein kšnnen. Man hört nicht einmal die Autos, sie rollen wie mit Mullbinden umwickelt über den angegilbten, eitrig aussehenden Schnee. Die Mutter kam nicht herunter. Ich wollte das Mädchen fragen, ob sie krank oder tot oder für immer fortgezogen sei, aber da keiner von beiden mich ein einziges Mal beachtete, traute ich mir die Frage nicht zu. Das Iglu wuchs. Ich habe gesehen, wie man ein Iglu baut. Wenn mein Vater eines bauen wollte, könnten wir es zusammen machen. Aber mein Vater schläft sonntags auf dem Sofa, und ausserdem fällt schon seit Jahren kein Schnee mehr in der Stadt. Als das Iglu fertig war, krochen die beiden durch den viel zu kleinen, an der Erde klebenden Eingang. Der Vater schaute noch mal heraus und sagte, es passen nur zwei hinein. Ich wartete, weil ich dachte, dass sie mich nach einer Weile vielleicht doch hereinliessen. Aber sie verschwanden in dem Iglu und kamen nicht mehr heraus. Ich hörte nichts, kein Wort, kein Flüstern, kein Lachen. Als meine Füsse starr wie Eis waren, stapfte ich nach Hause. Eine meiner Schwestern schob mir einen Stuhl an den Ofen und sagte, es gibt Bockwurst zum Abendbrot. Ich hielt meine Fusssohlen an die heissen Kacheln, und meine Schwester schloss die Wohnzimmertür. Sie ging zurück in die Küche, wo ich sie mit meiner Mutter und meiner anderen Schwester unentwegt und laut reden hörte.

Im Winter ist die Stadt nass, schwarz und laut. Ein Bausteinkasten aus Lärm. Der Verkehr stürzt unentwegt durch den Matsch. Im Gebirge ist es still, weiss, hügelig und immer still. Ich fahre in diesen Winterferien zu dem Bruder meiner Mutter ins Gebirge. Dort fällt immer Schnee, hat meine Mutter gesagt, und dass das schön sei. Sonntag morgen fährt ein Bus in der Stadt ab und kehrt am Abend mit denselben Leuten wieder zurück. Die Leute stellen ihre Skier in einen Metallkorb, der aussen am Heck des Busses angebracht ist, ziehen ihre bunten Jacken aus und setzen sich zu zweit in die Reihen. Manchmal sitzen zwei Bekannte hinter oder vor ihnen, dann sind sie zu viert. Sie reden fortwährend, über die Abfahrtswege, über Restaurants, über zufällige Begegnungen auf der Piste. Der Bus biegt auf die Landstrasse ab und fährt durch Flachland. Schornsteine, Rohre, Türme, Gittertreppen und nochmals Schornsteine stehen an den Seiten, rauchen, rosten, und ihr Geruch zieht durch die Ritzen und am Motor vorbei in den Bus hinein. Irgendwann kommen wieder Städte, kleinere, dann Felder, Strommasten, Siedlungen, Wintergrün, Hügel, es wird langsam weiss und still. Die Strassen sind leer, die Bushaltestellen sind leer, es gibt keine Geschäfte, nur Schneewälle so hoch wie Deiche. Manchmal klafft eine Lücke, eine Nebenstrasse schiesst die Anhöhe hinauf, als ob sie fliehen wolle. Sie schafft den Anstieg nicht und sackt in mehreren dünnen Pfaden zu den Hauseingängen zurück. Die Wohnhäuser haben Übergewicht. Überhängende Dächer liegen zu Hälften geknickt auf ihnen drauf, als ob man sie damit festhalten will. Es gibt Hügel und Weiss bis zum Himmel hinauf, nur Natur mit ein paar Häusern darin.
Meine Mutter sagte, rede mit dem Busfahrer und sage ihm, dass du früher aussteigst. Und wenn er nicht hält, fragte ich sie. Dann musst du den Linienbus nehmen und die fünf Kilometer wieder zurückfahren. Und wo fährt der Bus ab? Das siehst du dann schon, sagte sie. Ich steige ein und sage dem Fahrer mein Ziel, er blickt an die Frontscheibe, nickt mir zu und blickt weiter in das Glas. Ich setze mich auf einen Fensterplatz. Ich habe Skier mit, aus Holz, vom Nachbarn geborgt. Er hat gesagt, wenn man die richtig wachst, fahren die wie neue, und mir eine Büchse mit harter brauner Paste dazugegeben.
Wenn meine Mutter im Fernsehen oder im Radio Lieder aus ihrer Heimat hšrt, singt sie mit und sagt, wenn die Gruppe vorgestellt wird, ach, dort wohnt mein Cousin soundso, dort liegt meine Tante soundso begraben, und im Nachbardorf, auf der anderen Seite des Berges, war der Milchbauer. Meine Mutter spricht dann in ihrem Dialekt, den sie als Kind noch viel stärker gesprochen haben muss. Die Wörter werden in den Wangen eingequetscht und an einem unendlich langen Gummifaden wieder herausgeholt. Es klingt freundlich, melodiös, aber die Verwandten meiner Mutter sehen mich sofort verwundert und lächelnd an, wenn ich einen Satz nicht verstehe und nachfrage. Sie wiederholen einfach nur die Wörter und sagen immer wieder, das kennst du nicht?, und lachen noch mal.
Im Gebirge gibt es andere Freizeitbeschäftigungen als in der Stadt. Die Frauen treffen sich in einem Raum, der manchmal der Kirche gehšrt, und machen dort gemeinsam Handarbeiten. Die Männer arbeiten immer hart und haben schmutzige Hände.

Rezension I Buchbestellung I home II04 LYRIKwelt © Ammann