Das Loch im Brot von Iris Hanika, 2003, SuhrkampIris Hanika

27.1.2001
(Leseprobe aus: Das Loch im Brot, Chronik, 2003, Edition Suhrkamp).

[27.1.2001] Den einen hält vom Selbstmord ab, daß er vorher gründlich aufräumen wollte, damit sich die anderen nach seinem Tod nicht über ihn ärgern, wenn sie gezwungen sind, seine Unordnung aufzulösen. Den anderen hält vom Selbstmord ab, daß er nicht weiß, wie er sich eine Waffe besorgen könnte; und in Amerika, wo das leichter wäre, möchte er sich nicht umbringen, sondern schon daheim. Wieder jemand anderen hält vom Selbstmord ab, daß er sich eine so brutale Methode dafür ausgedacht hat, daß er schon extrem verzweifelt sein müßte, um so viel Gewalt gegen sich selbst anzuwenden.

Alle eint, daß sie sich eigentlich nicht umbringen, sondern daß sie tot sein wollen. Das wollen sie auch nicht permanent, nur sehr oft; an manchen Tagen dreimal am Tag, manchmal nur zweimal in der Woche, manchmal den ganzen lieben langen Tag lang. Was sie weiter eint, ist, daß der Gedanke an den Tod stets wie der vernünftigste erscheint (was er ja auch ist) und stets der erste ist. „Dann bringe ich mich eben um“, ist an entsprechenden Tagen immer die erste Reaktion, ob einen nun ein nahestehender Mensch gekränkt hat oder einem auf der Straße einer blöd gekommen ist.

Michel Houellebecq sage, so höre ich in einer Radiosendung, Pflichtgefühl sei gut gegen Selbstmord. Wenn eine andere Existenz von der eigenen abhänge, wenn man also ein Kind oder einen Hund habe, dann bringe man sich nicht um. Aus Pflichtgefühl. Sehr blöd gedacht: Ein solcher Gedanke ist viel zu abstrakt, als daß er einen vom Selbstmord abhalten könnte.

Michel Houellebecq! Was weiß der schon!

In der Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz aber ereignete sich folgendes: Das Haus war proppenvoll, denn angekündigt war Michel Houellebecq als Musiker oder als Rezitator seiner Gedichte zu Musikbegleitung, das weiß ich nicht mehr genau. Außer ihm traten noch viele andere Leute auf und diskutierten über dieses und jenes, ich war nicht dort, ich habe nur das Programm gelesen. Den Rest hat mir einer erzählt, der dort war.

Keiner wollte hören, worüber die anderen diskutierten, alle warteten auf Michel Houellebecq, der in Deutschland meistens „Hullebeck“ ausgesprochen wird. Hullebeck kam aber nicht, und das war keine Starallüre, sondern er steckte im Stau fest, wofür er sich bei der nächsten Veranstaltung in Berlin drei Tage später sehr entschuldigte. Sein Agent hatte ihn an einem Freitagnachmittag mit dem Auto von München nach Berlin geschickt und für diese Fahrt fünf Stunden eingeplant. Das war nicht zu schaffen. Houellebecq rief regelmäßig an und teilte seinen Standort mit. Nachts um zwei schließlich sah das Publikum ein, daß der Star wirklich nicht erscheinen würde. Auf der Bühne war genug diskutiert worden. Bevor die Leute jedoch nach Hause gingen, brachen sie in einen Sprechchor aus. Sie riefen: „Hu-Hu-Hullebeck! Hu-Hu-Hullebeck!“

Der mir das erzählte und ich, wir starrten uns erstaunt an, als er mir das erzählte, denn uns beiden, ihm wie mir, wurde in diesem Moment gleichzeitig klar, woran dieser Chor anknüpfte und daß hier eine Bewegung zu ihrem Abschluß gekommen war. Oder hatte sich ein Kreis geschlossen? Hullebeck, genau.

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