Alles beginnt mit Abraham, 2001, ZsolnayMarek Halter

aus: Alles beginnt mit Abraham

Wie kommt es, daß das Judentum und die Juden über die Jahrhunderte hinweg soviel Aufmerksamkeit auf sich gezogen haben? Warum geben sie auch heute noch so viele Fragen auf?
Ich war in der Tat schon öfters versucht, zu erklären, was das Judentum für mich bedeutet und warum ich es zu einem wesentlichen Pfeiler meiner Existenz erwählt habe. Ich habe dies in meinen früheren Büchern wiederholt und ansatzweise versucht. Da ich allerdings weder Historiker noch Philosoph bin, habe ich in all diesen Büchern nicht das Judentum erzählt, sondern Geschichten über Juden.
Heute nun, und vielleicht auch aufgrund der Zeit, die inzwischen vergangen ist, hat sich mein Wunsch konkretisiert. Das Bild eines Menschen, der an seine Kinder und Kindeskinder das Wissen und die Erfahrungen weitergibt, die er sammeln konnte, der aber auch gesteht, welche Grenzen ihm gesetzt waren, dieses Bild hat mich schon immer fasziniert. Das ist gewiß eine patriarchalische Szene, die zweifellos voller Nostalgie steckt und heutzutage auch ziemlich überholt ist. Aber dennoch: Ich erliege ihrem Reiz nicht ohne ein gewisses Vergnügen. Ist nicht das Judentum, unter anderem, gerade auch eine Sache der Weitergabe, der Überlieferung, eine Sache der Worte, die man austauscht, die man überliefert, die man gibt und empfängt?
Das Ganze hat allerdings einen Haken: Ich habe keine Kinder.
Wem könnte ich dann meine Wahl erklären?
So kam mir die Idee, mich an Euch zu wenden, Frédéric, Julien und Antonin, an Euch, meine Patenkinder. Und dies aus zwei Gründen.
Zunächst einmal deswegen, weil Eure schelmischen Blicke mir oft gesagt haben, daß ich nicht gerade ein mustergültiger Pate bin! Mein Schweigen und meine Zerstreutheit waren kaum der emotionalen Rolle würdig, die ich bereitwillig übernommen hatte. Eine symbolische Rolle zwar, die aber in früheren Zeiten, als das einzelne Leben an noch viel ungewisseren und dünneren Fäden hing als heute, durchaus Ernst und auch Pflichten beinhaltete.
Zum zweiten aber wende ich mich deshalb an Euch, weil einer von Euch kein Jude ist und die anderen beiden es nur zur Hälfte sind - aber wer weiß, im Herzen vielleicht mehr.
Immer schon habe ich nichts lieber getan, als mich an Menschen zu wenden, die "anders" sind und aus Quellen schöpfen, die außerhalb meiner eigenen Welt liegen. Das ist für mich bereits eine Art und Weise,
in das Wesen des Judentums einzudringen. Die Hebräer wurden ursprünglich 'ivrim genannt, was soviel bedeutet wie "die, die hinübergehen", oder was man auch im Sinne von "die, die etwas hinüberbringen oder übermitteln" lesen kann.* Mein ganzes Leben lang habe ich mich bemüht, diese Aufgabe zu übernehmen. Meine ganze Freude und meine Arbeit könnte man wie folgt zusammenfassen: Gedanken, Erinnerungen, Reflexionen, gegenseitige Achtung und Frieden unter Menschen zu bringen, die in der Lage sind, sich von den engen Grenzen zu befreien, an die wir uns allzu oft klammern.

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