Das verborgene Wort von Ulla Hahn, 2001, DVAUlla Hahn

Das verborgene Wort
(Leseprobe aus: Das verborgene Wort, 2001, Roman, DVA)

Lommer jonn, sagte der Großvater, laßt uns gehen, griff in die Luft und rieb sie zwischen den Fingern. War sie schon dick genug zum Säen, dünn genug zum Ernten? Lommer jonn. Ich hing mir mein Weidenkörbchen über den Arm und rief den Bruder aus dem Sandkasten. Mit dem Großvater ging es an den Rhein, ans Wasser. Sonntags mit den Eltern blieben wir auf dem Damm, dem Weg aus festgewalzter Schlacke. Zeigten Selbstgestricktes aus der Wolle unserer beiden Schafe und gingen bei Fuß. Mit dem Großvater liefen wir weiter, hinunter, dorthin, wo das Verbotene begann, und niemand schrie: Paß op de Schoh op! Paß op de Strömp op! Paß op! Paß op! Niemand, der das Schilfrohr prüfte für ein Stöckchen hinter der Uhr.
Vom Westen wehte ein feuchter, lauer Wind. Der Rhein roch nach Fisch und Metall, Seifenlauge und Laich, und das Tuten der Schleppkähne, bevor sie an der Raffinerie in die Kurve gingen, war schon jenseits des Dammes in den Feldern und Weiden zu hören.
Ich riß mich los von der Hand des Großvaters, rannte vorwärts, zurück, ergriff seine Hand, ließ sie fahren und hielt sie wieder, fiel hin und stieß mir das Knie, schrie, Freudenschreie, aufsässig und wild. In einem weiten Bogen führte ein Pfad die Böschung hinab durch sumpfige Wiesen, durchs Schilf ans Ufer aus Sand und Kies.
Großvater ging voran, dicht am Wasser entlang. Flache Wellen füllten die Mulden, die sein Klumpfuß im nassen Sand hinterließ, winzige Teiche, eine blinkende, blitzende Spur, wie nur er sie schaffen konnte.
Wo im seichten Wasser am Ufer die Algen schwangen, zeigte er uns den Bart des Wassermannes, ein gewaltiges grünes Gestrüpp, das nichts von seinem Gesicht erkennen ließ und von der Piwipp, einem Bootshaus am gegenüberliegenden Ufer, bis zur Rhenania reichte. Sprang ein Frosch hoch, sagte der Großvater Prosit! und wir riefen Hatschi! Der Riese hatte geniest.
Hürt ihr de Welle? fragte der Großvater und legte den rechten Mittelfinger auf den Mund. Den Zeigefinger hatte er als junger Mann in der Maggifabrik verloren, noch bevor er aus der Schweiz ins Rheinland gewandert war.
Wir hörten die Wellen und gaben Antwort, sprachen die Wellensprache; doch niemals so gut wie der Großvater, den keine Zähne mehr störten, der schlpp machte, schlpp wie die Wellen. Schlpp, schlpp, das hieß Ja, wenn die Welle die Kiesel am Ufer überströmte, Nein, wenn sie sich zurückzog. Ja und Nein; Ja und Nein. Der Rhein wußte Bescheid. Beides gehörte zusammen. Fragte man im richtigen Augenblick, bekam man die richtige Antwort.
Ganz wie die Menschen sprach der Rhein. Milde, wenn der Wind ihn nur leicht bewegte, herrisch und aufbrausend, wenn die Schleppkähne, bergehoch mit Kohle beladen, stromaufwärts tuckerten und ihre Wellen die verbotenen schwarzen Steinhaufen überspülten. Böse Riesen hätten die Haufen zusammengeworfen, um den Rhein aus seiner Bahn zu bringen. Aber die Kribben hielten den Rhein in seinem Bett, tobte er auch so zornig dagegen wie zu Hause der Vater.
Lieber hörte ich auf den Wind in den Bäumen. Kein Baum rauschte wie der andere. Sie sprachen anders zu allen Jahreszeiten, und im Winter verstummten sie beinah ganz. Sichtbar brachte der Wind Schilf und Pappeln zum Reden, die auf seinen geringsten Anstoß antworteten, als wollten sie ihm folgen. Lurt ens, sagte der Großvater, schaut mal, wenn im Frühjahr der Pappelsamen flog, do wandere de Bööm.
Wir sammelten flache Steine, nicht dicker als eine Graubrotscheibe, von der Großmutter geschnitten. Wenn der Großvater in die Knie ging und sie aus einer Drehung des Oberkörpers heraus übers Wasser schickte, war jede Berührung von Strom und Stein Station auf seiner Reise. Einmal, zweimal, dreimal Kiesberg, Holtschlößchen, Großenfeld; Endstation der Elektrischen, die halbstündlich hinter unserem Garten in den Gleisen quietschte. Wollten wir weiterreisen, mußten wir weiterzählen. Fünfmal ging es nach Rüpprich zum falschen Großvater, dem Stiefvater des Vaters, siebenmal war Schloß Burg. Zehnmal war Kölle. Ließ der Großvater einmal wie aus Versehen einen Stein, Plumps! versinken, schrien wir Düsseldörp! Eine glatte Null.
Bei unserer Weide sammelten wir Steine fürs Ritterspiel. Nie machten wir den ersten Ausflug im Jahr zu den Weiden, bevor wir nicht unter den größten und schönsten Busch, unter unsere Weide, die Großvaterweide, kriechen konnten und die Zweige über uns zusammenrauschten.
Kleine, runde Steine brauchten wir zuerst, Zwerge und Diener. Sie mußten mich zu Kaisern und Königen, Prinzessinnen und Feen, den Bruder auf die Spuren finsterer Räuber und kühner Ritter führen. War ein grauer Spitzling ein Räuberhauptmann oder doch ein Kunibert, ein Ritter? Hexen waren rauh und bucklig, Feen warm und glatt. Die Königsbraut, weiß, seidig und eiförmig, wurde mit Erde eingerieben; grau und unscheinbar getarnt, hatte sie unter tiefhängenden Weidenzweigen ihrer Erlösung zu harren. Die kam mit dem König, dem sonderbarsten und dicksten Stein, einem Kaiser, wenn er durchlöchert war. In einer Weidenkutsche machte er sich auf die Suche nach einer Frau. Einmal um die Weide, wo der Großvater auf seinem Taschentuch saß, ging der Weg in die weite Welt, gefährlich bevölkert von düsteren Räubern, die wir gemeinsam mit Ritter-Kuniberten einen nach dem andern in den Sand streckten.
Versteckte der Großvater die Königsbraut, vermuteten wir böse Mächte, bis er den Zauberstein aus seiner Westentasche zog und in die Sonne hielt, ein dunkellila Strahlenbündel, prächtiger als der Kranz der Maria im Kapellchen, das Auge Gottes in der Kirche, und ebenso allwissend. Immer blitzte der herrliche Stein dorthin, wo die Königin ihrer Entdeckung harrte. Frohgemut fuhr der Erlöser vor, lud die mit Erde Beschmierte auf und spülte sie hochzeitlich sauber in den Wellen des Rheins.

Im Schloß unter der Weide spielten wir mit unseren Schilfrohrflöten zum Hochzeitsschmaus auf. Jedesmal tat der Großvater, als sei sie verschwunden, bis er sie schließlich aus dem Hemdkragen, dem Schuh, dem Ohr hervorzog oder einfach aus dem Ärmel schüttelte, seine Hohners-Mundharmonika. Ein Bienenschwarm brauste von seinen Lippen, der Großvater nickte uns zu, stampfte den Takt mit seinem gesunden Bein, und »Fuchs, du hast die Gans gestohlen«, »Hänsjen klein«, »Komm lieber Mai« schwang der König die Königin im Kreis. »Die Steine selbst, so schwer sie sind«, sangen wir und schickten die entzauberten Ritter, Könige und Zwerge auf Wanderschaft ins Wasser.
Nach einer Weile zauberte der Großvater seine Mundharmonika wieder weg und hexte Hasenbrote hervor. Köstliches Graubrot mit Rübenkraut oder Holländerkäse. Jede Scheibe einzeln wollte er den Hasen abgejagt haben. Von der Großmutter kam nur das Pergamentpapier. Das mußte man falten und wieder mit nach Hause bringen. War das Brot vom bösen Hasen, wollten wir wissen, dem mit den grausigen Zähnen und Ohren, so lang, daß er sie am Hinterkopf verknoten mußte, um beim Hakenschlagen nicht draufzutreten. Immer war es dem Großvater am Ende gelungen, den Hasen hereinzulegen, sei es, daß er sich ein grünes Taschentuch über den Kopf gelegt und der Hase ihn für einen frischen Kohlkopf gehalten hatte, sei es, daß es ihm geglückt war, dem Hasen Salz auf den Schwanz zu streuen. Jedesmal zog der Großvater sein Taschentuch oder ein Backpulvertütchen mit Salz hervor, seine Waffen, Beweis für Jagd und Beute.
Nach dem Essen nahm der Großvater mich in seinen rechten Arm, den Bruder zwischen die Knie, und wir gingen auf Reisen zur alten Kopfweide zwischen Pappeln und Erlengestrüpp, ein paar Meter von uns entfernt.
Nur dä Stamm, sagte der Großvater. Ich heftete meine Augen auf das rissige Anthrazit, die gekrümmte, schrundige Borke, die matt glänzenden, unregelmäßig gekerbten Rechtecke der Rinde, ihre Vertiefungen, holzigen Rinnsale, grün, wo der Wind das alte Holz feucht verfärbt hatte. Meine Augen öffneten die Weide, öffneten sich für die Weide, Weide wurde zu Augen, die Augen zu Weide, Augenweide. Stark und spielerisch, frei und beharrlich genoß ich jede Bewegung der Pupillen, vor und zurück, auf und nieder, Kreise und Winkel von dunklen und hellen Flecken, schwebend im Raum und tief in die Dinge getaucht. Wie viele Seiten hatte ein jedes Ding? So viele, wie wir Blicke für sie haben, sagte der Großvater.
Regungslos lagen wir auf dem Rücken im Sand, wenn der Großvater befahl, die Augen zu schließen und die Ohren auszustrecken. An geschmeidigen Röhren fuhr ich meine Ohren in die Landschaft hinaus, näherte mich dem Erdboden, den zirpenden Grillen, ein betäubender Lärm, suchte nach stillen Fleckchen im Gras, hörte das beharrliche Trommeln seiner Wurzeln, das Zischen millionenfacher grüner Zungen, hörte die Käfer fressen, ein kleines Knacken, winziges Knistern, der Käfer kam näher, die Käferkiefer fragten: Wo bist du Biß du, als wollten sie mich fressen. Ich zog die Ohren ein. Fuhr sie im hohen Bogen durchs zischelnde Schilf ins Sausen der Pappeln, hier einen Kuckuck schnappend wie der Fisch die Mücke, dort ein Bienensummen, Hummelbrummen, Libellensirren. Das Tuscheln der Wellen, ihr aufgeregtes Schlagen, wenn ein Kahn sich näherte, den Rhein hinauf oder hinunter, beladen oder leer. Mit meinen ausgestreckten Ohren lauschte ich es den Wellen ab; ließ die Ohren ein Stück weit mit auf den Kähnen fahren; das Flattern der Wäsche im Wind, das Bellen des Hundes an Bord, das Klappern der Töpfe aus der Kombüse, helle Frauenstimmen, die rauhen der Männer, Kindergeschrei. Über allem aber das Stampfen der Maschinen, so daß ich die Ohren bald wieder zurückzog, sie hochfuhr, weit in den Himmel hinein, bis sie dort pendelten und an meiner Kopfhaut ruckten wie ein Luftballon in der Hand. Zwischen den Wolken schwangen sie oder standen einfach im Blau, kein schönerer Laut auf der Welt als die Sehnsuchtsstille des Himmelblaus, so süchtig machend nach einer Stille, die stillt, Sehnsucht stillt, daß ich die Ohren immer nur für Sekunden hoch oben lassen konnte, so sehr zerrten sie an meinem Kopf, als wollten sie ihn zu sich hinaufreißen. Langsam zog ich die Ohren dann wieder näher, durch Pappeln, Schilf und Gräser, bis ich tief in mir das Rauschen meines Blutes vernahm, den Herzschlag in meiner Brust. Der Großvater schnarchte.
Im Kindergarten hob Aniana, die Kinderschwester aus dem Orden der Armen Dienstmägde Christi, jeden Nachmittag ein großes, schweres Buch aus einer Kommode, setzte sich damit in ihren hohen Stuhl, rückte das Fußbänkchen zurecht und las vor. Es war einmal, und es war immer wieder anders. So, wie es der Großvater auch immer wieder anders wußte; von den Pappelsamen, die von ihrer Reise zurückkehrten; von den Wellen und ihren Meeresabenteuern; von Hexen und Zauberinnen in den Bergen und Tälern bei Bingen und Bacharach; vom Dom ze Kölle, Jan un Griet und den Heinzelmännchen, der schönen Loreley und dem wilden Wassermann.
Aber Großvater hatte seine Geschichten nur im Kopf. Aniana im Buch. So wie der Pastor ein Buch hatte am Altar. Eine Messe lesen hieß es ja auch. Ein Buch lesen. Ania-na konnte lesen. Die merkwürdigen schwarzen Kräuselzeichen in Wörter verwandeln, in Sätze und Geschichten. Das konnte der Großvater nicht. Er konnte viel erzählen. Aber nichts beweisen. Er hatte nichts schwarz auf weiß.
Ich stahl mich dem Großvater aus dem Arm, ließ ihn mit dem schlummernden Bruder bei der Weide zurück, strolchte am Ufer entlang und stocherte mit der Schuhspitze, unbekümmert um Kratzer und weiße Ränder, zwischen den Steinen. In der Ferne verschwand ein Kahn, ein paar Möwen lagen in der Nachmittagswärme schlafend auf dem Wasser.
Auch zu Hause gab es ein Buch, das Heiligenbuch. Es war fast so heilig wie das Kreuz, das der Großvater mit der Laubsäge aus Sperrholz geschnitten hatte. Das Kreuz mit dem düsteren, bleiernen Heilandskörper hing in einer Ecke der Küche. Das Heiligenbuch stand darunter, neben dem ewigen Licht, einem Öllämpchen, das freitags um drei, zur Sterbestunde Jesu, angezündet und am Sonntagabend wieder ausgedrückt wurde. Niemand rührte das Buch an.
Als ich gegen den Stein trat, zuckte es durch den Zeh das Schienbein hinauf: Er hatte eine tiefe Schramme in meinen Schuh geritzt. Der Stein gehörte zur Strafe in den Rhein. Ich holte aus. Aufgeschreckt durch die jähe Bewegung, stoben Möwen auf, etwas traf warm und weiß meine Hand, den Stein. Wenns vom Vogel am Himmel auf dich fällt, bringt das mehr Glück als jeder Schornsteinfeger! Ich starrte auf meine Hand, den Stein, Hand und Stein durch gräulichen Schleim miteinander verbunden. Tauchte den Stein in die Wellen. Durch sein unscheinbares, stumpfes Grau schlängelten sich feine weiße Linien, immer wieder unterbrochen, ineinander verschlungen, sich kreuzend: Der Stein war beschrieben! Beinah wie auf den Linien im Schreibheft der Cousinen, fast so gerade wie die Zeilen in Anianas Buch.
Ich glaubte an das Jesulein in der Krippe, an Jesus am Kreuz, an Jesus, auferstanden von den Toten, an die Müllerstochter, die Stroh zu Gold spinnen konnte, den Froschkönig, der sich in einen Prinzen, die Hexe, die sich in einen Drachen verwandeln konnte. Glaubte an Engel und Teufel wie an Onkel und Tanten. Der Stein war ein Wunder. Einer hatte diesen Stein in ein Buch verwandelt. Jedenfalls beinahe. Opa, lur ens, wat steht do?
Mit einem knarrenden Schnarchlaut fuhr der Großvater hoch. Schlaftrunken riß der Bruder die Augen auf und drehte sich zur Seite.
Opa, wat steht do? Ich hielt den Stein in der Linken, mein rechter Zeigefinger klopfte auf die Äderung.
Wat do steht? Der Großvater holte sein Brillenetui aus der inneren Rocktasche, setzte die Brille auf, wie er es sonntags zum Studium des Kolpingblattes tat, benetzte seinen Zeigefinger mit Spucke und fuhr die hellen Linien entlang, daß sie feucht aufglänzten aus dem matten Grau. Er bewegte den Kopf, die Augen von links nach rechts, und räusperte sich, wie der Pastor auf der Kanzel, bevor er das Evangelium las.
Tja, sagte der Großvater und sah mich an. Seine Augen schimmerten in einem Kreis feiner Fältchen grau und grün wie die Blätter der Weiden. Do has de dir wat janz Besonderes usjesöökt. Dat he es ene Boochsteen. Ein Buchstein.
Es gab einmal, erklärte der Großvater, einen Stein, der alles verwandelt. Er leuchtete im Dunkeln und im Hellen. Als er aber vom Himmel auf die Erde gefallen sei, vor vielen Millionen Jahren, gleich nachdem Gott Himmel und Erde erschaffen habe, seien tausend und aber tausend Steinchen abgesplittert und hätten sich über unsere Welt verstreut. Sie alle enthielten nun winzige Bruchteile dieses Himmelssteins. Dies seien die Buchsteine, de Boochsteen. Wer diese Splitter finde, sei selbst ein Licht und leuchte in der Welt. Sei gut und schön und ein Mensch, den alle lieben. Schon das kleinste Teilchen des Steins mache die Menschen selber gut und schön.
Un wer hät die beschrevve? fragte ich.
Großvater war, während er die Geschichte vom Himmelsstein erzählt hatte, von der Weide weg an den Rhein gegangen. Seine Augen hatten die Farbe des Stroms angenommen, grau und blau strahlten sie aus ihrem Faltenkranz.
Na, wat jlövs du dann?
Dä, dä leeve Jott? fragte ich stockend. Von ihm kam ja alles, was mir begegnete, mich umgab, und eine Zeitlang hatte ich gar nicht genug kriegen können, Mutter und Großmutter mit immer neuen Gegenständen an die Beine zu stippen und zu fragen: Die och? Sogar aufs Töpfchen kriegte man mich im Handumdrehen, als man mir versicherte, dat Pöttsche kütt vom leeve Jott, dä mät dat och so. Als ich begriffen hatte, was allmächtig hieß, hatte ich für kurze Zeit einen Verbündeten in ihm zu finden geglaubt. Aber er war wohl allmächtig immer da, wo ich gerade nicht war. In der Altstraße jedenfalls hatten Vater, Mutter und Großmutter den längeren Arm.
Ja, sagte der Großvater, dä och. Ävver nit nur dä alleen. All die Hellije und die Engelsche han em jeholpe. För Kenger han de Schutzengelsche jeschrievve.
Das beruhigte mich. Un wat steht do, Opa? drängte ich weiter.
Dat kannst du och ald läse. Du muß nur jenau lure.
Ich drehte den Stein nach allen Seiten und schüttelte enttäuscht den Kopf.
Na jut, der Großvater ließ sein Taschentuch knallen, setzte sich wieder und ruckte die Brille zurecht.
Bertram, rüttelte ich den Bruder, et jibt ne Jeschischte. Ihn schlafen zu lassen, hätte er mir nie verziehen.
Hier, der Großvater sah den Stein eine Weile an, steht die Jeschischte vom Pückelsche. Von einem kleinen Jungen, der einen Buckel hatte, aus dem sich, wann immer es not tat, Flügel entfalteten.
Jib mir dä Stein, Opa, sagte ich, als die Geschichte zu Ende war und wies den Bruder, der auch seine Hände ausstreckte, zurecht, du bes doch noch vell ze kleen. Du kannst doch noch ja nit läse. Loß mir dä Boochsteen. Hück Owend läs esch dir die Jeschischte vom Pückelsche vor.
Unsere Suche nach Buchsteinen wurde unermüdlich, fanatisch. Ich hielt mir die Steine so lange vor Augen, bis sie heraufstiegen aus den steinernen Zeichen, die schönen Frauen und Männer, Kinder und Tiere, Feld und Wald, Dörfer und Städte, Gutes und Böses, alles, was ich mir vorstellen konnte. Bisweilen wollte der Bruder wissen, ob auch etwas von unserer Pussi in den Steinen stünde oder vom Schneemann vor der Tür. Dann prüfte ich die Zeichen gewissenhaft, und es kam vor, daß sie wirklich ein paar Sätze über unsere Katze enthielten oder über den Schneemann, der, stand da geschrieben, sehr bald in der Sonne schmelzen würde. Der Bruder heulte. Ich blieb hart. Ich hatte es gelesen.
Spätestens wenn sich die Sonne ins Wasser schlich, machten wir uns auf den Heimweg, bliesen noch einmal unsere Schilfrohrflöten; aber das Fest war vorbei. Auf dem Damm ließ der Großvater seine Mundharmonika endgültig verschwinden. Unsere Pfeifen würde die Großmutter in den Ofen stecken. Wir zerbrachen sie überm Knie und warfen sie weg, in die Wiesen. Die Macht des Großvaters endete am Gartentor.

Im Anfang erschuf Gott Hölle, Teufel und Kinder, und er sah, daß es schlecht war. Meine Großmutter auch. Kinder kamen schlecht auf die Welt. Erwachsen werden hieß besser werden. Dafür sorgten die Erwachsenen, die alles besser wußten, besser konnten, besser machten, eben weil sie erwachsen waren. Kind sein hieß schuldig sein. Sündig sein. Der Reue, Buße, Strafe bedürftig, in Ausnahmefällen der Gnade. Gebote und Verbote kamen direkt von Gott. Gott aber war der, vor dem alle in die Knie gingen. Letzten Endes waren es also nicht die Erwachsenen, die alles besser wußten, sondern der liebe Gott, der durch ihren Mund sprach. Du bist däm Düvel us dä Kiep jesprunge, schrie die Großmutter und warf nach mir, was sie gerade in der Hand hatte, einen nassen Lappen, eine Kartoffel. Da half nur noch beten.
Sobald ich Mama sagen konnte, Wauwau, Bäbä und Hamham, brachte die Groß-mutter mir das Beten bei. Mit Geduld und Zucker. Marmeladenbrötchen. »Lieber Jott, mach misch fromm, dat isch in dä Himmel komm.« Ich liebte diesen Vers, plapperte ihn bei allen Gelegenheiten vor mich hin, die Großmutter hielt mich für auserwählt. Der schöne Überfluß des Reims, der melodische Rhythmus, zu dem die Großmutter ihren Kopf mit den roten Apfelbäckchen und dem Dutt im Nacken auf und ab bewegte, das alles war allein zur Ehre Gottes da, so wie die Blumen im Garten. Die kamen vom lieben Gott, und der Vater hatte ihm beim Pflanzen geholfen. Die Gebete machten die Menschen, doch auch dabei unterstützte sie der liebe Gott.

Gebete waren anstrengender als Blumen, die man einfach abreißen und in die Haare stecken konnte. Gebete mußte man lernen. Dann aber waren sie da. Immer da. Sie ließen sich in den Mund nehmen, man mußte sie nicht suchen, und sie verwelkten nicht. Jederzeit konnte man sie aus dem Kopf holen und sich vorsagen, mit und ohne Stimme. Lange glaubte ich, das Gelernte säße auf endlosen Regalen im Hinterkopf, ähnlich wie das Eingemachte im Keller. Mißtrauisch beobachtete ich im dreiteiligen Spiegel der Frisierkommode, ob sich mein Hinterkopf gehörig nach außen wölbte, um all das Schöne und Kluge speichern zu können, das ich wußte und noch wissen würde. Einmal in meinem Kopf, konnte es niemand wieder wegnehmen.
»Eene meene muh, und aus bist du«, brachte mir Cousine Hanni bei, bald nach den ersten frommen Zweizeilern. Es gefiel mir weit besser als diese, vor allem weil die Cousine mich bei jedem Du mit der Hand vor die Brust stupste oder auf ihrem Schoß nach hinten kippte: aus bist du. Das war eine klare Sache. Was dagegen sollte das heißen, in den Himmel kommen? Herr Tröster, der Nachbar, hieß es, war im Himmel. Dort wohnte der liebe Gott und das ewige Glück. Trotzdem wollte keiner hin. Sogar geweint hatten alle, als Herr Tröster in den Himmel gekommen war. Denn er war nicht nur im Himmel, er war auch tot. Weg. Ich wollte nicht in den Himmel. Lieber eene meene muh. Aber die Großmutter verbot den Vers, dä Düvelskrom, und faltete mir die Hände.
Wohin es mit mir einmal kommen würde, zeigten ja schon all die weißen Flecken auf meinen Fingernägeln. Jeder weiße Fleck bedeutete eine Todsünde. Bei Kindern unter sechs Jahren Todsünden in spe. Ach, du armes Kind, sagte die Frau vom Bäcker, nahm meine Hände in die ihren und zählte mitleidig bis sechsundzwanzig. Un dat in däm Alter, seufzte sie, wobei ihre Augen einen verschwommenen Ausdruck annahmen. Armes Kind, wiederholte sie und schenkte mir eine zerquetschte Mohnschnecke. Sechsundzwanzig Todsünden in spe. Die Hölle war mir sicher. Aber erst mal eine ganze Mohnschnecke.
Allein Gebete vermochten den Menschen von Grund auf zu bessern, nur sie konnten den lieben Gott erweichen, das Strafmaß zu verkürzen. Gebete waren bare Münze. Noch bevor ich in den Kindergarten kam, lernte ich das ›Gegrüßet seist du, Maria‹ und das ›Vater unser‹, jedenfalls ungefähr. Bis ins Jenseits wirken konnte man mit Gebeten. Trippschers Liesjen, erzählte die Mutter, hatte ausgerechnet, daß sie dreieinhalb Jahre lang jeden Tag einen schmerzensreichen Rosenkranz und fünf ›Vater unser‹ beten müsse, um ihrer Schwiegermutter, die ohne Beichte und letzte Ölung einem Schlaganfall erlegen war, aus dem Fegefeuer in den Himmel zu helfen. Ohne einen Pfennig. Mit Seelenmessen ging es zwar schneller, aber die kosteten und kamen daher nur in schweren Fällen zum Einsatz. Da die Schwiegermutter wohl nur mit läßlichen Sünden verblichen war, reichte beten. An den Schwiegervater hingegen verlor Liesjen nicht ein ›Gegrüßet seist du, Maria‹. Sie hatte den trinkfesten Raufbold nie leiden können und ließ ihn dort schmoren, wohin er schon zu seinen Lebzeiten hätte fahren sollen. Sparen konnte sie sich das Beten für ihren Josef selig, der bei Stalingrad verschollen war. Helden kamen direkt in den Himmel. Wie Heilige.

Vor ihrer Heirat war die Großmutter bei Bürgermeister Waldemar Vischer in Stellung gewesen. Seit dieser Zeit hatte sie unumstößliche Ansichten über ›Maniere‹, teilte die Welt ein in Minsche, die Maniere han, und solche, die ken Maniere han. Aus Vischers Haushalt tauchten manchmal Dinge bei uns auf, sonderbares und prächtiges Strandgut. Kürzlich hatte Friedel, die jüngste Tochter der Bürgermeisterfamilie, jetzt verheiratet mit einem Sparkassenangestellten, einen Gegenstand aufgestöbert, den sie Laterna magica nannte, was sie so lange wiederholte, bis Mutter und Großmutter, ich und der Bruder es nachsprechen konnten.
Am vierten Sonntag im Advent packte der Vater abends den Kasten aus, stellte ihn auf den großen Kochtopf und diesen auf den Beistelltisch im Wohnzimmer. Da stand dat Deng, wie der Vater es verächtlich nannte. Laterna majika, wies die Großmutter ihn zurecht. Der Bruder durfte die Adventskerzen ausblasen, der Vater machte die Kerze im Kasten an.
An der Wohnzimmertür erschien in Augenhöhe ein weißer Fleck, etwa doppelt so groß wie unsere halbrunden Kellerfenster. Ah, machten Mutter, Großmutter und ich. Der Bruder quietschte. Das Tannengrün duftete, und der Großvater stopfte eine Pfeife. Die Großmutter verteilte das erste Spritzgebackene.
Nu loß jöcke, sagte die Mutter mit einer Stimme, die verriet, daß eigentlich noch eine ganz andere Mutter in ihr steckte. Jung und fröhlich und neugierig.
Der Vater sagte nichts, aber er sah festlich und wichtig aus, wie er da in dem Pappkarton mit Glasscheiben hantierte, endlich eine herauszog und sie langsam von links in den Spalt des Kastens führte.
Oh, machten jetzt alle, sogar der Großvater paffte nicht mehr, um das Bild auf der Wohnzimmertür nicht zu vernebeln. Dort war im kreisrunden Licht ein Baum zu sehen mit Blättern, die herabhingen wie ein riesiger Pilz aus Schilf, und darunter ein Heidenkind mit Baströckchen und einem Blumenkranz um den Hals. Plötzlich. Einfach so. Auf unserer Wohnzimmertür. Und der Papa hatte das gekonnt. Er konnte aber noch viel mehr. Dem lustigen Heidenkind unter der Palleme, wie der Vater sagte, folgte ein Heidenjunge mit einer Muschel in beiden Händen und dem gleichen ausgelassenen Lachen auf dem Gesicht. Dahinter schimmerte es blau wie im August.
Heiden, sagte die Großmutter unbeeindruckt, mach wigger. Mach weiter. Su jät muß mer sich net anlure am hellije Advent. Aber der Vater ließ die Glasscheibe stehen, langte die Muschel vom Wohnzimmerschrank und legte sie mir in die Hand. Schon oft hatte ich um diese Herrlichkeit gebettelt, dieses weiß-bräunlich gekantete Schneckenhaus, dieses verschnörkelte Sahnehäubchen. Immer hatte der Vater gesagt: Dat mäs de nur kapott, und mir das Stück vor die Augen gehalten, kurz, aber lang genug, um mich vor Sehnsucht zum Weinen zu bringen. Nun hielt ich die Muschel in der Hand. Sie war schöner, als sie mir aus der Ferne je erschienen war. Ich hatte ja auch nie ihr Inneres gesehen, diesen rosasilbernen, blaumetallischen Glanz, nie diese schimmernde Glätte, diese seidige Kälte gefühlt. Was waren dagegen die Miesmuscheln vom Rhein!
Su, sagte der Vater und griff nach der Muschel. Ich preßte sie an die Brust. Mit ungewöhnlicher Sanftheit nahm er sie mir aus der Hand und hielt sie an mein Ohr. Su, sagte er wieder, hal se fass.
Ich umklammerte die Muschel mit beiden Händen.
Hürs de? fragte er. Dat is dat Meer. Etwas toste und schlug an den Strand, brauste in meinen Ohren tausendmal lauter als die Pappeln auf dem Damm, und die Pallemen auf der Wohnzimmertür rauschten wie der Wind im Schilf am Rhein, und ein großer Vogel ergriff mich mit seinen Krallen und trug mich weit übers tobende Meer, dahin, wo die Heidenkinder lachten.
Jitz es et ävver jut, protestierte die Großmutter.
Jo, lommer wigger mache, stimmte die Mutter zu.
Der Bruder griff nach der Muschel.
Doför bes de noch ze kleen, wehrte der Vater ab und setzte die Muschel wieder auf den Schrank.
Der nächste Kreis zeigte eine spitze Hütte, einen umgekippten Strauß, offenbar aus Blättern von diesen Pallemen. Daneben fünf, sechs höchst vergnügte Heiden.
Häs de nix angeres als Heide, murrte die Großmutter.
Die nächste Glasscheibe zeigte drei feine Damen in langen Kleidern und mit weißen Lockenhaaren. Perücke, sagte die Großmutter. Sie hatten hervorstehende Hintern, Höcker wie die Kamele auf den Sanellabildern. Lur ens, wat die für ene Popo han, kicherte ich.
Dat is vornehm, sagte die Großmutter hoch zufrieden, davon verstehs de nix.
Den Damen folgten seltsame bunte Vögel. Papajeien, sagte der Vater.
Dann kam ein Riegel mit Löwe, Tiger, Elefant.
Hoppe Reiter, hoppe Reiter, quietschte der Bruder und streckte die Ärmchen nach der Tür.
Wööd Zick, wird Zeit, dat mer schlofe jonn, sagte die Mutter.
Nur noch eent, bettelte ich, und der Vater schob noch eine Glasscheibe ein.
Mich sah er an. Mich wollte er fressen. Mich, den Düvelsbrode. Der Negerkopf, doppelt kellerfenstergroß, durch die Nase ein Knochen, die gefletschten Zähne spitz zugefeilt, Stirn und Wangen rot und ocker gestreift. Ich schrie. Verbarg den Kopf an der Schulter der Mutter. Schrie.

Do sühs de et, lachte die Großmutter schadenfroh, so sin de Heide us. Nä, schön es hä nit.
Ich schrie, strampelte mit den Beinen, den Kopf an die Schulter der Mutter gepreßt, die, mit dem einen Arm den Bruder haltend, mich mit dem anderen wegzustoßen suchte.
Wat häs de dann? Dat is doch blos de Dür, sagte sie unwirsch.
Der Bruder begann zu brüllen. Ich schrie. Konnte nicht aufhören. Ließ mich vom Stuhl plumpsen, schrie. Nur raus!
Du blievs hie. Mit einem Ruck setzte mich der Vater zurück auf den Stuhl. Ooje op, Augen auf, befahl er. Seine Hand packte meinen Nacken und drehte meinen Kopf zur Tür.
Ich hielt die Augen zugekniffen, zappelte. Lieber Jott, mach misch fromm, dat isch in dä Himmel komm, schrie ich, wollte weg, dahin, wo Herr Tröster war, wohin mir keiner folgen konnte, Lieber Gott, mach mich tot!
Ooje op, schrie der Vater und schüttelte mein Genick.
dat isch in dä Himmel komm, schrie ich. Schrie, bis mir die Luft wegblieb und die Stimmen der Erwachsenen aus meinen Ohren glitten. Ich hörte sie von ferne wie durch Meeresrauschen, Muschelrauschen. Do häs de et, do häs de et, dat kütt dovon, das war die Großmutter. Loß dat Kenk los, du breschs däm dat Jeneck, die Stimme der Mutter.
Hal de Muul, fuhr der Vater die Mutter an. Esch hal dat Blaach su lang fass, bes et de Ooje opmät. Dat wolle mer doch ens sin.
Die Stimmen wogten heran und hinweg, lieber Gott, mach mich fromm, mach mich tot, Himmel komm, Himmel komm. Tot. Die Wörter waren in mir, ich war die Wörter, die Wörter waren in meinem Kopf, ich war mein Kopf, sollten die da draußen mit meinem Körper machen, was sie wollten, ich war in Sicherheit, im Kopf, im Wort. Die Wörter waren mächtiger als der, der mich jetzt am Genick hochhob wie ein Karnickel, der mir den Rock hochhob und seine Hand auf meinen Hintern klatschte.
Du mäs jitz ding Ooje op, du mäs jitz ding Ooje op.
… dat isch in dä Himmel komm.
Josäff, loß dat Kenk los. Dat Jebrüll hürt mer jo bes op de Stroß. Wat sulle de Lück11 denke!

Die Mutter hielt meinen Körper bei den Füßen, der Vater im Genick. Mach mich tot, mach mich tot. Himmel komm, Himmel komm.

Rezension I Buchbestellung I home IV01 LYRIKwelt © DVA